Wie lange dieser Zustand anhielt, weiß ich nicht mehr. Es schien mir endlos. Wahrscheinlich waren es nur Wochen. Schließlich wurde ich entlassen.

Über all das stehen in meiner Akte zwei Wörter, handschriftlich als Randnotiz auf einem Abhörprotokoll: Ich erzähle Jahre später zu Hause von dem Anwerbungsversuch in der Fabrik. An den Rand notiert der Oberstleutnant Padurariu: »Das stimmt.«

Jetzt kamen die Verhöre. Die Vorwürfe: dass ich keiner Arbeit nachgehe, dass ich von Prostitution, Schwarzhandel lebe, als »parasitäres Element«. Man nannte Namen, von denen ich nie im Leben gehört hatte. Und Spionage für den BND, weil ich mit einer Bibliothekarin des Goethe-Instituts und einer Dolmetscherin der deutschen Botschaft befreundet war. Stundenlang erfundene Vorwürfe. Aber nicht nur das. Man brauchte keine Vorladung, fischte mich einfach von der Straße ab. Ich war auf dem Weg zum Friseur und wurde von einem Polizisten durch eine schmale Blechtür ins Souterrain eines Studentenwohnheims gebracht. Drei Männer in Zivil saßen an einem Tisch. Ein kleiner knochiger war der Chef. Er verlangte meinen Ausweis, sagte: »Na, du Hure, sehen wir uns schon wieder.« Ich hatte ihn noch nie gesehen. Mit acht arabischen Studenten sollte ich Sex gehabt und mich mit Strumpfhosen und Kosmetika bezahlen lassen haben. Ich kannte keinen einzigen arabischen Studenten. Aber der Vernehmer meinte, als ich das sagte: »Wenn wir wollen, finden wir auch 20 Araber als Zeugen. Wirst sehen, es wird ein exzellenter Prozess.« Ständig warf er meinen Ausweis zu Boden, ich musste mich bücken und ihn aufheben. An die 30 bis 40 Mal. Wenn ich langsamer wurde, trat er mir ins Kreuz. Hinter der Tür schrie eine Frauenstimme. Folter oder Vergewaltigung, hoffentlich nur ein Tonband, dachte ich. Dann musste ich acht hart gekochte Eier und grüne Zwiebeln mit Salz essen. Ich würgte das Zeug hinunter. Danach öffnete der Knochige die Blechtür, warf meinen Ausweis hinaus und trat mir in den Hintern. Ich fiel mit dem Gesicht ins Gras neben ein Gestrüpp. Ich kotzte, ohne den Kopf zu heben. Ohne mich zu beeilen, nahm ich den Ausweis und ging wieder nach Hause. Das Abfischen von der Straße weg machte mehr Angst als eine Vorladung. Niemand wusste, wo man ist. Man hätte verschwinden, nie wiederauftauchen oder, wie damals angedroht, als Wasserleiche aus dem Fluss gezogen werden können. Es hätte geheißen: Suizid.

Kein Verhör steht in den Akten, keine Vorladung und kein Abfischen

Was in der Akte steht am 30. November 1986: »Jede Reise, die Cristina nach Bukarest und in andere Orte des Landes unternimmt, ist der Direktion I/A (Inlandsopposition) und III/A (Spionageabwehr) rechtzeitig mitzuteilen«, sodass die »permanente Kontrolle gewährleistet ist«. Dass ich also nirgends im Lande ohne Beschattung unterwegs sein darf, um »die nötigen Kontrollmaßnahmen in ihren Beziehungen mit westdeutschen Diplomaten und westdeutschen Bürgern durchzuführen«.

Die Beschattung war, je nach Absicht, unterschiedlich. Mal hat man sie nicht gemerkt, mal fiel sie auf, wurde rabiat und schlug um in Aggression. Als die Niederungen im Westberliner Rotbuch Verlag erscheinen sollten, hatten die Lektorin und ich, um nicht aufzufallen, uns in Poiana Braşov verabredet, in den Karpaten. Wir fuhren separat hin, als Wintersportler. Mein Mann Richard Wagner war mit dem Manuskript nach Bukarest gereist. Ich sollte am nächsten Tag ohne Manuskript mit dem Nachtzug nachkommen. In der Bahnhofshalle von Temeswar empfingen mich zwei Männer und wollten mich mitnehmen. Ich sagte: »Ohne Haftbefehl gehe ich nicht mit.« Sie konfiszierten meine Fahrkarte und meinen Ausweis, sagten, bevor sie verschwanden, ich solle mich nicht von der Stelle rühren, bis sie wiederkämen. Aber der Zug fuhr ein, und sie kamen nicht wieder. Ich ging zum Bahnsteig. Es war die Zeit des großen Stromsparens, der Schlafwagen stand im Dunkel am Ende des Bahnsteigs. Einsteigen durfte man erst ganz kurz vor der Abfahrt, die Tür war noch zu. Auch die zwei Männer waren da, gingen auf und ab, rempelten mich an und stießen mich dreimal zu Boden. Dreckig und verwirrt stand ich auf, als wäre nichts. Und die Wartenden schauten zu, als wäre nichts. Als die Schlafwagentür endlich aufging, drängte ich mich mitten in die Schlange. Die beiden Männer stiegen auch ein. Ich ging ins Abteil, zog mich halb aus, streifte den Pyjama über, damit es auffällt, wenn man mich herauszerrt. Als der Zug anfuhr, ging ich zur Toilette und versteckte einen Brief für amnesty international hinter dem Waschbecken. Die zwei Männer standen auf dem Gang und sprachen mit dem Schlafwagenschaffner. Ich hatte das untere Bett im Abteil. Vielleicht, weil ich dort besser greifbar bin, dachte ich. Als der Schaffner an mein Abteil kam, gab er mir die Fahrkarte und den Ausweis. Woher er das habe und was die zwei Männer von ihm gewollt hätten, fragte ich. »Welche Männer?«, sagte er, »hier sind Dutzende.«

Ich machte die Nacht kein Auge zu. Es war Leichtsinn einzusteigen, dachte ich, die werfen mich während der Nachtfahrt irgendwo auf dem leeren Schneefeld aus dem Zug. Als es draußen grau wurde, legte sich die Angst. Für einen inszenierten Suizid hätten sie bestimmt die Dunkelheit genutzt, dachte ich. Bevor die ersten Passagiere wach wurden, ging ich zur Toilette und holte den versteckten Brief. Dann zog ich mich an, setzte mich auf den Bettrand und wartete, bis der Zug in Bukarest einfuhr. Ich stieg aus, als wäre nichts. Auch von diesem Tag steht nichts in der Akte.

Die Beschattungen hatten Folgen auch für andere. Ein Freund fiel dem Geheimdienst zum ersten Mal bei meiner Lesung aus den Niederungen im Bukarester Goethe-Institut auf. Danach wurden seine Personalien festgestellt, eine Akte über ihn wurde angelegt, und er wurde fortan beobachtet. Das steht in seiner Akte, in meiner findet sich dazu kein Wort.

Der Geheimdienst kam und ging, wie er wollte, wenn wir nicht zu Hause waren. Oft wurden absichtlich Zeichen hinterlassen, Zigarettenkippen platziert, Bilder von der Wand aufs Bett gelegt, Stühle umgestellt. Das Unheimlichste zog sich über Wochen hin. Von einem Fuchsfell, das auf dem Fußboden lag, wurden nach und nach der Schwanz, die Füße und zuletzt der Kopf abgeschnitten und an den Fuchsbauch drangelegt. Man sah die Schnitte nicht. Beim Putzen bemerkte ich zum ersten Mal, dass der Schwanz abgeschnitten dalag. Da dachte ich noch an Zufall. Als dann Wochen später der hintere Fuß abgeschnitten war, begann ich mich zu gruseln. Bis auch der Kopf abgeschnitten war, war die Kontrolle des Fuchsfells das Erste, was ich tat, wenn ich nach Hause kam. Alles konnte geschehen, die Wohnung hatte ihre Privatheit verloren. Wenn man aß, dachte man jedes Mal, das Essen könnte vergiftet sein. Von diesem Psychoterror steht kein Wort in den Akten.

Im Sommer 1986 besuchte uns die Schriftstellerin Anna Jonas in Temeswar. Sie und andere Autoren hatten am 4.11.1985 in einem Brief an den rumänischen Schriftstellerverband – der sich in meiner Akte wiederfindet – dagegen protestiert, dass ich nicht zur Buchmesse, zum Evangelischen Kirchentag und zu meinem Verlag reisen durfte. Der Besuch ist in meiner Akte genau dokumentiert, und es gibt ein Telex vom 18. August 1986 an die Grenzbehörde, Anna Jonas’ Gepäck bei der Ausreise »aufs Gründlichste« zu durchsuchen und das Ergebnis zu melden. Im Gegensatz dazu fehlt der Besuch des ZEIT- Journalisten Rolf Michaelis. Er wollte, nachdem Niederungen erschienen war, ein Gespräch mit mir führen. Sein Kommen hatte er mit einem Telegramm angekündigt und darauf vertraut, dass er mich zu Hause antrifft. Aber das Telegramm wurde vom Geheimdienst abgefangen, Richard Wagner und ich waren ahnungslos für ein paar Tage zu seinen Eltern aufs Land gefahren. Zwei Tage hintereinander läutete Michaelis vergeblich an der Wohnungstür. Am zweiten Tag lauerten ihm drei Männer im Raum des Müllschluckers auf und schlugen ihn brutal zusammen. Seine Zehen waren an beiden Füßen gebrochen. Wir wohnten auf der fünften Etage, der Lift ging nicht, weil kein Strom da war. Michaelis musste auf allen vieren durchs sackdunkle Treppenhaus bis auf die Straße hinunterkriechen. Das Telegramm von Michaelis fehlt in der Akte, obwohl es darin eine ganze Sammlung abgefangener Briefe aus dem Westen gibt. Der Akte nach hat es diesen Besuch nie gegeben. Auch diese Lücke zeigt, dass der Geheimdienst die Taten seines hauptamtlichen Personals getilgt hat, damit durch die Akteneinsicht niemand zur Verantwortung gezogen werden kann. So wurde dafür gesorgt, dass die Securitate nach Ceauşescu zu einem abstrakten Monster ohne Täter wurde.

Rolf Michaelis wollte uns schützen und schrieb über diese Attacke erst nach unserer Ausreise. Aus den Akten weiß ich, es war ein Fehler. Nicht das Schweigen, sondern nur Öffentlichkeit im Westen konnte schützen. Aus meiner Akte geht auch hervor, dass ein surrealer Strafprozess wegen »Spionage für den BND« gegen mich vorbereitet war. Der Resonanz meiner Bücher und den Literaturpreisen in Deutschland habe ich zu verdanken, dass der Plan nicht umgesetzt und ich nicht verhaftet wurde.

Rolf Michaelis konnte uns vor dem Besuch nicht anrufen, da wir kein Telefon hatten. In Rumänien musste man jahrelang auf einen Anschluss warten. Uns aber wurde ohne Antrag einer angeboten. Wir lehnten ab, weil wir wussten, dass ein Telefon die praktischste Abhörstation in unserer kleinen Wohnung wäre. Bei Freunden, die ein Telefon hatten, wurde es, wenn man zu Besuch kam, sofort in den Kühlschrank gestellt und eine Schallplatte aufgelegt. Die Verweigerung des Telefons hat nichts genützt, denn die Hälfte des Aktenmaterials, das mir ausgehändigt wurde, sind Abhörprotokolle aus unserer Wohnung.

In der Akte von Richard Wagner findet sich eine nota de analiza vom 20. Februar 1985, aus der hervorgeht, wann niemand von uns beiden zu Hause ist. Und: »Gleichfalls wurde der Einbau spezieller Mittel in der Wohnung durchgeführt, durch den wir Daten von operativem Interesse erhalten.« Auch der Plan zum Einbau der Wanzen findet sich in seiner Akte. In der Wohnung unter uns wurde die Decke und bei uns der Fußboden durchgebohrt. Die Wanzen waren in beiden Zimmern hinter den Schränken.