1. Wasser – was ist das Problem?

Wenn der Bundesbürger D. aufgestanden ist, ausgiebig geduscht und sich zum Frühstück eine Tasse Kaffee gekocht hat, dann hat er, ökologisch gesehen, womöglich bereits etwas falsch gemacht. Frage: Was?

Kleiner Hinweis: Es hat mit seinem Wasserverbrauch zu tun.

Die Dusche ist nicht das Problem, selbst wenn D. sich zwanzig Liter Wasser über den Kopf hat rieseln lassen. Allenfalls der Energieverbrauch für das Erwärmen des Duschwassers wäre da zu bemängeln.

Nein, es ist der Kaffee, der die Ökobilanz dieses Morgens ruiniert: 125 Milliliter Flüssigkeit – zu deren Herstellung aber 140 Liter Wasser verbraucht wurden. Nicht in Deutschland, wo Wasser in guter Qualität so reichlich zur Verfügung steht, dass D. auch gern noch etwas länger hätte duschen können. Kaffee ist ein Importprodukt; zum Teil kommt er aus Ländern in Südostasien und Afrika , die beträchtlichen Wassermangel leiden – auch darum, weil sie ihr knappes Wasser zur Bewässerung von Kaffeeplantagen verwenden. Diesen Mangel hat D. soeben verschärft.

2. Stehlen wir den Armen das Wasser?

1300 Liter Wasser für ein Kilo Weizen, 2700 Liter für ein Baumwoll-T-Shirt, 5000 Liter für ein Steak – solche Zahlen legen den Verdacht nahe, die Bewohner reicher Länder raubten den Armen der Welt das Wasser. Im Detail sind solche Angaben natürlich angreifbar, weil die Art des Ackerbaus und der Viehzucht sich von Region zu Region unterscheiden. Unzweifelhaft aber wird zur Herstellung vieler ganz alltäglicher Produkte viel Wasser verbraucht. »Virtuelles Wasser«, so nennt der Umweltforscher John Anthony Allan, der Erfinder des Konzepts, dieses in Lebensmitteln und anderen Waren verborgene Wasser (siehe Interview rechts).

Nicht alle trockenen Länder exportieren virtuelles Wasser, einige aber tun es. Australien beispielsweise, dessen Inland zu den trockensten Regionen der Welt zählt, führt in großem Umfang Obst, Wein und Fleisch aus – mit Blick auf den Wasserhaushalt des Landes ein deutlicher Hinweis auf einen regionalen Missstand. Sogar Syrien exportiert Weizen. Dieses Problem betrifft allerdings nicht nur unter- und wenig entwickelte Länder. Orangen aus Israel und Tomaten aus Spanien sind nicht weniger problematisch.

Aber verschärft der Lebensstil der Deutschen nun das Problem? Das lässt sich kaum bestreiten. Deutschland, das selbst weit davon entfernt ist, jemals Wassernot zu leiden, gehört dennoch weltweit zu den zehn größten Importeuren virtuellen Wassers, was nach Angaben der in Wasserfragen zuständigen UN-Organisation Unesco vor allem am Import wasserintensiver Agrarprodukte wie Kaffee, Tee und Kakao liegt.

3. Duschen ohne Ende – kein Problem?

Erinnert sich noch jemand an den Ziegelstein im Spülkasten? Das war ein Wasserspartipp aus den siebziger Jahren, der ökologisch bewussten Zeitgenossen beim Wassersparen helfen sollte. Inzwischen hat die Spartaste den Ziegelstein ersetzt, moderne Geschirrspüler brauchen halb so viel Wasser wie Geräte aus den achtziger Jahren. Und Perfektionisten waschen ihre Kleidung mit Regenwasser oder bereiten ihr Dusch- und Abwaschwasser in privaten Minikläranlagen zu Brauchwasser auf, mit dem sie ihre Blumen gießen und das Auto putzen.

In Deutschland, wo das Leitungswasser teurer ist als überall sonst, kann solche Sparsamkeit sich auszahlen. Mit den globalen Wasserproblemen aber hat das nichts zu tun. Mitteleuropa gehört zu den humiden Gebieten der Erde, in denen der regelmäßige Regen die Talsperren und Grundwasserreservoirs immer wieder auffüllt. Allenfalls am Rand einer Großstadt kann es geschehen, dass ein sinkender Grundwasserspiegel die Pflanzen in Mitleidenschaft zieht und das Bild der Landschaft verändert. In den Dürreregionen der Welt dagegen könnten die Menschen ihren trockengefallenen Brunnen und den durch Fäkalien verseuchten Flüssen selbst dann keinen zusätzlichen Tropfen Trinkwasser entnehmen, wenn es den Europäern gelänge, ihren Wasserverbrauch zu halbieren.

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In manchen Städten Deutschlands hat die Leidenschaft fürs Wassersparen inzwischen Folgen, die alle weiteren Bemühungen ad absurdum führen: Die Fließgeschwindigkeit in den für höhere Verbräuche ausgelegten Leitungsnetzen hat sich so weit verringert, dass auf dem Weg vom Wasserwerk zum Wasserhahn im Trinkwasser Keime wachsen. Wo das geschieht, sind die Wasserwerke gezwungen, die Rohre mit Trinkwasser zu spülen.

4. Gibt es eine globale Wasserkrise?

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Spanien streitet um das Wasser des Ebro, Argentinien droht eine Missernte, Palästinenser im Westjordanland beklagen das Versiegen ihrer Brunnen, amerikanische Wissenschaftler sagen eine wachsende Zahl von Nierensteinerkrankungen im heißen und trockenen Südosten der USA voraus, und in Kalifornien beklagt Gouverneur Schwarzenegger, dass sich die Waldbrandsaison inzwischen über das ganze Jahr erstrecke. Längst kommen Nachrichten über Wassermangel nicht mehr nur aus Gegenden wie der südlich der Sahara gelegenen Sahelzone.

Gibt es also eine globale Wasserkrise?

Wer das Ausmaß des weltweiten Wassermangels zur Kenntnis nimmt, der wird das kaum bestreiten. Die Zahlen sprengen das Vorstellungsvermögen. 1,2 Milliarden Menschen ohne sichere Trinkwasserversorgung. 2,6 Milliarden Menschen, deren Abwässer nicht geklärt wird. 5000 Kinder, an jedem einzelnen Tag, die infolge von Wassermangel an Diarrhö und anderen Krankheiten elend sterben.

Dennoch könnte man einwenden, es gebe nicht eine große Wasserkrise, sondern viele kleine. Auch wenn die Israelis den Palästinensern das Wasser abgraben, hat das doch nichts mit der Austrocknung des Aralsees zu tun. Las Vegas mag zu viel Wasser verbrauchen, aber nicht darum entsteht in Spanien die erste Wüste Europas . Und wenn im trockenen Indianerland in Arizona ein Kohlekonzern das Grundwasser abpumpt, um zermahlene Kohle damit als Schlamm durch Röhren zu pumpen, dann verschärft das die Not der Indianer, aber schadet im Übrigen niemandem.

Zwei Phänomene aber gibt es, die aus den vielen kleinen Wassernöten der Welt eine große Krise machen: den Klimawandel – und den Handel mit virtuellem Wasser zulasten ohnehin schon trockener Regionen. Dem natürlichen Stoffwechsel der Erde, der fortwährend Wasser als Luftfeuchtigkeit aus den äquatornahen Weltmeeren in die höheren und niedrigeren Breiten befördert, haben die Menschen ein zweites System globaler Wasserströme hinzugefügt: den Handel mit wasserintensiven Produkten. Nun werden sie dieses virtuelle Kanalsystem einsetzen müssen, um den Schaden zu verringern, den sie dem natürlichen Wasserhaushalt der Erde zugefügt haben.

5. Wird es Krieg ums Wasser geben?

Der Vietnamkrieg hat die Arbeit des Mekong-Komitees so wenig unterbrochen wie der Krieg zwischen Israel und Jordanien die geheimen »Picknicktisch-Gespäche« über die Nutzung des Jordanwassers verhinderte. Die Indus-Kommission stellte auch während zweier Kriege zwischen Indien und Pakistan ihre Arbeit nicht ein. Flüsse mögen Länder trennen, doch selbst im Krieg verbinden sie die verfeindeten Völker.