Jede Reise nach Rumänien ist für mich auch eine Reise in eine andere Zeit, in der ich von meinem eigenen Leben nie wusste, was ist Zufall und was ist inszeniert. Deshalb habe ich jedes Mal in allen öffentlichen Äußerungen die Einsicht in meine Akte gefordert, was mir mit wechselnden Gründen stets verweigert wurde. Stattdessen gab es aber jedes Mal Indizien, dass ich schon wieder, also immer noch beobachtet werde.

Im vergangenen Frühjahr war ich auf Einladung des New Europe College (NEC) in Bukarest. Am ersten Tag saß ich mit einer Journalistin und einem Fotografen in der Hotelhalle, als ein muskulöser Wachmann nach einer Genehmigung fragte und dem Fotografen die Kamera entreißen wollte. »Hier sind keine Fotos erlaubt, auch nicht von Personen«, tobte er. Am zweiten Abend war ich zum Essen verabredet. Wie telefonisch vereinbart, kam ein Freund mich um 18 Uhr vom Hotel abholen. Als er in die Straße des Hotels einbog, bemerkte er, dass ein Mann ihm folgte. Als er an der Rezeption bat, mich anzurufen, sagte die Rezeptionsdame, zuerst müsse er ein Besucherformular ausfüllen. Er erschrak, weil es so was nie gegeben hat, nicht einmal unter Ceauşescu.

Der Freund und ich gingen zum Restaurant. Immer wieder schlug er mir vor, die Straßenseite zu wechseln. Ich dachte mir nichts dabei. Erst am nächsten Tag erzählte er Andrei Pleşu, dem Direktor des NEC, vom Besucherformular und dass ein Mann ihm auf dem Weg zum Hotel und dann uns beiden bis zum Restaurant gefolgt sei. Andrei Pleşu war empört und schickte seine Sekretärin ins Hotel, um alle künftigen Buchungen zu stornieren. Der Hotelmanager log, die Rezeptionsdame habe ihren allerersten Arbeitstag gehabt und sich falsch verhalten. Aber die Sekretärin kannte die Dame, seit Jahr und Tag stand sie an der Rezeption. Darauf sagte der Manager, der »Patron«, also der Hotelbesitzer, sei ein ehemaliger Securitate-Mann, den man leider nicht mehr ändern könne. Dann lächelte er und meinte, das NEC könne zwar hier die Buchungen stornieren, doch in den anderen Hotels dieser Kategorie sei es genauso. Der Unterschied sei nur, dass man es nicht wisse.

Ich zog aus. Von Nachstellungen habe ich danach nichts mehr gemerkt. Entweder hat sich der Geheimdienst zurückgezogen oder professionell gearbeitet, also unsichtbar.

Um zu wissen, dass man für 18 Uhr einen Beschatter braucht, musste man meine Telefonate auf dem Zimmer abgehört haben. Der Geheimdienst Ceauşescus, die Securitate, hat sich nicht aufgelöst, sondern nur umbenannt in SRI (Rumänischer Informationsdienst). Und dieser hat nach eigenen Angaben 40 Prozent des Personals der Securitate übernommen. Der wirkliche Prozentsatz ist wahrscheinlich noch größer. Und die restlichen 60 Prozent sind heute Rentner (mit dreimal höheren Renten als alle anderen) oder die neuen Macher der Marktwirtschaft. Außer Diplomat kann ein Exspitzel in Rumänien heute alles sein.

Wer Akteneinsicht forderte, ging selbst Freunden auf die Nerven

Die Öffnung der Geheimdienstakten hat die rumänischen Intellektuellen so wenig gekümmert wie all die zertrampelten Lebensläufe um sie herum, so wenig wie die Neuarrangements der Parteibonzen und Geheimdienstler. Wenn man wie ich all die Jahre öffentlich die Akteneinsicht forderte, ging man selbst den Freunden auf die Nerven. Auch aus diesem Grund lagen die Akten jahrelang statt bei der auf Drängen der EU im Jahr 1999 widerwillig gegründeten Aktenbehörde (mit dem zungenbrechenden Namen CNSAS) beim neuen-alten Geheimdienst. Der dirigierte die Akteneinsicht. Die Behörde musste Bittgesuche an ihn richten, die manchmal erhört, meist aber verweigert wurden, sogar mit der Begründung: An der beantragten Akte wird noch gearbeitet. 2004 war ich in Bukarest, um meinem wiederholten Gesuch nach Akteneinsicht Nachdruck zu verleihen. Ich wunderte mich, am Eingang der Behörde standen drei junge Damen in Neonglanzstrümpfen, Minikleidern mit tiefem Dekolleté, als käme man in ein Erotic-Center. Und zwischen den Damen stand ein Soldat mit dem Maschinengewehr um die Schulter, als käme man in eine Militärkaserne. Der Behördenchef ließ sich verleugnen, obwohl ich mit ihm verabredet war.

In diesem Frühjahr stieß eine Forschergruppe auf die Akten rumäniendeutscher Autoren der »Aktionsgruppe Banat«. Die Securitate hatte für jede Minderheit eine spezialisierte Abteilung. Für die Deutschen hieß sie »Deutsche Nationalisten und Faschisten«, die ungarische Sektion hieß »Ungarische Irredentisten«, die jüdische »Jüdische Nationalisten«. Allein rumänische Schriftsteller hatten die Ehre, von der Abteilung »Kunst und Kultur« beobachtet zu werden.

Plötzlich fand sich auch meine Akte unter dem Namen »Cristina«. Drei Bände, 914 Seiten. Am 8. März 1983 soll sie angelegt worden sein – sie enthält jedoch Dokumente aus Jahren davor. Grund für die Eröffnung der Akte: »Tendenziöse Verzerrungen der Realitäten im Land, insbesondere im dörflichen Milieu«, in meinem Buch Niederungen. Textanalysen von Spitzeln untermauern dies. Und dass ich zu einem »Zirkel deutschsprachiger Dichter« gehöre, der »bekannt ist für seine feindseligen Arbeiten«.

Die Akte ist ein Machwerk des SRI im Namen der alten Securitate. Zehn Jahre lang hatte er alle Zeit, um daran zu »arbeiten«. Frisieren kann man es nicht nennen, die Akte ist regelrecht entkernt.

Die drei Jahre Traktorenfabrik Tehnometal, in der ich Übersetzerin war, fehlen. Für die aus der DDR, Österreich und der Schweiz importierten Maschinen übersetzte ich die Beschreibungen. Zwei Jahre lang saß ich mit vier Buchhaltern im Büro. Sie berechneten die Gehälter der Arbeiter, ich wälzte meine dicken technischen Wörterbücher. Ich verstand nichts von hydraulischen oder nichthydraulischen Pressen, Hebeln oder Gewinden. Wenn das Wörterbuch drei, vier oder gar sieben Begriffe anbot, ging ich in die Halle und fragte die Arbeiter. Sie sagten mir das richtige rumänische Wort ohne Deutschkenntnisse – sie kannten die Maschinen. Im dritten Jahr wurde ein »Protokollbüro« eingerichtet. Der Direktor versetzte mich dorthin zu zwei neu eingestellten Übersetzerinnen, eine für Französisch, eine für Englisch. Eine war die Frau eines Universitätsprofessors, von dem es schon zu meiner Studienzeit hieß, er sei ein Securist. Die andere war die Schwiegertochter des zweithöchsten Geheimdienstlers der Stadt. Den Schlüssel zum Aktenschrank hatten nur die beiden. Wenn ausländische Fachleute kamen, musste ich das Büro verlassen. Dann sollte ich offenbar für dieses Büro tauglich gemacht werden durch zwei Anwerbeversuche des Geheimdienstlers Stana. Nach der zweiten Verweigerung war der Abschiedsgruß: »Es wird dir noch leidtun, wir ersäufen dich im Fluss.«

Eines Morgens kam ich zur Arbeit, und meine Wörterbücher lagen vor der Bürotür auf dem Boden. Mein Platz gehörte einem Ingenieur, ich durfte das Büro nicht mehr betreten. Nach Hause gehen konnte ich nicht, man hätte mich sofort entlassen. Nun hatte ich keinen Tisch, keinen Stuhl. Zwei Tage lang saß ich trotzig die acht Stunden mit den Wörterbüchern auf einer Betontreppe zwischen dem Parterre und der ersten Etage, versuchte zu übersetzen, damit niemand sagen konnte, ich arbeite nicht. Die Büroleute gingen an mir vorbei, stumm. Meine Freundin Jenny, eine Ingenieurin, wusste, wie es so weit gekommen war. Jeden Tag auf dem Heimweg hatte ich ihr alle Vorkommnisse erzählt. Sie kam in der Mittagspause zu mir, setzte sich auf die Treppe. Wir aßen zusammen wie früher in meinem Büro. Im Hoflautsprecher sangen wie immer die Arbeiterchöre vom Glück des Volkes. Sie aß und weinte um mich, ich nicht. Ich musste ja durchhalten. Am dritten Tag installierte ich mich an Jennys Schreibtisch, sie machte mir eine Ecke frei. Auch am vierten. Es war ein Großraumbüro. Am fünften Morgen wartete sie vor der Tür auf mich: »Ich darf dich nicht mehr ins Büro lassen. Stell dir vor, meine Kollegen sagen, du bist ein Spitzel.« – »Wie ist das möglich?«, fragte ich. »Du weißt doch, wo wir leben«, meinte sie. Ich nahm meine Wörterbücher und setzte mich wieder auf die Treppe. Diesmal weinte auch ich. Als ich in die Halle kam, um nach einem Wort zu fragen, pfiffen Arbeiter hinter mir her und riefen: »Securistin!« Es war ein Hexenkessel. Wie viele Spitzel es wohl in Jennys Büro und in der Halle gegeben haben mag? Die Attacken waren per Anweisung nach unten gereicht worden, die Verleumdungen sollten mich zwingen, zu kündigen. Am Anfang dieser turbulenten Zeit starb mein Vater. Ich hatte mich nicht mehr im Griff, musste mich meines Vorhandenseins auf der Welt vergewissern. Ich fing an, mein bisheriges Leben aufzuschreiben – daraus entstanden die Kurzgeschichten Niederungen.

Dass ich nun als Spitzel galt, weil ich mich geweigert hatte, ein Spitzel zu werden, war schlimmer als der Anwerbungsversuch und die Todesdrohung. Dass ich eigens von denen verleumdet wurde, die ich schonte, indem ich mich weigerte, sie zu bespitzeln. Jenny und eine Handvoll Kollegen wussten, welches Spiel mit mir getrieben wurde. Alle anderen, die mich nur vom Sehen kannten, aber nicht. Wie hätte ich ihnen allen erklären sollen, was ablief, wie das Gegenteil beweisen? Das war menschenunmöglich, und die Securitate wusste das, und genau darum hat sie es mir angetan. Und sie wusste auch, dass mich diese Perfidie mehr kaputtmacht als ihre Erpressung. Selbst an eine Todesdrohung gewöhnt man sich. Sie gehört zu diesem einen Leben, das man hat. Man trotzt der Angst bis tief in die Seele. Aber durch die Verleumdung wird einem die Seele geraubt. Man ist nur noch monströs umzingelt.