Biografie »Das war wunderbar«Seite 2/2
Inge Jens’ Buch ist, gottlob, nicht zu einer Parade der Prominenz geworden, wie es so viele alterseitle Memoiren sind. Doch manchen der Freundschaften hätte man eine nicht ganz so flüchtige Darstellung gewünscht: zumal in der Schilderung der Trias, die sich gegen elf Uhr im Hinterzimmer einer Buchhandlung in Schatten der Stiftskirche zu treffen pflegte – Ernst Blochs Großvaterstuhl stets in der Mitte. Dort wurde, kein Zweifel, handfeste Universitätspolitik getrieben – ein Machtzentrum für die geisteswissenschaftlichen Abteilungen ohne Zweifel. Sie allesamt schienen sich in dem spitzgiebligen Städtchen hoch überm Neckar zwischen Stift und Hölderlin-Turm mit seiner geradezu einschüchternden Tradition geborgen zu fühlen, ja, sie schienen die schwäbische Wahlheimat umso tiefer zu lieben, da sich eine gewisse Fremdheit in der Provinz des »Geischtes« niemals ganz aufzuheben schien – trotz der intensiven Versenkung der beiden in die 500 Jahre Universitätsgeschichte, die – anders zum Beispiel als Samuel Eliot Morrisons bravouröse Geschichte von 300 Jahren Harvard University – kein großer Wurf geworden ist, leider.
Dennoch: »Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein«, pries der alte Bloch sein Tübinger Glück mitunter bei den Frühschoppen-Gesprächen im Hinterzimmer der Buchhandlung Gastl. Aber er kündigte auch in seiner biblisch-mystischen Dämmersprache an: »Von hier muss es ausgehen!« Aber was? Die Wiedergeburt des Sozialismus, wie sie der gottlos-fromme Prophet Bloch herbeizuträumen versuchte? Er selber hatte wohl längst vergessen, dass er einst ein strammer Stalinist, ja ein Verteidiger der großen »Säuberung« in den dreißiger Jahren war. Kein Wort davon, dass sich nach Erzvater Blochs Hinschied der überbrillante, geradezu übergebildete Hans Mayer und Walter Jens bitter verfeindet hatten, weil es dem Rhetoriker zugefallen war, die Gedenkrede für den Übervater zu halten? Kein Wort auch über die böse Entzweiung mit Reich-Ranicki, der dem Sohn Tilman Jens den Bericht über seine angebliche Agententätigkeit in London so wenig verzieh wie seinen Einbruch ins Haus des armen Uwe Johnson, der nicht lange zuvor dem Alkoholismus erlegen war…
Nicht in ihrem Buch, sondern in einem Spiegel- Interview verteidigte Inge Jens das Buch des Sohnes über die Demenz des Vaters, die Jens junior als eine Konsequenz der hartnäckigen Verdrängung der NSDAP-Mitgliedschaft des Papas erklären zu meinen glaubte: eine hirnrissige These, die auch die gütige Mama nicht im Ernst rechtfertigen könnte. Sie selber beschreibt den Verfall des geliebten Mannes und ihr Leiden an der täglichen Koexistenz mit dem Kranken in einer bewegenden Aufrichtigkeit, ohne Beschönigung, ohne Sentimentalität, mit einer disziplinierten Trauer, voller Würde. Sie deutet nichts davon an, aber der Leser fragt sich, ob es nicht die heimliche Tragik des glänzenden Intellektuellen Walter Jens gewesen sein könnte, dass ihm in seinen Romanen und Nachdichtungen niemals der große literarische Durchbruch gelang? Trug dieser zeitlebens tapfer verborgene Schmerz nicht zum Verfall der Persönlichkeit bei? Wir wissen es nicht, und Inge Jens lässt sich auf keine Spekulationen ein.
Der Kranke erlebt – dank der sorgenden Nähe seiner Frau – noch immer Augenblicke, von denen er sagt, »das war wunderbar«. Dies sind die letzten Worte des Buches, dessen harmonisierende Auslassungen von einer Haltung bestimmt sein mögen, die den Deutschen erst nach 1945 im Zeichen ihrer »Verwestlichung« und »Europäisierung« gelang: dem Willen zum Glück. Dieses Erinnerungsbuch ist das Zeugnis einer großen Lebenstapferkeit und des simplen Anstands, die keinen Leser – am wenigsten den kritischen – unberührt lassen.
- Datum 24.07.2009 - 16:02 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 23.07.2009 Nr. 31
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Für mich sind (bisher) Inge Jens' Erinnerungen das Buch des Jahres. - Aber kein Ersatz für Walters Jens' eigene, nicht mehr leistbare Autobiografie.
"Unvollständig ...": ja!
MRR wird mit keinem Buchstaben, keinem Bild erwähnt. - Ebenso Friedo Mann, dessen Erinnerungen im Vorjahr für mich die wichtigste Jahreslektüre war ("Achterbahn. Ein Lebensweg". Rowohlt Verlag, Reinbek 2008 - FM erwähnte W. Jens auch nur an einer Stelle: im Kontext mit dessem Buch "Anwälte der Humanität"; mit Hans Küng verfasst).
Frau Jens arbeitete wg. der Tagebücher TM.s mit Golo Mann zusammen. Das hatte perspektivische Folgen.
Aufklärerin (und andere Aufklärer ...) des 20. Jh.: die Jensens, Harpprecht und Frido Mann. ... (Da fallen wir nur wenige andere ein.)
Es gibt nichts Wunderbares, außer wenn liebende Menschen es sich schenken.
Dieses Wort mag im süddeutschen Pfarrhaus vielleicht öfters erwähnt worden sein. Ich (Jahrgang 1927) war das Enkelkind eines liberalen Pfarrers aus Thüringen und wuchs in Bayern auf. Von "Deutschen Christen" hatte ich gehört, da ein solcher Nachfolger meines Großvaters war.
Den Begriff "Kirchenkampf" habe ich, obwohl Schülerin einer Hermann-Bezzel-Schule erst lange nach dem Krieg kennengelernt.
Der "Dienst" bei den Jungmädeln verlief bei uns in München recht harmlos. Über die Jugend des Führers sind wir bei den wenigen Heimnachmittagen nicht hinausgekommen.
Dachau war für uns ein Begriff. Ich wusste, dass man dorthin geschickt wird, wenn man etwas gegen die Nazis sagte. Als ich mit 11 Jahren meinen Vater vorlaut wissen ließ "wegen dieser Bemerkung könnte man Dich nach Dachau bringen", hörten alle politischen Gespräche in meiner Gegenwart auf. D.h. ich erfuhr auch nichts mehr über die KZs.
Ich glaube Inge Jens, dass sie wenig gewusst hat.
Nichts für ungut, Herr Harpprecht. Sie sind einer meiner liebsten Autoren überhaupt und ich gebe viel auf Ihre Meinung.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren