Die Friseurmeisterin Erika Mavonga hört in Radolfzell eine traurige Männergeschichte nach der anderen. Ein Stammkunde in den Fünfzigern mag sich nur noch einen Trockenhaarschnitt leisten, weil er sparen muss. Ein Mittdreißiger erzählt, dass er sich in Dubai um einen neuen Job bewerbe, weil seine Stelle beim Autozulieferer Georg Fischer wegfalle. »Noch kommen die Kunden, manche in größeren Abständen, aber wir haben alle Angst vor dem Herbst«, sagt Mavonga. Und dann erzählt sie ihre eigene Männergeschichte.

Von ihrem Nettogehalt, rund 1600 Euro, muss Erika Mavonga ihren Ehemann und den erwachsenen Sohn durchbringen. Beide sind tagsüber zu Hause. Beide hatten im Schichtbetrieb in der Metallindustrie gut verdient. Doch dann kam die Wirtschaftskrise – und sie verloren ihre Jobs.

Diese Krise ist eine Männerkrise.

Während die Arbeitslosigkeit der Frauen in Deutschland weiter sinkt, ist die der Männer in den vergangenen Monaten um steile 17 Prozent gestiegen. An den Werkbänken von ThyssenKrupp, Bosch und Daimler ist die Jagd unterbrochen – nach dem nächsten Exportrekord, nach der Eroberung des nächsten Marktes, nach der Entwicklung noch schnellerer, stärkerer Autos. Millionen Männer in den Industrieländern haben ihren Job verloren, in Deutschland geht die Zahl erst in die Hunderttausende, weil mehr als eine Million noch in der Kurzarbeit überdauert und hofft, bald wieder gebraucht zu werden. Aber ist die Jagd nur unterbrochen? Oder ist sie zu Ende?

Viele Jobs werden wohl nie zurückkommen, sagt Frank-Jürgen Weise , Chef der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit. Die Welt habe sich über die Maßen an deutschen Maschinen und Autos ergötzt, stimmt der Ökonom Michael Burda von der Humboldt-Universität in Berlin mit ein. Und Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, ist überzeugt: »Die deutschen Exportmärkte leiden auf Dauer.«

Es sei nicht leicht zu Hause, sagt Erika Mavonga. »Früher waren wir abends beide kaputt. Jetzt arbeite ich manchmal von acht bis acht, um so viel wie möglich zu verdienen. Und dann sitzt da abends ein ausgeruhter Partner und will was erleben.« Irgendwann ist jedes Fenster neu gestrichen, jedes Gartenhaus instand gesetzt.

Zwar tragen die Männer jetzt den Müll raus. Gehen einkaufen. Putzen. Aber vor allem Arbeitern mit Familie drückt diese berufliche Tatenlosigkeit aufs Gemüt und damit aufs Ego. Sie können ihrer als normal empfundenen Ernährerrolle nicht mehr gerecht werden, wie amerikanische Forscher untersucht und im American Journal of Public Health beschrieben haben. Ohne Arbeit schmerzt das Arbeiterherz. Und da in den USA auch kein Kurzarbeitergeld den Absturz bremst, ist dort schon nicht mehr von der recession, sondern von der he-cession, einer tiefen Männerkrise, die Rede.

So wirkt sich diese Wirtschaftskrise nicht nur auf Bankkonten, Währungen und Wahlergebnisse aus. Sie verändert das Verhältnis der Geschlechter.

Noch brüchiger wird die männliche Deutungshoheit und kulturelle Herrschaft über die Arbeitswelt, seit auch die Schuldfrage zu einer Männerfrage geworden ist. Denn wer hat die Krise angerichtet? Ein Blick auf die Vorstandsetagen zeigt: Vor allem Männer haben an den internationalen Finanzplätzen gezockt, haben in der Bankenaufsicht nicht genau hingeschaut, haben PS-Boliden gebaut, als sei Benzin ein nachwachsender Rohstoff. Männer saßen in den Anhörungen des amerikanischen Kongresses und mussten beichten, dass sie es so weit hatten kommen lassen. Von Männern geführte Banken wurden verstaatlicht.

Klaus Schwab, der Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums in Davos, zieht daraus den Schluss: »Mehr Frauen müssen in Führungspositionen in Regierungen und Banken, um künftig solche Krisen abzuwehren.«

© ZEIT Grafik

Hätten Frauen mitentscheiden können, so lautet der Umkehrschluss, hätten sie die Weltwirtschaftskrise mildern, wenn nicht gar verhindern können. Weil sie vorsichtiger sind und anders mit Risiken umgehen. Dermaßen verallgemeinert, ist auch das ein Vorurteil. Allerdings liefern Studien wie etwa die des Forschungsinstituts The Conference Board of Canada seit Längerem Hinweise darauf, dass weibliche Aufsichtsräte an Prüfberichten, Risikomanagement und anderen Kontrollmechanismen tatsächlich interessierter sind und diese konsequenter einfordern als viele Männer. Und so fragt die Washington Post, fragt die Unternehmensberatung Boston Consulting, fragen Parlamentarier im britischen Unterhaus: War es das viele Testosteron? Schadet so viel Männlichkeit der Wirtschaft? Der Umwelt? Der Welt?

Diese Fragen finden ihren Widerhall im Alltag. »Nach der Krise wird die Arbeitswelt vermutlich weiblicher und dienstleistungsgeprägter sein«, sagt der oberste Arbeitslosenverwalter Frank-Jürgen Weise. Die Frauen müssen ran. In Teilzeit sind sie das längst, als Berufsanfängerinnen haben sie gegenüber den Männern die Nase vorn, und als Chefs werden sie nach und nach ihre Chance bekommen. Es ist ihre Stunde, und sei es als moderne Trümmerfrau. Wer hätte denn Mary Shapiro zur Chefin der US-Börsenaufsicht gemacht, wenn die Männer dort nicht so sichtbar versagt hätten?

Deutsche Konzerne steuern langsamer um, aber sie tun es. SAP, BMW und Allianz wollen ihren Talentpool besser nutzen und fördern verstärkt ihre weiblichen Angestellten. Keiner hat es allerdings so deutlich angekündigt wie Siemens-Chef Peter Löscher .