Bobby Sands (Michael Fassbender) hungerte sich 1981 im Alter von 27 Jahren im Maze-Gefängnis in Nordirland zu Tode © Ascot Elite Entertainment

Wer einen Film macht, verfolgt – wie vermutlich jeder ernst zu nehmende Künstler – das Ziel, einen bestimmten Augenblick festzuhalten und verständlich zu machen, damit der Zuschauer, Betrachter oder Leser in eine andere Zeit, einen anderen Ort, eine andere Geografie eintauchen kann. Hervorragende Kunst ermöglicht es uns, die Grenze zu überschreiten, in die Haut eines anderen zu schlüpfen und jemand anders zu werden. Ein gelungenes Kunstwerk fängt einen Augenblick ein, ja es stiehlt ihn. Wir stehen in neuen Schuhen und setzen unseren Weg fort – nicht unbedingt verwandelt, aber wenigstens um ein Stück versetzt.

Heutzutage, in einer schnelllebigen Zeit, ist es schwierig, Kunst mit etwas von dem aufzuladen, was wir traditionell als "Sinn" bezeichnen – dies gilt insbesondere für den Film, der ein hohes Maß an Zusammenarbeit erfordert. Unsere Tage und das, was sie bringen, fliegen vorbei wie in einem Werbespot. Die meisten Bilder, denen wir begegnen, blitzen auf, hämmern auf uns ein, verblassen. Nur selten halten wir unsere Gedanken lange genug fest – sie werden zu winzigen Erinnerungsphotonen. Ja, vielleicht noch schlimmer: Wir bringen uns dazu, sie nicht festzuhalten. Ein Gesicht taucht auf und ist für eine Weile allgegenwärtig, doch schon bald wissen wir nicht mehr, wie der Film eigentlich hieß oder wer die Hauptrolle gespielt hat oder warum wir ihn uns überhaupt angesehen haben. Gelegentlich rufen uns die globalen Marketingstrategien der Fast-Food-Ketten oder ein riesiges auf die Seite eines vorübergleitenden Busses gemaltes Gesicht etwas in Erinnerung.

Ich will nicht jammern und klagen. Es ist eine Tatsache: Wir sind Glühwürmchen.

Aber hin und wieder gibt es einen Film, der das Gras und selbst den Raum zwischen den Halmen aufleuchten lässt. Eines der Dinge, die Steve McQueens wichtigen Film Hunger so verstörend schön machen, ist die Tatsache, dass er uns innehalten lässt, dass er – und sei es auch nur für einen Augenblick – unsere Vorstellung unterläuft von dem, was ein Film ist und was er sein sollte. Ein anderes ist die Art, wie er uns auffordert, in die Bilder hineinzusteigen und dadurch Teil der Geschichte zu werden.

Doch zunächst die Fakten: Hunger spielt 1981, im Sommer des Jahres, in dem Bobby Sands und neun andere irische Republikaner (oder Terroristen, je nach sprachlicher Ausrichtung) sich zu Tode hungerten, um die Wiederherstellung ihres Status als politische Gefangene zu erzwingen. Es ist ein harter, ein überraschender Film – durch das Zusammentreffen von Genies.

Zunächst wäre da das Genie des Regisseurs Steve McQueen, eines schwarzen Londoners, der zweimal den Turner Prize erhalten hat und hier seinen ersten Spielfilm vorstellt. Dann Edna Walsh, eine junge, brillante irische Dramatikerin, die stets den Augenblick trifft, in dem Schmerz und Schönheit kollidieren. Da ist Michael Fassbender, ein deutschirischer Schauspieler, der körperlich bis an seine Grenzen geht. Da ist der Kameramann Sean Bobbitt, der unter anderem ein Filmmagazin entwickeln musste, mit dem er beinahe zwanzig Minuten lange Einstellungen drehen konnte. Und schließlich wäre da noch das Geniale des Augenblicks: das unerhörte Kunstwerk, der unerhörte Schrecken des IRA-Hungerstreiks von 1981, als die Welt gebannt war von den Nachrichten über diese Männer, die dem Tod entgegenhungerten.

Das eigentlich Geniale an Hunger ist, dass die Bilder kleine Einschnitte in unseren Vorstellungen hinterlassen. Der Film offenbart von Anfang an seine Absichten: Wir hören das Klappern von Schreibmaschinen, doch dann zeigt die Aufblende Belfaster Frauen, die mit Mülleimerdeckeln auf den Boden schlagen. Die ganze Welt hört zu, und dennoch müssen die Schlafenden geweckt werden. Schlagt die Mülleimerdeckel, damit die Toten aus ihren Gräbern auferstehen.

McQueens Film entfaltet sich in drei großen sinfonischen Strängen. Da ist erstens das praktisch wortlose Leben eines durch den Krieg verrohten Gefängniswärters. Zweitens sehen wir die geistigen und emotionalen Qualen, denen die Hungernden und die Menschen in ihrer Umgebung ausgesetzt sind, vor allem Bobby Sands und ein Priester, der die Gefangenen aufsucht, um mit ihnen über Moral, Tod und Selbstmord zu sprechen. Und drittens ist da ein Fiebertraum vom Tod, den ein Mann erleidet, der seinen Körper als Waffe einsetzt.

Hunger hat eine einigermaßen traditionelle Struktur und schafft es dennoch, die meisten Regeln zu brechen. Zum Beispiel die des konventionellen Erzählens. Niemand erklärt, warum die Zellenwände mit Scheiße beschmiert sind (der "schmutzige Protest" war der Vorläufer des Hungerstreiks). Das Ziel des Streiks – die Wiederanerkennung der Häftlinge als politische Gefangene – bleibt verschwommen. Figuren erscheinen und verschwinden ohne Vorwarnung. Viele berührende Einzelheiten sind ausgelassen: Bobby Sands’ Gedichte beispielsweise oder dass die Gefangenen Gälisch gesprochen und den Vögeln im Gefängnishof Maden zugeworfen haben.