Im Land des Verbrechens Frau zu sein ist heikel. Es gelten vertrackte Regeln, eherne Bräuche, unlösbare Bande. Dort, wo die Mafia regiert, sind Frauen einem starren, unverbrüchlichen Verhaltenskodex unterworfen, der sie zu einem riskanten Balanceakt zwischen Fortschrittlichkeit und Tradition, zwischen moralischen Zwängen und grenzenloser Kaltschnäuzigkeit in Geschäftsdingen nötigt. Sie dürfen Mordaufträge erteilen, aber keinesfalls fremdgehen oder ihren Mann verlassen. Sie dürfen nach Belieben in ganze Branchen investieren, aber sich bloß nicht schminken, wenn ihr Mann hinter Gittern ist.

Während der Mafiaprozesse sieht man die Frauen häufig dicht zusammengedrängt im Zuschauerraum sitzen und den Angeklagten in ihren Stahlkäfigen Kusshände zuwerfen oder ihnen zuwinken. Es sind deren Ehefrauen, auch wenn sie aussehen wie deren Mütter. Sich gut zu kleiden, Nagellack und Make-up zu tragen, während der Ehemann sitzt, bedeutet, dass man es für andere tut. Sich die Haare zu färben kommt einem Untreuegeständnis gleich. Die Frau existiert nur des Mannes halber. Ohne ihn ist sie ein lebloses Ding. Eine halbe Sache.

Deshalb ihre Nachlässigkeit, kaum ist der Mann im Gefängnis. Es ist ein Zeichen der Treue, zumindest bei einigen Clans des kampanischen Hinterlandes, bei Teilen der ’Ndrangheta (der kalabrischen Mafia) sowie bei einigen Familien der Cosa Nostra ( Sizilien ). Ist sie dagegen schick zurechtgemacht, adrett und geschminkt, dann ist ihr Mann nicht weit und frei. Er befiehlt. Und seine Frau trägt dies zur Schau: Ihr Aussehen ist Ausdruck seiner Macht. Oft allerdings sind es gerade die bis zur Unsichtbarkeit ungepflegten Frauen der inhaftierten Bosse, die stellvertretend das Sagen haben.

Im Land des Verbrechens teilen alle Frauen ein ähnliches Schicksal, egal, ob ihre Geschichte tragisch verläuft oder es ihnen gelingt, sich in einem leidlich normalen Leben über Wasser zu halten. Meistens kennen sich Mann und Frau von Kindheit an und heiraten zwischen zwanzig und fünfundzwanzig. Es ist einfach üblich, das Mädchen zu ehelichen, das man schon von klein auf kennt, es ist die sicherste Gewähr für ihre Jungfräulichkeit.

Der Mann allerdings darf Gespielinnen haben, nur Ausländerinnen müssen es sein, das haben die Frauen in den vergangenen Jahren durchsetzen können: Russen, Polinnen, Rumäninnen, Moldawierinnen – in ihren Augen Frauen zweiter Klasse und nicht in der Lage, eine Familie zu gründen, Kinder richtig zu erziehen. Ein Verhältnis mit einer Italienerin oder gar mit einer Frau aus dem eigenen Dorf hingegen würde alles untergraben und gehört bestraft.

»Niemals unter einer Frau liegen«, lautet eine Mafia-Lebensregel

Bei der Erziehung ist Sexualität ein prägendes Element. »Niemals unter einer Frau«, lautet die Maxime. Wer beim Sex unten liegt, lässt sich auch sonst unterbuttern. »Niemals Oralverkehr.« Sich als Mann oral befriedigen zu lassen, ist in Ordnung, es bei einer Frau zu tun, »hündisch«. »Werde niemals jemandes Hund«, lautet eine alte Parole, an die sich bis heute ein Großteil selbst der jüngeren Gefolgschaft hält. Außerhalb Italiens herrschen noch strengere Gesetze.

Die einflussreiche jamaikanische Yardie-Mafia, neben Kingston in zahlreichen Vierteln Londons und New Yorks aktiv, ist ein Beispiel dafür. Oraler Sex ist grundsätzlich verboten, den After einer Frau zu berühren und Analverkehr zu haben ebenso. All das gilt als schmutzig, als schwul. Sex muss etwas Kraftvolles, Männliches und vor allem Sauberes sein. Ohne Küsse. Die Zunge braucht man zum Trinken, für etwas anderes gibt ein echter Kerl sie nicht her.

Die Anhänger der Clans sind geradezu besessen davon, ihre Männlichkeit zu beweisen, und so wird die strenge Einhaltung dieses Sexualkodexes zu einer rituellen Demonstration ihrer Macht. Er gilt in fast allen Hoheitsgebieten der ’Ndrangheta, der Camorra ( Neapel ), der Mafia und der »Sacra corona unita« (Apulien) und ist fraglos mehr als das schlichte Indiz einer chauvinistischen Kultur. Kaum etwas macht deutlicher, wie allgegenwärtig die eisernen Regeln von Zugehörigkeit, Hierarchie, Macht und Territorialgewalt sind. Es ist eine Herrschaft über Leben und Tod, die auf Töten und Getötetwerden ruht – und wehe dem, der glaubt, er könne sich darüber hinwegsetzen.

Die Kontrolle des Geschlechtslebens spielt dabei eine fundamentale Rolle. Selbst beim Flirten markiert man sein Revier. Kommt man einer Frau näher, läuft man Gefahr, in feindliches Gebiet vorzudringen. 1994 wagte es Antonio Magliulo aus Casal di Principe, mit einem Mädchen anzubandeln, das mit einem Mann des Casalesi-Clans verschwägert und mit einem anderen Mitglied verlobt war. Magliulo überhäufte die junge Frau mit Geschenken, und da er offenbar ahnte, dass sie über den zukünftigen Gatten nicht überglücklich war, ließ er nicht locker: Pralinen am Valentinstag, eine Fuchsstola zu Weihnachten, an normalen Tagen passte er sie vor ihrem Arbeitsplatz ab.

Eines Sommertages bestellten ihn ein paar Männer des Casalesi-Clans zu einer Aussprache. Sie ließen ihn gar nicht erst zu Wort kommen, sondern zogen ihm einen mit Nägeln gespickten Knüppel über den Schädel, fesselten ihn und fingen an, ihm Sand in Mund und Nase zu stopfen. Je mehr er hinunterschluckte, um nach Luft zu schnappen, desto mehr würgten sie ihm rein. Schließlich betonierte ihm der Brei aus Sand und Speichel die Kehle zu, und er erstickte. Er wurde hingerichtet, weil er sich an ein Mädchen herangemacht hatte, das mit einem führenden Mitglied verwandt und bereits versprochen war.

Sieben Jahre lang muss eine Witwe enthaltsam bleiben

Flirten, sich treffen, eine Nacht miteinander verbringen bedeutet Stress, Risiko, Verantwortung. Valentino Galati war neunzehn, als er am 26. Dezember 2006 in Filadelfia, in der Provinz Vibo Valentia, verschwand. Valentino stand dem ’Ndrina genannten örtlichen Familienclan nahe. Er trat der ’Ndrangheta bei und arbeitete für den Boss Rocco Anello. Als dieser wegen organisierter Erpressung im Knast landet (beim Bau eines kleinen Gleisabschnittes hatte ihm jedes beteiligte Unternehmen 50 Euro pro Kilometer zahlen müssen), ist seine Frau Angela Bartucca verstärkt auf die Unterstützung durch die ’Ndrina angewiesen. Einkaufen, putzen, die Kinder zur Schule bringen. Valentino wird bevorzugt in Anspruch genommen.

Leise und fast selbstverständlich entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung. Ihn zu bestrafen ist unumgänglich, und als er eines Tages wie vom Erdboden verschluckt ist, wundert sich niemand im Dorf. Er hatte eine Affäre mit der Frau des Bosses, also musste er mit dem Leben bezahlen. In den Zeitungen erschien Angela Bartucca als eine Art Femme fatale, deren Verführungskünste sogar die Angst vor dem Tod vergessen lassen. Eine Frau, deren Liebe einem Todesurteil gleichkommt. Doch danach sieht sie gar nicht aus. Ihr Bild zeigt ein nettes Mädchen, dessen einzige Schuld darin bestand, Spaß haben zu wollen.

Ist der Mann hinter Gittern, bedeutet das für die Mafiafrauen totale Enthaltsamkeit. Nur wenn ein älterer Boss mit einer jungen Frau verheiratet ist und eine lange Haftstrafe verbüßen muss, kann er ihr gestatten, sich eine Art Ersatzmann zu nehmen. Vorzugsweise ist dies der Dorfpfarrer oder, wenn der nicht verfügbar ist, ein Bruder, Cousin oder sonst irgendein Verwandter. Niemals ein Mitglied, das nicht blutsverwandt ist und dem die Beziehung womöglich derart zu Kopf steigt, dass er den Gatten von seinem Platz verdrängt.

Viele Frauen, selbst die ganz jungen, sind schwarz gekleidet, und das fast andauernd. Trauer um einen ermordeten Mann. Trauer um einen ermordeten Bruder, Neffen, Nachbarn. Trauer, weil der Mann einer Arbeitskollegin, der Sohn eines entfernten Verwandten umgebracht wurde. Und so gibt es immer einen Grund, Trauer anzulegen. Darunter trägt man Rot. Die alten Frauen trugen rote Mieder, um an das Blut zu gemahnen, das gerächt werden musste, die jungen tragen rote Dessous. Es ist die stetige Erinnerung an das Blut, das im Schmerz lebendig bleibt, und das Schwarz bringt die erschreckend intime Farbe der Rache noch stärker zum Leuchten.

Im Land des Verbrechens Witwe zu werden bedeutet, seine Identität als Frau fast gänzlich zu verlieren und nur noch als Mutter zu existieren. Möchte eine Witwe wieder heiraten, braucht sie dazu die Erlaubnis ihrer Söhne. Sie darf nur einen Mann ehelichen, der innerhalb der Mafiahierarchie mit dem Verstorbenen mindestens gleichauf ist, und das ohnehin erst nach sieben Jahren sexueller Enthaltsamkeit und strenger Einhaltung der Trauer. Die Witwenzeit entspricht der Dauer, die die Seele nach ländlichem Glauben für ihre Reise ins Jenseits braucht.

Man wartet, bis sie dort angekommen ist, damit sie nicht mit ansehen muss, wie sie mit einem anderen »betrogen« wird. Der charismatische Boss von San Cipriano d’Aversa, Antonio Bardellino, wollte die Witwen von diesen mittelalterlichen Zwängen und dem oktroyierten Schmerz befreien. Viele im Dorf hören Don Antonio noch sagen: »Ins Paradies braucht man sieben Jahre, aber wir wollen woandershin, und da ist man wesentlich flotter, nämlich in einer Nacht.« Doch dann wurde Bardellino ermordet, der Schiavone-Clan kam an die Macht, und es galten wieder die alten Regeln.

Im August 1993 wurde Paola Stroffolino mit einem Liebhaber ertappt. Sie war die Frau des einflussreichen Bosses Alberto Beneduce, eines der Ersten, der die Küste um Caserta direkt mit Koks und Heroin versorgte. Nach seiner Ermordung hatte sie sich nicht an die sieben Jahre Witwenzeit gehalten. Der Clan entschied, ihr ungebührliches Verhalten nicht durchgehen zu lassen. So wurde für die Bestrafung ein enger Freund angeheuert. Unter dem Vorwand, mit ihnen den ersten Mozzarella des Sommers verkosten zu wollen, lud er das Pärchen in einen Gutshof nach Villa Literno ein.

Die beiden wurden mit einem einzigen Kopfschuss hingerichtet. Mehr war für zwei Verräter und Ehrbesudeler nicht drin. Dann wurden die Leichen in einen tiefen Brunnen geworfen. Die Witwe eines Bosses ist unantastbar, doch wenn ein anderer Mann sie befleckt, ist es mit ihrem Status dahin. Die Kronzeugen erklärten vor Gericht: »Bei uns ist ficken schlimmer als morden. Besser, man bringt die Frau eines Bosses um. Da hat man zumindest die Chance, begnadigt zu werden, aber wenn man sie fickt, ist man tot.« Sich lieben, miteinander schlafen, sich küssen, beschenken, einander zulächeln, des anderen Hand berühren, eine Frau verführen oder von ihr verführt werden kann ein fataler Schritt sein. Der gefährlichste überhaupt. Der letzte. Wo Unerbittlichkeit Gesetz ist, werden Gefühle und Leidenschaft, die sich an keinerlei Regeln halten, mehr als alles andere mit dem Tod bezahlt.

© 2009 by Roberto Saviano – Agentur R. Santachiara,
© Übersetzung Verena von Koskull / DIE ZEIT

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