Autoindustrie Russlands Rüsselsheim

Nischnij-Nowgorod ist die Heimat des angeschlagenen russischen Autoherstellers GAZ. Die Rettung, so hoffen viele, heißt Opel

Solche Autos baut Gaz: Ein Gaz Siber, der auf dem Chrysler Sebring JR41 basiert

Solche Autos baut Gaz: Ein Gaz Siber, der auf dem Chrysler Sebring JR41 basiert

Hinter der gelben Ziegelmauer mit der Stacheldrahtkrone liegt ein Gelände so groß, dass es einer Kleinstadt Platz böte. Doch was hinter der Mauer im russischen Nischnij-Nowgorod liegt, ist das Gorkij-Autowerk (GAZ). Der Zutritt ist heute streng verboten, das Banner am Haupttor der Fabrik liest sich wie eine sozialistische Losung von einst: »Unsere Perspektive – ein neues Produkt«. Das neue Produkt, ja die Rettung, denken hier viele, wird aus Deutschland kommen. Aus Rüsselsheim.

Für das ehemalige Staatswerk GAZ, das heute der russische Oligarch Oleg Deripaska kontrolliert, geht es ums Überleben. Erhält das Konsortium des österreichisch-kanadischen Zulieferers Magna und der Moskauer Sberbank den Zuschlag, sollen, so die Hoffnung, jenseits der gelben Mauer schon bald Hunderttausende Opel vom Band rollen. Ein Blick hinter diese Mauern, ein Besuch der Produktion sei gerade aber keinesfalls möglich, sagt die Dame von der Pressestelle, erst dann wieder, wenn das Opelgeschäft offiziell verkündet worden sei. Dann fragt sie noch nervös: »Mit wem werden Sie denn sonst so in Nischnij-Nowgorod sprechen?«

Anzeige

GAZ gibt sich verschlossen, auch weil die Hiobsbotschaften zuletzt kein Ende nehmen wollten. Das Unternehmen hat knapp 900 Millionen Euro Schulden. Die Bänder stehen an mehreren Tagen der Woche still. Die Liste der Gerichtsverfahren von Gläubigern gegen GAZ ist lang, und die Urteilssummen belaufen sich auf Millionen von Euro. Zuletzt wurde die Schließung einiger der 18 Tochterfirmen angekündigt. Die meisten GAZ-Mitarbeiter sind wortkarg, sie haben Angst um ihre Arbeit. Seit dem vergangenen Herbst sind bereits mehr als 10.000 von gut 40.000 Stellen gestrichen worden. Nun soll es 6500 weitere Entlassungen geben. Der interne Druck ist groß. Vor sechs Monaten erhängte sich der Personalchef. »Wer ihn kannte«, erzählt ein früherer GAZ-Manager, der wie viele andere ungenannt bleiben möchte, »glaubt, dass er die Entlassungen nicht mehr ertragen konnte.«

Der Nervenkrieg um die Verkaufsverhandlungen von Opel schlägt sich hier in Gerüchten und düsteren Prophezeiungen nieder; spätestens seitdem bekannt ist, dass in den Verkaufsverhandlungen für Opel auch Alternativangebote des Finanzinvestors Ripplewood und des chinesischen Autoherstellers BAIC ernsthaft geprüft werden. »Opel hat uns fallen gelassen«, klagt ein GAZ-Manager, »und die Staatsgelder helfen uns auch nicht.« Dann bittet er, das Gespräch zu beenden, da er unterschreiben musste, über alle Werksangelegenheiten zu schweigen. »Sonst werde ich morgen erschossen«, sagt er noch und lacht ganz unlustig.

Im Autosalon stockt der Verkauf, das Benzin für eine Testfahrt fehlt

Nur frühere Mitarbeiter reden gern. Alexander Zapin sagt gleich zur Begrüßung, er könne 24 Stunden lang von GAZ erzählen. So sehr hängt sein Herz an dem Autowerk, in dem er von 1962 bis 2001 gearbeitet hat. Heute sitzt er als Gebietsminister des Inneren im Kreml von Nischnij-Nowgorod und sieht mit seinen grauen Haaren wie ein russischer Günther Beckstein aus. »Ich war Arbeiter, Meister, Chef der Gießerei und Personaldirektor«, zählt er die Stationen seines GAZ-Lebens auf. Er pflegt die Nostalgie der Werksfamilie unter Kollegen, die sich nach der »kollektiven Arbeit für ein gemeinsames Ziel« noch auf der Datscha trafen. »Patriotismus, Mut und Energie« sind die Tugenden, die er an einem früheren Direktor lobt. »Unsere Konstrukteursschule war stark«, sagt Zapin und erinnert an einen technischen Triumph aus dem Jahr 1946: »Das Modell Pobeda wurde als erstes Auto ohne aufgesetzte Kotflügel und Trittbretter gebaut.«

Drei Wolgas »direkt vom Fließband« fuhr Zapin früher. »Aber vor einem Jahr hat meine Ehefrau ihren Führerschein gemacht. Damit das Fahren leichter wird, brauchten wir eine Automatikschaltung.« Zapin fährt heute Suzuki.

Leser-Kommentare
  1. Wenn es zu diesem Geschäft kommt, sollte es nicht notwendig sein, Oleg Deripaska allzu viel Geld hinterher zu werfen - sein Vermögen wird auf 4,9 Milliarden Dollar geschätzt (http://de.wikipedia.org/w... , wahrscheinlich vor der Finanzkrise; er scheint für einen russischen Oligarchen aber in Ordnung zu sein) da kann er durchaus auch selber etwas in GAZ investieren, das Geld muss, nein, darf nicht von Opel kommen.

  2. Die russische Autindustrie ist vollkommen veraltet, daran wird auch ein Kauf von Opel in absehbarer Zeit nicht viel ändern.

    Meine Freundinn hat eine Bachelorearbeit über das Thema geschrieben, daher kann ich kurz die wichtigsten Punkte nennen:

    Es fehlen auf dem russischen Markt Tier 1, Tier 2, Tier 3 Zulieferer - die gesamte Zuliefererbranche ist in ihrer Struktur veraltet und selbst mit westlicher Hilfe attestiert z.B. Magna nur einem Bruchteil die Chance überhaupt in absehbarer Zeit für eine Automobilindustrie verwertbare Standarts zu erreichen.

    Auch die Logisitk ist eine Katastrophe - moderne Zuliefererstrukturen sind fast nur möglich wenn die Zulieferer alle in einem nahen Technologiepark angesiedelt sind.

    Die russischen OEMs (Autobauer) unterscheiden sich von internationalen Firmen durch ihre Fertigungstiefe - während international die Zulieferer eine große WErtschöpfung am Auto übernehmen (teilweise bis zu 80%) sind die russischen Autobauer noch integrierte Konzerne nach dem Vorbild von Ford.

    D.h. nahezu sämtliche Teile werden in einem großen Betrieb gefertigt - mit großen Problemen beim Qualitätsmanagement und in der Innovation.

    Global betrachtet sind indische und chinesische Autmobilzulieferer technologisch den russischen überlegen. Der einzige Grund wieso überhaupt noch in Russland produziert wird sind die hohen Zölle auf Fahrzeugimporte. Daher werden die Bausätze aus aller Welt importiert und dann in Russland zusammengeschraubt. Bisher haben sich nur einige westliche Zulieferfirmen angesiedelt. In der Regel stellen Sie große, sperrige Teile her, wie z.B. Autositze.

    Dennoch beklagen sich alle Firmen über massive Probleme mit dem Zoll, mit der Logistik (teilweise verschwinden ganze LKWs oder es werden neue Autos von Zügen gestohlen) mit der PErsonalbeschaffung (stichwort qualifiziertes Personal mit Englischkenntnissen.) usw. usf.

    Es wird m.A. nach der russischen Automobilindustrie nicht möglich sein westliche Standarts in absehbarer Zeit zu erreichen. Dafür ist die gesamte Wirtschaftsstruktur einfach zu problemtisch. Selbst wenn GAZ mit Magna und Opel kooperieren sollte werden weiterhin hohe Subventionen und Schutzzölle notwendig sein um diesen Dinosaurier (wie alle russ. Automobilbauer) am Leben zu erhalten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service