Die Abhörprotokolle sind oft voller Auslassungszeichen, weil die Musik der Schallplatten das Abhören störte. Die Musik lief aber, weil wir dachten, der Geheimdienst arbeite mit Richtmikrofonen. Dass Tag und Nacht abgehört wird, dachten wir nie. Sicher wurde man bei Verhören immer wieder mit Dingen konfrontiert, die der Vernehmer gar nicht wissen konnte. Doch angesichts der furchtbaren Armut und Rückständigkeit Rumäniens glaubten wir, moderne Abhörtechnik könne sich die Securitate gar nicht leisten. Genau genommen dachten wir auch, dass wir zwar ihre Staatsfeinde, aber diesen Aufwand nicht wert sind. In all der Angst blieben wir dennoch naiv, über den Grad der Überwachung haben wir uns gründlich getäuscht.

Die Securitate hat den Beruf, den Arbeitsplatz und die politische Zuverlässigkeit sämtlicher Bewohner unseres zehnstöckigen Wohnblocks überprüft und Personalbögen angelegt – wahrscheinlich, um Spitzel in unserer Nachbarschaft zu rekrutieren. Wer bis dahin noch nie ins Visier des Geheimdienstes geraten war, bekam den Stempel »NECUNOSCUT« (unbekannt).

Die Abhörprotokolle sind Tagesberichte. Die abgehörten Gespräche werden zusammengefasst, die »staatsfeindlich« relevanten Stellen werden wörtlich wiedergegeben. Bei unbekannten Besuchern stehen Fragezeichen am Rand und die Anweisung, zu ermitteln, wer sie sind. Auch die Abhörprotokolle sind unvollständig.

Auch die engste Freundin ist Teil des Systems Liebe und Verrat

Einer unserer engsten Freunde war Roland Kirsch. Er wohnte um die Ecke und besuchte uns fast täglich. Er war Ingenieur in einem Schlachthaus, fotografierte die Tristesse des Alltags und schrieb Prosaminiaturen. 1996 erschien in Deutschland sein Band Der Traum der Mondkatze – aus dem Nachlass, denn im Mai 1989 wurde er erhängt in seiner Wohnung gefunden. Die Nachbarn sagen heute, in seiner Wohnung seien mehrere laute Stimmen zu hören gewesen in der Nacht seines Todes. Auch ich glaube nicht an Suizid. In Rumänien dauerten die Laufereien für alle Formalitäten vor einer Beerdigung tagelang. Bei Suizid war eine Obduktion selbstverständlich. Aber Roland Kirschs Eltern wurden alle Papiere innerhalb eines Tages ausgehändigt. Er kam schnell und ohne Obduktion unter die Erde. Und es gibt im dicken Konvolut der Abhörprotokolle kein einziges Mal einen Besuch von Roland Kirsch. Der Name ist getilgt, diese Person soll es nie gegeben haben.

Eine quälende Frage hat meine Akte immerhin beantwortet. Ein Jahr nach meiner Ausreise kam Jenny nach Berlin zu Besuch. Seit den Schikanen in der Fabrik war sie meine engste Freundin. Auch nachdem ich entlassen war, sahen wir uns beinahe täglich. Als ich dann aber in unserer Berliner Küche ihren Reisepass anschaute und die zusätzlichen Visa für Frankreich und Griechenland sah, sagte ich ihr auf den Kopf zu: »So einen Pass gibt es nicht umsonst, was hast du dafür getan?« Ihre Antwort: »Der Geheimdienst hat mich geschickt, und ich wollte dich unbedingt noch einmal sehen.« Jenny hatte Krebs – sie ist lange schon tot. Sie erzählte, dass sie den Auftrag habe, unsere Wohnung und unsere alltäglichen Gewohnheiten auszuforschen. Wann wir aufstehen und schlafen gehen, wo und was wir einkaufen. Sie werde bei ihrer Rückkehr aber nur das berichten, was wir verabreden, versprach sie. Sie wohnte bei uns, wollte einen Monat bleiben. Mit jedem Tag wuchs mein Misstrauen. Schon nach einigen Tagen kramte ich in ihrem Koffer und fand die Telefonnummer vom rumänischen Konsulat und eine Kopie unseres Hausschlüssels. Seither lebte ich mit dem Verdacht, sie sei wohl von Anfang an auf mich angesetzt, es sei eine Freundschaft im Auftrag. Den Wohnungsplan und unsere Lebensgewohnheiten hat sie, wie ich aus der Akte sehe, als »SURSA (Quelle) SANDA« nach ihrer Rückkehr detailliert geliefert.

Die Erweiterung des Brauchtums durch Verleumdung

In einem Abhörprotokoll vom 21. Dezember 1984 steht als Randnotiz neben dem Namen Jenny: »Wir müssen JENI identifizieren, offenbar gibt es ein großes Vertrauen zwischen ihnen.« Diese Freundschaft, die mir so viel bedeutet hat, wurde durch den Berlin-Besuch zerstört, eine schwer Krebskranke nach der Chemotherapie in den Verrat gelockt. Durch den Nachschlüssel wurde klar, dass Jenny hinterrücks ihren Auftrag erfüllte. Ich musste sie auffordern, unsere Berliner Wohnung sofort zu verlassen. Ich musste meine engste Freundin wegjagen, um mich und Richard Wagner vor ihrem Auftrag zu schützen. Diesem Knäuel aus Liebe und Verrat war nicht beizukommen. Tausendmal habe ich ihren Besuch im Kopf gewälzt, um diese Freundschaft getrauert, ungläubig erfahren, dass Jenny nach meiner Ausreise sogar mit einem Securitate-Offizier liiert war. Heute bin ich froh, weil die Akten zeigen, dass die Nähe zueinander aus uns selbst gewachsen war, nicht vom Geheimdienst eingefädelt, dass Jenny mich erst nach meiner Ausreise bespitzelte. Man wird bescheiden, sucht in dem Vergifteten einen Anteil, der nicht kontaminiert ist, sei dieser auch noch so klein. Dass meine Akte die wirklichen Gefühle zwischen uns beweist, macht mich jetzt fast glücklich.

Nach dem Erscheinen der Niederungen in Deutschland, als die ersten Einladungen kamen, durfte ich nicht reisen. Als jedoch Einladungen zur Verleihung von Literaturpreisen dazukamen, änderte die Securitate ihre Strategie.

Bis dahin arbeitslos, bekam ich im Spätsommer 1984 wider Erwarten eine Stelle als Lehrerin angeboten und erhielt schon am ersten Schultag die zur Reise nötige Empfehlung des Schuldirektors. Und im Oktober 1984 durfte ich wirklich reisen. Auch die beiden nächsten Male durfte ich einen Literaturpreis entgegennehmen. Doch die Absicht dieser Reisen war, wie aus meiner Akte hervorgeht, hinterhältig: Ich sollte statt wie bisher als Dissidentin bei den Lehrerkollegen in der Schule nun als Profiteurin des Regimes gelten und im Westen als Agentin verdächtigt werden. An beidem, aber besonders an der »Agentin« hat der Geheimdienst massiv gearbeitet. Das Spitzelpersonal wurde mit Verleumdungsaufträgen in Richtung Deutschland losgeschickt. Im Maßnahmeplan vom 1. Juli 1985 wird zufrieden konstatiert: »Als Folge mehrerer Reisen ins Ausland wurde bei einigen Schauspielern des Deutschen Staatstheaters Temeswar die Idee lanciert, dass Cristina Agentin der rumänischen Securitate sei. Der westdeutsche Regisseur Alexander Montleart, zeitweise beim Deutschen Theater in Temeswar, hat gegenüber Martina Olczyk vom Goethe-Institut und gegenüber Beamten der deutschen Botschaft Bukarest diesen Verdacht bereits geäußert.«

Nach meiner Ausreise 1987 wurden die Maßnahmen »zur Kompromittierung und Isolierung« verschärft. In einer nota de analiza vom März 1989 steht: »In der Kompromittierungsaktion werden wir mit dem Dienst D (Desinformation) zusammenarbeiten, indem wir einige Artikel im Ausland publizieren oder einige Memoranden – so als ob sie von der deutschen Emigration kämen – an mehrere Kreise und Autoritäten schicken, die Einfluss in Deutschland haben.« Einer der dafür vorgesehenen Spitzel war »Sorin«, »denn er hat literarische und journalistische Neigungen, die nötig sind für die eingeleiteten Aktivitäten«.

Am 3. Juli 1989 schickt die Abteilung I/A einen Rapport an die Zentrale der Securitate in Bukarest. Der rumänische Schriftsteller Damian Ureche hat auf ihre Anweisung einen Brief verfasst, der Richard Wagner und mich als Spitzel verunglimpft. Man bittet die Zentrale, den Brief zu genehmigen. Er sollte von der Tänzerin eines Folklore-Ensembles, die nach Deutschland fuhr, zu Radio Free Europe und zur ARD gelangen.

Der wichtigste »Partner« in Deutschland für Verleumdungsmaßnahmen war die Landsmannschaft der Banater Schwaben. Schon 1985 konstatiert die Securitate mit Genugtuung: »Die Führung der Banater Landsmannschaft in Deutschland hat negative Kommentare zu diesem Buch (Niederungen) gemacht, einschließlich mit Vertretern der rumänischen Botschaft aus Deutschland.« Das ist ein starkes Stück. Seit dem Erscheinen der Niederungen führte die Landsmannschaft in ihrem Blatt Banater Post eine Rufmordkampagne gegen mich. »Fäkaliensprache, Urinprosa, Nestbeschmutzerin, Parteihure« waren die gängigen Urteile ihrer hauseigenen »Literaturkritik«. Ich sei ein Spitzel, behauptete man, habe die Niederungen gar im Auftrag der Securitate geschrieben. Während ich auf der Betontreppe der Fabrik saß, war die Landsmannschaft offenbar im trauten Beisammensein mit dem Botschaftspersonal der Ceauşescu-Diktatur. Ich hingegen hätte mich nie getraut, einen Fuß in diese Botschaft zu setzen, weil ich nicht wusste, ob ich von dort wieder herauskommen würde. Angesichts dieser Beziehungen zu Ceauşescus Diplomaten wundert es nicht, dass die Landsmannschaft in all den Jahren über die Diktatur keine einzige kritische Silbe geäußert hat. Im Bunde mit dem Regime hat sie den Ausverkauf der Rumäniendeutschen betrieben, das Kopfgeld von bis zu 12000 D-Mark, das die Bundesrepublik für jede auswandernde Person bezahlte, hat die Landsmannschaft nicht gestört. Genauso wenig, dass dieser Menschenhandel eine beträchtliche Devisenquelle für die Diktatur war. In der gleichen Einvernehmlichkeit mit dem Regime teilte man sich den Hass auf mich genauso wie die Verleumdungsarbeit. Ich wurde zum Hauptfeind hochstilisiert, wurde als permanentes Angriffsziel zum Bestandteil der Landsmannschafts-Identität. Wer mich verleumdete, bewies seine Heimatliebe. Die Landsmannschaft hat also ihre Brauchtumspflege erweitert durch meine Verleumdung. Der Ausdruck »Spitzel« kam ihr nur in den Sinn, wenn es galt, mich zu verunglimpfen. In meiner Akte steht: »Ihrer Schriften wegen, die die Banater Schwaben in ein schlechtes Licht rücken«, hätten mich Personen aus diesem Kreis außerhalb Rumäniens »isoliert und blamiert«. Und: »An dieser Aktion haben auch unsere Organe mitgewirkt durch die Möglichkeiten, über die wir im Ausland verfügen.« In meiner Akte steht: »Kompromittierendes Material soll auch an Horst Fassel, an seine Institutsadresse, geschickt werden mit der Bitte, es zu verbreiten.« Gemeint ist das Donauschwäbische Institut in Tübingen, dessen Leiter Fassel damals war. Und davor, in den achtziger Jahren, war er Redakteur der Banater Post.

In ihren Berichten haben die Spitzel dem rumänischen Geheimdienst eine Bedeutung der Landsmannschaft in Deutschland vorgegaukelt, die sie nie hatte. Trotz der räumlichen Distanz gab es offenbar dieselbe Abhängigkeit, wie man sie vom Stasi-IM zum Führungsoffizier kennt, denselben Druck, zu parieren, dieselbe Angst, fallen gelassen und hier im Westen enttarnt zu werden.