Deutsche Sprache Uhu und Hip-Hop
Mit dem DeutschMobil auf Schülerfang in Frankreich. Eine Erfolgsgeschichte

© sylvi.bechle/Photocase
Auch Deutsch kann Spaß machen
Wenn Mignon Lamielle im französischen Dijon ihre Deutschstunde beenden will, kommt es fast immer zum Drama. Die Großen betteln, die Pause durchmachen zu dürfen, die Kleinen klammern sich an ihre Beine, damit sie nicht geht. Mademoiselle Lamielle ist eben keine normale Lehrerin. Die 30-Jährige ist eine von elf Deutschlektoren, die mit dem DeutschMobil jedes Jahr durch Frankreich touren, um für die deutsche Sprache zu werben. Im Auftrag der Robert Bosch Stiftung, des DAAD und der Föderation der Deutsch-Französischen Häuser in Frankreich geben sie kurz vor der Sprachenwahl in der fünften und siebten Klasse in Grund- und Mittelschulen überall im Land Deutsch-Schnupperstunden, veranstalten Elternabende und sprechen mit dem Lehrerkollegium, damit sich die Schüler für Deutsch als zweite oder dritte Fremdsprache entscheiden.
Solche Werbung ist auch dringend nötig. Denn nur knapp 15 Prozent der französischen Schüler lernen überhaupt Deutsch in der Schule. Es gilt als kompliziert und schwer – eine Strebersprache. Eltern, die sich als Schüler selbst damit gequält haben, wollen ihren Kindern das scheinbar unnütze Auswendiglernen von Goethe-Gedichten ersparen.
Zu aller Überraschung erspart auch die DeutschMobil-Lektorin Lamielle den Kindern das Auswendiglernen. Sie hat andere Geheimwaffen: die Berliner Band Seeed und einen Uhu-Stick. Mit diesem »typisch deutschen« Klebestift in der Hand rennen die Kinder wild durch die Klasse und schreien »Uhu! Uhu!« wie der Vogel. Ein Chaos, das die Frontalunterricht gewöhnten Schüler in einen wahren Glückszustand versetzt. Gleichzeitig haben sie gelernt, dass man das deutsche U nicht wie ein Ü ausspricht. Und mit Seeed lernen sie deutsche Geografie und Landeskunde. Laut dröhnt deren Hip-Hop-Song Dickes B durch den Raum. Wer als Erster erkennt, dass Seeed hier die deutsche Hauptstadt Berlin besingt, darf in der Kreismitte einen Tanz hinlegen. Wer noch mehr deutsche Vokabeln versteht, darf den Uhu-Stick behalten.
Solche ungewöhnlichen Lernmethoden gehören beim DeutschMobil zum Konzept. »Wir wollen zeigen, dass Deutschland und Deutsch lernen nicht so langweilig sind, wie die meisten Franzosen glauben. Das vermitteln wir am glaubwürdigsten, wenn wir mit Methoden arbeiten, die in Frankreich unüblich sind«, sagt Kurt Brenner, Leiter des Deutsch-Französischen Hauses in Dijon und Mitbegründer des DeutschMobils. Deshalb legen die Robert Bosch Stiftung und der DAAD, die für die Auswahl der Lektoren zuständig sind, großen Wert auf eine außergewöhnliche Qualifikation ihrer Deutschwerber. Die meisten haben Deutsch als Fremdsprache studiert und haben eine zusätzliche pädagogische Ausbildung. Mignon Lamielle etwa, die ihrem Namen zum Trotz aus Norddeutschland kommt, ist gelernte Theaterpädagogin und hat außerdem Sprechwissenschaft und Germanistik studiert.
Was die Werbeträger für die deutsche Sprache seit 2001 geleistet haben, ist beachtlich: Sie sind an die 800.000 Kilometer durch Frankreich gefahren, haben 6500 Schulen besucht, mehr als 15.800 Deutschkurse gegeben und damit etwa 410.000 Schüler erreicht. Dass die Lektoren nicht nur viel rumgekommen sind, sondern auch viele Kinder rumbekommen haben, zeigt die Explosion der Anmeldezahlen für Deutsch, nachdem ein DeutschMobil eine Schule besucht hat. Zum Schuljahreswechsel 2008 wählten an den besuchten Schulen durchschnittlich doppelt so viele Schüler Deutsch wie im Vorjahr. In manchen Schulen waren es sogar dreimal so viele. Diese Zahlen überzeugten nach zweijähriger Probezeit auch das französische Außenministerium, das 2003 das Partnerprojekt FranceMobil startete. Spiegelbildlich zum DeutschMobil fahren seitdem jedes Jahr 15 Französisch-Lektoren durch Deutschland und werben in allen Schulformen für ihre Sprache.
»Natürlich ist das DeutschMobil kein Allheilmittel gegen den Deutschlernerschwund«, gesteht Projektleiter Kurt Brenner. »Unsere Initiative ist im Grunde nur ein Tropfen auf den heißen Stein.« Tatsächlich lernen insgesamt immer noch erschreckend wenig Franzosen die Sprache ihrer Nachbarn. Aber immerhin: Zum Schuljahresbeginn 2007 hat sich zum ersten Mal seit 25 Jahren der Anteil der Deutschlerner in der Mittelstufe leicht erhöht. Zwar nur um bescheidene 0,2 Prozent auf 15,4 Prozent, aber für Brenner ist das ein positives Signal, das zu noch mehr Engagement antreiben sollte. »Solange wir nicht die Zahl von 25 Prozent Deutschlernern erreicht haben, müssen wir weitermachen«, sagt er. Es gebe genug Geschichten, die Mut machten, an diesem Ziel festzuhalten.
Geschichten, wie sie Mignon Lamielle zu erzählen hat: Fünf Wochen nach ihrer letzten DeutschMobil-Tour durch das Burgund bekam sie eine E-Mail vom Théo. Der Zwölfjährige hatte sich verliebt. Allerdings nicht in die hübsche Lehrerin aus Deutschland, sondern in Seeed und die deutsche Sprache. »Ich liebe Seeed, und ich liebe Deutsch«, schrieb Théo in seiner ersten, komplett auf Deutsch verfassten Mail. Jetzt brauche er die Texte aller Songs, die Mademoiselle Lamielle mit dem DeutschMobil vorbeigebracht hatte. Was er damit wolle, fragte diese erstaunt zurück. »Na, ganz einfach«, kam die Antwort, »auswendig lernen – wie ein Gedicht!«
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- Datum 23.07.2009 - 14:04 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 23.07.2009 Nr. 31
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Wenn ich mal im TV auf Phoenix, BR Alpha oder so alte Sendungen aus den 70ern und 80ern seh, inklusive O-Ton von Zeitgenossen, dann kann ich kaum glauben dass das die selbe Sprache ist. Ich versteh's zwar, aber es klingt verdammt fremd.
Hochdeutsch scheint früher, zumindest im öffentlichen Raum, eine ziemlich kalte, eintönige und mechanische Sprache gewesen zu sein. Das hät' ich auch nicht lernen wollen.
Und diese Hetze gegen Dialekte ist ja auch von Gestern. Auch wenn die Sprachvielfalt des Deutschen wohl dadurch schon massiv abgenommen hat.
Ich hab auch mal einen Bericht gesehen wo man Migranten Deutsch beibringt, aus Hannover. Das fand ich amüsant weil die Dozentin selbst einen Kurs nötig hätte, die schafft es (wie die meisten Norddeutschen) nicht ein "R" richtig auszusprechen. "Klar" wird immer zu "klaa", "Jäger" zu "Jäga", und so weiter. Aber das scheint denen gar nicht so richtig bewusst zu sein, das muss die Sprachschüler dann ziemlich verwirren - auf der Tafel steht das Wort doch mit einem "R" am Schluß? Warum spricht die das dann nicht so aus? Schon zum Schmunzeln. Also "die" deutsche Aussprache gibt es ja auch nicht.
Das R am Ende von Jäger und klar wird in allen Varietäten des Deutschen als Vokal gesprochen, standardsprachlich als fast offener Zentralvokal (ɐ). Andere Realisierungen sind Allophone, sprechen Sie das R, so handelt es sich um eine Hyperkorrektur.
Das R am Ende von Jäger und klar wird in allen Varietäten des Deutschen als Vokal gesprochen, standardsprachlich als fast offener Zentralvokal (ɐ). Andere Realisierungen sind Allophone, sprechen Sie das R, so handelt es sich um eine Hyperkorrektur.
Das R am Ende von Jäger und klar wird in allen Varietäten des Deutschen als Vokal gesprochen, standardsprachlich als fast offener Zentralvokal (ɐ). Andere Realisierungen sind Allophone, sprechen Sie das R, so handelt es sich um eine Hyperkorrektur.
"Gleichzeitig haben sie gelernt, dass man das deutsche U nicht wie ein Ü ausspricht."
das ist lustig :)
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