»Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann warst du nicht dicht genug dran«, lautete das Credo des Kriegsfotografen Robert Capa. Und schon das Bild, das seinen Ruhm begründete, schien sein Motto aufs Beste zu illustrieren. Es wurde zu einer Ikone der Kriegsfotografie, weil Capa nah genug dran war. Als Verfechter der republikanischen Sache bereiste er 1936 die Front des Spanischen Bürgerkriegs und nahm jenen republikanischen Milizionär auf, der niedersinkt auf freiem Feld, offenbar von einer feindlichen Kugel getroffen.

Gerade ist die Aufnahme in Barcelona zu sehen, als Teil der großen Ausstellung This is war! Robert Capa at work, die dessen Biograf Richard Whelan noch kurz vor seinem Tod 2007 kuratierte. Zugleich untergräbt aber eine neue Veröffentlichung erneut den Glauben an die Authentizität des Fotos. Der spanische Akademiker José Manuel Susperregui versucht in seinem Buch Schatten der Fotografie nachzuweisen, dass das Bild nicht, wie bisher angenommen, in Cerro Muriano nahe Córdoba, sondern im 50 Kilometer entfernten Espejo aufgenommen wurde. Dort kam es aber zum Zeitpunkt von Capas Besuch zu keinerlei Todesfällen an der Front.

Susperreguis These, durch vergleichende Landschaftsaufnahmen von erheblicher Überzeugungskraft gestützt, scheint den Skeptikern endgültig recht zu geben. Sie hatten ohnehin reichlich Nahrung für ihre Zweifel. Selbst Whelan war der Meinung, die Soldaten in Capas betreffender Gesamtsequenz hätten vor allem posiert – bis plötzlich eine tödliche Kugel dem Theater ein Ende machte. Whelan hatte jedoch auch angenommen, der anonyme Milizionär sei als Federico Borrell García mittlerweile identifiziert. Diese Zuschreibung wurde schon im vergangenen Jahr vom spanischen Dokumentarfilm Der Schatten des Eisbergs demontiert. Zudem war verdächtig, dass man in Capas Sequenz zwei Soldaten nacheinander an genau derselben Stelle zu Boden gehen sieht; und auch, dass Capa in verschiedenen Momenten seines Lebens (er starb 1954 durch eine Mine) unterschiedliche Versionen von den damaligen Umständen gab.

Capa scheute keinen Fronteinsatz, das ist durch spätere Arbeiten hinreichend belegt. Doch der Beginn seiner Karriere scheint sich einem Fake zu verdanken. Wären die jüngsten Enthüllungen schon zu Kriegszeiten erfolgt, sie hätten womöglich fatale Folgen für die republikanische Propaganda gehabt. Heute ist das Publikum längst von Photoshop und postmodernen Theoriegespinsten zum Zweifeln erzogen. Bringt der Nachweis des Arrangierten die Ikone nun zu Fall? Den eigenen Augen fällt es schwer, beim Anblick des Bildes spontan umzuschalten und jetzt im tragischen Moment nur mehr eine Inszenierung zu erkennen. Doch das beweist nur, dass die Unterscheidung wichtig bleibt. Wir wollen weiter an das Echte glauben. Und mit gutem Grund: Der Krieg war keine Inszenierung.