Eine Schlagzeile rast durch Deutschland. Die Schweinegrippe hat Wipperfürth erreicht hieß es kürzlich im Bergischen Land. Gleichlautende Warnungen erschienen auch mit den Städtenamen Dachau, Werne, Augsburg und Bad Oeynhausen, mit den Landkreisen Borken-Bocholt, Amberg-Sulzbach und Neustadt an der Waldnaab – und das ist nur eine kleine Auswahl aus den vergangenen Tagen.

Fast ausnahmslos steht hinter den Meldungen Triviales: Kopfschmerzen, ein wenig Schnupfen, vielleicht Fieber, vielleicht Gliederschmerzen. Doch es gibt gerade sehr viele Wipperfürths, in Europa und Nordamerika, in Südamerika, China, Australien und Neuseeland. Noch nie haben Wissenschaftler die Ausbreitung einer globalen Infektionskrankheit so detailliert und in Echtzeit verfolgt wie die Spur des Virus H1N1/09. Sie sprechen von der ersten Pandemie des Jahrhunderts und versuchen aus historischen Vergleichen Prognosen für Herbst und Winter abzuleiten. Verhält sich der Erreger aus Amerika so wie jener der Spanischen, der Asiatischen, der Hongkong-Grippe? Niemand weiß momentan Genaues, das schürt Unsicherheit.

Währenddessen wird in Lübeck eine Geburtsstation wegen Infektionsgefahr vorübergehend geschlossen, in München ein Kinderhort, bei Braunschweig eine Arztpraxis. Das erzeugt zusätzlich Angst. Zu diesem Grundrauschen gesellen sich die Warnungen und Ratschläge der Weltgesundheitsorganisation, die Berichte von Forschern und Pharmaherstellern über Virenanalyse und Impfstoffentwicklung und die unterschiedlichen Maßnahmen einzelner Staaten zur Seuchenabwehr: Wie viel Impfstoff wird gekauft? Wer bekommt ihn zugeteilt? Wie wird das organisiert?

Dieses eher technokratische Prozedere ist vergleichsweise langweilig, aber wichtig für den kommenden Herbst. Bislang, so viel weiß man, gleicht die so genannte Schweine- einer schweren Wintergrippe, und ihr Verlauf könnte aus dem Lehrbuch der Infektionsbiologie stammen. Grund zur Panik? Nein. Entwarnung? Ebenso wenig – schließlich liegt niemand gern mit Grippe im Bett, auch wenn sie harmlos sein mag.

Wie also ist der Stand der Dinge, und worauf müssen wir uns einstellen?

1. Die Lage in Zahlen

Anfang der Woche schossen die H1N1-Fallzahlen beim Robert-Koch-Institut (RKI) in die Höhe. Hier wird die Amerikagrippestatistik für Deutschland geführt. Neuerdings zählen auch Fälle, für die es keinen Labornachweis gibt, solange die Erkrankten Kontakt zu Infizierten hatten – der rasche Anstieg ist also zumindest teilweise ein statistischer Effekt. Noch ein zweiter solcher Effekt verzerrt das Bild: Die gemeldeten Fallzahlen sind kumulativ. Sie geben an, wie viele Menschen insgesamt seit dem Frühjahr erkrankt sind. Von den zusammengezählt rund 1800 Infizierten in Deutschland sind etwa 1000 schon wieder gesund. Rund vier Tage dauert die Grippe im Durchschnitt bei den meisten Infizierten. »Manche bei uns in Thüringen waren eher genesen, als das Untersuchungsergebnis vom Robert-Koch-Institut vorlag«, sagt Thomas Schulz, Ressortsprecher des in der Gesundheitsministerkonferenz federführenden thüringischen Ministeriums.