Vielen Beobachtern erschien die Bundesrepublik lange als Schönwetterdemokratie. Im Schatten von Weimar, dieser Demokratie ohne Demokraten, wirkten schon einige Hunderttausend Arbeitslose wie eine Gefahr, viele glaubten die Republik verloren, wenn die Wirtschaft einmal nicht mehr brummen würde.

Heute, im Jubiläumsjahr des vereinten Deutschland, dem größten wirtschaftlichen Krisenjahr seiner Geschichte, bescheinigen ihm auch Skeptiker demokratische Reife und seinen Bürgern Coolness. Die größte Volksbewegung seit dem Finanzdebakel war der Ansturm auf die Schauräume der Kleinwagenhändler – das Volk wollte die Abwrackprämie kassieren.

Das ist vielleicht das Problem. Deutschland ist heute eine solide Demokratie, aber sinkende Wahlbeteiligung und Mitgliederschwund in Parteien und Verbänden belegen das Nachlassen herkömmlicher politischer Beteiligung. In manchen Bundesländern mangelt es schon an Kandidaten für kommunale Ämter.

Das ist nicht alles. Zu den bekannten Plagen, die durch den demografischen Wandel, sprich: Überalterung, und die Deregulierung der Märkte entstanden sind, wird noch ein weiterer Verlust hinzutreten. Soziale Gewissheiten sind durch Bodenerosion, Meeresspiegelanstieg, Extremwetter und andere Folgen des Klimawandels in Gefahr. Angesichts dessen könnte sich der Eindruck verfestigen, die Demokratie biete keine Sicherheit und verfehle so die wesentliche Säule ihrer Glaubwürdigkeit.

Die alte Frage nach der Beständigkeit unserer "Schönwetterdemokratie" stellt sich erneut. Wie krisenfest ist die Demokratie als Herrschafts- und Lebensform, und wie demokratiefreundlich ist eigentlich der Klimaschutz? Beides schien sich lange von selbst zu beantworten: Natürlich lösen "wir" Umweltprobleme besser als autokratische Systeme. China und andere Schwellenländer haben ökonomische Modernisierung brutal auf Kosten von Umwelt- und Lebensqualität durchgedrückt, während im Westen Regierungen und Unternehmen umwelt- und klimapolitisch unter Legitimationsdruck geraten sind.

Es spricht freilich auch einiges für die gegenteilige Annahme, dass Demokratien auf Klimaprobleme womöglich ebenso fatal reagieren wie Autokratien, die nationale und internationale Klimapolitik der Bush-Administration zeigte das. Und Demokratien vernachlässigen systematisch die Zukunft, wenn der Zeithorizont der Parteien, aber auch der meisten Wähler auf eine Legislaturperiode ausgerichtet bleibt. Die "Opel-Rettung" illustriert, wie kurzfristig und sprunghaft Politik formuliert wird. Nachhaltige Politik steht auf verlorenem Posten, wo mächtige Vetospieler ihre Sonderinteressen durchsetzen können.

Es könnte also sein, dass die chinesische Regierung nicht nur, wie über lange Jahre hinweg, klimaschädliche Emissionen erlaubt oder toleriert, sondern nunmehr auch "top-down" die Vermeidung von Treibhausgasen verordnet und gewaltige Summen für "saubere Energien" bereitstellt. In den Konjunkturprogrammen der Volksrepublik steckte schon mehr "Grün" als in denen der meisten Demokratien, und in der G20, der neuen virtuellen Weltregierung, agieren Autokratien wie China und Saudi-Arabien dank ihrer Devisenreserven auf Augenhöhe mit dem demokratischen Westen.

Gilt Winston Churchills bekanntes Diktum noch, die Demokratie sei die schlechteste aller Regierungsformen mit Ausnahme aller anderen? Und bringt ausgerechnet die politische Bearbeitung des Klimawandels einen Mehrwert für die Demokratie? Nicht von selbst.

Die reichen Demokratien haben die Losungen einer "Dritten Industriellen Revolution" und eines "Green New Deal" ausgegeben, denen stets ein Hauch technokratischer Vernunft, wenn nicht eines Notstandsregimes anhaftet. Selten wird erörtert, wie solche Programme demokratisch legitimierbar sind, also jenseits bloßer (demoskopischer) Akzeptanz vom Souverän mitgestaltet werden können.

In allen politischen Lagern gibt es Kräfte, die eine postkarbone, nicht mehr auf der Verbrennung fossiler Rohstoffe beruhende Welt anstreben und damit nebenbei auch die unselige Abhängigkeit von Ölscheichtümern und Gasmagnaten beenden möchten, ohne zur Atomenergie zurückzukehren. Aber es gibt derzeit in Europa keine politische Koalition, die sich zu Pionieren nachhaltigen Wirtschaftens macht. Dass viele Bürger verändert leben, blieb bislang trotz der grünen Parteien ohne politische Umsetzung, die praktische Konsumkritik nachdenklich gewordener Verbraucher zündete politisch nicht, auch die Verbraucherverbände sind schlafende Riesen.