Operation Opera: Am 7. Juni 1981, kurz vor vier Uhr nachmittags, steigen acht F-16A vom israelischen Sinai-Stützpunkt Etzion auf, jede mit drei Zusatztanks und zwei 900-Kilo-Bomben. Im schleppenden Tiefflug geht es über Saudi-Arabien in Richtung Irak. Geleit fliegen sechs F-15A, ihr Ziel ist das Atomzentrum Al Tuwaitha nahe Bagdad, genauer: der Osirak-Reaktor, der in diesem Sommer hochgefahren werden soll. Um 18.35 Uhr ist die Betonkuppel im Visier. Aus 2000 Meter Höhe attackieren die F-16 paarweise; alle 16 Bomben treffen im Fünf-Sekunden-Takt und begraben Saddams Traum von der arabischen Bombe unter geborstenem Beton und geschmolzenem Stahl. Die Israelis sind schon im Steigflug auf zwölf Kilometer, als die Flak zu hämmern beginnt. Perfektes Timing: Die Irakis waren beim Abendessen.

So einfach würde es heute in Iran nicht sein. Der Angriff wäre kein Nachmittagsausflug zu einem einzigen Bombenziel, sondern ein echter Luftkrieg über 2000 Kilometer gegen einen sehr viel intelligenteren Feind, mit einer target list, wie es im Militärjargon heißt, die mindestens ein Dutzend Punkte enthält, die iranischen Flugbasen und Abwehrbatterien noch nicht eingerechnet.

Warum reden dann so viele über einen israelischen Angriff? Weil in diesem Juli die psychologische Kriegführung eskaliert – ohne erkennbare Regie, aber für Jerusalem und Washington, Kairo und Riad höchst willkommen. Es beginnt mit der Auslassung des redseligen US-Vizepräsidenten Joe Biden am 5. Juli, die Jerusalem freie Hand zu geben schien: »Israel kann selber entscheiden, was in seinem Interesse ist, sei es gegenüber Iran oder irgendeinem anderen Land.« Ob das ein »grünes Licht« sei, will CNN zwei Tage später von seinem Chef Barack Obama wissen. »Auf keinen Fall«, aber »wir können einem anderen Land nicht seine Sicherheitsinteressen diktieren«. Zugleich doziert Stabschef Mike Mullen: Wer Iran stoppen wolle, müsse es bald tun, denn das »Zeitfenster schließt sich«. Dann: »Alle Optionen bleiben auf dem Tisch, ganz gewiss die militärische«, die er allerdings für höchst gefährlich hält und eher Israel unterstellt.

Zur selben Zeit (5. Juli) fabuliert die britische Sunday Times, die Saudis hätten »stillschweigend« der israelischen Luftwaffe den eigenen Luftraum zum Überflug angeboten. Das habe eine »diplomatische Quelle« erzählt; es folgten die Dementis aus Jerusalem und Riad. Elf Tage später legt die Schwesterzeitung nach: Der Jerusalem-Korrespondent der Times präsentiert einen »israelischen Offiziellen«, der von »ernsthaften Vorbereitungen« plaudert. Von welchen?

Im Mai wollte L’Express erfahren haben, dass die Luftwaffe einen »Angriff« auf Gibraltar geübt hätte; über eine doppelte Distanz wie die zwischen Israel und Iran. Nun berichtet die Times atemlos von zwei »Raketenkriegsschiffen«, die den Sueskanal durchquert hätten, praktisch in der Blasenspur eines UBoots der Dolphin -Klasse, das atomar bestückt werden kann. Bloß war da das Boot längst wieder daheim. Bei den Korvetten handelte es sich um die Sa’ar-5- Klasse, die in der Tat Fernlenkwaffen tragen. Bloß hatte die Times nicht bedacht, dass die »Sturm«-Boote 5000 Kilometer um die Arabische Halbinsel herumschippern müssten, dann noch mal 1000 den Golf hinauf, wo die Marine des Todfeindes lauert – und auch dann könnten ihre Harpoon AG-84A (120 Kilometer Reichweite) noch lange nicht Natanz und Isfahan, zwei Hauptziele weit im Inland, treffen.

Noch fantastischer klang die Kunde, wonach diese Manöver just zu einer Zeit abliefen, da »westliche Diplomaten« den Israelis einen reizvollen Deal hingelegt hätten: Ja zu einem Angriff, wenn Jerusalem einen Palästinenserstaat befördere. Da wollten auch die deutschen Medien nicht zurückstehen. Bild fragt wissend am 16. Juli: »Zerstört Israel noch in diesem Sommer Irans Atomanlagen?« Am selben Tag zitiert der Stern »BND-Fachleute« mit der Voraussage, wonach die Iraner »in einem halben Jahr die Uranbombe zünden« könnten. In der Welt war’s »Jetzt oder nie«. Denn: Werde im September erst der Leistungsreaktor in Bushehr hochgefahren, mutmaßt der Autor Hans Rühle, könne er nur »um den Preis einer Umweltkatastrophe« zerlegt werden.

So sieht die sommerliche Kriegskulisse aus – zum Teil inspiriert, zum Teil ausgedacht. An dieser basteln auch die russischen Freunde mit, die nicht liefern, was sie den Iranern, so israelische Quellen, versprochen hätten: das S-300PMU-2 -Abwehrsystem, das über große Distanzen höchst effektiv sein soll gegen allerlei, womit die Israelis schießen könnten – Raketen, Marschflugkörper, Flugzeuge.

Wer etwas über Israels Pläne weiß, redet nicht – wer redet, weiß nichts

Verbirgt sich in der Kulisse ein Krieg? Vorweg soll natürlich der Druck die Gewaltoption ersparen, die Iraner empfänglich fürs Diplomatische machen, das seit 2003, als die EU den Dialog mit Iran begann, in der Vergeblichkeit verharrt. Kommt also »Operation Opera, Teil 2«? Es gilt auch hier ein altes Kissinger-Prinzip. Als der in der Ära Nixon einmal von neugierigen Reportern gepiesackt wurde, witzelte er: »Wenn ich es nicht wüsste, würde ich es euch sagen.« So auch heute in Israel: Wer es weiß, redet nicht; wer es nicht weiß, plappert. Uzi Arad, Benjamin Netanjahus »Kissinger«, sagt ganz kühl: »Ich bin nicht befugt, zu sagen, was Israels Regierung denkt – oder was die amerikanische denkt.«

Es gibt sehr gute Gründe, weshalb Israel dem Lande der Ajatollahs die Waffen aus der Hand schlagen will, bevor sie geladen sind. Irans Apologeten behaupten zwar, Ahmadineschad habe nie von der »Ausradierung« Israels gesprochen. Aber wie nennt man es, wenn er, wie zuletzt im April in Isfahan, ruft: »Dieser Götze des Zionismus muss zerschmettert werden, um die Menschheit zu retten!« Blumige Metaphorik? Darauf kann sich keine israelische Regierung verlassen, zumal solche Sprüche zwanghaft wiederholt werden und die »Endlösung«, anders als der Präsident ständig geifert, kein Hirngespinst war. Auch hatte Hitler keine Atombomben.