Die ZEIT: Herr Struck , im Herbst kommt eine neue Regierung, Sie gehen. Kaum einer hat es in der Politik so lange ausgehalten wie Sie. Welche Politiker-Sätze können Sie inzwischen nicht mehr hören?

Peter Struck: Da gibt es viele. Sätze von Westerwelle zum Beispiel, eigentlich seine ganzen Reden. Horror. Mehr Freiheit für die Wirtschaft, und der Staat soll sich zurückhalten. So ’n Zeug. Kann ich echt nicht mehr hören. Bei der Union finde ich einen Satz besonders schrecklich: Sozial ist, was Arbeit schafft.

ZEIT: Gibt es auch Sätze, die Sie von sich selbst nicht mehr hören können?

Struck: Klar, die gibt es auch: Wir sind auf einem guten Wege. Oder: Wir haben einen guten Kompromiss gefunden.

ZEIT: Oder, beliebt an Wahlabenden: Ich möchte mich zunächst bei unseren Wählerinnen und Wählern bedanken?

Struck: Nee, hab ich nie gesagt. Das war mir immer zu blöd. Ein anderer Satz, den ich auch zu oft gesagt habe: Leider war die CDU nicht in der Lage… Also, diese Sätze werde ich jedenfalls nicht vermissen.

ZEIT: Wenn Sie auf Ihre politische Karriere zurückblicken: Was waren Ihre größten Fehler?

Struck: Ich habe im Flick-Untersuchungsausschuss eine etwas leichtfertige Bemerkung gemacht über Parteispenden, die die SPD an die Sozialisten in Spanien weitergeleitet haben soll. Das ging in Spanien hoch wie eine Rakete, nach dem Motto: Flick hat Felipe González geschmiert. Ich musste als Zeuge im dortigen Untersuchungsausschuss auftreten, es war die Hölle los. In meinem Kummer habe ich mich damals an Hans-Jochen Vogel, der war Fraktionsvorsitzender, gewandt und auch an Hans-Jürgen Wischnewski, Ben Wisch. Die haben mich beide beruhigt und gesagt: Nur Ruhe, alles geht irgendwann vorbei. Ging es auch.

ZEIT: 1999 haben Sie Furore gemacht mit einem Vorschlag zu einer Steuerreform..

Struck: Oh ja. Ein Journalist rief mich zu Hause an und fragte: Wie wäre denn ein einfacheres Steuersystem mit drei Stufen, zum Beispiel 15, 25 oder 35 Prozent? Ich sagte: Fänd ich auch gut. Und dann prügelten alle auf mich ein. Harald Schmidt schrieb in seiner Kolumne: »Was erlaube Struck«? Das war mitten in der Sommerpause, auch deshalb ist es so eskaliert. Es gab damals nur zwei Themen: Struck und eine spektakuläre Sonnenfinsternis.

ZEIT: Was ärgert Sie im Rückblick am meisten?

Struck: Ich sitze seit knapp dreißig Jahren im Deutschen Bundestag, in dieser Zeit war die SPD von 1980 bis 1982 in der Regierung und dann wieder von 1998 bis 2009. 13 Jahre haben wir also regiert. 13 Jahre von 30 Jahren. Wie konnten wir es zulassen, dass wir 17 Jahre in der Opposition waren? Diese 17 Jahre ärgern mich persönlich.

ZEIT: Herr Struck, wir wollen in diesem Gespräch ein bisschen verstehen, wie Politik funktioniert. Die wirklich wichtigen Dinge, so heißt es, werden im Hinterzimmer beim Bier besprochen. Was waren die wichtigsten Biere Ihres politischen Lebens?

Struck: Mein wichtigstes Bier habe ich in Gerhard Schröders Reihenhaus in Hannover getrunken. Rudolf Scharping war damals noch Verteidigungsminister, und Schröder wollte einen neuen. Ich wurde aus dem Urlaub geholt, Krisentreffen. Franz Müntefering war dabei, die Ehefrau von Schröder und ich. Ich hatte meiner Frau zu Hause in die Hand versprochen, dass ich auf keinen Fall den Verteidigungsminister mache. Also tranken die Schröders Wein und Münte und ich Bier, und irgendwann sagten alle: Du musst es machen. Ich sagte: Nee, auf keinen Fall, schon wegen meiner Frau und wegen des Theaters mit dem Personenschutz. Dann rief Doris Schröder-Köpf meine Frau an. Dann telefonierte ich mit meiner Frau. Immer hin und her. Und am Ende sagte ich: Okay, ich kann nicht anders. Ein langes, wichtiges Bier.

ZEIT: Gab es mal ein Bier mit Angela Merkel ?

Struck: Zweimal, unter vier Augen. Ich habe diese Gespräche in guter Erinnerung. Ich habe dabei eine Menge verstanden, auch, was es heißt, als Frau aus dem Osten die Union zu führen. Und ich habe versucht, ihr zu erklären, warum ich manchmal auskeilen muss…