Ich erinnere mich genau. Es war die Zeit, in der es Zeugnisse noch zu Ostern gab und man genau wusste, wo sein Platz in der Gesellschaft war. Meiner wäre eigentlich nicht in der Oberschule gewesen und ganz sicher nicht auf der Universität. Es war beim Frühstück. Brot, Marmelade, Kakao. Meine Mutter servierte mir dazu einen Satz, den ich nie vergessen habe: »Nun musst du es selbst wissen, die anderen kommen nicht mit.«

Am Abend vorher war Elternabend gewesen in der Grundschule von Brakelsiek – einer Zwergschule, jeweils zwei Jahrgänge in einem Klassenraum, von einem Lehrer unterrichtet. Elternabend am Ende des vierten Schuljahres hieß Entscheidung über die weitere Schullaufbahn. Das war in aller Regel überraschungsfrei. Nur wenige aus dem Dorf hatten je den Weg zur Oberschule gefunden. Umso erstaunlicher, dass Helmut Kuhlmann, mein alter Grundschullehrer, diesmal gleich eine Handvoll seiner Schützlinge auf die Reise schicken wollte.

Ich war dann der Einzige, der wirklich ging. Die befragten Eltern winkten ab. Warum lange Umwege gehen, auf Lohn und Gehalt für Jahre verzichten, Ungewissheiten in Kauf nehmen, wenn mit einem ordentlichen Lehrberuf schneller Sicherheit erreichbar war? Ich habe die Diskussion in meiner Familie noch im Ohr. Mein Vater stammte von einem Bauernhof, elend klein, der Ertrag war zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Nach dem Krieg hatte er Tischler gelernt. Meine Mutter, im Viehwaggon aus Schlesien geflüchtet, arbeitete beim Bauern, später in der Textilfabrik im Nachbarort und, als wir Kinder geboren waren, halbtags im Forst. Keine Armut zu Hause, aber knapp ging es zu. Erst recht, als das Projekt Eigenheim begonnen war. Jede Mark zählte. Vielleicht gingen auch meine Eltern wie die anderen davon aus, dass der Sprössling eine Ausbildung macht und bald Geld nach Hause bringt.

Aber meine Mutter hatte ja gesagt: »Nun musst du es selbst wissen.« Ich wusste mit meinen zehn Jahren nicht viel und war trotzdem entschieden, es mit dem Gymnasium zu versuchen. Auch wenn es einsam im Schulbus war ohne die Kumpels vom Sportplatz. Ich bin heilfroh, den Weg gegangen zu sein! Aber ich erinnere mich auch an die vielen Jahre, in denen ich das Gefühl hatte, die Entscheidung vor mir selbst rechtfertigen zu müssen. Die ehemaligen Klassenkameraden verdienten schon Geld, bevor ich das Abitur hatte. Und dann lag noch ein ganzes Studium vor dem regelmäßigen Einkommen.

Wenn wir heute über Studiengebühren reden, sprechen wir meist übers Geld. Das ist richtig, aber unvollständig. Wir müssen auch über Zweifel und Ängste reden, die viele befähigte Kinder aus den sogenannten »einfachen Verhältnissen« vom Weg zu Abitur und Uni abgehalten haben und abhalten. Damals wie heute. Die Unsicherheit der Eltern, ob es beim eigenen Kind wirklich reicht oder ob nicht am Ende eine Blamage droht. Ob das eigene Kind sich unter den Kindern aus besserem Hause zurechtfinden und wohlfühlen wird. Ob man sich auf Bildungsabenteuer einlassen muss, wenn alles auch einfacher und schneller zu haben ist.