Die Morgensonne tastet sich vorsichtig durch die hohen Fenster an der Westseite des Reichstagsgebäudes. Da ihr kein Mensch im Saal gebührende Beachtung schenkt, spielt sie mit dem aufgewirbelten Feinstaub. Aus dem flirrenden Dunst tauchen dabei Gestalten auf und bekommen sichtbare Konturen. Da vorn im Licht zum Beispiel tänzelt einer, der aussieht wie Dieter Bohlen, hält Hof und grinst selbstgefällig in die auf ihn gerichteten Kameras.

Ist er es tatsächlich?
Er ist es tatsächlich.

Man hätte ihn, obwohl die Sonne blendete, an seinen Manieren erkennen können, an den für ihn typischen Handbewegungen zum Beispiel. Ab und zu fasst er sich prüfend in den Schritt und nickt dann zufrieden. Daran hängt er, denn davon hängt bei ihm viel ab. Es sind nicht nur gewöhnungsbedürftige Manieren, die der Superstar-Scharfrichter selbstverständlich zur Schau stellt, denn schlechtes Benehmen gehört gerade hier und heute selbstverständlich zum guten Ton. Das haben zur Abwechslung mal nicht die Fans bei ihren Stars, sondern die bei ihnen abgekupfert.

Dass, unbemerkt von Fotografen und Fernsehteams, mittlerweile Bernd Neumann, amtierender Staatsminister für Kultur und Medien, in der Mitte des halbrunden Podiums an der Südseite des Saales Platz genommen hat, dass links und rechts von ihm einige verstört wirkende Damen und Herren, alle hochgeschlossen mit Bluse oder Krawatte, auf ihren Stühlen herumrutschen, fällt nur dem Moderator von 3sat auf, einem Grimme-Preisträger. Gert Scobel räuspert sich, zupft an seinem Jackett und spricht nach einem abfälligen Blick auf Bohlen und all die anderen, die gekommen sind, in die Kamera:

"Ich begrüße Sie, meine verehrten Zuschauer, zu dieser frühen Stunde des jungen Tages bei einem Ereignis, das einmalig ist in der Geschichte des Parlaments. Ein Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages beginnt in wenigen Minuten mit der Anhörung von geladenen Zeugen und Gutachtern. In den kommenden Tagen soll untersucht werden, warum jahrelang versäumt wurde, rechtzeitig etwas gegen die Verblödung der Deutschen zu unternehmen, und wer für diesen Skandal und dessen Vertuschung verantwortlich ist: Politiker der rot-grünen oder die der jetzigen Regierung? Nach einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, basierend auf einer Repräsentativumfrage unter allen Deutschen ab vierzehn Jahren, ist die allgemeine Verblödung inzwischen so angewachsen, dass sie die Demokratie gefährden könnte. Ein erschreckendes Ergebnis, das über alle Parteigrenzen hinweg eine Zweidrittelmehrheit der Parlamentarier bewogen hat, diesen Ausschuss einzuberufen, um die Schuldfrage zu klären. Wir werden in Abänderung unseres Programms die Beweisaufnahme live übertragen und..."

Die Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung drängen daraufhin alle Fotografen aus dem Raum und schließen hinter ihnen die Türen. Drei Kamerateams dürfen im Saal bleiben. Die von 3sat, die von Phoenix, aber erstaunlicherweise auch die von RTL, obwohl der Kölner Sender noch nie, weder als Aufzeichnung noch gar live, von einer Debatte berichtet hat, in der es um Kultur statt um die beim Sender angelegten Kulturen ging.

Die Begründung für diese Kulturrevolution, einen in der Tat revolutionären Vorgang, einen geradezu sensationellen Bruch mit der Tradition des Marktführers, den Blöden zu garantieren, dass sie bei ihm stets eine warme Herberge finden, gibt RTL-Chefin Anke Schäferkordt, die nervös darauf wartet, in den Zeugenstand gerufen zu werden: So viele Superstars, auch die von der Konkurrenz, bekomme sie so günstig für umme nie wieder in ihr Programm.

Neumann verweist noch einmal auf den Paragrafen 44 des Grundgesetzes, wonach der Bundestag das verbriefte Recht hat, und auf Antrag "eines Viertels seiner Mitglieder sogar die Pflicht, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, der in öffentlicher Verhandlung die erforderlichen Beweise zu einem bestimmten Problem erhebt". In dem Fall heute gehe es um die Frage, ob die Deutschen, verursacht durch bestimmte Fernsehformate, aber auch durch bestimmte Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, heute dümmer seien als Deutsche zu früheren Zeiten und ob das die Demokratie gefährde.

Aus einem in der Decke verborgenen Lautsprecher ertönt eine Stimme: "Pardon, Herr Minister, können wir bitte das Ganze noch einmal haben, wir hatten eine kleine technische Störung. Danke." Neumann nickt ergeben und schenkt sich zunächst mal eine Tasse Kaffee ein. Diese Chance, zu Wort zu kommen, lässt sich der grau melierte Moderator von Phoenix nicht entgehen. Er kann loswerden, was er sich in nächtelanger Arbeit notiert hat, und unter Beweis stellen, dass er für höhere Aufgaben bei Arte geeignet ist:

"Bevor der Minister noch einmal beginnt, möchte ich etwas zum Hintergrund dieser heutigen Sitzung sagen. Dumm sein und Arbeit haben galt ja, wie Sie und ich wissen, seit Gottfried Benns Gedicht als das wahre Glück. Viele aber haben heutzutage keine Arbeit", wobei er drei, vier Sekunden lang betroffen blickt, bevor er fortfährt, "und kein Glück, aber viel Zeit. Die totzuschlagen ist die Strategie vieler Sender. Begonnen hat das alles vor mehr als einem Jahrzehnt mit einer simplen Idee", jetzt blickt er abschätzig von oben herab. "Man filme einen Container voll mit Idioten, die hundert Tage lang Vollidioten draußen im Lande vorgeführt werden. Das war die Geburtsstunde von Big Brother. Sie werden sich erinnern an einen der Gäste damals, den heutigen FDP-Chef Guido Westerwelle", dabei blickt er angewidert, aber er tut dies wegen des Rundfunkrates, in dem auch ein Vertreter der FDP sitzt, nur für einen kurzen Moment. "Halbdeppen wurden über Nacht zu Halbgöttern, unbekannte strohdumme Blondinen zu bekannten strohdummen Blondinen."

Weiter kommt er nicht. Ein Redakteur im Studio, das sich am anderen Ende des Saales hinter einer Glasscheibe befindet, dreht ihm den Saft ab, denn jetzt ist wieder Neumann dran. Er klopft auf das Mikrofon, das vor ihm auf dem Tisch installiert ist. "Zunächst werde ich die Tagesordnung bekannt geben und dabei feststellen, ob die geladenen Zeugen und Gutachter auch alle im Saal sind, wobei mir jeweils ein einfaches Handzeichen genügt."

Er hat ganz bewusst "einfaches Handzeichen" gesagt, denn aus seiner Erfahrung bei den Verleihungen von Filmpreisen weiß er, dass Medienmenschen dazu neigen, auch ungefragt das Wort zu ergreifen, und es nur ungern wieder freigeben. "Wie gesagt", betont er deshalb noch einmal, "Handzeichen genügt." Dann zieht er einen Zettel aus der vor ihm liegenden Klarsichthülle, von dem er abliest. Nach jeder Frage blickt er prüfend in den Raum. "Bauer sucht Frau? Danke. Adel sucht Braut? Danke. Frauentausch? Danke. Mr. Perfect? Danke. Ich kann Kanzler? Danke. Zwei bei Kallwass? Danke. Britt? Danke. Papa gesucht? Danke."

In diesem Augenblick gibt es in der Nähe der Saaltür einen kleinen Tumult. Zwei Diener halten eine junge Frau fest, die offenbar nur darauf gewartet hat, wer sich beim Stichwort Papa gesucht melden würde, und hindern sie daran, einer anderen Frau, bei der er sich um Barbara Eligmann handeln könnte, das Mikrofon aus dem Dekolleté zu ziehen. Bevor die beiden Männer sie rausschaffen können, brüllt Oliver Pocher: "Nehmen Sie Ihre Hände von der Frau, und lassen Sie die in Ruhe sagen, was sie zu sagen hat, wir sind hier schließlich nicht in Nordkorea oder beim ZDF-Verwaltungsrat!"

Die Frau lächelt ihm dankbar zu, wischt die Saaldiener achtlos zur Seite, nimmt die dunkle Perücke und die Sonnenbrille ab und genießt das aufkommende Geraune im Saal. Anke Engelke hatte schon immer ein gutes Gespür für große Auftritte im richtigen Augenblick. Dann holt sie, nunmehr unbehelligt, das Mikrofon aus dem tiefen Ausschnitt von Barbara Eligmann, geht ein paar Schritte hin zu dem Mann, der sich per Handzeichen gemeldet hat, als Neumann nach den Verantwortlichen für Papa gesucht fragte, stellt sich ihm gegenüber, blickt ihm in die Augen, haut ihm mit der Linken eine runter, hebt die rechte Hand, schüttelt dann aber den Kopf, lässt die Hand sinken, dreht sich um und wendet sich direkt an alle Anwesenden im Saal:

"Freunde. Feinde. Mitbürger. Hört mich an. Papa gesucht ist nicht nur ein Magazin für bereits völlig Verblödete, produziert von Ihrem Sender, Frau Schäferkordt – schauen Sie nicht so, als wüssten Sie nicht, wovon ich rede! –, es ist auch derzeit das menschenverachtendste Fernsehformat auf allen Kanälen, man könnte sagen, eine richtige Kanalratte, jedenfalls ein schlimmes Beispiel für den heute zur Debatte anstehenden Vorwurf der Massenverblödung. Es ist perfide, diese armen Schweine, die schon im Alltag in die Tonne getreten werden, trotz ihrer offensichtlich grauenerregenden Eigenschaften zum Mitmachen zu überreden und sie zu animieren, die Scheiße, die sie von sich geben, auch noch selbst zu fressen. Wobei ich eher glaube, dass ihnen die Sätze von sogenannten Drehbuchschreibern in den Mund gelegt wurden. Sagen Sie mir jetzt nicht, die hätten alle freiwillig mitgemacht. Weiß ich. Bin ja nicht blöde. Mach mir ja nichts vor. Es gibt aber auch so was wie eine moralische Pflicht von Produzenten. Die romantische Carmen und die schüchterne Dolores oder Erwin, der verklemmte Buchbinder, sind nicht nur arm an Geist, sondern auch geistig arme Menschen, die sich zwar noch nicht kennen – wobei ich zugebe: Ich möchte die auch nicht kennen –, vor laufender Kamera aber heiter bekennen, beim gemeinsamen aufgeregten Pupsen im Thermalbad sei man sich doch nähergekommen. Vor solchen Menschen müssen nicht nur alle geschützt werden, sondern jene auch vor sich selbst. Danke."

Bernd Neumann bedankt sich bei Anke Engelke für ihren, wie er sich ausdrückt, aufschlussreichen Beitrag, hebt beide Hände und bittet erneut um Ruhe, man müsse trotz dieses interessanten Zwischenspiels mit der eigentlichen Befragung vorankommen. Also. "Deutschland sucht den Superstar? Herr Bohlen, bitte, würden Sie bitte die Hand heben? Herr Bohlen! Herr BOHLEN!"

Das letzte Bohlen brüllt er fast. Der von ihm gemeinte Dieter unterbricht für einen Moment das Gespräch mit einer seiner neben ihm sitzenden Exgattinnen, die ihn um drei Millionen Euro zur Überbrückung finanzieller Engpässe ihres derzeitigen Gatten gebeten hatte, und nickt Neumann ungnädig zu: "Mann, sehen Sie doch, oder? Kennen Sie mich etwa nicht?"

Neumann verzieht angewidert die Mundwinkel und fährt fort. "Zuhause im Glück? Danke. Der Schuldendoktor? Danke. Die Supernanny? Danke. Ich bin ein Star, holt mich hier raus? Danke. Voll total? Danke. Hund sucht Hütte? Danke. Germany’s Next Topmodel? Danke. Mitten im Leben? Danke. Echt gerecht? Danke. The next Uri Geller?"

Keine Reaktion im Saal.
"The next Uri Geller?"

Jörg Pilawa steht auf und meint, über den folgenden eigenen Witz schon mal lachend: "Hat sich wahrscheinlich weggezaubert, Herr Vorsitzender."
Niemand lacht.
Pilawa setzt sich beleidigt wieder hin.

Ausgerechnet jetzt erstirbt der Ton. Die Türen zum Sitzungssaal gehen auf. Ein Mann tritt ein, klatscht zweimal in die Hände, winkt hinauf zum Studio, wo hinter einer Glasscheibe Menschen mit Kopfhörern sitzen, blickt auf seine Armbanduhr und sagt: "War schon sehr gut. Zehn Minuten Pause für alle. Und dann zeichnen wir auf."

Hier endete der Traum.

Michael Jürgs, 64, war Chefredakteur von "stern" und "Tempo" und ist Autor zahlreicher Sachbücher, unter anderem über Romy Schneider und Günter Grass. Sein neues Buch "Seichtgebiete – Warum wir hemmungslos verblöden" ist soeben im C. Bertelsmann Verlag erschienen. Der Text ist ein gekürzter Auszug.