MartensteinFür mich soll's rote Rosen regnen

Unser Kolumnist regt sich über seine Putzfrau auf. Aber wagt es nicht, ihr zu kündigen

Jeder Mensch möchte geliebt werden. Ich hatte diese Frau, die sich für mich um den Garten kümmerte und das Haus putzte. Die Frau hatte schon seit vielen Jahren für die Vorbesitzerin gearbeitet. Sie machte so weiter, wie sie es gewohnt war. Ich wollte verschiedene Dinge anders haben. Darauf ging sie nicht ein. Sie machte einfach weiter wie gewohnt.

Wenn ich eine neue Pflanze in den Garten pflanzte, setzte sie einen Zentimeter daneben eine andere Pflanze, eine, die der Vorbesitzerin gefallen hätte. Wenn ich ein Möbelstück verrückte, stellte sie es wieder an die Stelle zurück, wo die Vorbesitzerin es stehen hatte. Wenn ich in dem Haus ankam, stand die Frau ein paar Minuten später vor der Tür und versuchte unter einem Vorwand, in das Haus hineinzukommen. Ich dachte: "Sie beobachtet dich." Morgens um sieben stand sie manchmal vor dem Schlafzimmerfenster. Einmal habe ich morgens um halb acht geduscht, sie ging am Bad vorbei in die Küche, die ebenerdig liegt, um nachzuschauen, welche Person mich in das Haus begleitet hatte, sie klopfte kurz an, ging sofort hinein und schaute sich die Person gründlich an. Das gefiel mir nun gar nicht.

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Ich habe versucht, mit ihr zu reden. Ich habe das kommunikative Problem, dass ich, wenn ich etwas will oder mich etwas stört, relativ lange vorsichtige und leise Signale sende, dann, auf einmal, platzt mir der Kragen. Irgendwie beherrsche ich nicht die Mittellage. Die Frau war im Gespräch fast unterwürfig, nicht authentisch, was mir auch wieder nicht gefiel, danach machte sie weiter wie zuvor. Freunde sagten: "Du musst dich von ihr trennen. Das geht so nicht."

Ich hatte so etwas noch nie gemacht. Sogar als Chef habe ich niemanden rausgeworfen, obwohl es manche Leute meiner Ansicht nach verdient gehabt hätten. Der Grund dafür ist nicht, dass ich ein guter Mensch wäre, ich bin kein guter Mensch, abgesehen davon, dass es nicht böse sein muss, jemanden zu entlassen. Ich mag einfach das Gefühl nicht, von anderen gehasst zu werden. Ich will Liebe, überall. Es ist der pure Egoismus, ich möchte nur gut dastehen, vielleicht bin ich auch feige.

Der Gedanke, der Frau zu kündigen, bereitete mir wochenlang Schlafprobleme. Sie hatte wenig Geld. Sie hatte bestimmt auch ihre guten Seiten. Aber da war die Sache mit dem Schlafzimmer, und die Tatsache, dass sie einfach nicht tat, was ich wollte. Sie war der Chef. Ich dachte an meinen Vater, der in Südafrika lebt und bestimmt schon zwanzig Hausangestellte gefeuert hat, zum Beispiel weil sie zu alt seien. Dabei ist er selber alt. Bin ich genauso?

Als ich in dem Haus ankam, standen alle möglichen Putzutensilien herum, die sie nicht weggeräumt hatte, Bügelbrett, Wäscheständer, Staubsauger, und das Beet, das sie nur ein bisschen ausdünnen sollte, hatte sie einfach kahl rasiert, ich dachte, super, das ist super, damit kriege ich sie. Ich habe den richtigen Drive, heute habe ich Führungsqualitäten und entlasse jemanden.  

Die Frau kam, ich fing an zu schimpfen. Die Frau schwieg. Dann sagte sie, dass sie es mit mir nicht mehr aushalte, sie wolle nicht mehr, sie höre auf mit sofortiger Wirkung.

Auf einmal wurde mir klar, dass sie mich genauso wenig mochte wie ich sie. An diese Möglichkeit hatte ich noch gar nicht gedacht. Das war großartig. Das passte. Ihr Götter, ich jubiliere, sie erwidert meine Gefühle, the girl is mine. Für mich soll’s rote Rosen regnen. Ich fühlte mich so gut wie lange nicht mehr. Jeder Mensch möchte geliebt werden? Nicht immer, Leute, nicht immer.

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Leserkommentare
    • Colón
    • 24.07.2009 um 1:47 Uhr

    Martenstein hat irgendwie weder ein Glück mit den Frauen, noch mit dem Wohnen. In Kombination gibt es für ihn kein Entrinnen aus dem magisch-teuflischen Dreieck, überhaupt mit anderen Menschen in einen Dialog treten zu müssen. Kaum aus dem Bauhaus wieder ausgezogen, dort von Blicken verfolgt und von zu vielen Fenstern ohne Hof eher eingeschüchtert, findet er nicht einmal in seinem eigenen Haus, noch ganz mit den Möbeln der Vorbesitzerin ausgestattet, was eher auf eine britische und amerikanische, als auf eine alteuropäische Wohn- und Lebensgewohnheit schließen lässt, -offenbar war sie keine Leiterin einer Meisterklasse am Bauhaus und hinterließ daher zu wenig Klapp- und Faltbares-, seine Ruhe, um nur noch verstimmte Kolumnen zu schreiben.

    Wenigstens teilte er mit dem großen Gropius, bis vor kurzem, bis zum hier berichteten Ereignis, die gewohnheitsmäßige Leidenschaft für Hauspersonal und teilt uns dies mit. - Da seht, wofür es sich lohnen kann Deutschlands neuntwichtigster Kolumnist zu sein!

    Aber diese ganz besondere Magd Zerline, verwoben mit der Vorbesitzerin und ihren Möbelstücken bildete den einzigen verbliebenen Widerstand, den Massekontakt Martensteins zur Mutter Erde, seine Erdung! Stößt man sich in Bauhäusern an alten DDR-Heizungsradiatoren, so stößt hier Menschennatur an Kolumnistengeist. Das kann nicht gut gehen, denn so viel träge Massen, das fiel schon dem Dr.Georg und dem Andreas in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts auf, die stoßen, zwischenmenschlich beschleunigt, irgendwann zwangsläufig aufeinander, darin vermenschlicht Zeitstrahlungen gleich, völlig ignorant füreinander bis zu Kollision und ultramomentan später, darüber hinaus. Wir durfen die Restspuren der Karambolage nachempfinden und registrieren mit empfindsamer Seismographie einen deutlichen Masseverlust im Hause Martenstein.
    Wie die Elementarteilchen trennen sich die Wege der handelnden Personen. An einem präzisen Ort im Raum, steht Martenstein allein, zu fälliger Stunde.

    Nirgends bleibt ein Ort und niemand ist eine Insel. Daher hoffen wir doch inständig, dass das Zyklotron des Lebens auf einem sanften energetischen Strahl eine junge, hübsche Melitta in Martensteins Richtung schleudert, die er dann mit seinem Cabriolet an den Concordia-See fahren darf, auch wenn dort neuerdings, kaum berechenbare Lebensgefahren lauern. Bald zöge wieder der Duft frischen Röstkaffees aus der nun fenster- und türlosen Küche, die nur durch eine blickdichte Klappe bestiegen und genutzt werden kann, "der Kaffee ist fertig, ist das nicht unglaublich...." - Broch hatte Recht, nein, Einstein! Alles ist relativ und relational, Analogien sind des Menschen Teufelswerk und am Ende droht der röhrende Hirsch, auf Holzwegen in sumpfigen Wäldern, grollen die Gewitter über einsam adligen Jagdhütten in die wir uns wie Mönche zurückziehen müssen, um unsere Lebensbeichte abzulegen.

    Grüße

    Christoph Leusch

    Sehr lesenswert zum Thema, hier als Anregung verwendet, noch nicht verbrannt, verschüttet oder vergessen:
    Hermann Broch, Die Schuldlosen, ein Roman in elf Erzählungen

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