Peter Struck"Kohl war nicht so wischiwaschi"

Zum Abschied aus der Politik: Ein Gespräch mit SPD-Fraktionschef Peter Struck über die Kanzlerin, die Übermacht der Lobbyisten und sein wichtigstes Bier von  und

Peter Struck (SPD)

Peter Struck (SPD)  |  © Sean Gallup/Getty Images

Die ZEIT: Herr Struck , im Herbst kommt eine neue Regierung, Sie gehen. Kaum einer hat es in der Politik so lange ausgehalten wie Sie. Welche Politiker-Sätze können Sie inzwischen nicht mehr hören?

Peter Struck: Da gibt es viele. Sätze von Westerwelle zum Beispiel, eigentlich seine ganzen Reden. Horror. Mehr Freiheit für die Wirtschaft, und der Staat soll sich zurückhalten. So ’n Zeug. Kann ich echt nicht mehr hören. Bei der Union finde ich einen Satz besonders schrecklich: Sozial ist, was Arbeit schafft.

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ZEIT: Gibt es auch Sätze, die Sie von sich selbst nicht mehr hören können?

Struck: Klar, die gibt es auch: Wir sind auf einem guten Wege. Oder: Wir haben einen guten Kompromiss gefunden.

ZEIT: Oder, beliebt an Wahlabenden: Ich möchte mich zunächst bei unseren Wählerinnen und Wählern bedanken?

Struck: Nee, hab ich nie gesagt. Das war mir immer zu blöd. Ein anderer Satz, den ich auch zu oft gesagt habe: Leider war die CDU nicht in der Lage… Also, diese Sätze werde ich jedenfalls nicht vermissen.

ZEIT: Wenn Sie auf Ihre politische Karriere zurückblicken: Was waren Ihre größten Fehler?

Struck: Ich habe im Flick-Untersuchungsausschuss eine etwas leichtfertige Bemerkung gemacht über Parteispenden, die die SPD an die Sozialisten in Spanien weitergeleitet haben soll. Das ging in Spanien hoch wie eine Rakete, nach dem Motto: Flick hat Felipe González geschmiert. Ich musste als Zeuge im dortigen Untersuchungsausschuss auftreten, es war die Hölle los. In meinem Kummer habe ich mich damals an Hans-Jochen Vogel, der war Fraktionsvorsitzender, gewandt und auch an Hans-Jürgen Wischnewski, Ben Wisch. Die haben mich beide beruhigt und gesagt: Nur Ruhe, alles geht irgendwann vorbei. Ging es auch.

ZEIT: 1999 haben Sie Furore gemacht mit einem Vorschlag zu einer Steuerreform..

Struck: Oh ja. Ein Journalist rief mich zu Hause an und fragte: Wie wäre denn ein einfacheres Steuersystem mit drei Stufen, zum Beispiel 15, 25 oder 35 Prozent? Ich sagte: Fänd ich auch gut. Und dann prügelten alle auf mich ein. Harald Schmidt schrieb in seiner Kolumne: »Was erlaube Struck«? Das war mitten in der Sommerpause, auch deshalb ist es so eskaliert. Es gab damals nur zwei Themen: Struck und eine spektakuläre Sonnenfinsternis.

ZEIT: Was ärgert Sie im Rückblick am meisten?

Struck: Ich sitze seit knapp dreißig Jahren im Deutschen Bundestag, in dieser Zeit war die SPD von 1980 bis 1982 in der Regierung und dann wieder von 1998 bis 2009. 13 Jahre haben wir also regiert. 13 Jahre von 30 Jahren. Wie konnten wir es zulassen, dass wir 17 Jahre in der Opposition waren? Diese 17 Jahre ärgern mich persönlich.

ZEIT: Herr Struck, wir wollen in diesem Gespräch ein bisschen verstehen, wie Politik funktioniert. Die wirklich wichtigen Dinge, so heißt es, werden im Hinterzimmer beim Bier besprochen. Was waren die wichtigsten Biere Ihres politischen Lebens?

Struck: Mein wichtigstes Bier habe ich in Gerhard Schröders Reihenhaus in Hannover getrunken. Rudolf Scharping war damals noch Verteidigungsminister, und Schröder wollte einen neuen. Ich wurde aus dem Urlaub geholt, Krisentreffen. Franz Müntefering war dabei, die Ehefrau von Schröder und ich. Ich hatte meiner Frau zu Hause in die Hand versprochen, dass ich auf keinen Fall den Verteidigungsminister mache. Also tranken die Schröders Wein und Münte und ich Bier, und irgendwann sagten alle: Du musst es machen. Ich sagte: Nee, auf keinen Fall, schon wegen meiner Frau und wegen des Theaters mit dem Personenschutz. Dann rief Doris Schröder-Köpf meine Frau an. Dann telefonierte ich mit meiner Frau. Immer hin und her. Und am Ende sagte ich: Okay, ich kann nicht anders. Ein langes, wichtiges Bier.

ZEIT: Gab es mal ein Bier mit Angela Merkel ?

Struck: Zweimal, unter vier Augen. Ich habe diese Gespräche in guter Erinnerung. Ich habe dabei eine Menge verstanden, auch, was es heißt, als Frau aus dem Osten die Union zu führen. Und ich habe versucht, ihr zu erklären, warum ich manchmal auskeilen muss…

Leserkommentare
  1. Der Gordisch Knoten des gewachsenen Wachstumszwang-Regimes der Kapitalstockmaximierer ist zu 50 % via Steuersystem und mit den anderen 30 % via Sozialabgabensystem und zu 20 % via Flächentarif-Kartelle gewachsen. Da dieses Wachstumszwang-Regime alle in den Abgrund zu reißen droht, kann nur eine dreifache Steuer-Sozial-Einkommensverteilungssystem-Revolution den Gordischen Knoten auflösen.

    Das weiß Angela Merkel. Sie kann nur als revolutionäre Gorbatschowa erfolgreich sein und bleiben. Mit ihrer ChARTA-für-nachhaltiges-Wirtschaften versucht sie, systemlogisch von der Spitze des weltindustriellen Fortschrittsprozesses den globalen Gordischen Knoten zu zerschlagen. Chaosphysikalisch Informierte wissen, dass für das komplexeste aller Gordischen Knoten-Systeme der geringeste Umsteuerungsaufwand nötig ist. Man realisiert nur von dort her einen selbstläuferischen Perestroikaprozess. Herr Struck oder andere Journalisten sollten Angela Merkel nach diesem CHARTA-Geheimnis befragen.

  2. Struck steht für die "Genossen", die mit der Agenda-Politik, Privatisieungen usw. den Untergang der Volkspartei SPD eingeläutet haben. Dass Lafontaine jetzt versucht, mit der "Linken" eine gerechte Politik für die Masse der Menschen zu erreichen, ist nichts weniger als ehrenwert.
    Typisch und verräterisch, dass Struck diese Nichtanpassung an den Verrat der eigenen Klientel als "durchgeknallt" bezeichnet.

  3. Das ist die Quintessenz der deutschen Politbrabbelei.

    Klingt stark, keiner weiß wozu es gut ist und kostet einen Haufen Geld.

    Herr Struck ich wünsche Ihnen noch schöne viele Jahre im Kreise ihrer Familie.

    _____________________________________________________
    Sie werden Deutschland nie regieren - Sie nicht!
    (Gerhard Schröders wahre Worte)

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    • keox
    • 26. Juli 2009 15:08 Uhr

    Eine zahnlose Presse, die Hofberichterstattung über Politiker betreibt, die sich ihrerseits als zahnlos gegenüber den Wirtschaftseliten erweisen.

    that´s the way that cookies crumble

    Aber zum Champagnerschlürfen, darf auch gern ein Bier sein, braucht man ja auch keine Zähne.

    Das war die freundliche Version

  4. Herr Struck ist ein politischer Dinosaurier, typisch für die halbdemokratischen Zustände, die Politiker im Volk so verhaßt gemacht haben.

    Anstatt zu versuchen, den Willen des Volkes umzusetzen, redet er sich seinen Wählerverrat schön, indem er behauptet: "Stehvermögen zahlt sich aus. Die Leute mögen es nicht, dass man ihnen immer nach dem Munde redet."

    Noch weniger mögen es offenbar die Leute, wenn man Sekundärtugenden wie Parteiloyalität und Koalitionsfrieden über alles stellt.

    Entsprechend sieht die SPD jetzt aus: auf dem Fall ins Bodenlose.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sehr geehrter Kollege Azenion,

    ich verstehe Ihren Ärger über die SPD angesichts der Agenda 2010 und der damit zusammenhängenden Sozialpolitik der Regierung Schröder. Auch ich bin von der Ausrichtung der Partei unter und nach Schröder tief betroffen.

    Gleichwohl halte ich Ihre Kritik an Herrn Struck für überzogen. Politik in Deutschland ist nun einmal sehr auf die Parteien ausgerichtet. Ein Politiker muß, wenn er etwas bewegen will auf die Befindlichkeiten seiner Partei leider gegenwärtig oft mehr Rücksicht nehmen als auf den wie auch immer artikulierten Willen der Wähler.

    Den Politologen folgend von einem Parteienstaat zu reden ist wie ich finde nicht ganz abwegig.

    Zu Recht prangert Herr Struck auch den inzwischen enormen Einfluss der Lobby im politischen Geschäft an.

    Das Problem der Politik in diesem Land ist nicht die Richtung der jeweiligen Partei, sondern vielmehr der ausgesprochen schädliche Einfluss der Lobbyisten auf die Ergebnisse des politischen Prozesses.

    In diesem Sinne sind alle Politiker, ob sie sich nun volksnah geben wollen oder nicht, Dinosaurier, welche eine halbwegs klare Linie der Partei aus Glaubwürdigkeitsgründen vertreten müssen auch wenn es oft genug der eigenen Überzeugung zuwiederläuft.

    Entscheidend ist nicht wass ich als Politiker will, sondern ob ich dass, wass ich erreichen will auch durchsetzen kann.

    Für kontroverse Gesetzesvorhaben Mehrheiten zu beschaffen ist in diesem politischen System in der Praxis entweder fast ausgeschlossen, oder aber der notwendige politische Kompromiss degradiert eine ursprünglich oft gute Idee zu einem gruseligen gesetzlichen Torso.

    Wenn man sich gegenwärtig ansieht, wie Unternehmen die Freiheiten, welche dieses politische System ihnen bietet pervertieren, dann frage ich mich tatsächlich, wie lange die Parteien sich diese Entwicklung ohne ein scharfes Eingreifen noch werden leisten können.

    Meiner Ansicht nach wird die Partei, welche sich offen und vor allem glaubwürdig gegen die Lobby wendet, längerfristig am meisten Stimmenzuwachs verbuchen können.

    Herrn Struck zolle ich von dieser Stelle aus für viele Jahre parlamentarischer Arbeit im Dienste der Allgemeinheit höchsten Respekt. Berufspolitiker und nicht nur diese brauchen ein dickes Fell und viel, viel Ausdauer in diesem Lande.

    Es ist leicht, Politiker für ihre Handlungen zu kritisieren, besser aber wäre es, sich selbst für öffentliche Belange einzusetzen. Die Kommunalpolitik bietet diesbezüglich vielfältige Möglichkeiten.

    So hätte jeder Kritiker die Möglichkeit selbst zu erleben, wie vielschichtig Politik sein kann und wie viele Widerstände selbst eine geniale Idee bis zu deren Realisierung ausgesetzt ist.

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende und verbleibe mit freundlichem Gruß

    Advocatus diaboli

  5. Sehr geehrter Kollege Azenion,

    ich verstehe Ihren Ärger über die SPD angesichts der Agenda 2010 und der damit zusammenhängenden Sozialpolitik der Regierung Schröder. Auch ich bin von der Ausrichtung der Partei unter und nach Schröder tief betroffen.

    Gleichwohl halte ich Ihre Kritik an Herrn Struck für überzogen. Politik in Deutschland ist nun einmal sehr auf die Parteien ausgerichtet. Ein Politiker muß, wenn er etwas bewegen will auf die Befindlichkeiten seiner Partei leider gegenwärtig oft mehr Rücksicht nehmen als auf den wie auch immer artikulierten Willen der Wähler.

    Den Politologen folgend von einem Parteienstaat zu reden ist wie ich finde nicht ganz abwegig.

    Zu Recht prangert Herr Struck auch den inzwischen enormen Einfluss der Lobby im politischen Geschäft an.

    Das Problem der Politik in diesem Land ist nicht die Richtung der jeweiligen Partei, sondern vielmehr der ausgesprochen schädliche Einfluss der Lobbyisten auf die Ergebnisse des politischen Prozesses.

    In diesem Sinne sind alle Politiker, ob sie sich nun volksnah geben wollen oder nicht, Dinosaurier, welche eine halbwegs klare Linie der Partei aus Glaubwürdigkeitsgründen vertreten müssen auch wenn es oft genug der eigenen Überzeugung zuwiederläuft.

    Entscheidend ist nicht wass ich als Politiker will, sondern ob ich dass, wass ich erreichen will auch durchsetzen kann.

    Für kontroverse Gesetzesvorhaben Mehrheiten zu beschaffen ist in diesem politischen System in der Praxis entweder fast ausgeschlossen, oder aber der notwendige politische Kompromiss degradiert eine ursprünglich oft gute Idee zu einem gruseligen gesetzlichen Torso.

    Wenn man sich gegenwärtig ansieht, wie Unternehmen die Freiheiten, welche dieses politische System ihnen bietet pervertieren, dann frage ich mich tatsächlich, wie lange die Parteien sich diese Entwicklung ohne ein scharfes Eingreifen noch werden leisten können.

    Meiner Ansicht nach wird die Partei, welche sich offen und vor allem glaubwürdig gegen die Lobby wendet, längerfristig am meisten Stimmenzuwachs verbuchen können.

    Herrn Struck zolle ich von dieser Stelle aus für viele Jahre parlamentarischer Arbeit im Dienste der Allgemeinheit höchsten Respekt. Berufspolitiker und nicht nur diese brauchen ein dickes Fell und viel, viel Ausdauer in diesem Lande.

    Es ist leicht, Politiker für ihre Handlungen zu kritisieren, besser aber wäre es, sich selbst für öffentliche Belange einzusetzen. Die Kommunalpolitik bietet diesbezüglich vielfältige Möglichkeiten.

    So hätte jeder Kritiker die Möglichkeit selbst zu erleben, wie vielschichtig Politik sein kann und wie viele Widerstände selbst eine geniale Idee bis zu deren Realisierung ausgesetzt ist.

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende und verbleibe mit freundlichem Gruß

    Advocatus diaboli

    Antwort auf "Dinosaurier"
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    Mit seiner Kritik am Lobbyismus liegt Struck richtig. Er zieht meiner Meinung nach nur die falsche Schlußfolgerung.
    Wenn die gewählten Politiker alleine nicht gegen die Hydra Lobbyismus ankommen (die bereits Züge der organisierten Kriminalität annimmt -- http://www.zeit.de/online...), dann sollten sie die Demokratie stärken und das Volk als Bundesgenossen zu gewinnen versuchen und nicht als Feind behandeln, wie der Ausbau des Präventions- und Überwachungsstaates zeigt.

    Viele Politiker (Schröder ist nur der Prominenteste) wechseln lieber auf die Seite der Gewinner, der Lobbyisten, und schmähen die, die auch nur ein bißchen auf das Volk hören, als "Populisten". Solche Verräter am Wähler diskreditieren das System -- und die SPD ist das erste Opfer, denn deren Wähler sind nicht ganz so autoritätshörig wie die Konservativen. Das verschafft der CDU nun vorübergehend einen Vorteil.

  6. soll er doch rasch von der Bühne abtreten mit seinem tief gefrorenen Gehabe u. a.
    Deutschland wird am Hindukusch verteitigt, Sozialabbauetc. Der Mann ist doch unglaubwürdig mit seinem gekünstelten Gehabe. Genosse, werden Sie endlich Sie selbst im Ruhestand!

    • keox
    • 26. Juli 2009 15:08 Uhr

    Eine zahnlose Presse, die Hofberichterstattung über Politiker betreibt, die sich ihrerseits als zahnlos gegenüber den Wirtschaftseliten erweisen.

    that´s the way that cookies crumble

    Aber zum Champagnerschlürfen, darf auch gern ein Bier sein, braucht man ja auch keine Zähne.

    Das war die freundliche Version

  7. Mit seiner Kritik am Lobbyismus liegt Struck richtig. Er zieht meiner Meinung nach nur die falsche Schlußfolgerung.
    Wenn die gewählten Politiker alleine nicht gegen die Hydra Lobbyismus ankommen (die bereits Züge der organisierten Kriminalität annimmt -- http://www.zeit.de/online...), dann sollten sie die Demokratie stärken und das Volk als Bundesgenossen zu gewinnen versuchen und nicht als Feind behandeln, wie der Ausbau des Präventions- und Überwachungsstaates zeigt.

    Viele Politiker (Schröder ist nur der Prominenteste) wechseln lieber auf die Seite der Gewinner, der Lobbyisten, und schmähen die, die auch nur ein bißchen auf das Volk hören, als "Populisten". Solche Verräter am Wähler diskreditieren das System -- und die SPD ist das erste Opfer, denn deren Wähler sind nicht ganz so autoritätshörig wie die Konservativen. Das verschafft der CDU nun vorübergehend einen Vorteil.

    Antwort auf "Dinosaurier"

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