Jede Reise nach Rumänien ist für mich auch eine Reise in eine andere Zeit, in der ich von meinem eigenen Leben nie wusste, was ist Zufall und was ist inszeniert. Deshalb habe ich jedes Mal in allen öffentlichen Äußerungen die Einsicht in meine Akte gefordert, was mir mit wechselnden Gründen stets verweigert wurde. Stattdessen gab es aber jedes Mal Indizien, dass ich schon wieder, also immer noch beobachtet werde.

Im vergangenen Frühjahr war ich auf Einladung des New Europe College (NEC) in Bukarest. Am ersten Tag saß ich mit einer Journalistin und einem Fotografen in der Hotelhalle, als ein muskulöser Wachmann nach einer Genehmigung fragte und dem Fotografen die Kamera entreißen wollte. »Hier sind keine Fotos erlaubt, auch nicht von Personen«, tobte er. Am zweiten Abend war ich zum Essen verabredet. Wie telefonisch vereinbart, kam ein Freund mich um 18 Uhr vom Hotel abholen. Als er in die Straße des Hotels einbog, bemerkte er, dass ein Mann ihm folgte. Als er an der Rezeption bat, mich anzurufen, sagte die Rezeptionsdame, zuerst müsse er ein Besucherformular ausfüllen. Er erschrak, weil es so was nie gegeben hat, nicht einmal unter Ceauşescu.

Der Freund und ich gingen zum Restaurant. Immer wieder schlug er mir vor, die Straßenseite zu wechseln. Ich dachte mir nichts dabei. Erst am nächsten Tag erzählte er Andrei Pleşu, dem Direktor des NEC, vom Besucherformular und dass ein Mann ihm auf dem Weg zum Hotel und dann uns beiden bis zum Restaurant gefolgt sei. Andrei Pleşu war empört und schickte seine Sekretärin ins Hotel, um alle künftigen Buchungen zu stornieren. Der Hotelmanager log, die Rezeptionsdame habe ihren allerersten Arbeitstag gehabt und sich falsch verhalten. Aber die Sekretärin kannte die Dame, seit Jahr und Tag stand sie an der Rezeption. Darauf sagte der Manager, der »Patron«, also der Hotelbesitzer, sei ein ehemaliger Securitate-Mann, den man leider nicht mehr ändern könne. Dann lächelte er und meinte, das NEC könne zwar hier die Buchungen stornieren, doch in den anderen Hotels dieser Kategorie sei es genauso. Der Unterschied sei nur, dass man es nicht wisse.

Ich zog aus. Von Nachstellungen habe ich danach nichts mehr gemerkt. Entweder hat sich der Geheimdienst zurückgezogen oder professionell gearbeitet, also unsichtbar.

Um zu wissen, dass man für 18 Uhr einen Beschatter braucht, musste man meine Telefonate auf dem Zimmer abgehört haben. Der Geheimdienst Ceauşescus, die Securitate, hat sich nicht aufgelöst, sondern nur umbenannt in SRI (Rumänischer Informationsdienst). Und dieser hat nach eigenen Angaben 40 Prozent des Personals der Securitate übernommen. Der wirkliche Prozentsatz ist wahrscheinlich noch größer. Und die restlichen 60 Prozent sind heute Rentner (mit dreimal höheren Renten als alle anderen) oder die neuen Macher der Marktwirtschaft. Außer Diplomat kann ein Exspitzel in Rumänien heute alles sein.

Wer Akteneinsicht forderte, ging selbst Freunden auf die Nerven

Die Öffnung der Geheimdienstakten hat die rumänischen Intellektuellen so wenig gekümmert wie all die zertrampelten Lebensläufe um sie herum, so wenig wie die Neuarrangements der Parteibonzen und Geheimdienstler. Wenn man wie ich all die Jahre öffentlich die Akteneinsicht forderte, ging man selbst den Freunden auf die Nerven. Auch aus diesem Grund lagen die Akten jahrelang statt bei der auf Drängen der EU im Jahr 1999 widerwillig gegründeten Aktenbehörde (mit dem zungenbrechenden Namen CNSAS) beim neuen-alten Geheimdienst. Der dirigierte die Akteneinsicht. Die Behörde musste Bittgesuche an ihn richten, die manchmal erhört, meist aber verweigert wurden, sogar mit der Begründung: An der beantragten Akte wird noch gearbeitet. 2004 war ich in Bukarest, um meinem wiederholten Gesuch nach Akteneinsicht Nachdruck zu verleihen. Ich wunderte mich, am Eingang der Behörde standen drei junge Damen in Neonglanzstrümpfen, Minikleidern mit tiefem Dekolleté, als käme man in ein Erotic-Center. Und zwischen den Damen stand ein Soldat mit dem Maschinengewehr um die Schulter, als käme man in eine Militärkaserne. Der Behördenchef ließ sich verleugnen, obwohl ich mit ihm verabredet war.

In diesem Frühjahr stieß eine Forschergruppe auf die Akten rumäniendeutscher Autoren der »Aktionsgruppe Banat«. Die Securitate hatte für jede Minderheit eine spezialisierte Abteilung. Für die Deutschen hieß sie »Deutsche Nationalisten und Faschisten«, die ungarische Sektion hieß »Ungarische Irredentisten«, die jüdische »Jüdische Nationalisten«. Allein rumänische Schriftsteller hatten die Ehre, von der Abteilung »Kunst und Kultur« beobachtet zu werden.

Plötzlich fand sich auch meine Akte unter dem Namen »Cristina«. Drei Bände, 914 Seiten. Am 8. März 1983 soll sie angelegt worden sein – sie enthält jedoch Dokumente aus Jahren davor. Grund für die Eröffnung der Akte: »Tendenziöse Verzerrungen der Realitäten im Land, insbesondere im dörflichen Milieu«, in meinem Buch Niederungen. Textanalysen von Spitzeln untermauern dies. Und dass ich zu einem »Zirkel deutschsprachiger Dichter« gehöre, der »bekannt ist für seine feindseligen Arbeiten«.

Die Akte ist ein Machwerk des SRI im Namen der alten Securitate. Zehn Jahre lang hatte er alle Zeit, um daran zu »arbeiten«. Frisieren kann man es nicht nennen, die Akte ist regelrecht entkernt.

Die drei Jahre Traktorenfabrik Tehnometal, in der ich Übersetzerin war, fehlen. Für die aus der DDR, Österreich und der Schweiz importierten Maschinen übersetzte ich die Beschreibungen. Zwei Jahre lang saß ich mit vier Buchhaltern im Büro. Sie berechneten die Gehälter der Arbeiter, ich wälzte meine dicken technischen Wörterbücher. Ich verstand nichts von hydraulischen oder nichthydraulischen Pressen, Hebeln oder Gewinden. Wenn das Wörterbuch drei, vier oder gar sieben Begriffe anbot, ging ich in die Halle und fragte die Arbeiter. Sie sagten mir das richtige rumänische Wort ohne Deutschkenntnisse – sie kannten die Maschinen. Im dritten Jahr wurde ein »Protokollbüro« eingerichtet. Der Direktor versetzte mich dorthin zu zwei neu eingestellten Übersetzerinnen, eine für Französisch, eine für Englisch. Eine war die Frau eines Universitätsprofessors, von dem es schon zu meiner Studienzeit hieß, er sei ein Securist. Die andere war die Schwiegertochter des zweithöchsten Geheimdienstlers der Stadt. Den Schlüssel zum Aktenschrank hatten nur die beiden. Wenn ausländische Fachleute kamen, musste ich das Büro verlassen. Dann sollte ich offenbar für dieses Büro tauglich gemacht werden durch zwei Anwerbeversuche des Geheimdienstlers Stana. Nach der zweiten Verweigerung war der Abschiedsgruß: »Es wird dir noch leidtun, wir ersäufen dich im Fluss.«

Eines Morgens kam ich zur Arbeit, und meine Wörterbücher lagen vor der Bürotür auf dem Boden. Mein Platz gehörte einem Ingenieur, ich durfte das Büro nicht mehr betreten. Nach Hause gehen konnte ich nicht, man hätte mich sofort entlassen. Nun hatte ich keinen Tisch, keinen Stuhl. Zwei Tage lang saß ich trotzig die acht Stunden mit den Wörterbüchern auf einer Betontreppe zwischen dem Parterre und der ersten Etage, versuchte zu übersetzen, damit niemand sagen konnte, ich arbeite nicht. Die Büroleute gingen an mir vorbei, stumm. Meine Freundin Jenny, eine Ingenieurin, wusste, wie es so weit gekommen war. Jeden Tag auf dem Heimweg hatte ich ihr alle Vorkommnisse erzählt. Sie kam in der Mittagspause zu mir, setzte sich auf die Treppe. Wir aßen zusammen wie früher in meinem Büro. Im Hoflautsprecher sangen wie immer die Arbeiterchöre vom Glück des Volkes. Sie aß und weinte um mich, ich nicht. Ich musste ja durchhalten. Am dritten Tag installierte ich mich an Jennys Schreibtisch, sie machte mir eine Ecke frei. Auch am vierten. Es war ein Großraumbüro. Am fünften Morgen wartete sie vor der Tür auf mich: »Ich darf dich nicht mehr ins Büro lassen. Stell dir vor, meine Kollegen sagen, du bist ein Spitzel.« – »Wie ist das möglich?«, fragte ich. »Du weißt doch, wo wir leben«, meinte sie. Ich nahm meine Wörterbücher und setzte mich wieder auf die Treppe. Diesmal weinte auch ich. Als ich in die Halle kam, um nach einem Wort zu fragen, pfiffen Arbeiter hinter mir her und riefen: »Securistin!« Es war ein Hexenkessel. Wie viele Spitzel es wohl in Jennys Büro und in der Halle gegeben haben mag? Die Attacken waren per Anweisung nach unten gereicht worden, die Verleumdungen sollten mich zwingen, zu kündigen. Am Anfang dieser turbulenten Zeit starb mein Vater. Ich hatte mich nicht mehr im Griff, musste mich meines Vorhandenseins auf der Welt vergewissern. Ich fing an, mein bisheriges Leben aufzuschreiben – daraus entstanden die Kurzgeschichten Niederungen.

Dass ich nun als Spitzel galt, weil ich mich geweigert hatte, ein Spitzel zu werden, war schlimmer als der Anwerbungsversuch und die Todesdrohung. Dass ich eigens von denen verleumdet wurde, die ich schonte, indem ich mich weigerte, sie zu bespitzeln. Jenny und eine Handvoll Kollegen wussten, welches Spiel mit mir getrieben wurde. Alle anderen, die mich nur vom Sehen kannten, aber nicht. Wie hätte ich ihnen allen erklären sollen, was ablief, wie das Gegenteil beweisen? Das war menschenunmöglich, und die Securitate wusste das, und genau darum hat sie es mir angetan. Und sie wusste auch, dass mich diese Perfidie mehr kaputtmacht als ihre Erpressung. Selbst an eine Todesdrohung gewöhnt man sich. Sie gehört zu diesem einen Leben, das man hat. Man trotzt der Angst bis tief in die Seele. Aber durch die Verleumdung wird einem die Seele geraubt. Man ist nur noch monströs umzingelt.

Wie lange dieser Zustand anhielt, weiß ich nicht mehr. Es schien mir endlos. Wahrscheinlich waren es nur Wochen. Schließlich wurde ich entlassen.

Über all das stehen in meiner Akte zwei Wörter, handschriftlich als Randnotiz auf einem Abhörprotokoll: Ich erzähle Jahre später zu Hause von dem Anwerbungsversuch in der Fabrik. An den Rand notiert der Oberstleutnant Padurariu: »Das stimmt.«

Jetzt kamen die Verhöre. Die Vorwürfe: dass ich keiner Arbeit nachgehe, dass ich von Prostitution, Schwarzhandel lebe, als »parasitäres Element«. Man nannte Namen, von denen ich nie im Leben gehört hatte. Und Spionage für den BND, weil ich mit einer Bibliothekarin des Goethe-Instituts und einer Dolmetscherin der deutschen Botschaft befreundet war. Stundenlang erfundene Vorwürfe. Aber nicht nur das. Man brauchte keine Vorladung, fischte mich einfach von der Straße ab. Ich war auf dem Weg zum Friseur und wurde von einem Polizisten durch eine schmale Blechtür ins Souterrain eines Studentenwohnheims gebracht. Drei Männer in Zivil saßen an einem Tisch. Ein kleiner knochiger war der Chef. Er verlangte meinen Ausweis, sagte: »Na, du Hure, sehen wir uns schon wieder.« Ich hatte ihn noch nie gesehen. Mit acht arabischen Studenten sollte ich Sex gehabt und mich mit Strumpfhosen und Kosmetika bezahlen lassen haben. Ich kannte keinen einzigen arabischen Studenten. Aber der Vernehmer meinte, als ich das sagte: »Wenn wir wollen, finden wir auch 20 Araber als Zeugen. Wirst sehen, es wird ein exzellenter Prozess.« Ständig warf er meinen Ausweis zu Boden, ich musste mich bücken und ihn aufheben. An die 30 bis 40 Mal. Wenn ich langsamer wurde, trat er mir ins Kreuz. Hinter der Tür schrie eine Frauenstimme. Folter oder Vergewaltigung, hoffentlich nur ein Tonband, dachte ich. Dann musste ich acht hart gekochte Eier und grüne Zwiebeln mit Salz essen. Ich würgte das Zeug hinunter. Danach öffnete der Knochige die Blechtür, warf meinen Ausweis hinaus und trat mir in den Hintern. Ich fiel mit dem Gesicht ins Gras neben ein Gestrüpp. Ich kotzte, ohne den Kopf zu heben. Ohne mich zu beeilen, nahm ich den Ausweis und ging wieder nach Hause. Das Abfischen von der Straße weg machte mehr Angst als eine Vorladung. Niemand wusste, wo man ist. Man hätte verschwinden, nie wiederauftauchen oder, wie damals angedroht, als Wasserleiche aus dem Fluss gezogen werden können. Es hätte geheißen: Suizid.

Kein Verhör steht in den Akten, keine Vorladung und kein Abfischen

Was in der Akte steht am 30. November 1986: »Jede Reise, die Cristina nach Bukarest und in andere Orte des Landes unternimmt, ist der Direktion I/A (Inlandsopposition) und III/A (Spionageabwehr) rechtzeitig mitzuteilen«, sodass die »permanente Kontrolle gewährleistet ist«. Dass ich also nirgends im Lande ohne Beschattung unterwegs sein darf, um »die nötigen Kontrollmaßnahmen in ihren Beziehungen mit westdeutschen Diplomaten und westdeutschen Bürgern durchzuführen«.

Die Beschattung war, je nach Absicht, unterschiedlich. Mal hat man sie nicht gemerkt, mal fiel sie auf, wurde rabiat und schlug um in Aggression. Als die Niederungen im Westberliner Rotbuch Verlag erscheinen sollten, hatten die Lektorin und ich, um nicht aufzufallen, uns in Poiana Braşov verabredet, in den Karpaten. Wir fuhren separat hin, als Wintersportler. Mein Mann Richard Wagner war mit dem Manuskript nach Bukarest gereist. Ich sollte am nächsten Tag ohne Manuskript mit dem Nachtzug nachkommen. In der Bahnhofshalle von Temeswar empfingen mich zwei Männer und wollten mich mitnehmen. Ich sagte: »Ohne Haftbefehl gehe ich nicht mit.« Sie konfiszierten meine Fahrkarte und meinen Ausweis, sagten, bevor sie verschwanden, ich solle mich nicht von der Stelle rühren, bis sie wiederkämen. Aber der Zug fuhr ein, und sie kamen nicht wieder. Ich ging zum Bahnsteig. Es war die Zeit des großen Stromsparens, der Schlafwagen stand im Dunkel am Ende des Bahnsteigs. Einsteigen durfte man erst ganz kurz vor der Abfahrt, die Tür war noch zu. Auch die zwei Männer waren da, gingen auf und ab, rempelten mich an und stießen mich dreimal zu Boden. Dreckig und verwirrt stand ich auf, als wäre nichts. Und die Wartenden schauten zu, als wäre nichts. Als die Schlafwagentür endlich aufging, drängte ich mich mitten in die Schlange. Die beiden Männer stiegen auch ein. Ich ging ins Abteil, zog mich halb aus, streifte den Pyjama über, damit es auffällt, wenn man mich herauszerrt. Als der Zug anfuhr, ging ich zur Toilette und versteckte einen Brief für amnesty international hinter dem Waschbecken. Die zwei Männer standen auf dem Gang und sprachen mit dem Schlafwagenschaffner. Ich hatte das untere Bett im Abteil. Vielleicht, weil ich dort besser greifbar bin, dachte ich. Als der Schaffner an mein Abteil kam, gab er mir die Fahrkarte und den Ausweis. Woher er das habe und was die zwei Männer von ihm gewollt hätten, fragte ich. »Welche Männer?«, sagte er, »hier sind Dutzende.«

Ich machte die Nacht kein Auge zu. Es war Leichtsinn einzusteigen, dachte ich, die werfen mich während der Nachtfahrt irgendwo auf dem leeren Schneefeld aus dem Zug. Als es draußen grau wurde, legte sich die Angst. Für einen inszenierten Suizid hätten sie bestimmt die Dunkelheit genutzt, dachte ich. Bevor die ersten Passagiere wach wurden, ging ich zur Toilette und holte den versteckten Brief. Dann zog ich mich an, setzte mich auf den Bettrand und wartete, bis der Zug in Bukarest einfuhr. Ich stieg aus, als wäre nichts. Auch von diesem Tag steht nichts in der Akte.

Die Beschattungen hatten Folgen auch für andere. Ein Freund fiel dem Geheimdienst zum ersten Mal bei meiner Lesung aus den Niederungen im Bukarester Goethe-Institut auf. Danach wurden seine Personalien festgestellt, eine Akte über ihn wurde angelegt, und er wurde fortan beobachtet. Das steht in seiner Akte, in meiner findet sich dazu kein Wort.

Der Geheimdienst kam und ging, wie er wollte, wenn wir nicht zu Hause waren. Oft wurden absichtlich Zeichen hinterlassen, Zigarettenkippen platziert, Bilder von der Wand aufs Bett gelegt, Stühle umgestellt. Das Unheimlichste zog sich über Wochen hin. Von einem Fuchsfell, das auf dem Fußboden lag, wurden nach und nach der Schwanz, die Füße und zuletzt der Kopf abgeschnitten und an den Fuchsbauch drangelegt. Man sah die Schnitte nicht. Beim Putzen bemerkte ich zum ersten Mal, dass der Schwanz abgeschnitten dalag. Da dachte ich noch an Zufall. Als dann Wochen später der hintere Fuß abgeschnitten war, begann ich mich zu gruseln. Bis auch der Kopf abgeschnitten war, war die Kontrolle des Fuchsfells das Erste, was ich tat, wenn ich nach Hause kam. Alles konnte geschehen, die Wohnung hatte ihre Privatheit verloren. Wenn man aß, dachte man jedes Mal, das Essen könnte vergiftet sein. Von diesem Psychoterror steht kein Wort in den Akten.

Im Sommer 1986 besuchte uns die Schriftstellerin Anna Jonas in Temeswar. Sie und andere Autoren hatten am 4.11.1985 in einem Brief an den rumänischen Schriftstellerverband – der sich in meiner Akte wiederfindet – dagegen protestiert, dass ich nicht zur Buchmesse, zum Evangelischen Kirchentag und zu meinem Verlag reisen durfte. Der Besuch ist in meiner Akte genau dokumentiert, und es gibt ein Telex vom 18. August 1986 an die Grenzbehörde, Anna Jonas’ Gepäck bei der Ausreise »aufs Gründlichste« zu durchsuchen und das Ergebnis zu melden. Im Gegensatz dazu fehlt der Besuch des ZEIT- Journalisten Rolf Michaelis. Er wollte, nachdem Niederungen erschienen war, ein Gespräch mit mir führen. Sein Kommen hatte er mit einem Telegramm angekündigt und darauf vertraut, dass er mich zu Hause antrifft. Aber das Telegramm wurde vom Geheimdienst abgefangen, Richard Wagner und ich waren ahnungslos für ein paar Tage zu seinen Eltern aufs Land gefahren. Zwei Tage hintereinander läutete Michaelis vergeblich an der Wohnungstür. Am zweiten Tag lauerten ihm drei Männer im Raum des Müllschluckers auf und schlugen ihn brutal zusammen. Seine Zehen waren an beiden Füßen gebrochen. Wir wohnten auf der fünften Etage, der Lift ging nicht, weil kein Strom da war. Michaelis musste auf allen vieren durchs sackdunkle Treppenhaus bis auf die Straße hinunterkriechen. Das Telegramm von Michaelis fehlt in der Akte, obwohl es darin eine ganze Sammlung abgefangener Briefe aus dem Westen gibt. Der Akte nach hat es diesen Besuch nie gegeben. Auch diese Lücke zeigt, dass der Geheimdienst die Taten seines hauptamtlichen Personals getilgt hat, damit durch die Akteneinsicht niemand zur Verantwortung gezogen werden kann. So wurde dafür gesorgt, dass die Securitate nach Ceauşescu zu einem abstrakten Monster ohne Täter wurde.

Rolf Michaelis wollte uns schützen und schrieb über diese Attacke erst nach unserer Ausreise. Aus den Akten weiß ich, es war ein Fehler. Nicht das Schweigen, sondern nur Öffentlichkeit im Westen konnte schützen. Aus meiner Akte geht auch hervor, dass ein surrealer Strafprozess wegen »Spionage für den BND« gegen mich vorbereitet war. Der Resonanz meiner Bücher und den Literaturpreisen in Deutschland habe ich zu verdanken, dass der Plan nicht umgesetzt und ich nicht verhaftet wurde.

Rolf Michaelis konnte uns vor dem Besuch nicht anrufen, da wir kein Telefon hatten. In Rumänien musste man jahrelang auf einen Anschluss warten. Uns aber wurde ohne Antrag einer angeboten. Wir lehnten ab, weil wir wussten, dass ein Telefon die praktischste Abhörstation in unserer kleinen Wohnung wäre. Bei Freunden, die ein Telefon hatten, wurde es, wenn man zu Besuch kam, sofort in den Kühlschrank gestellt und eine Schallplatte aufgelegt. Die Verweigerung des Telefons hat nichts genützt, denn die Hälfte des Aktenmaterials, das mir ausgehändigt wurde, sind Abhörprotokolle aus unserer Wohnung.

In der Akte von Richard Wagner findet sich eine nota de analiza vom 20. Februar 1985, aus der hervorgeht, wann niemand von uns beiden zu Hause ist. Und: »Gleichfalls wurde der Einbau spezieller Mittel in der Wohnung durchgeführt, durch den wir Daten von operativem Interesse erhalten.« Auch der Plan zum Einbau der Wanzen findet sich in seiner Akte. In der Wohnung unter uns wurde die Decke und bei uns der Fußboden durchgebohrt. Die Wanzen waren in beiden Zimmern hinter den Schränken.

Die Abhörprotokolle sind oft voller Auslassungszeichen, weil die Musik der Schallplatten das Abhören störte. Die Musik lief aber, weil wir dachten, der Geheimdienst arbeite mit Richtmikrofonen. Dass Tag und Nacht abgehört wird, dachten wir nie. Sicher wurde man bei Verhören immer wieder mit Dingen konfrontiert, die der Vernehmer gar nicht wissen konnte. Doch angesichts der furchtbaren Armut und Rückständigkeit Rumäniens glaubten wir, moderne Abhörtechnik könne sich die Securitate gar nicht leisten. Genau genommen dachten wir auch, dass wir zwar ihre Staatsfeinde, aber diesen Aufwand nicht wert sind. In all der Angst blieben wir dennoch naiv, über den Grad der Überwachung haben wir uns gründlich getäuscht.

Die Securitate hat den Beruf, den Arbeitsplatz und die politische Zuverlässigkeit sämtlicher Bewohner unseres zehnstöckigen Wohnblocks überprüft und Personalbögen angelegt – wahrscheinlich, um Spitzel in unserer Nachbarschaft zu rekrutieren. Wer bis dahin noch nie ins Visier des Geheimdienstes geraten war, bekam den Stempel »NECUNOSCUT« (unbekannt).

Die Abhörprotokolle sind Tagesberichte. Die abgehörten Gespräche werden zusammengefasst, die »staatsfeindlich« relevanten Stellen werden wörtlich wiedergegeben. Bei unbekannten Besuchern stehen Fragezeichen am Rand und die Anweisung, zu ermitteln, wer sie sind. Auch die Abhörprotokolle sind unvollständig.

Auch die engste Freundin ist Teil des Systems Liebe und Verrat

Einer unserer engsten Freunde war Roland Kirsch. Er wohnte um die Ecke und besuchte uns fast täglich. Er war Ingenieur in einem Schlachthaus, fotografierte die Tristesse des Alltags und schrieb Prosaminiaturen. 1996 erschien in Deutschland sein Band Der Traum der Mondkatze – aus dem Nachlass, denn im Mai 1989 wurde er erhängt in seiner Wohnung gefunden. Die Nachbarn sagen heute, in seiner Wohnung seien mehrere laute Stimmen zu hören gewesen in der Nacht seines Todes. Auch ich glaube nicht an Suizid. In Rumänien dauerten die Laufereien für alle Formalitäten vor einer Beerdigung tagelang. Bei Suizid war eine Obduktion selbstverständlich. Aber Roland Kirschs Eltern wurden alle Papiere innerhalb eines Tages ausgehändigt. Er kam schnell und ohne Obduktion unter die Erde. Und es gibt im dicken Konvolut der Abhörprotokolle kein einziges Mal einen Besuch von Roland Kirsch. Der Name ist getilgt, diese Person soll es nie gegeben haben.

Eine quälende Frage hat meine Akte immerhin beantwortet. Ein Jahr nach meiner Ausreise kam Jenny nach Berlin zu Besuch. Seit den Schikanen in der Fabrik war sie meine engste Freundin. Auch nachdem ich entlassen war, sahen wir uns beinahe täglich. Als ich dann aber in unserer Berliner Küche ihren Reisepass anschaute und die zusätzlichen Visa für Frankreich und Griechenland sah, sagte ich ihr auf den Kopf zu: »So einen Pass gibt es nicht umsonst, was hast du dafür getan?« Ihre Antwort: »Der Geheimdienst hat mich geschickt, und ich wollte dich unbedingt noch einmal sehen.« Jenny hatte Krebs – sie ist lange schon tot. Sie erzählte, dass sie den Auftrag habe, unsere Wohnung und unsere alltäglichen Gewohnheiten auszuforschen. Wann wir aufstehen und schlafen gehen, wo und was wir einkaufen. Sie werde bei ihrer Rückkehr aber nur das berichten, was wir verabreden, versprach sie. Sie wohnte bei uns, wollte einen Monat bleiben. Mit jedem Tag wuchs mein Misstrauen. Schon nach einigen Tagen kramte ich in ihrem Koffer und fand die Telefonnummer vom rumänischen Konsulat und eine Kopie unseres Hausschlüssels. Seither lebte ich mit dem Verdacht, sie sei wohl von Anfang an auf mich angesetzt, es sei eine Freundschaft im Auftrag. Den Wohnungsplan und unsere Lebensgewohnheiten hat sie, wie ich aus der Akte sehe, als »SURSA (Quelle) SANDA« nach ihrer Rückkehr detailliert geliefert.

Die Erweiterung des Brauchtums durch Verleumdung

In einem Abhörprotokoll vom 21. Dezember 1984 steht als Randnotiz neben dem Namen Jenny: »Wir müssen JENI identifizieren, offenbar gibt es ein großes Vertrauen zwischen ihnen.« Diese Freundschaft, die mir so viel bedeutet hat, wurde durch den Berlin-Besuch zerstört, eine schwer Krebskranke nach der Chemotherapie in den Verrat gelockt. Durch den Nachschlüssel wurde klar, dass Jenny hinterrücks ihren Auftrag erfüllte. Ich musste sie auffordern, unsere Berliner Wohnung sofort zu verlassen. Ich musste meine engste Freundin wegjagen, um mich und Richard Wagner vor ihrem Auftrag zu schützen. Diesem Knäuel aus Liebe und Verrat war nicht beizukommen. Tausendmal habe ich ihren Besuch im Kopf gewälzt, um diese Freundschaft getrauert, ungläubig erfahren, dass Jenny nach meiner Ausreise sogar mit einem Securitate-Offizier liiert war. Heute bin ich froh, weil die Akten zeigen, dass die Nähe zueinander aus uns selbst gewachsen war, nicht vom Geheimdienst eingefädelt, dass Jenny mich erst nach meiner Ausreise bespitzelte. Man wird bescheiden, sucht in dem Vergifteten einen Anteil, der nicht kontaminiert ist, sei dieser auch noch so klein. Dass meine Akte die wirklichen Gefühle zwischen uns beweist, macht mich jetzt fast glücklich.

Nach dem Erscheinen der Niederungen in Deutschland, als die ersten Einladungen kamen, durfte ich nicht reisen. Als jedoch Einladungen zur Verleihung von Literaturpreisen dazukamen, änderte die Securitate ihre Strategie.

Bis dahin arbeitslos, bekam ich im Spätsommer 1984 wider Erwarten eine Stelle als Lehrerin angeboten und erhielt schon am ersten Schultag die zur Reise nötige Empfehlung des Schuldirektors. Und im Oktober 1984 durfte ich wirklich reisen. Auch die beiden nächsten Male durfte ich einen Literaturpreis entgegennehmen. Doch die Absicht dieser Reisen war, wie aus meiner Akte hervorgeht, hinterhältig: Ich sollte statt wie bisher als Dissidentin bei den Lehrerkollegen in der Schule nun als Profiteurin des Regimes gelten und im Westen als Agentin verdächtigt werden. An beidem, aber besonders an der »Agentin« hat der Geheimdienst massiv gearbeitet. Das Spitzelpersonal wurde mit Verleumdungsaufträgen in Richtung Deutschland losgeschickt. Im Maßnahmeplan vom 1. Juli 1985 wird zufrieden konstatiert: »Als Folge mehrerer Reisen ins Ausland wurde bei einigen Schauspielern des Deutschen Staatstheaters Temeswar die Idee lanciert, dass Cristina Agentin der rumänischen Securitate sei. Der westdeutsche Regisseur Alexander Montleart, zeitweise beim Deutschen Theater in Temeswar, hat gegenüber Martina Olczyk vom Goethe-Institut und gegenüber Beamten der deutschen Botschaft Bukarest diesen Verdacht bereits geäußert.«

Nach meiner Ausreise 1987 wurden die Maßnahmen »zur Kompromittierung und Isolierung« verschärft. In einer nota de analiza vom März 1989 steht: »In der Kompromittierungsaktion werden wir mit dem Dienst D (Desinformation) zusammenarbeiten, indem wir einige Artikel im Ausland publizieren oder einige Memoranden – so als ob sie von der deutschen Emigration kämen – an mehrere Kreise und Autoritäten schicken, die Einfluss in Deutschland haben.« Einer der dafür vorgesehenen Spitzel war »Sorin«, »denn er hat literarische und journalistische Neigungen, die nötig sind für die eingeleiteten Aktivitäten«.

Am 3. Juli 1989 schickt die Abteilung I/A einen Rapport an die Zentrale der Securitate in Bukarest. Der rumänische Schriftsteller Damian Ureche hat auf ihre Anweisung einen Brief verfasst, der Richard Wagner und mich als Spitzel verunglimpft. Man bittet die Zentrale, den Brief zu genehmigen. Er sollte von der Tänzerin eines Folklore-Ensembles, die nach Deutschland fuhr, zu Radio Free Europe und zur ARD gelangen.

Der wichtigste »Partner« in Deutschland für Verleumdungsmaßnahmen war die Landsmannschaft der Banater Schwaben. Schon 1985 konstatiert die Securitate mit Genugtuung: »Die Führung der Banater Landsmannschaft in Deutschland hat negative Kommentare zu diesem Buch (Niederungen) gemacht, einschließlich mit Vertretern der rumänischen Botschaft aus Deutschland.« Das ist ein starkes Stück. Seit dem Erscheinen der Niederungen führte die Landsmannschaft in ihrem Blatt Banater Post eine Rufmordkampagne gegen mich. »Fäkaliensprache, Urinprosa, Nestbeschmutzerin, Parteihure« waren die gängigen Urteile ihrer hauseigenen »Literaturkritik«. Ich sei ein Spitzel, behauptete man, habe die Niederungen gar im Auftrag der Securitate geschrieben. Während ich auf der Betontreppe der Fabrik saß, war die Landsmannschaft offenbar im trauten Beisammensein mit dem Botschaftspersonal der Ceauşescu-Diktatur. Ich hingegen hätte mich nie getraut, einen Fuß in diese Botschaft zu setzen, weil ich nicht wusste, ob ich von dort wieder herauskommen würde. Angesichts dieser Beziehungen zu Ceauşescus Diplomaten wundert es nicht, dass die Landsmannschaft in all den Jahren über die Diktatur keine einzige kritische Silbe geäußert hat. Im Bunde mit dem Regime hat sie den Ausverkauf der Rumäniendeutschen betrieben, das Kopfgeld von bis zu 12000 D-Mark, das die Bundesrepublik für jede auswandernde Person bezahlte, hat die Landsmannschaft nicht gestört. Genauso wenig, dass dieser Menschenhandel eine beträchtliche Devisenquelle für die Diktatur war. In der gleichen Einvernehmlichkeit mit dem Regime teilte man sich den Hass auf mich genauso wie die Verleumdungsarbeit. Ich wurde zum Hauptfeind hochstilisiert, wurde als permanentes Angriffsziel zum Bestandteil der Landsmannschafts-Identität. Wer mich verleumdete, bewies seine Heimatliebe. Die Landsmannschaft hat also ihre Brauchtumspflege erweitert durch meine Verleumdung. Der Ausdruck »Spitzel« kam ihr nur in den Sinn, wenn es galt, mich zu verunglimpfen. In meiner Akte steht: »Ihrer Schriften wegen, die die Banater Schwaben in ein schlechtes Licht rücken«, hätten mich Personen aus diesem Kreis außerhalb Rumäniens »isoliert und blamiert«. Und: »An dieser Aktion haben auch unsere Organe mitgewirkt durch die Möglichkeiten, über die wir im Ausland verfügen.« In meiner Akte steht: »Kompromittierendes Material soll auch an Horst Fassel, an seine Institutsadresse, geschickt werden mit der Bitte, es zu verbreiten.« Gemeint ist das Donauschwäbische Institut in Tübingen, dessen Leiter Fassel damals war. Und davor, in den achtziger Jahren, war er Redakteur der Banater Post.

In ihren Berichten haben die Spitzel dem rumänischen Geheimdienst eine Bedeutung der Landsmannschaft in Deutschland vorgegaukelt, die sie nie hatte. Trotz der räumlichen Distanz gab es offenbar dieselbe Abhängigkeit, wie man sie vom Stasi-IM zum Führungsoffizier kennt, denselben Druck, zu parieren, dieselbe Angst, fallen gelassen und hier im Westen enttarnt zu werden.

Einer der Fleißigsten war »Sorin«, der schon 1983 die Temeswarer Autorengruppe auskundschaftete. Ein Bekannter, der die Akte seines mittlerweile verstorbenen Vaters eingesehen hat, entnimmt dem kodifizierten Kennzeichen, das dem Spitzelnamen auf jedem Bericht beigefügt ist, dass »Sorin« 1982 bereits 38 Berichte geliefert hatte. Auch in meiner Akte mit den über 30 Spitzelnamen ist »Sorin« eine der Hauptpersonen. In einem Maßnahmeplan vom 30. November 1986 steht ausdrücklich, dass »Sorin« beauftragt wird, auszukundschaften, was ich demnächst vorhabe und welche Beziehungen ich in Rumänien und im Ausland pflege. Einmal besuchte uns in Temeswar der Feuilleton-Chef der Bukarester Zeitung Neuer Weg in Begleitung von Walther Konschitzky. Im Abhörprotokoll dieses Tages notiert Oberstleutnant Padurariu, der mich immer verhörte, am Rand als Identifikation dieses Besuchers: »Sorin«.

Schon während der Diktatur ist dieser »Sorin« regelmäßig nach Deutschland gereist und noch vor dem Sturz Ceauşescus ausgewandert, wie so viele Spitzel. Dann war er Kulturreferent der Banater Landsmannschaft von 1992 bis 1998. Seither übt er – da diese Stelle in der Münchner Zentrale gestrichen wurde – seine Funktion ehrenamtlich aus.

Um die Spitzel in den eigenen Reihen hat sich die Landsmannschaft nie geschert. Seit ihrer Gründung 1950 hat sie sich eine Kopfheimat aus Blasmusik, Trachtenfesten, schmucken Bauernhäusern und geschnitzten Holztoren geschaffen. Die Diktaturen Hitlers und Ceauşescus wurden immer ausgeblendet. Führungspersonen der nationalsozialistischen Volksgruppe im Banat gehörten zu den Gründern der Landsmannschaft.

Heute weigert sich die Landsmannschaft, den Einfluss der Securitate in ihren Reihen zu untersuchen mit der Ausrede, das sei verjährt. Das ist nicht hinnehmbar angesichts ihres politischen Gewichts in Deutschland. Obwohl weniger als zehn Prozent der ausgewanderten Banater Schwaben in ihr organisiert sind, hatte sie all die Jahre Vertreter in Rundfunkräten und Kulturinstitutionen. Nach meiner Ankunft in Deutschland erzählten mir Radiojournalisten, dass ihre Sendung mit mir Schwierigkeiten für sie zur Folge gehabt habe, weil die Landsmannschaft interveniert habe. Außerdem war sie all die Jahre eine der Schaltstellen für die Abwicklung der Ausreiseanträge aus Rumänien, die sie gelegentlich auch zu verhindern suchte. Den Ausreiseantrag des Literaturkritikers Emmerich Reichrath, dessen Rezensionen über den Banater Tellerrand hinauswiesen, versuchte sie zu verhindern. Auch ich erhielt vor der Ausreise Briefe von »Landsleuten« aus Deutschland, in denen stand: »Sie sind in Deutschland nicht willkommen.« Im Übergangsheim in Nürnberg war das Büro der Landsmannschaft Tür an Tür mit den Büros des BND. Ein Stempel der Landsmannschaft war für die Abwicklung der Einreiseformalitäten unumgänglich. Mich empfing man mit dem Satz: »Die deutsche Luft bekommt Ihnen nicht gut.« Ich war schwer erkältet nach einer Nachtfahrt auf dem offenen Anhänger eines Traktors zur Grenze. Es war Februar. Hinter der nächsten Tür, beim BND, war der Empfang noch schroffer. Heute weiß ich, warum. Der Verleumdungsplan der Securitate ging auf: »Hatten Sie mit dem dortigen Geheimdienst zu tun?« Meine Antwort: »Er mit mir, das ist ein Unterschied«, beeindruckte den Beamten nicht. »Lassen Sie das meine Unterscheidung sein, dafür werde ich bezahlt«, sagte er. Und: »Wenn Sie einen Auftrag haben, können Sie es jetzt noch sagen.« Während alle anderen dieses Büro nach ein paar Minuten mit einem Unbedenklichkeitsstempel verlassen konnten, wurden Richard Wagner und ich mehrere Tage gemeinsam und einzeln verhört. Während meine Mutter ihre Einbürgerungsurkunde automatisch bekam, sagte man uns monatelang, es seien »eingehende Recherchen nötig«. Es war grotesk. Einerseits warnte mich der Verfassungsschutz vor Bedrohungen der Securitate: nicht im Parterre wohnen, auf Reisen keine Geschenke annehmen, Zigarettenpackung nicht auf dem Tisch liegen lassen, mit Unbekannten nie in eine Wohnung gehen, mir eine Schreckschusspistole kaufen und so weiter. Anderseits blockierte der Agentenverdacht meine Einbürgerung.

Ich frage mich, warum der BND mich verdächtigte, aber den vielen Spitzeln in der Landsmannschaft und der Emigration nicht auf die Spur gekommen ist. Wahrscheinlich hat man sich auch im BND auf die Informationen der Landsmannschaft verlassen. Deshalb ist Deutschland heute ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel. Wenn man die Akten der Banater Autorengruppe miteinander vergleicht, lassen sich zahlreiche Spitzel identifizieren, wie »Sorin«, »Voicu«, »Gruia«, »Marin«, »Walter«, »Matei« und viele mehr. Sie sind Lehrer, Professoren, Beamte, Journalisten, Schauspieler. Nie hat sie jemand behelligt. Die seit dem Fall der Mauer anhaltende Stasi-Debatte kann ihnen den Buckel runterrutschen. Sie sind zwar alle deutsche Staatsbürger, aber für die deutschen Behörden undurchschaubar. Ihre Spitzeltätigkeit ist hierzulande exterritorial. Und anders als den Stasi-Spitzeln nach der Wiedervereinigung sind den Securitate-Spitzeln ihre Führungsoffiziere nicht abhandengekommen. Sie sitzen nämlich heute im neuen rumänischen Geheimdienst.

Der Deutsche Bundestag finanzierte die Arbeit der Landsmannschaft während und nach der Diktatur. Wurde jemals eine Untersuchung der Verstrickung ihres Personals mit der rumänischen Diktatur gefordert?

1989 nach dem Sturz Ceauşescus dachte ich, die Verleumdungskampagnen gegen mich seien nun endlich obsolet. Aber sie gingen weiter. 1991 erhielt ich sogar in Rom als Stipendiatin der Villa Massimo anonyme Drohanrufe. Und die Briefkampagne der Securitate hat offenbar ein Eigenleben entwickelt. Als mir 2004 der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung zugesprochen wurde, erhielt nicht nur die Stiftung stapelweise Briefe mit den üblichen Verleumdungen. Die Aktion steigerte sich diesmal ins Maßlose, auch das Präsidium des Deutschen Bundestages, der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel, die Vorsitzende der Jury, Birgit Lermen, und Joachim Gauck als Laudator erhielten Briefe, die mich als Agentin, Mitglied der Kommunistischen Partei Rumäniens und Nestbeschmutzerin verunglimpften. Nachts Viertel vor zwölf klingelte bei Birgit Lermen das Telefon, Punkt Mitternacht bei Bernhard Vogel, dem Vorsitzenden der Stiftung, und Viertel nach zwölf bei Joachim Gauck. Schmähungen und Drohungen, unterlegt mit dem Horst-Wessel-Lied. Diese Anrufe kamen nächtelang, bis die Polizei den Anrufer durch eine Fangschaltung ermittelte.

Die von der Fälscherwerkstatt erfundene Person verselbstständigt sich

In meiner Akte bin ich zwei verschiedene Personen. Die eine heißt »Cristina«, ist Staatsfeind und wird bekämpft. Um diese »Cristina« zu kompromittieren, wurde in der Fälscherwerkstatt der Abteilung D (Desinformation) eine Attrappe fabriziert, mit allen Zutaten, die mir am meisten schaden – systemtreue Kommunistin, skrupellose Agentin. Wo immer ich hinkam, hatte ich mit dieser Attrappe zu leben. Sie wurde mir nicht nur hinterhergeschickt, sie eilte mir auch voraus. Obwohl ich von Anfang an und immer nur gegen die Diktatur geschrieben habe, geht die Attrappe bis heute ihre eigenen Wege. Sie hat sich verselbstständigt. Obwohl die Diktatur seit 20 Jahren passé ist, irrlichtert diese Attrappe umher. Wie lange noch?

Herta Müller, 1953 in Nitzkydorf in Rumänien geboren, ist Schriftstellerin. 1987 reiste sie mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik aus. Sie lebt in Berlin. 2004 erhielt sie den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Ihr neuer Roman »Atemschaukel« erscheint im August im Hanser Verlag