Kino Wir sind Glühwürmchen
Vor 28 Jahren starben in Irland zehn IRA-Häftlinge im Hungerstreik. Der Londoner Regisseur und bildende Künstler Steve McQueen hat über ihren Tod einen ergreifenden Film gedreht
© Ascot Elite Entertainment

Bobby Sands (Michael Fassbender) hungerte sich 1981 im Alter von 27 Jahren im Maze-Gefängnis in Nordirland zu Tode
Wer einen Film macht, verfolgt – wie vermutlich jeder ernst zu nehmende Künstler – das Ziel, einen bestimmten Augenblick festzuhalten und verständlich zu machen, damit der Zuschauer, Betrachter oder Leser in eine andere Zeit, einen anderen Ort, eine andere Geografie eintauchen kann. Hervorragende Kunst ermöglicht es uns, die Grenze zu überschreiten, in die Haut eines anderen zu schlüpfen und jemand anders zu werden. Ein gelungenes Kunstwerk fängt einen Augenblick ein, ja es stiehlt ihn. Wir stehen in neuen Schuhen und setzen unseren Weg fort – nicht unbedingt verwandelt, aber wenigstens um ein Stück versetzt.
Heutzutage, in einer schnelllebigen Zeit, ist es schwierig, Kunst mit etwas von dem aufzuladen, was wir traditionell als "Sinn" bezeichnen – dies gilt insbesondere für den Film, der ein hohes Maß an Zusammenarbeit erfordert. Unsere Tage und das, was sie bringen, fliegen vorbei wie in einem Werbespot. Die meisten Bilder, denen wir begegnen, blitzen auf, hämmern auf uns ein, verblassen. Nur selten halten wir unsere Gedanken lange genug fest – sie werden zu winzigen Erinnerungsphotonen. Ja, vielleicht noch schlimmer: Wir bringen uns dazu, sie nicht festzuhalten. Ein Gesicht taucht auf und ist für eine Weile allgegenwärtig, doch schon bald wissen wir nicht mehr, wie der Film eigentlich hieß oder wer die Hauptrolle gespielt hat oder warum wir ihn uns überhaupt angesehen haben. Gelegentlich rufen uns die globalen Marketingstrategien der Fast-Food-Ketten oder ein riesiges auf die Seite eines vorübergleitenden Busses gemaltes Gesicht etwas in Erinnerung.
Ich will nicht jammern und klagen. Es ist eine Tatsache: Wir sind Glühwürmchen.
Aber hin und wieder gibt es einen Film, der das Gras und selbst den Raum zwischen den Halmen aufleuchten lässt. Eines der Dinge, die Steve McQueens wichtigen Film Hunger so verstörend schön machen, ist die Tatsache, dass er uns innehalten lässt, dass er – und sei es auch nur für einen Augenblick – unsere Vorstellung unterläuft von dem, was ein Film ist und was er sein sollte. Ein anderes ist die Art, wie er uns auffordert, in die Bilder hineinzusteigen und dadurch Teil der Geschichte zu werden.
Doch zunächst die Fakten: Hunger spielt 1981, im Sommer des Jahres, in dem Bobby Sands und neun andere irische Republikaner (oder Terroristen, je nach sprachlicher Ausrichtung) sich zu Tode hungerten, um die Wiederherstellung ihres Status als politische Gefangene zu erzwingen. Es ist ein harter, ein überraschender Film – durch das Zusammentreffen von Genies.
Zunächst wäre da das Genie des Regisseurs Steve McQueen, eines schwarzen Londoners, der zweimal den Turner Prize erhalten hat und hier seinen ersten Spielfilm vorstellt. Dann Edna Walsh, eine junge, brillante irische Dramatikerin, die stets den Augenblick trifft, in dem Schmerz und Schönheit kollidieren. Da ist Michael Fassbender, ein deutschirischer Schauspieler, der körperlich bis an seine Grenzen geht. Da ist der Kameramann Sean Bobbitt, der unter anderem ein Filmmagazin entwickeln musste, mit dem er beinahe zwanzig Minuten lange Einstellungen drehen konnte. Und schließlich wäre da noch das Geniale des Augenblicks: das unerhörte Kunstwerk, der unerhörte Schrecken des IRA-Hungerstreiks von 1981, als die Welt gebannt war von den Nachrichten über diese Männer, die dem Tod entgegenhungerten.
Das eigentlich Geniale an Hunger ist, dass die Bilder kleine Einschnitte in unseren Vorstellungen hinterlassen. Der Film offenbart von Anfang an seine Absichten: Wir hören das Klappern von Schreibmaschinen, doch dann zeigt die Aufblende Belfaster Frauen, die mit Mülleimerdeckeln auf den Boden schlagen. Die ganze Welt hört zu, und dennoch müssen die Schlafenden geweckt werden. Schlagt die Mülleimerdeckel, damit die Toten aus ihren Gräbern auferstehen.
McQueens Film entfaltet sich in drei großen sinfonischen Strängen. Da ist erstens das praktisch wortlose Leben eines durch den Krieg verrohten Gefängniswärters. Zweitens sehen wir die geistigen und emotionalen Qualen, denen die Hungernden und die Menschen in ihrer Umgebung ausgesetzt sind, vor allem Bobby Sands und ein Priester, der die Gefangenen aufsucht, um mit ihnen über Moral, Tod und Selbstmord zu sprechen. Und drittens ist da ein Fiebertraum vom Tod, den ein Mann erleidet, der seinen Körper als Waffe einsetzt.
Hunger hat eine einigermaßen traditionelle Struktur und schafft es dennoch, die meisten Regeln zu brechen. Zum Beispiel die des konventionellen Erzählens. Niemand erklärt, warum die Zellenwände mit Scheiße beschmiert sind (der "schmutzige Protest" war der Vorläufer des Hungerstreiks). Das Ziel des Streiks – die Wiederanerkennung der Häftlinge als politische Gefangene – bleibt verschwommen. Figuren erscheinen und verschwinden ohne Vorwarnung. Viele berührende Einzelheiten sind ausgelassen: Bobby Sands’ Gedichte beispielsweise oder dass die Gefangenen Gälisch gesprochen und den Vögeln im Gefängnishof Maden zugeworfen haben.
- Datum 06.09.2009 - 11:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23.07.2009 Nr. 31
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Wo ist der Film über folternde US-Soldaten in Abu-Ghuraib und Guantanamo ?
Wo ist der Film über folternde Israelis in israelischen Gefängnissen ?
Wo ist der Film über folternde Palästinenser in Hamas- und Fatah-Gefängnissen ?
Wo ist der Film über folternde Beamte in russischen, chinesischen, burmesischen, ägypthischen, afghanischen, usw. Gefängnissen ?
Warum kommt so ein Film erst nach fast 30 Jahren ?
Deshalb anschauen und nicht vergessen, das tagtäglich genau das immer noch geschieht.
Warum kommt so ein Film erst nach fast 30 Jahren ?
Ein Film, der sich ebenfalls mit dem Hungerstreik von 1981 beschäftigt, heißt "Teufelkreis der Gewalt"(engl. Some Mother's Son) von 1996.
Der Film nimmt eine eher Pro-Streiker-Haltung ein und bedient sich im Vergleich zu "Hunger" konventionelleren Erzählstrukturen.
Warum kommt so ein Film erst nach fast 30 Jahren ?
Ein Film, der sich ebenfalls mit dem Hungerstreik von 1981 beschäftigt, heißt "Teufelkreis der Gewalt"(engl. Some Mother's Son) von 1996.
Der Film nimmt eine eher Pro-Streiker-Haltung ein und bedient sich im Vergleich zu "Hunger" konventionelleren Erzählstrukturen.
Beim Schauen des Filmes kam mit immer wieder der Gedanke: krass, aber wer schaut sich so was an?
Am Ende geht so etwas immer an den *Verantwortlichen* vorbei.
So was hätte sich mal die Queen und das britische Parlament mal in der Mittagspause reinziehen sollen - aber das machen *die* grundsätzlich nicht.
Zynisch gesagt frage ich mich deshalb immer wieder, wer sich am Ende damit beschäftigt?
Es sind doch eh immer die gleichen Menschen, die genügend Empathie und Menschenrechtsempfinden haben, die aber nie gehört werden. Der Rest ist vielleicht ein bisschen betroffen und geht seinen Alltag weiter - und hofft niemals in so eine Lage zu kommen - fertig.
Abgesehen davon finde ich das Schwelgen des Autors dieser Kritik hier nicht ganz angemessen. Die Bilder, die dieser Film hier zeigt sind wirklich schwer zu verkraften und haben kaum etwas von dem "Schönen" was der Autor hier reinschreibt.
Anscheinend ist der Autor etwas abgebrüht und verroht, aufgrund der nimmersatten Bilderflut unserer virtuellen Welt.
Der Film ist ein Schocker und kein Kunstfilm.
Warum kommt so ein Film erst nach fast 30 Jahren ?
Ein Film, der sich ebenfalls mit dem Hungerstreik von 1981 beschäftigt, heißt "Teufelkreis der Gewalt"(engl. Some Mother's Son) von 1996.
Der Film nimmt eine eher Pro-Streiker-Haltung ein und bedient sich im Vergleich zu "Hunger" konventionelleren Erzählstrukturen.
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