Herta Müller über die GeheimpolizeiDie Securitate ist noch im Dienst

Zwanzig Jahre nach der Hinrichtung Ceauşescus ist sein Geheimdienst weiter aktiv – nur unter neuem Namen. Die alten Akten werden manipuliert, die Beschattungen und Verleumdungen fortgesetzt. Die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller berichtet erstmals über ihre Erfahrungen mit dem Terror von Herta Müller

Jede Reise nach Rumänien ist für mich auch eine Reise in eine andere Zeit, in der ich von meinem eigenen Leben nie wusste, was ist Zufall und was ist inszeniert. Deshalb habe ich jedes Mal in allen öffentlichen Äußerungen die Einsicht in meine Akte gefordert, was mir mit wechselnden Gründen stets verweigert wurde. Stattdessen gab es aber jedes Mal Indizien, dass ich schon wieder, also immer noch beobachtet werde.

Im vergangenen Frühjahr war ich auf Einladung des New Europe College (NEC) in Bukarest. Am ersten Tag saß ich mit einer Journalistin und einem Fotografen in der Hotelhalle, als ein muskulöser Wachmann nach einer Genehmigung fragte und dem Fotografen die Kamera entreißen wollte. »Hier sind keine Fotos erlaubt, auch nicht von Personen«, tobte er. Am zweiten Abend war ich zum Essen verabredet. Wie telefonisch vereinbart, kam ein Freund mich um 18 Uhr vom Hotel abholen. Als er in die Straße des Hotels einbog, bemerkte er, dass ein Mann ihm folgte. Als er an der Rezeption bat, mich anzurufen, sagte die Rezeptionsdame, zuerst müsse er ein Besucherformular ausfüllen. Er erschrak, weil es so was nie gegeben hat, nicht einmal unter Ceauşescu.

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Der Freund und ich gingen zum Restaurant. Immer wieder schlug er mir vor, die Straßenseite zu wechseln. Ich dachte mir nichts dabei. Erst am nächsten Tag erzählte er Andrei Pleşu, dem Direktor des NEC, vom Besucherformular und dass ein Mann ihm auf dem Weg zum Hotel und dann uns beiden bis zum Restaurant gefolgt sei. Andrei Pleşu war empört und schickte seine Sekretärin ins Hotel, um alle künftigen Buchungen zu stornieren. Der Hotelmanager log, die Rezeptionsdame habe ihren allerersten Arbeitstag gehabt und sich falsch verhalten. Aber die Sekretärin kannte die Dame, seit Jahr und Tag stand sie an der Rezeption. Darauf sagte der Manager, der »Patron«, also der Hotelbesitzer, sei ein ehemaliger Securitate-Mann, den man leider nicht mehr ändern könne. Dann lächelte er und meinte, das NEC könne zwar hier die Buchungen stornieren, doch in den anderen Hotels dieser Kategorie sei es genauso. Der Unterschied sei nur, dass man es nicht wisse.

Ich zog aus. Von Nachstellungen habe ich danach nichts mehr gemerkt. Entweder hat sich der Geheimdienst zurückgezogen oder professionell gearbeitet, also unsichtbar.

Um zu wissen, dass man für 18 Uhr einen Beschatter braucht, musste man meine Telefonate auf dem Zimmer abgehört haben. Der Geheimdienst Ceauşescus, die Securitate, hat sich nicht aufgelöst, sondern nur umbenannt in SRI (Rumänischer Informationsdienst). Und dieser hat nach eigenen Angaben 40 Prozent des Personals der Securitate übernommen. Der wirkliche Prozentsatz ist wahrscheinlich noch größer. Und die restlichen 60 Prozent sind heute Rentner (mit dreimal höheren Renten als alle anderen) oder die neuen Macher der Marktwirtschaft. Außer Diplomat kann ein Exspitzel in Rumänien heute alles sein.

Wer Akteneinsicht forderte, ging selbst Freunden auf die Nerven

Die Öffnung der Geheimdienstakten hat die rumänischen Intellektuellen so wenig gekümmert wie all die zertrampelten Lebensläufe um sie herum, so wenig wie die Neuarrangements der Parteibonzen und Geheimdienstler. Wenn man wie ich all die Jahre öffentlich die Akteneinsicht forderte, ging man selbst den Freunden auf die Nerven. Auch aus diesem Grund lagen die Akten jahrelang statt bei der auf Drängen der EU im Jahr 1999 widerwillig gegründeten Aktenbehörde (mit dem zungenbrechenden Namen CNSAS) beim neuen-alten Geheimdienst. Der dirigierte die Akteneinsicht. Die Behörde musste Bittgesuche an ihn richten, die manchmal erhört, meist aber verweigert wurden, sogar mit der Begründung: An der beantragten Akte wird noch gearbeitet. 2004 war ich in Bukarest, um meinem wiederholten Gesuch nach Akteneinsicht Nachdruck zu verleihen. Ich wunderte mich, am Eingang der Behörde standen drei junge Damen in Neonglanzstrümpfen, Minikleidern mit tiefem Dekolleté, als käme man in ein Erotic-Center. Und zwischen den Damen stand ein Soldat mit dem Maschinengewehr um die Schulter, als käme man in eine Militärkaserne. Der Behördenchef ließ sich verleugnen, obwohl ich mit ihm verabredet war.

In diesem Frühjahr stieß eine Forschergruppe auf die Akten rumäniendeutscher Autoren der »Aktionsgruppe Banat«. Die Securitate hatte für jede Minderheit eine spezialisierte Abteilung. Für die Deutschen hieß sie »Deutsche Nationalisten und Faschisten«, die ungarische Sektion hieß »Ungarische Irredentisten«, die jüdische »Jüdische Nationalisten«. Allein rumänische Schriftsteller hatten die Ehre, von der Abteilung »Kunst und Kultur« beobachtet zu werden.

Plötzlich fand sich auch meine Akte unter dem Namen »Cristina«. Drei Bände, 914 Seiten. Am 8. März 1983 soll sie angelegt worden sein – sie enthält jedoch Dokumente aus Jahren davor. Grund für die Eröffnung der Akte: »Tendenziöse Verzerrungen der Realitäten im Land, insbesondere im dörflichen Milieu«, in meinem Buch Niederungen. Textanalysen von Spitzeln untermauern dies. Und dass ich zu einem »Zirkel deutschsprachiger Dichter« gehöre, der »bekannt ist für seine feindseligen Arbeiten«.

Die Akte ist ein Machwerk des SRI im Namen der alten Securitate. Zehn Jahre lang hatte er alle Zeit, um daran zu »arbeiten«. Frisieren kann man es nicht nennen, die Akte ist regelrecht entkernt.

Die drei Jahre Traktorenfabrik Tehnometal, in der ich Übersetzerin war, fehlen. Für die aus der DDR, Österreich und der Schweiz importierten Maschinen übersetzte ich die Beschreibungen. Zwei Jahre lang saß ich mit vier Buchhaltern im Büro. Sie berechneten die Gehälter der Arbeiter, ich wälzte meine dicken technischen Wörterbücher. Ich verstand nichts von hydraulischen oder nichthydraulischen Pressen, Hebeln oder Gewinden. Wenn das Wörterbuch drei, vier oder gar sieben Begriffe anbot, ging ich in die Halle und fragte die Arbeiter. Sie sagten mir das richtige rumänische Wort ohne Deutschkenntnisse – sie kannten die Maschinen. Im dritten Jahr wurde ein »Protokollbüro« eingerichtet. Der Direktor versetzte mich dorthin zu zwei neu eingestellten Übersetzerinnen, eine für Französisch, eine für Englisch. Eine war die Frau eines Universitätsprofessors, von dem es schon zu meiner Studienzeit hieß, er sei ein Securist. Die andere war die Schwiegertochter des zweithöchsten Geheimdienstlers der Stadt. Den Schlüssel zum Aktenschrank hatten nur die beiden. Wenn ausländische Fachleute kamen, musste ich das Büro verlassen. Dann sollte ich offenbar für dieses Büro tauglich gemacht werden durch zwei Anwerbeversuche des Geheimdienstlers Stana. Nach der zweiten Verweigerung war der Abschiedsgruß: »Es wird dir noch leidtun, wir ersäufen dich im Fluss.«

Eines Morgens kam ich zur Arbeit, und meine Wörterbücher lagen vor der Bürotür auf dem Boden. Mein Platz gehörte einem Ingenieur, ich durfte das Büro nicht mehr betreten. Nach Hause gehen konnte ich nicht, man hätte mich sofort entlassen. Nun hatte ich keinen Tisch, keinen Stuhl. Zwei Tage lang saß ich trotzig die acht Stunden mit den Wörterbüchern auf einer Betontreppe zwischen dem Parterre und der ersten Etage, versuchte zu übersetzen, damit niemand sagen konnte, ich arbeite nicht. Die Büroleute gingen an mir vorbei, stumm. Meine Freundin Jenny, eine Ingenieurin, wusste, wie es so weit gekommen war. Jeden Tag auf dem Heimweg hatte ich ihr alle Vorkommnisse erzählt. Sie kam in der Mittagspause zu mir, setzte sich auf die Treppe. Wir aßen zusammen wie früher in meinem Büro. Im Hoflautsprecher sangen wie immer die Arbeiterchöre vom Glück des Volkes. Sie aß und weinte um mich, ich nicht. Ich musste ja durchhalten. Am dritten Tag installierte ich mich an Jennys Schreibtisch, sie machte mir eine Ecke frei. Auch am vierten. Es war ein Großraumbüro. Am fünften Morgen wartete sie vor der Tür auf mich: »Ich darf dich nicht mehr ins Büro lassen. Stell dir vor, meine Kollegen sagen, du bist ein Spitzel.« – »Wie ist das möglich?«, fragte ich. »Du weißt doch, wo wir leben«, meinte sie. Ich nahm meine Wörterbücher und setzte mich wieder auf die Treppe. Diesmal weinte auch ich. Als ich in die Halle kam, um nach einem Wort zu fragen, pfiffen Arbeiter hinter mir her und riefen: »Securistin!« Es war ein Hexenkessel. Wie viele Spitzel es wohl in Jennys Büro und in der Halle gegeben haben mag? Die Attacken waren per Anweisung nach unten gereicht worden, die Verleumdungen sollten mich zwingen, zu kündigen. Am Anfang dieser turbulenten Zeit starb mein Vater. Ich hatte mich nicht mehr im Griff, musste mich meines Vorhandenseins auf der Welt vergewissern. Ich fing an, mein bisheriges Leben aufzuschreiben – daraus entstanden die Kurzgeschichten Niederungen.

Dass ich nun als Spitzel galt, weil ich mich geweigert hatte, ein Spitzel zu werden, war schlimmer als der Anwerbungsversuch und die Todesdrohung. Dass ich eigens von denen verleumdet wurde, die ich schonte, indem ich mich weigerte, sie zu bespitzeln. Jenny und eine Handvoll Kollegen wussten, welches Spiel mit mir getrieben wurde. Alle anderen, die mich nur vom Sehen kannten, aber nicht. Wie hätte ich ihnen allen erklären sollen, was ablief, wie das Gegenteil beweisen? Das war menschenunmöglich, und die Securitate wusste das, und genau darum hat sie es mir angetan. Und sie wusste auch, dass mich diese Perfidie mehr kaputtmacht als ihre Erpressung. Selbst an eine Todesdrohung gewöhnt man sich. Sie gehört zu diesem einen Leben, das man hat. Man trotzt der Angst bis tief in die Seele. Aber durch die Verleumdung wird einem die Seele geraubt. Man ist nur noch monströs umzingelt.

Leserkommentare
    • Neon
    • 28. Juli 2009 14:08 Uhr

    Meine Forderung lautet: Rumaeniens Mitgliedschaft in der EU ruht bis das geklaert und bereinigt ist.

    Da nun alle Europaeischen Staaten ueber Geheimdienste verfuegen, laesst sich doch dazu nur noch sagen, dass die Regierungen Europas die EU16/25 Bevoelkerung belogen haben als Rumaeniens EU Beitritt verhandelt, beschlossen und umgesetzt wurde.

    Punkt um!

  1. und die Autorin übertreibt kein Stück. Ich erinnere mich nur vage an die abgehörten Telefonate, das Stasi-Auto vor der Tür und die geöffnete Post.
    ...ich war ja auch nur ein Kind - Stimmenwirrwarr beim telefonieren war normal.
    Die Briefe hat man manchmal notdürftig wieder zusammen geklebt - Alltag. Und der weisse Dacia vor der Tür? Manchmal hiess es die Securitate hätte Geräte mit dem sie bei den Leuten ein Krebsgeschwür auslösen.
    Was wirklich war werde ich nie wissen, es sei denn durch solche Autoren. Man schweigt sich aus, ähnlich wie hier nach dem 2. Weltkrieg. Aber einig sind sich alle - die Securitate-Leute sind nach wie vor da, andere Positionen, gleiche Machtstellungen. Rumänien war nie in armes Land, wo ist das Geld denn hingeflossen?
    Im Interview vergleicht Cartarescu: "Rumänien ist wie ein Lateinamerikanisches Land, bloß verloren in Europa." (http://www.zeit.de/online...) ich denke das trifft den Nagel auf dem Kopf.
    Aber es gibt ja noch "Rumänien"... das wunderschöne und heterogenste Land das ich kenne. Ein Exot mitten in Europa. Wenn wir die Vergangenheit verarbeitet haben können wir uns hoffentlich auch mal diesem Rumänien widmen.

    • yato
    • 28. Juli 2009 15:41 Uhr

    ...Mitglieder, sonst ist die schöne europäische Idee einer demokratischen Gemeinschaft am Ende!

    Rumänien sollte ein Ultimatum gestellt bekommen bei dessen Nichterfüllung der Rauswurf aus der EU gehört!

    Europa darf nicht zulassen dass einzelne Mitglieder in die Ditatur abrutschen, sonst gefährdet das sogar das Erreichte für unsere eigene Demokratien.
    Jeder soll wissen dass Europa ein exklusiver Club von Demokraten ist und wer sich an die Spielregeln nicht hält fliegt raus. Andernfalls ist die EU nichts wert!

    "Toleranz heisst die Intoleranz nicht zu tolerieren" Karl Popper

  2. Es schmerzt, die Worte einer großen Autorin und Meisterin der Sprache mit dem erniedrigenden Thema "Securitate" so verzweifelt ringen zu sehen. Ich bin Ihnen jedenfalls sehr dankbar, dass Sie das Tabu um die Verwicklung der rumäniendeutschen Landsmannschaften (neuerdings "Verbände") in die - anhaltende - nationalkommunistische Politik Rumäniens gebrochen haben.

    Die meisten Mitglieder dieser Landsmannschaften wissen gar nicht, dass deren Vorstände und Kulturräte weder die Rehabiltation der jahrzehntelang diskriminierten Deutschen aus Rumänien noch die Restitution, der ihnen konfiszierten Häuser und Grundstücke betreiben. - Die Konfiskation und der Handel mit enteigneten Besitztümern muss als der Motor der heutigen Securitate und als Faustpfand des korruptesten Staates in Europa betrachtet werden.

    Alle Initiativen des Verbandes der Banater Schwaben oder des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Sachen Restitution (von Rehabilitation ganz zu schweigen) waren irreführend gegen die eigenen Mitglieder und halbherzig, was den politischen Druck auf Rumänien betrifft.

    Stattdessen kooperieren die Bundesvorsitzenden mit den durchwegs korrupten Politikern des post-ceausistischen Rumäniens und bereichern sich dabei selbst an den zwangsenteigenten Gütern ihrer Landsleute, wobei bundesdeutsche Gesellschaften sich an diesem groß angelegten Raub beteiligen. Das Haus mit dem Hirschgeweih in Schäßburg ist ein Paradebeispiel für die Verflechtung der vielschichtigen Interessen: http://www.resro.eu/f02.html

  3. (entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und Diffamierungen dieser Art. Die Redaktion/jk)

    • helgam
    • 28. Juli 2009 19:41 Uhr

    Wenn der rumänische Geheimdienst mit dem deutschen so gut zusammenarbeitete, dann ist davon auszugehen, daß die ostdeutsche Staatssicherheit mit dem BND noch perfekter zusammenarbeitete.

    Ich hörte von einem Mann aus dem Ruhrgebiet, daß offensichtlich nach der Wende beide miteinander verschmolzen sind.

    Ich glaube dem Bericht von Herta Müller.
    Gerüchte in Umlauf zu bringen (gegen die man machlos ist) oder falsche Behauptungen (daß wie hier der Observierte als Spitzel hingestellt wird) kenne ich aus Ostdeutschland nach der Wende.

    Meine Frage an die ZEIT:Wie ist der westliche Geheimdienst nach dem Krieg mit Menschen umgegangen, die nicht Ludwig Ehrhard und Herrn Adenauer zugeneigt waren? Steckt hinter all diesen Diensten wirklich der amerikanisch-jüdische Geheimdienst?

  4. (entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und Falschbehauptungen dieser Art. Die Redaktion/jk)

    Anscheinend ist sie mit ihrer Strategie, haltet den Dieb, hier im etwas blauäugigen Westen sehr erfolgreich.

    Es ist doch so: Wer zuerst aufsteht und ruft: „Haltet den Dieb“, dem glaubt auch jeder. Wer sich verteidigt, klagt sich an. Oft stellt man erst viel später fest, dass die erste Nachricht eigentlich die falsche gewesen war. Wichtig ist nur das Ergebnis.
    Und das stimmt bisher für Frau Müller!!

    • ramar
    • 29. Juli 2009 10:32 Uhr

    Frau Müller lebt offensichtlich in einer imaginären West-Europa: Wissen Sie, was die Geheimdienste, etc. so mal in der EU machen? Ob man in der 'alten' Europa nicht Telefonate, Briefe, Bankkonten verfolgt? Aber üblichen Rumänien-Bashing zu treiben, ist profitabler, sicher.

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