HochschulenForschung 65+

In Niedersachsen können exzellente Wissenschaftler künftig als Seniorprofessoren weiterforschen von Julia Nolte

Jetzt aufzuhören wäre völliger Quatsch«, sagt Nicolaas Rupke. »Ich stecke mitten in Ideen und Projekten.« Seit zehn Jahren ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Georg-August-Universität Göttingen. Nun ist er 65 geworden und müsste eigentlich in Rente gehen. Doch stattdessen hat Rupke gerade eine Niedersachsenprofessur angetreten.

Mit dem Förderprogramm »Die Niedersachsenprofessur – Forschung 65+« will das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur die besten Denker und Denkerinnen über das Rentenalter hinaus an Hochschulen in Niedersachsen halten. »Exzellente Forschung endet nicht, nur weil man 65 und älter ist«, sagt der niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann. »Wir dürfen die erfahrenen Spitzenforscher unseres Landes nicht ziehen lassen.«

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Immer mehr pensionierte Wissenschaftler folgen Angeboten von Forschungseinrichtungen vor allem in den USA, wo es keine Altersbeschränkung für Professuren gibt. Zahlen liegen nicht vor, doch Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands, beobachtet eine »Fluchtbewegung«. »Schätzungsweise jeder zehnte Pensionär oder Emeritus verlässt das Land, weil wir nicht attraktiv genug sind. Ihr Sachverstand geht unseren Unis verloren, das Ausland läuft uns davon.«

Bisher bietet Deutschland seinen Professoren nur wenige Gründe, nach 65 weiterzumachen: Sie haben zwar auch im Ruhestand das Recht, zu lehren, zu prüfen und wissenschaftliche Arbeiten zu betreuen; doch Geld gibt es dafür kaum. Seit einigen Jahren können sie eine Verlängerung ihrer Dienstzeit beantragen – und sich Stelle und Gehalt bis maximal 68 sichern. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass bis zu 1000 der rund 38000 berufstätigen Hochschullehrer bereits von dieser Option Gebrauch machen. Die Tendenz sei steigend, sagt Bernhard Kempen. »Ruhestandssehnsucht ist bei Professoren selten.«

Einige private Stiftungen unterstützen Forscher kurz vor der Pensionierung, etwa die Hertie-Stiftung, die seit 2005 jährlich eine »Senior-Forschungsprofessur« an einen mindestens 60 Jahre alten Neurowissenschaftler vergibt. Über das Rentenalter hinaus werden bislang nur Ausnahmefälle gefördert: Die Helmholtz-Gemeinschaft zum Beispiel verleiht seit 2007 bis zu dreijährige Helmholtz-Professuren für Seniorforscher an Nobelpreisträger und andere ausgezeichnete Wissenschaftler aus ihren eigenen Forschungszentren. Nun liefert Niedersachsen ein neues Modell. »Das Programm ist einzigartig, weil es einen neuen Professorentypus jenseits der 65 schafft«, sagt Kempen. Er lobt die Seniorprofessur, auch wenn manche das Geld möglicherweise lieber für Jungforscher verwendet sehen würden. »Ich verstehe die Nachwuchswissenschaftler, aber ich sehe auch die Leistung der alten Professoren. Wir brauchen den Ausgleich.«

Bis zu fünf Jahre über das gesetzliche Rentenalter hinaus können die Seniorprofessoren weiterforschen. Danach ist eine Verlängerung möglich, sollte ihr Projekt noch im Gange sein. Im Gegensatz zur verlängerten Dienstzeit werden ihre vorherigen Stellen nicht blockiert: Die Universität kann sie neu ausschreiben. Die Anzahl der Niedersachsenprofessuren, die von nun an jährlich vergeben werden sollen, ist nicht festgelegt. Bis zu zwei Millionen Euro stehen für einen Jahrgang bereit. In der ersten Runde haben sich elf Wissenschaftler beworben, sieben wurden ausgewählt.

Es ist Nicolaas Rupkes vierter Tag als Seniorprofessor, und das, sagt er, »fühlt sich gut an«. Mit dem neuen Titel komme er sich einige Zentimeter größer vor, wenn er durch die Stadt laufe. Außerdem habe er an der Universität mehr Einfluss als ein pensionierter Hochschullehrer. Die Niedersachsenprofessur verschafft ihm neben der Anerkennung auch praktischen Nutzen: Die Universität stellt ihm Räume zur Verfügung; das Land Niedersachsen stockt seine Pension um 30 Prozent auf, sodass er weiterhin sein bisheriges Gehalt bezieht; und er erhält Mittel, um eine Mitarbeiterstelle zu finanzieren.

Leserkommentare
    • eras
    • 26. Juli 2009 10:38 Uhr

    So bleiben einem die motivierten und erfahrenen Professoren noch ein wenig länger erhalten. In einigen Fällen hätte ich das absolut begrüsst. Es darf nur nicht auf Kosten des akademischen Nachwuchses geschehen. Der hat es eh schon schwer genug.

    Dass heißt: Die Weiterbeschäftigung von Seniorprofessoren darf nicht dazu führen, dass gute Stellen für junge Wissenschaftler blockiert bleiben. Sie müssen deshalb ausserhalb des regulären Stellenpools beschäftigt werden. Denn der qualifizierte Nachwuchs mit seinen neuen Ansätze ist mindestens ebenso wichtig, damit ein Standort nicht vergreist. Aber das scheint ja hier berücksichtigt zu sein. Was mich ehrlich gesagt überrascht, denn die niedersächsische Landesregierung ist (unabhängig von der Regierungspartei) bisher immer nur durch Sparprogramme aufgefallen...

    Die besten Ergebnisse kommen meiner Ansicht nach da zustande, wo die frische Perspektive der Jungen auf die Erfahrung der Älteren trifft. In Hinblick darauf ist die neue Regelung absolut begrüssenswert.

  1. Generationen von Studenten pilgerten seit 1949 nach Heidelberg, nicht etwa "um die Perspektive der Jungen" zu erfahren, sondern um Hans Georg Gadamer zu hören, der dort 2002 im Alter von 102 Jahren verstarb. Ich selbst hörte ihn, brilliant wie immer, noch im Alter von 90 Jahren.

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