Fünfzehn Minuten braucht sie zu Fuß, bis sie am Hafen steht und auf die sanfte See hinausblickt. In ihrem Rücken sirrt die Hitze Südfrankreichs, vor ihr döst das Blau des Mittelmeers. Beides hat die in Marseille lebende Sandrine Piau in ihrer Stimme aufgesogen, ihren Sopran kann sie nach Bedarf leuchten, brennen und baumeln lassen.

Für ihre jüngste Platte hat sie alles hinreißend sortiert: In Arien von Georg Friedrich Händel ist die französische Sopranistin die ideale Dolmetscherin des Jubilars, dessen 250. Todestag gerade überall gedacht wird. Sie liest, was Händel sagt. Sie spürt, was er meint. Sie übersetzt ihn in Klang und legt ihr Herz in die Musik. Mit dieser wundervollen CD wird Händel zur Speisung für alle – für Kenner, Bedürftige, Snobs, Neulinge, Rohlinge, Trauerklöße. Wenn Sandrine Piau Händel aus der Vitrine holt und ihm Leben einbläst, macht er jeden vergnügt.

Natürlich ist der Künstlerin das Jubilieren im Händel-Jahr fast zu viel. Deshalb singt sie bei den Sommerfestivals lieber das Fauré-Requiem (in Verbier) und Haydns Stabat Mater (bei den Salzburger Festspielen). »Händel war kein Revolutionär«, sagt sie, »und seine Opern mit ihren verworrenen Storys sind schwierig zu kapieren.« Doch kaum einer habe so verführerisch für die Stimme geschrieben wie der Hallenser in London. Darin sei er etwa Vivaldi turmhoch überlegen gewesen, »völlig sicher war der nur bei der Geige, nicht bei Stimmen«. Außerdem sei Händel gewissermaßen sexy: »Jeder Sänger bleibt bei ihm in Form, weil seine Arien reiner Sport sind.«

Unter den Vestalinnen im Soprantempel ist Sandrine Piau eine der leisesten. Wir begegneten ihr schon auf den großen Bühnen der Welt und bei allen wichtigen Festspielen, begleitet von Dirigenten aus der ersten Riege der Barockfexe: Jacobs, Christie, Herreweghe, Rousset, Minkowski, Leonhardt. Aber immer war da wenig Wind und noch weniger Show um sie. Wer ihre Diskografie liest, ist überrascht, wie viele Platten er von ihr im Regal stehen hat. Immer wirkte ihre makellose Stimme wie die beste Freundin – selbstverständlich anwesend. Hört man in diese Stimme aber hinein wie in einen Tunnel, in dem man nach einem Echo forscht, wirkt das Timbre in ihrer artifiziellen Unschuld fast schon mysteriös. Zu der Magie, die Piau unwillentlich verströmt, zählt die Unklarheit, wie alt dieser Sopran sein mag. Hier klingt sie wie ein Backfisch, der unter den ersten Küssen bebt, dort hat sie eine frauliche Reife, die alles erlebt hat und mit edlem Vibrato zurücklächelt. Hier kann sie kichern, da schäkern, dort orakeln, und am liebsten hat sie menschliche Entwicklungen, die in zwei Stunden Oper Kapriolen schlagen oder streng geprüft werden. Ihre Lieblingspartie ist immer noch Pamina in Mozarts Zauberflöte.

Dies Bildnis, das Sandrine Piau, am 5. Juni 1965 in Issy-les-Moulineaux im Südwesten von Paris geboren, beim Betrachter hinterlässt, ist in jedem Fall bezaubernd, kurze Haare, etwas bübisch, fast androgyn. Doch wenn sie den Mund aufmacht, herrscht kein Zweifel: eine Frau mit gewisser Erfahrung. Sie war schon Debussys schwer schätzbare Mélisande, Verdis verspielte Nanetta, Mozarts astrale Konstanze. Sie träumt von der Donna Anna in Don Giovanni – und von Lulu. Doch für diese Partie bräuchte sie Mut zum Risiko. Piau ist aber eine hochbewusste Zweiflerin, vor Alban Bergs emphatischer Sphinx erschrickt sie fast, wenn sie nur darüber redet.

Andere ersehnte Partien sind ihrer Karriere einstweilen kurios verwehrt geblieben. Drei Mal war sie als Sophie in Strauss’ Rosenkavalier schon gebucht, drei Mal musste das Engagement wegen lokaler Widrigkeiten kurzfristig storniert werden. Wieder kichert sie, wenn sie nur daran denkt, und in tadellosem Deutsch – ihr Gatte ist Schweizer aus Zürich – berichtet sie von den Gründen. Wenn ihr etwas nicht weiter erwähnenswert erscheint, sagt sie am Satzende immer: »Blablabla«. Das ist dann kein Schwänzchen der Verachtung, sondern Ausdruck von Überdruss, nichtige Geschichten zu Ende zu erzählen. Sie lässt die Dinge gern im Raum stehen. Sollen sich andere ihren Reim machen.