Biografie
»Das war wunderbar«
Ein reiches Leben: Die »unvollständigen Erinnerungen« von Inge Jens
Eine persönliche Notiz voraus. Als der Autor dieser Betrachtung 1994 im Begriff war, seinen biografischen Versuch über Thomas Mann abzuschließen, fehlte ihm der letzte Band der Tagebücher, deren Kommentierung die Herausgeberin Inge Jens noch nicht völlig abgeschlossen hatte. Sie zögerte dennoch keinen Augenblick, dem Verfasser eine Kopie des Journals und ihrer Anmerkungen zu schicken. Ohne ihre kollegiale Hilfsbereitschaft, die sich im akademischen Milieu nicht von selber versteht, hätte die Lebens- und Werkbeschreibung zum vorgesehenen Termin nicht abgeschlossen werden können. Und ein Übriges: Walter Jens machte sich die Mühe, das Manuskript sorgsam zu lesen, und er stieß in der Tat auf einige gravierende Fehler, die dem Autor – völlig zu Recht – mit ernst gefalteter Stirn vor die Nase gehalten worden wären. So wird es die Leser – und Inge Jens – nicht zu sehr erstaunen, dass der Grundton dieser Rezension (trotz mancher Fragen und Einwände) von der aufrichtigen Dankbarkeit des Autors bestimmt ist.
Um es gleich zu sagen: Die Edition der Tagebücher TMs, die Inge Jens nach dem Tod des eher hastig arbeitenden Vorgängers Peter de Mendelssohn mit sensibler Sorgfalt und einer geradezu frappierenden Kenntnis der Zeitgeschichte weiterführte, darf als ihre bedeutendste Leistung betrachtet werden, auf die sie durch die Herausgabe der Briefe Thomas Manns an seinen problematischen Freund Ernst Bertram (der aus dem Dunstkreis Stefan Georges kam) gründlich vorbereitet war. Friedrich Sieburg erteilte ihr schon damals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gleichsam den Ritterschlag: Ihre Arbeit, schrieb der scharfsinnige Nestor der deutschen Literaturkritik, sei »über jedes Lob erhaben. Sie hat den seltenen Fall geschaffen, dass der Leser die Anmerkungen mit dem gleichen Eifer studiert wie den Text selbst. Die Genauigkeit, die Sachkenntnis und die ausgezeichnete stilistische Fassung geben diesen Noten das Gewicht einer selbständigen Leistung«.
Man glaubt es Inge Jens sehr wohl, dass dieses Urteil »nicht wenig zur weiteren Stärkung« ihres »Selbstbewusstseins beitrug«. Das brauchte die Frau an der Seite des brillanten Rhetorikprofessors Walter Jens, der – trotz seines guten Willens zu einer gleichrangigen Partnerschaft – ihre Arbeit und ihren Alltag mit seinem Ruhm überstrahlte. Nur: Sieburgs preisende Worte wären uns noch ein wenig tiefer ans Herz gegangen, hätte Inge Jens mit zwei Sätzen angedeutet, dass die Mitglieder der »Gruppe 47«, zu deren zentralen Persönlichkeiten Walter Jens von Beginn an zählte, dem Grandseigneur teutonische Gartenzwerge dutzendweise ins Haus geschickt haben, um sich für seine ironisch-kritischen Anmerkungen zur Dominanz von Hans Werner Richters Ensemble im Literaturbetrieb auf eher infantile Weise zu rächen.
Unter dem klugen Titel Unvollständige Erinnerungen sind freilich (fast) alle Auslassungen und Verkürzungen erlaubt – zumal sich Inge Jens um eine fast spröde Kargheit der Erzählung bemühte, wie sie ihrer strengen, sehr norddeutschen Erscheinung angemessen zu sein scheint. Manchmal allerdings scheint die Knappheit ihres Berichtes der Realität nicht ganz gerecht zu werden. Mit einer Unschuld, die aufmerken lässt, bemerkte sie in der Ouvertüre des Buches, »die ersten zwölf, vierzehn Jahre« ihres Lebens seien »unbeschwert und glücklich« gewesen, »geborgen im Kreis einer großen Familie«. Der Vater war – ohne ein rechter Nazi zu sein – immerhin Sturmführer der SS, Inge diente (wie es Pflicht war) als Jungmädel und BDM-Führerin. Die Eltern, vermutet sie, hätten zwar nichts von Vernichtungslagern gewusst, »aber doch von Internierungscamps« (gleich KZ) »und politisch motiviertem Hass. Aber wir Kinder erfuhren nichts. Der Ausdruck ›Jude‹, den ich doch mit Sicherheit gehört haben muss, bleibt in den Erinnerungen an meine Kinder und Jugendjahre ein bloßes Wort, eine Vokabel ohne Kontext.«
Aber wie konnte das zugehen? Der Stürmer mag ihr nie in die Hände geraten sein, aber dann und wann wird sie eine Zeitung aufgeschlagen, wird sie im Kino eine Wochenschau gesehen haben – und sie begegnete niemals einer Juden-Karikatur, die den Hass der Nazis anzeigte? Drang von den Nürnberger Rassengesetzen niemals auch nur ein Hinweis auf die Schikanen an ihr Ohr? Den Eltern mochte die Zugehörigkeit zur lutherischen Kirche nicht allzu wichtig sein, aber fiel bei Tisch oder in der Schule niemals das Stichwort »Kirchenkampf«?
Erst 1942, mit den ersten Bombenangriffen auch auf Hamburg, scheint die Realität des Krieges und der Diktatur in ihr Leben eingebrochen zu sein. Doch die Augen über das verrottete Wesen des »Dritten Reiches« gingen ihr erst so recht auf, als der Tübinger Studentin ein hanseatischer Hausgenosse den Roman Das Siebte Kreuz von Anna Seghers zur Lektüre empfahl (es war, das versteht sich, Walter Jens) – die beklemmende Flüchtlingsgeschichte aus dem Untergrund des Nazi-Regimes, die ihr prompt wieder einfiel, als sie und ihr Mann, der Professor, während des zweiten Golfkrieges einen amerikanischen Deserteur bei sich aufnahmen (dem freilich nicht die Todesstrafe und ihren Beschützern keine zu böse Verfolgung drohte); sie erwähnte die Gefahren der Pershing-Stationierung – die sowjetischen Mittelstreckenraketen SS20, die längst in Osteuropa stationiert waren, schienen für sie und ihre Mitkämpfer nicht zu existieren. Es kam ihr hernach auch nicht in den Sinn, dass nicht der Protest der Friedensbewegung, sondern die strategische Erpressung der Vernunft auf die Sprünge geholfen und die beiden großen Nuklearmächte zu einem Vertrag über die Verschrottung des Mittelstrecken-Potenzials gezwungen hat.
Inge Jens’ Buch ist, gottlob, nicht zu einer Parade der Prominenz geworden, wie es so viele alterseitle Memoiren sind. Doch manchen der Freundschaften hätte man eine nicht ganz so flüchtige Darstellung gewünscht: zumal in der Schilderung der Trias, die sich gegen elf Uhr im Hinterzimmer einer Buchhandlung in Schatten der Stiftskirche zu treffen pflegte – Ernst Blochs Großvaterstuhl stets in der Mitte. Dort wurde, kein Zweifel, handfeste Universitätspolitik getrieben – ein Machtzentrum für die geisteswissenschaftlichen Abteilungen ohne Zweifel. Sie allesamt schienen sich in dem spitzgiebligen Städtchen hoch überm Neckar zwischen Stift und Hölderlin-Turm mit seiner geradezu einschüchternden Tradition geborgen zu fühlen, ja, sie schienen die schwäbische Wahlheimat umso tiefer zu lieben, da sich eine gewisse Fremdheit in der Provinz des »Geischtes« niemals ganz aufzuheben schien – trotz der intensiven Versenkung der beiden in die 500 Jahre Universitätsgeschichte, die – anders zum Beispiel als Samuel Eliot Morrisons bravouröse Geschichte von 300 Jahren Harvard University – kein großer Wurf geworden ist, leider.
Dennoch: »Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein«, pries der alte Bloch sein Tübinger Glück mitunter bei den Frühschoppen-Gesprächen im Hinterzimmer der Buchhandlung Gastl. Aber er kündigte auch in seiner biblisch-mystischen Dämmersprache an: »Von hier muss es ausgehen!« Aber was? Die Wiedergeburt des Sozialismus, wie sie der gottlos-fromme Prophet Bloch herbeizuträumen versuchte? Er selber hatte wohl längst vergessen, dass er einst ein strammer Stalinist, ja ein Verteidiger der großen »Säuberung« in den dreißiger Jahren war. Kein Wort davon, dass sich nach Erzvater Blochs Hinschied der überbrillante, geradezu übergebildete Hans Mayer und Walter Jens bitter verfeindet hatten, weil es dem Rhetoriker zugefallen war, die Gedenkrede für den Übervater zu halten? Kein Wort auch über die böse Entzweiung mit Reich-Ranicki, der dem Sohn Tilman Jens den Bericht über seine angebliche Agententätigkeit in London so wenig verzieh wie seinen Einbruch ins Haus des armen Uwe Johnson, der nicht lange zuvor dem Alkoholismus erlegen war…
Nicht in ihrem Buch, sondern in einem Spiegel- Interview verteidigte Inge Jens das Buch des Sohnes über die Demenz des Vaters, die Jens junior als eine Konsequenz der hartnäckigen Verdrängung der NSDAP-Mitgliedschaft des Papas erklären zu meinen glaubte: eine hirnrissige These, die auch die gütige Mama nicht im Ernst rechtfertigen könnte. Sie selber beschreibt den Verfall des geliebten Mannes und ihr Leiden an der täglichen Koexistenz mit dem Kranken in einer bewegenden Aufrichtigkeit, ohne Beschönigung, ohne Sentimentalität, mit einer disziplinierten Trauer, voller Würde. Sie deutet nichts davon an, aber der Leser fragt sich, ob es nicht die heimliche Tragik des glänzenden Intellektuellen Walter Jens gewesen sein könnte, dass ihm in seinen Romanen und Nachdichtungen niemals der große literarische Durchbruch gelang? Trug dieser zeitlebens tapfer verborgene Schmerz nicht zum Verfall der Persönlichkeit bei? Wir wissen es nicht, und Inge Jens lässt sich auf keine Spekulationen ein.
Der Kranke erlebt – dank der sorgenden Nähe seiner Frau – noch immer Augenblicke, von denen er sagt, »das war wunderbar«. Dies sind die letzten Worte des Buches, dessen harmonisierende Auslassungen von einer Haltung bestimmt sein mögen, die den Deutschen erst nach 1945 im Zeichen ihrer »Verwestlichung« und »Europäisierung« gelang: dem Willen zum Glück. Dieses Erinnerungsbuch ist das Zeugnis einer großen Lebenstapferkeit und des simplen Anstands, die keinen Leser – am wenigsten den kritischen – unberührt lassen.
- Datum 24.7.2009 - 15:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.07.2009 Nr. 31
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Für mich sind (bisher) Inge Jens' Erinnerungen das Buch des Jahres. - Aber kein Ersatz für Walters Jens' eigene, nicht mehr leistbare Autobiografie.
"Unvollständig ...": ja!
MRR wird mit keinem Buchstaben, keinem Bild erwähnt. - Ebenso Friedo Mann, dessen Erinnerungen im Vorjahr für mich die wichtigste Jahreslektüre war ("Achterbahn. Ein Lebensweg". Rowohlt Verlag, Reinbek 2008 - FM erwähnte W. Jens auch nur an einer Stelle: im Kontext mit dessem Buch "Anwälte der Humanität"; mit Hans Küng verfasst).
Frau Jens arbeitete wg. der Tagebücher TM.s mit Golo Mann zusammen. Das hatte perspektivische Folgen.
Aufklärerin (und andere Aufklärer ...) des 20. Jh.: die Jensens, Harpprecht und Frido Mann. ... (Da fallen wir nur wenige andere ein.)
Es gibt nichts Wunderbares, außer wenn liebende Menschen es sich schenken.
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