Völkerrecht Die neue Weltordnung
»Von der Freiheit der Meere«: Vor 400 Jahren erschien die berühmte Schrift des Hugo Grotius, erster Baustein seines Werkes, mit dem er das Völkerrecht begründete. Ein Porträt des niederländischen Diplomaten und Gelehrten
© Michiel Jansz van Mierevelt; Quelle: Wikipedia

Hugo Grotius, gemalt 1631
Ein Sohn aus gutem Hause. Sein Vater war Patrizier in Delft, später Bürgermeister der Stadt, ein hochgebildeter Mann und einer der Kuratoren der neuen Universität Leiden. Sie war gegründet worden am Anfang des Freiheitskampfes der Niederlande gegen die Spanier. 1568 begann er, dauerte 80 Jahre und wurde erst beendet mit der allgemeinen völkerrechtlichen Anerkennung des neuen Staats im Westfälischen Frieden zu Münster und Osnabrück, mit dem auch der Dreißigjährige Krieg in Deutschland endlich vorüber war.
Das 17. Jahrhundert wurde für die Niederlande zu ihrer großen Zeit. Sie waren führend in der Landwirtschaft, hatten sich einen beachtlichen Kolonialbesitz erworben und verfügten über eine Flotte, größer als die englische. Es ist auch das Goldene Jahrhundert ihrer Wissenschaft, ihrer Kunst. Selten nur in der Geschichte hat die Menschheit in so kurzer Zeit auf so begrenztem Raum so viele Genies der Malerei hervorgebracht wie damals: Rembrandt und Lievens, Frans Hals und Vermeer, Willem Kalf, van Goyen, Terborch und Fabritius, Jan Steen, Gerard Dou, die Ruysdaels und viele mehr.
Zu den großen Niederländern der Zeit gehört auch jener Sohn aus gutem Delfter Hause, Huigh de Groot, der sich bald lateinisch Hugo Grotius nannte, 1583 geboren. Auch er ist weltberühmt geworden. Ein Jurist, den man noch heute Vater des modernen Völkerrechts nennt und den Begründer des klassischen Naturrechts. 1609, vor 400 Jahren, veröffentlichte er das Werk, dessen Titel fast noch bekannter wurde als der Name seines Autors: Mare Liberum – Von der Freiheit der Meere. Ein Werklein in lateinischer Sprache, gerade mal 36 Seiten, mit dem er den Anspruch der Spanier und Portugiesen auf ein Monopol im Kolonialhandel zurückweist und das Recht des jungen niederländischen Staates auf freie Schifffahrt und freien Handel verteidigt. Das Meer gehöre niemand, jeder könne es befahren und nutzen. Die Schrift, ursprünglich im Auftrag niederländischer Handelsherren entstanden, zeigt schon beim jungen Grotius die große Begabung, juristische Konstruktionen in den Dienst einer politisch wirksamen Rechtsüberzeugung zu stellen. Mare Liberum erschien anonym und wurde heftig diskutiert, der Papst stellte es sofort auf den Index. Grotius aber arbeitete weiter an seinen Ideen und entfaltete sie schließlich 1625 in seinem großen Buch De Iure Belli ac Pacis (Über das Recht des Krieges und des Friedens), das Grundlage der Völkerrechtsordnung werden und bleiben sollte – bis heute.
Begonnen hatte Grotius seine wissenschaftliche Laufbahn ungewöhnlich früh. Der Wunderknabe ist elf Jahre alt, als sein Vater ihn auf die Universität Leiden schickt. Der damals berühmte Altphilologe Joseph Scaliger erkennt sofort seine große Begabung. Grotius’ früher Ruhm erreicht auch Johan van Oldenbarnevelt. Der ist höchster Beamter der Ständeversammlung der wichtigsten Provinz Holland und hat den größten Einfluss im Lande – neben der Generalversammlung der sieben Provinzen, den Generalstaaten, und dem Statthalter von Holland und Zeeland, Prinz Moritz von Oranien. Der junge Grotius kann nämlich nicht nur gewandt schreiben, sondern auch reden, und zwar brillant, lateinisch, griechisch, hebräisch, französisch, deutsch.
Deshalb nimmt Oldenbarnevelt den 15-Jährigen mit auf eine Gesandtschaft der Niederländer zum französischen König Heinrich IV. in Angers. Man will den hugenottischen König, der allein für den Thron seinen protestantischen Glauben geopfert hat (»Paris ist eine Messe wert«), auf die niederländische Seite bringen in den immer noch andauernden Auseinandersetzungen mit den Spaniern. Grotius hält eine flammende Rede und argumentiert juristisch, schließlich hat er in Leiden auch das Recht studiert. Heinrich reagiert nicht wie gewünscht, dennoch ist er von Grotius begeistert. »Voilà le miracle de Hollande!«, ruft der König und übergibt dem jungen Gelehrten auf dem gemeinsamen Rückweg nach Paris in der Universität von Orléans die Urkunde eines Doktors der Rechte. Das war 1598.
Grotius’ politische Karriere endet vorerst im Kerker
Das junge Wunder schreibt und schreibt und schreibt. Juristisches, Philosophisches, Theologisches. Ein Buch nach dem anderen. Hugo Grotius ist sehr fromm und mit seinem phänomenalen Verstand und Gedächtnis auch ein großer Theologe. Im Auftrag Oldenbarnevelts wird er zudem zum Historiker der Niederlande. Und er verfasst Gedichte, lateinische und holländische, Dramen und natürlich ohne Ende Briefe, die erst in den vergangenen Jahren vollständig erschlossen worden sind. Ein Jahr nach der Gesandtschaft zum französischen König gehorcht er seinem Vater und wird Rechtsanwalt in Den Haag, mit großem Erfolg, großem Ruhm und großen Aufträgen, zum Beispiel von der 1602 gegründeten VOC, der Vereenigden Oostindischen Compagnie, auf deren Wunsch auch Mare Liberum zurückgeht.
Oldenbarnevelt macht ihn 1607 zum »Staatsanwalt« am Gerichtshof von Amsterdam. Das ist nicht nur eine strafrechtliche Aufgabe, die ihn unter anderem verpflichtet, dabei zu sein, wenn Angeklagte gefoltert werden. Er hat auch darauf zu achten, dass Eigentumsrechte der Provinz nicht verletzt werden. Nach dieser ersten festen Anstellung heiratet er Maria van Reigersberch, Tochter des Bürgermeisters von Veere. Über Frau de Groot schreibt 1952 einer der Biografen ihres Mannes, der frühere Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag Willem van Eysinga: »Maria war keine Schönheit, jedoch nicht mittellos. Aus einem Brief de Groots von 1608 könnte man schließen, daß die zweite Eigenschaft ihm das Fehlen der ersten einigermaßen aufgewogen hat.«
- Datum 23.07.2009 - 20:52 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 23.07.2009 Nr. 31
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







und sich so in den Dienst der Interessen der Mächtigen zu stellen ist immer noch gefragt.
Die Niederländische Ostindien-Kompanie, für die Grotius arbeitete, war der erste multinationale Konzern und erhielt vom niederländischen Staat Hoheitsrechte (Kriegsführung, Festungsbau, Landerwerb) und Handelsmonopole.
Schon den Grundgedanken seines "Mare Liberum" darf ich infrage stellen, nämlich, daß zur Freiheit der Meere auch die freie Verfügbarkeit und damit Ausbeutung gehört, die unsere Ozeane zur Müllkippe und Ort des Massensterbens haben verkommen lassen.
Heute wird die Welt von vielleicht 200 Multis beherrscht, die gegenwärtig in einer globalen Rechtsordnung ihre Monopole und Privilegien festschreiben lassen. In wessen Interesse?
Vielleicht besteht das Leben ja aus mehr als Verträgen?
Mir erscheint der Kantsche Ansatz weiterführender; die moralische Aufforderung an Alle, so zu handeln, daß es auch der Allgemeinheit gerecht werde.
_______________________________________________________
Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]
Weiterführende Schriften über und von Hugo Grotius: bei Google Books
ps: Latein Kenntnisse sind bei historischen Büchern hilfreich.
Von Uwe Wesel habe ich "Geschichte des Rechts" und "Alles was Recht ist" gelesen, nein, verschlungen. Ihn in der Zeit zu lesen ist, finde ich, sehr zu begruessen. Bitte mehr von ihm!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren