Wirtschaftswissenschaft, da denkt man an Handelsbilanzen, Arbeitsmarktzahlen und Konjunkturprognosen. Das Thema des Ökonomen Ernst Fehr aber ist der Hunger nach Gerechtigkeit. Er beschäftigt sich auch mit den Grundlagen von Vertrauen und Kooperation. Fehrs Arbeiten zählen zu den meistzitierten der modernen Wirtschaftswissenschaften. Wer den aus Vorarlberg in Österreich stammenden Forscher treffen will, tut gut daran, sich Monate vorher um das Gespräch zu bemühen. Auf seinem Schreibtisch an der Züricher Universität steht ein weißer Porzellankopf aus dem 19. Jahrhundert. Darauf ist eingezeichnet, wo im Kopf nach damaliger Vorstellung welches Gefühl seinen Sitz habe.

ZEITmagazin: Professor Fehr, wann waren Sie zuletzt über eine Ungerechtigkeit wütend?

Ernst Fehr: Bei der Zeitungslektüre heut früh. In der Diskussion um die Managerboni empfinde ich so wie fast alle. Wenn Vorstände mit riesigem Einkommen, die in den vergangenen Jahren ihr Unternehmen ruiniert haben, eine Millionenzahlung verlangen und bekommen, regt das die Öffentlichkeit zu Recht auf.

ZEITmagazin: Sie sind ein Fachmann für Gefühle in der Ökonomie. Das ist ungewöhnlich: Ihre Wissenschaft gilt als eine, die kalt auf die Welt blickt.

Fehr: Zu Unrecht. Zwar unterstellt die klassische Wirtschaftswissenschaft dem Menschen, völlig rational und eigennützig zu handeln. Trotzdem spielten Emotionen unausgesprochen in ihr immer eine Rolle.

ZEITmagazin: Die Gier.

Fehr: Oder Angst. Nur nennen meine Kollegen dies eben nicht Gefühle, sondern »Präferenzen«. So wie Sie vielleicht lieber Schokolade kaufen als Sauerkraut, haben Sie eben auch eine Präferenz, Risiken zu meiden oder zu suchen. Bei Entscheidungen spielen Emotionen eine Rolle.

ZEITmagazin: Wenn es eine Präferenz für Gerechtigkeit gibt, hat die Wirtschaftswissenschaft die längste Zeit davon geschwiegen.

Fehr: Die Ökonomie hat sie systematisch ausgeblendet. Natürlich ist Eigennutz ein sehr wichtiges Motiv. Aber wir mussten erst den Beweis dafür antreten, welchen Fehler man macht, wenn man daneben Antriebe wie Gerechtigkeitssinn und Altruismus einfach unter den Tisch kehrt. Lange wurden wir dafür belächelt.

ZEITmagazin: Die vorherrschende Ideologie war, dass eine Wirtschaft am besten funktioniert, wenn man nur das Profitstreben bestärkt. Dass dies dermaßen gründlich danebenging, müsste Ihnen doch eine Genugtuung sein.

Fehr: Ist es. Leider müssen nun aber diejenigen die Rechnung bezahlen, die für das Desaster nichts können.

ZEITmagazin: Sie müssen schon früh ein starkes Bedürfnis nach Gerechtigkeit empfunden haben. Angeblich begannen Sie mit dem Studium der Wirtschaftswissenschaften, weil Sie hofften, damit zu einem besseren Los der Entwicklungsländer beitragen zu können. Haben Sie das wirklich geglaubt?

Fehr: Ja. Ich wurde in der Studentenbewegung der späten siebziger Jahre politisiert, da war Entwicklungspolitik wichtig.

ZEITmagazin: Sie gehörten einer Gruppe namens Roter Börsenkrach an.

Fehr: Nun ja. Einer unserer Professoren überzeugte mich, dass man das, was man kritisiert, gut kennen muss. So lernte ich neoklassische Ökonomie, das nützt mir bis heute. Gleichzeitig aber habe ich mein Fach immer als zu engen Rahmen empfunden. Statt Schumpeter, den bedeutenden österreichischen Ökonomen, las ich lieber Sigmund Freud .

ZEITmagazin: Sie liebäugelten auch mit Theologie. Wollten Sie Priester werden?

Fehr: Ich konnte es mir vorstellen. Ich komme aus einer katholischen Gegend und hatte die lateinamerikanischen Befreiungstheologen gelesen. Das linke Christentum brachte mich überhaupt erst zur Politik.