ZEITmagazin: Nun könnte man vermuten, dass Altruismus glücklich macht. Umgekehrt wäre auch denkbar, dass glückliche Menschen von sich aus selbstloser sind.

Fehr: Genau das ist das Problem: Wir wissen noch nicht, was Ursache ist und was Wirkung. Darum will meine Institutskollegin Tania Singer es nun mit Methoden versuchen, wie sie der Dalai Lama empfiehlt. Sie möchte Laien in einer buddhistischen Meditation unterweisen, die das Mitgefühl stärken soll, und dann messen, wie sich die Gehirne, das Empfinden und das Verhalten mit der Zeit verändern. Vielleicht hilft uns das weiter.

ZEITmagazin: Die andere Richtung betrachtend, gibt es schon wunderbare Experimente. Die gehen ungefähr so: Ich lasse Sie eine Münze finden. Ihre Stimmung wird danach etwas gehoben sein. Und tatsächlich stellt sich heraus, dass sich Menschen nach solch einem Ereignis regelmäßig als großzügiger und hilfsbereiter erweisen.

Fehr: Wem Gutes widerfahren ist, der will es weitergeben. Aber wenn es sich so verhält, fehlt uns doch auch hier, wie leider sehr oft, eine rechte Vorstellung davon, was genau dabei in uns passiert.

ZEITmagazin: Generell ist beklagenswert wenig darüber bekannt, wie sehr die äußeren Umstände unser Handeln bestimmen. Würde dieses Rätsel gelöst, so könnten wir möglicherweise unsere Kinder zu mehr Altruismus erziehen.

Fehr: Die Mechanismen des Altruismus zu verstehen wäre ein notwendiger erster Schritt – aber leider keine Garantie für ein Gelingen. Denken Sie nur daran, wie viel Mühe Eltern aufwenden, um ihren Kindern Selbstkontrolle anzuerziehen. Bei manchen ist das erfolgreich, andere Menschen bleiben ihr Leben lang impulsiv. Und dann bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob wir überhaupt allen Menschen einen tiefen Gerechtigkeitssinn einpflanzen sollten.

ZEITmagazin: Warum nicht?

Fehr: Weil es ein Erfolgsgeheimnis der Marktwirtschaft ist, dass sie bestimmte Vorgänge dem Gerechtigkeitssinn entzieht. Darum messen wir dem Eigentum so hohen Wert bei. Wir haben Stämme in Neuguinea untersucht, deren Mitglieder alles, was sie bekommen, sofort teilen müssen. Ihnen fehlt jeder Anreiz zur Anstrengung. Das Gleichheitsprinzip kann den wirtschaftlichen Fortschritt behindern.

ZEITmagazin: Sie haben die Gepflogenheiten des Teilens in mehr als einem Dutzend verschiedener Stammesgesellschaften der Welt studiert. Ich frage mich, ob sich die Kultur von Sammlern im Urwald Neuguineas etwa mit der von mongolischen Hirten überhaupt vergleichen lässt.

Fehr: Wir ließen überall dasselbe Spiel spielen. Dieses gab uns Aufschluss darüber, wie viel von einem Geschenk die Spieler an andere abzugeben bereit waren und welches Teilungsverhältnis sie als gerecht empfanden. Die Unterschiede waren riesig. Ein Extremfall waren die Machiguenga im peruanischen Regenwald, die so gut wie überhaupt nichts herausrückten. Diese Menschen verhalten sich tatsächlich so, wie es die traditionelle Wirtschaftswissenschaft eigentlich von uns allen erwartet. Das Wirtschaftssystem der Machiguenga ist freilich sehr primitiv.

ZEITmagazin: Der edle Wilde ist ein Mythos.

Fehr: Oh ja. Wie wir im Gegenteil herausfanden, teilen die Menschen umso bereitwilliger, je mehr sie das Handeln und Tauschen gewohnt sind. Sie wissen, dass sie zu aller Vorteil das eine Mal etwas abgeben müssen, das andere Mal etwas bekommen. Und der Markt hat sie gelehrt, den Wert verschiedener Güter miteinander zu vergleichen.

ZEITmagazin: Das heißt also: Selbst wenn uns eine Art Gerechtigkeitssinn angeboren ist, so müssen wir dennoch den Umgang damit trainieren.

Fehr: Ja. Und Sie können Umgebungen schaffen, die Menschen in ihren altruistischen Anlagen bestärken – oder diese abtöten. Ein Kollege hat zwei Fahrradkurierfirmen verglichen. In der einen bekommen die Leute Stundenlöhne, in der anderen werden sie für geleistete Aufträge bezahlt. Bei einem Experiment ähnlich dem Vertrauensspiel erwiesen sich die Kuriere der Firma mit den Stundenlöhnen als weit altruistischer als ihre Kollegen, die unter Akkord arbeiteten. Anscheinend hatten sich Letztere einfach daran gewöhnt, dass jeder sich selbst der Nächste ist.

ZEITmagazin: Haben wir uns nicht alle daran gewöhnt? Dass jeder mit einer angeblich leistungsgerechten Bezahlung angespornt werden soll, sein Bestes zu geben; das war doch das Mantra der letzten zehn Jahre.

Fehr: Gewiss war es eine Fehlentwicklung, das Geld dermaßen in den Vordergrund zu stellen. Bezahlung ist ein wichtiger Anreiz, aber eben nicht der einzige. Persönlich glaube ich, dass der Wunsch nach Anerkennung uns viel mehr bewegt, jedenfalls wenn eine gewisse Summe erreicht ist. Ein Spitzenbanker arbeitet 70 Stunden pro Woche, egal, ob man ihm nun eine halbe Million jährlich dafür bezahlt oder zehn Millionen.

ZEITmagazin: Wir reden hier ja auch die ganze Zeit über Geld. Dabei gibt es viele andere Ausprägungen von Gerechtigkeit – etwa Gleichheit von Chancen oder auch vor einem Gericht. Die spielen in Ihren Untersuchungen kaum eine Rolle.