Sexualforschung Projekt Pink Viagra

Forscher versuchen seit Jahrzehnten, das Rätsel der weiblichen Sexualität zu lösen. Nun haben sie eine bahnbrechende Entdeckung gemacht

Wäre die Erde eine Frau, müsste man ihr Lustzentrum in Oberschwaben suchen, zwischen Schweinhausen und Schemmerhofen, etwas versteckt und nicht leicht zu finden in einem Nest namens Biberach, in dem derzeit eine Gruppe von Menschen in weißen Kitteln und unter Zeitdruck daran arbeitet, sie, einigen Hemmnissen zum Trotz, in Stimmung zu bringen. Sie setzen dabei übrigens nicht an ihren Genitalien an. Wäre die Erde eine Frau, würde sie bemerken, dass die Forscher sich für ihr Gehirn interessieren.

»Keine Sorge«, sagt der Mann, der für die Versuche die Verantwortung trägt, ein attraktiver, gepflegter und weltläufiger Herr, 60 Jahre alt, schlank, mit sportlich braun gebranntem Teint, der lange in den USA gelebt hat und seine Freizeit gerne auf dem Segelboot verbringt: »Es muss nicht Geschlechtsverkehr sein. Es geht nicht um number counting. Es geht um die Frage wirklicher sexueller Zufriedenheit, die von den Frauen auch als solche empfunden wird.« Manfred Haehl ist der Bereichsleiter Medizin von Boehringer Ingelheim, dem zweitgrößten deutschen Pharmaunternehmen. Als solcher ist er zuständig für die letzte Testphase eines Medikaments, das die Libido bei Frauen steigern soll. Damit seine Firma eine Chance hat in einem Markt, der sich zunehmend gegen die »Medikalisierung« abweichender Gefühlszustände zur Wehr setzt, muss er deutlich machen, dass sie bei Boehringer weibliche Lust nicht mit männlichem Trieb verwechseln. »Frauen brauchen Intimität, brauchen emotionale Signale. Für sie ist wichtig: Stimmt die Chemie?«

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Haehl sucht – außer nach wirtschaftlichem Erfolg – nach nichts Geringerem als der Lösung für das Rätsel der weiblichen Lust. Er glaubt, auch wenn er nun sehr gelassen tut, der Antwort inzwischen ziemlich nahe gekommen zu sein. Der Wirkstoff, den seine Firma gerade an 5000 Frauen in Europa und Nordamerika testet, heißt Flibanserin und soll auf das zentrale Nervensystem wirken, also in einem Bereich, in den bislang vor allem Antidepressiva und Neuroleptika vordringen durften. Es ist der pharmakologische Ausdruck einer Erkenntnis, die sich unter Sexualwissenschaftlern durchgesetzt hat: Weibliches Verlangen ist eine Kopfsache. Die mit dem Körper wenig zu tun hat. Das weiß jede Frau, die je tollen Sex hatte, ohne dass dabei ihr Puls raste. Aber nun ist es wissenschaftlich: Es gibt einen Graben, der sich in den vergangenen Jahren in den Daten der Forscher aufgetan hat, und er verläuft zur Abwechslung nicht nur zwischen Frauen und Männern, sondern innerhalb des weiblichen Körpers. Und das ist vielleicht die interessanteste Entdeckung der Sexualwissenschaft seit der Erforschung des weiblichen Orgasmus.

Am Anfang der Suche nach der Lust der Frau stand, wie eigentlich immer in der Sexualwissenschaft, der Phallus. Als 1998 Viagra auf den Markt kam, erprobte Pfizer den Wirkstoff auch an Frauen. Über mehrere Jahre wurde das Medikament, das die Blutzufuhr in den Genitalien verstärkt, an 3000 Probandinnen getestet, und das Ergebnis war, zumindest auf den ersten Blick, ähnlich wie bei den Männern: Viagra verbesserte auch bei den Frauen die Durchblutung an den entscheidenden Stellen. Es war genau der Effekt, der inzwischen geschätzte 35 Millionen Männer (Anwender von Generika und Raubkopien nicht eingerechnet) geschätzte 1,8 Milliarden Mal glücklich gemacht hat. Allein: Die Frauen waren nicht glücklich. Die Tatsache, dass ihre Schleimhäute anschwollen und dabei ein Sekret freisetzten, das üblicherweise als Beweis ihrer Lust angesehen wird, bedeutete ihnen nichts. Während Viagra Männern half, die wollten, aber nicht konnten, bemerkten viele Probandinnen die (messbaren) Veränderungen nicht einmal. Das weibliche Wesen, erkannten die Forscher schließlich, könne sämtliche Merkmale von Erregung aufweisen, ohne sich erregt zu fühlen.

2004 gab Pfizer den Versuch, mit Viagra auch die andere Hälfte der Welt zu erobern, auf. Die Pressemitteilung von damals las sich wie eine weitere Kapitulationserklärung in der langen, frustrierenden Beziehungsgeschichte zwischen männlich geprägter Wissenschaft und weiblicher Libido. »Die weibliche Erregungsstörung ist sehr viel komplexer als die Erektile Dysfunktion. Um sie zu diagnostizieren, müssen körperliche, emotionale und Beziehungs-Faktoren in Erwägung gezogen werden, und diese komplexen und voneinander unabhängigen Faktoren machen es sehr schwierig, die Wirkung eines Medikaments zu messen.«

Es klang wie ein Echo auf einen alten Satz, der Freud zugeschrieben wird: »Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: Was will die Frau?«

Eine junge Sexualpsychologin begann 1998 in Kanada, nach einer Antwort auf diese Frage zu forschen. Meredith Chivers, heute 36 Jahre alt, war über die Daten einer niederländischen Wissenschaftlerin gestolpert, die als eine der Ersten die genitale Erregung bei Frauen gemessen und mit ihrem Empfinden verglichen hatte. Chivers schnitt nun zu Forschungszwecken pornografisches Material zusammen: schwule, lesbische und heterosexuelle Pornografie sowie Szenen kopulierender Schimpansen. Sie fand Menschen, die bereit waren, sich an Messinstrumente andocken und die Durchblutung ihrer Genitalien messen zu lassen, während sie die Filme ansahen.

Leser-Kommentare
  1. so fragte einst S. Freud. Nach diesem Artikel fragt man zumindest: Was will Frau Faller? Sommerloch füllen? oder sonst noch was??

  2. Der Artikel bestätigt was Männer seit Generationen wissen:
    Frauen wissen nicht was sie wollen, selbst wenn sie es wollen :-)

    • Scampi
    • 23.07.2009 um 11:14 Uhr
    3. WOZU?

    Davon abgesehen, dass auch mir sich die Frage stellte, die tigurinus beschäftigt:

    "Viagra hilft Männern, etwas zu können, das sie sowieso wollen. Frauen können im Grunde immer, aber wollen häufig nicht."

    Mir ist irgendwie auch nicht so klar, warum ich ein Medikament kaufen und einnehmen sollte, das mich dazu bringt, etwas zu wollen, das ich eben NICHT will.

    Mir wurde mal von Anwerbern einer "Religionsgemeinschaft" die Frage gestellt:
    "Glauben Sie an Gott?"
    Ich: "Nein."
    Anwerber: "Würden Sie gerne an Gott glauben?"

    So ähnlich fühlt sich diese Idee für mich an.
    Ich verstehe, dass es Männer gibt, die gerne KÖNNEN würden, was sie WOLLEN, aber der umgekehrte Fall ist mir unverständlich.
    Nebenher frage ich mich noch: kann man solche Medikamente für anderes herstellen?
    Kann ich mir was verschreiben lassen, das mir Freude macht, Montags früh aufzustehen? Wird es ein Medikament geben, das mir Lust macht, CDU zu wählen? Bekommen wir in ein paar Jahren eine Tablette, die uns einredet, 200€ im Monat seien genug zum Leben?

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    There always seems to be something great in the personality of a great leader.
    Sadly history has shown that great folly will suffice.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sehr schöner Beitrag!!! Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.

    Dennoch denke ich das Frauen innerlich so sehr verspannt sein können, dass sie einfach nicht fähig dazu sind, entspannten Sex zu haben.
    Sei es wegen inneren Blockaden, Stress auf der Arbeit durch Familie und Freunde.

    Dennoch würde ich auch hier nicht zum Medikament greifen, sondern versuchen diese Probleme durch eine andere Lebensweise zu lösen. Da gäbe es z.B. weniger arbeiten, Yoga, sich mehr mit sich selbst auseinander setzen, zur Ruhe kommen etc.....

    Ich habe den Verdacht das der Kunde eines derartigen Medikaments auch nicht die Frau sondern Männer wären die naja, sagen wir mal eine Abkürzung nehmen wollen.

    Und ich wette den Jahresgehalt eines Bundesbankers, das Ihre Idee mit der Tablette die uns einredet 200,- Euro im Monat sind genug, garnicht so weit hergeholt ist....

    Sehr viele Frauen, die die Pille nehmen, leiden unter Libidoverlust. Und manche davon nur partiell: die wollen sehr wohl noch, können aber nicht so recht, weil die körperliche Reaktion ausbleibt...

    Ich denke, dass Wille und Lust zweierlei sind. Lustlosigkeit muss nicht bedeuten, dass man etwas nicht will, sondern kann auch ein Zeichen von Abgespanntheit, den-Kopf-nicht-frei-haben oder gar einer depressiven Verstimmung sein - übrigens auch bei Männern, ich muss das wissen, weil ich selbst einer bin. Wenn man also zu nichts Lust hat oder zu etwas nicht, was man eigentlich gern genießen möchte, ist das wahrlich kein angenehmer Zustand. Wenn es dann eine Methode gibt, diese Lust und damit die allgemeine Vitalität zu steigern, ist das durchaus begrüßenswert und hat nichts mit Gehirnwäsche zu tun.
    Was übrigens die Pille betrifft, die einen gern am Montag früh aufstehen lässt (würde es so etwas geben), die finde ich gar nicht so etwas Negatives. Wenn man es sowieso muss - was für einen vernünftigen Grund sollte es geben, sich lieber miesgelaunt aus dem Bett zu quälen? Natürlich ist es jedermanns - und fraus - gutes Recht, mit seiner Situation unzufrieden zu sein, ob er/sie nun ändern kann oder nicht.
    Aber wozu sich das Leben schwerer machen, als es ohnedies ist. Ich kenne so Leute, die ihre Situation künstlich schlecht reden und mir dasselbe versucht haben einzureden - nicht die angenehmsten Zeitgenossen, diese "Negaholiker".
    Was das Sexuelle betrifft: Wer notorisch keine Lust dazu hat und auch partout keine haben will, sollte den Anstand haben, keinen oder zumindest keinen sexbegeisterten Partner an sich zu binden, Treue zu verlangen und ihn so zu ewiger Sexlosigkeit zu verdammen.

    Wer Andere neben sich klein macht, ist nie groß.
    Johann Gottfried Seume

    Sehr schöner Beitrag!!! Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.

    Dennoch denke ich das Frauen innerlich so sehr verspannt sein können, dass sie einfach nicht fähig dazu sind, entspannten Sex zu haben.
    Sei es wegen inneren Blockaden, Stress auf der Arbeit durch Familie und Freunde.

    Dennoch würde ich auch hier nicht zum Medikament greifen, sondern versuchen diese Probleme durch eine andere Lebensweise zu lösen. Da gäbe es z.B. weniger arbeiten, Yoga, sich mehr mit sich selbst auseinander setzen, zur Ruhe kommen etc.....

    Ich habe den Verdacht das der Kunde eines derartigen Medikaments auch nicht die Frau sondern Männer wären die naja, sagen wir mal eine Abkürzung nehmen wollen.

    Und ich wette den Jahresgehalt eines Bundesbankers, das Ihre Idee mit der Tablette die uns einredet 200,- Euro im Monat sind genug, garnicht so weit hergeholt ist....

    Sehr viele Frauen, die die Pille nehmen, leiden unter Libidoverlust. Und manche davon nur partiell: die wollen sehr wohl noch, können aber nicht so recht, weil die körperliche Reaktion ausbleibt...

    Ich denke, dass Wille und Lust zweierlei sind. Lustlosigkeit muss nicht bedeuten, dass man etwas nicht will, sondern kann auch ein Zeichen von Abgespanntheit, den-Kopf-nicht-frei-haben oder gar einer depressiven Verstimmung sein - übrigens auch bei Männern, ich muss das wissen, weil ich selbst einer bin. Wenn man also zu nichts Lust hat oder zu etwas nicht, was man eigentlich gern genießen möchte, ist das wahrlich kein angenehmer Zustand. Wenn es dann eine Methode gibt, diese Lust und damit die allgemeine Vitalität zu steigern, ist das durchaus begrüßenswert und hat nichts mit Gehirnwäsche zu tun.
    Was übrigens die Pille betrifft, die einen gern am Montag früh aufstehen lässt (würde es so etwas geben), die finde ich gar nicht so etwas Negatives. Wenn man es sowieso muss - was für einen vernünftigen Grund sollte es geben, sich lieber miesgelaunt aus dem Bett zu quälen? Natürlich ist es jedermanns - und fraus - gutes Recht, mit seiner Situation unzufrieden zu sein, ob er/sie nun ändern kann oder nicht.
    Aber wozu sich das Leben schwerer machen, als es ohnedies ist. Ich kenne so Leute, die ihre Situation künstlich schlecht reden und mir dasselbe versucht haben einzureden - nicht die angenehmsten Zeitgenossen, diese "Negaholiker".
    Was das Sexuelle betrifft: Wer notorisch keine Lust dazu hat und auch partout keine haben will, sollte den Anstand haben, keinen oder zumindest keinen sexbegeisterten Partner an sich zu binden, Treue zu verlangen und ihn so zu ewiger Sexlosigkeit zu verdammen.

    Wer Andere neben sich klein macht, ist nie groß.
    Johann Gottfried Seume

    • Scampi
    • 23.07.2009 um 11:17 Uhr

    ist das etwas, das ich als Mann einfach nicht verstehen kann;-)

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    There always seems to be something great in the personality of a great leader.
    Sadly history has shown that great folly will suffice.

  3. ...und ewig lockt das Weib
    gab Zeiten da waren es 10 cm über den Knie...verrucht
    heute sind es 15 cm unter den Nabel
    die Rocklänge-kürze-höhe was auch immer, ist gemeint
    und nun noch eine Pille als Scharfmacher dazu,wozu das ganze
    nur gugn...nicht anfassen ...oder was
    lernt endlich Euch fallen lassen zu können liebe Frauen

  4. Sex, sexuelle Erregung als Leistungssport. Hat die Gesellschaft von heute nicht genug "Probleme" oberhalb der Gürtellinie, die man angehen sollte?
    Zumal die hier besprochene Studie nicht wirklich ein Problem der weiblichen Sexualität behandelt sondern eher ein fiktives Problemchen, das dem Konzern ordentlich Einnahmen bescheren soll. Wenn man dann, dank PR und Marketing, Pseudo-Artikel in Zeitungen und Zeitschriften platzieren kann, die hoffentlich den Frauen einreden, sie hätten ein Problem, wenn sie nicht alle fünf Minuten körperlich und geistig total "rattig" sein, ist doch alles in bester Ordnung...
    Die weibliche, "geistige" Erregung ist so komplex wie ein Drama von Shakespeare.
    Wenn der Partner vor einem nun mal nicht der "Bringer" ist, in Bezug auf die Erregung der körperlichen UND geistigen Ebene, dann wird da auch kein Medikament helfen.

  5. Sehr schöner Beitrag!!! Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.

    Dennoch denke ich das Frauen innerlich so sehr verspannt sein können, dass sie einfach nicht fähig dazu sind, entspannten Sex zu haben.
    Sei es wegen inneren Blockaden, Stress auf der Arbeit durch Familie und Freunde.

    Dennoch würde ich auch hier nicht zum Medikament greifen, sondern versuchen diese Probleme durch eine andere Lebensweise zu lösen. Da gäbe es z.B. weniger arbeiten, Yoga, sich mehr mit sich selbst auseinander setzen, zur Ruhe kommen etc.....

    Antwort auf "WOZU?"
  6. Ich habe den Verdacht das der Kunde eines derartigen Medikaments auch nicht die Frau sondern Männer wären die naja, sagen wir mal eine Abkürzung nehmen wollen.

    Und ich wette den Jahresgehalt eines Bundesbankers, das Ihre Idee mit der Tablette die uns einredet 200,- Euro im Monat sind genug, garnicht so weit hergeholt ist....

    Antwort auf "WOZU?"

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