Einer der Fleißigsten war »Sorin«, der schon 1983 die Temeswarer Autorengruppe auskundschaftete. Ein Bekannter, der die Akte seines mittlerweile verstorbenen Vaters eingesehen hat, entnimmt dem kodifizierten Kennzeichen, das dem Spitzelnamen auf jedem Bericht beigefügt ist, dass »Sorin« 1982 bereits 38 Berichte geliefert hatte. Auch in meiner Akte mit den über 30 Spitzelnamen ist »Sorin« eine der Hauptpersonen. In einem Maßnahmeplan vom 30. November 1986 steht ausdrücklich, dass »Sorin« beauftragt wird, auszukundschaften, was ich demnächst vorhabe und welche Beziehungen ich in Rumänien und im Ausland pflege. Einmal besuchte uns in Temeswar der Feuilleton-Chef der Bukarester Zeitung Neuer Weg in Begleitung von Walther Konschitzky. Im Abhörprotokoll dieses Tages notiert Oberstleutnant Padurariu, der mich immer verhörte, am Rand als Identifikation dieses Besuchers: »Sorin«.

Schon während der Diktatur ist dieser »Sorin« regelmäßig nach Deutschland gereist und noch vor dem Sturz Ceauşescus ausgewandert, wie so viele Spitzel. Dann war er Kulturreferent der Banater Landsmannschaft von 1992 bis 1998. Seither übt er – da diese Stelle in der Münchner Zentrale gestrichen wurde – seine Funktion ehrenamtlich aus.

Um die Spitzel in den eigenen Reihen hat sich die Landsmannschaft nie geschert. Seit ihrer Gründung 1950 hat sie sich eine Kopfheimat aus Blasmusik, Trachtenfesten, schmucken Bauernhäusern und geschnitzten Holztoren geschaffen. Die Diktaturen Hitlers und Ceauşescus wurden immer ausgeblendet. Führungspersonen der nationalsozialistischen Volksgruppe im Banat gehörten zu den Gründern der Landsmannschaft.

Heute weigert sich die Landsmannschaft, den Einfluss der Securitate in ihren Reihen zu untersuchen mit der Ausrede, das sei verjährt. Das ist nicht hinnehmbar angesichts ihres politischen Gewichts in Deutschland. Obwohl weniger als zehn Prozent der ausgewanderten Banater Schwaben in ihr organisiert sind, hatte sie all die Jahre Vertreter in Rundfunkräten und Kulturinstitutionen. Nach meiner Ankunft in Deutschland erzählten mir Radiojournalisten, dass ihre Sendung mit mir Schwierigkeiten für sie zur Folge gehabt habe, weil die Landsmannschaft interveniert habe. Außerdem war sie all die Jahre eine der Schaltstellen für die Abwicklung der Ausreiseanträge aus Rumänien, die sie gelegentlich auch zu verhindern suchte. Den Ausreiseantrag des Literaturkritikers Emmerich Reichrath, dessen Rezensionen über den Banater Tellerrand hinauswiesen, versuchte sie zu verhindern. Auch ich erhielt vor der Ausreise Briefe von »Landsleuten« aus Deutschland, in denen stand: »Sie sind in Deutschland nicht willkommen.« Im Übergangsheim in Nürnberg war das Büro der Landsmannschaft Tür an Tür mit den Büros des BND. Ein Stempel der Landsmannschaft war für die Abwicklung der Einreiseformalitäten unumgänglich. Mich empfing man mit dem Satz: »Die deutsche Luft bekommt Ihnen nicht gut.« Ich war schwer erkältet nach einer Nachtfahrt auf dem offenen Anhänger eines Traktors zur Grenze. Es war Februar. Hinter der nächsten Tür, beim BND, war der Empfang noch schroffer. Heute weiß ich, warum. Der Verleumdungsplan der Securitate ging auf: »Hatten Sie mit dem dortigen Geheimdienst zu tun?« Meine Antwort: »Er mit mir, das ist ein Unterschied«, beeindruckte den Beamten nicht. »Lassen Sie das meine Unterscheidung sein, dafür werde ich bezahlt«, sagte er. Und: »Wenn Sie einen Auftrag haben, können Sie es jetzt noch sagen.« Während alle anderen dieses Büro nach ein paar Minuten mit einem Unbedenklichkeitsstempel verlassen konnten, wurden Richard Wagner und ich mehrere Tage gemeinsam und einzeln verhört. Während meine Mutter ihre Einbürgerungsurkunde automatisch bekam, sagte man uns monatelang, es seien »eingehende Recherchen nötig«. Es war grotesk. Einerseits warnte mich der Verfassungsschutz vor Bedrohungen der Securitate: nicht im Parterre wohnen, auf Reisen keine Geschenke annehmen, Zigarettenpackung nicht auf dem Tisch liegen lassen, mit Unbekannten nie in eine Wohnung gehen, mir eine Schreckschusspistole kaufen und so weiter. Anderseits blockierte der Agentenverdacht meine Einbürgerung.

Ich frage mich, warum der BND mich verdächtigte, aber den vielen Spitzeln in der Landsmannschaft und der Emigration nicht auf die Spur gekommen ist. Wahrscheinlich hat man sich auch im BND auf die Informationen der Landsmannschaft verlassen. Deshalb ist Deutschland heute ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel. Wenn man die Akten der Banater Autorengruppe miteinander vergleicht, lassen sich zahlreiche Spitzel identifizieren, wie »Sorin«, »Voicu«, »Gruia«, »Marin«, »Walter«, »Matei« und viele mehr. Sie sind Lehrer, Professoren, Beamte, Journalisten, Schauspieler. Nie hat sie jemand behelligt. Die seit dem Fall der Mauer anhaltende Stasi-Debatte kann ihnen den Buckel runterrutschen. Sie sind zwar alle deutsche Staatsbürger, aber für die deutschen Behörden undurchschaubar. Ihre Spitzeltätigkeit ist hierzulande exterritorial. Und anders als den Stasi-Spitzeln nach der Wiedervereinigung sind den Securitate-Spitzeln ihre Führungsoffiziere nicht abhandengekommen. Sie sitzen nämlich heute im neuen rumänischen Geheimdienst.

Der Deutsche Bundestag finanzierte die Arbeit der Landsmannschaft während und nach der Diktatur. Wurde jemals eine Untersuchung der Verstrickung ihres Personals mit der rumänischen Diktatur gefordert?

1989 nach dem Sturz Ceauşescus dachte ich, die Verleumdungskampagnen gegen mich seien nun endlich obsolet. Aber sie gingen weiter. 1991 erhielt ich sogar in Rom als Stipendiatin der Villa Massimo anonyme Drohanrufe. Und die Briefkampagne der Securitate hat offenbar ein Eigenleben entwickelt. Als mir 2004 der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung zugesprochen wurde, erhielt nicht nur die Stiftung stapelweise Briefe mit den üblichen Verleumdungen. Die Aktion steigerte sich diesmal ins Maßlose, auch das Präsidium des Deutschen Bundestages, der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel, die Vorsitzende der Jury, Birgit Lermen, und Joachim Gauck als Laudator erhielten Briefe, die mich als Agentin, Mitglied der Kommunistischen Partei Rumäniens und Nestbeschmutzerin verunglimpften. Nachts Viertel vor zwölf klingelte bei Birgit Lermen das Telefon, Punkt Mitternacht bei Bernhard Vogel, dem Vorsitzenden der Stiftung, und Viertel nach zwölf bei Joachim Gauck. Schmähungen und Drohungen, unterlegt mit dem Horst-Wessel-Lied. Diese Anrufe kamen nächtelang, bis die Polizei den Anrufer durch eine Fangschaltung ermittelte.

Die von der Fälscherwerkstatt erfundene Person verselbstständigt sich

In meiner Akte bin ich zwei verschiedene Personen. Die eine heißt »Cristina«, ist Staatsfeind und wird bekämpft. Um diese »Cristina« zu kompromittieren, wurde in der Fälscherwerkstatt der Abteilung D (Desinformation) eine Attrappe fabriziert, mit allen Zutaten, die mir am meisten schaden – systemtreue Kommunistin, skrupellose Agentin. Wo immer ich hinkam, hatte ich mit dieser Attrappe zu leben. Sie wurde mir nicht nur hinterhergeschickt, sie eilte mir auch voraus. Obwohl ich von Anfang an und immer nur gegen die Diktatur geschrieben habe, geht die Attrappe bis heute ihre eigenen Wege. Sie hat sich verselbstständigt. Obwohl die Diktatur seit 20 Jahren passé ist, irrlichtert diese Attrappe umher. Wie lange noch?

Herta Müller, 1953 in Nitzkydorf in Rumänien geboren, ist Schriftstellerin. 1987 reiste sie mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik aus. Sie lebt in Berlin. 2004 erhielt sie den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Ihr neuer Roman »Atemschaukel« erscheint im August im Hanser Verlag