Freitod Sterben als Botschaft
Selbstmörder sterben als tatkräftig Handelnde und provozieren damit den Rest der Welt

© Sebastian Derungs/AFP/Getty Images
Eine Sterbehilfeklinik von Dignitas in der Schweiz. Der Dirigent Edward Downes starb hier gemeinsam mit seiner Frau
Zwei britische Selbstmorde haben jüngst für Aufsehen gesorgt. Ein 24-jähriger Investmentbanker der Deutschen Bank in London hatte sich Anfang Juli im Luxusrestaurant Coq d’Argent ein Glas Champagner bestellt, schlenderte über die Dachterrasse, überstieg die Balustrade – und stürzte mit seinem Getränk in die Tiefe. Zweifellos kein stilloser Tod. Er habe sich, heißt es, vor einer drohenden Kündigung gefürchtet und den Gedanken an die nahende Schmach nicht ertragen können. Die Schuld an dieser menschlichen Tragödie lag auf der Hand: Die Krise sei endgültig in den Bankeretagen angelangt, der angelsächsische hire and fire- Kapitalismus habe mit diesem glamourösen Selbstmörder ein denkwürdiges Opfer gefunden.
Der bekannte Dirigent Sir Edward Downes wiederum hatte sich entschlossen, mit seiner unheilbar an Krebs erkrankten Frau den Freitod in der Schweiz zu wählen. Er litt erheblich darunter, dass sein Augenlicht nachließ, und fürchtete überdies, sein Gehör zu verlieren. Für jemanden, der sich zeitlebens der Musik verschrieben hatte, ein erbarmungsloser Schicksalsschlag, ein Künstlerdrama. Unterstützt wurde das Ehepaar bei seinem Selbstmord von der Schweizer Sterbeklinik Dignitas.
Die Debatte um Sterbehilfe, die im Falle des Ehepaares Downes sogleich entflammte, fügt sich nahtlos in einen fruchtlosen Selbstmorddiskurs, der seit der Antike in moralischer Hinsicht geführt wird. Mit Aristoteles, Thomas von Aquin oder Diderot lässt sich die Ansicht vertreten, dass sich Selbstmörder und Sterbehelfer entweder am Staat, an den Interessen der Gesellschaft oder aber an Gottes Schöpfung vergehen. Mit Sokrates, Voltaire, Hume oder Jean Améry lässt sich indes auf die autonome Selbstbestimmung setzen. Die Selbsttötung trage immer die Signatur der Freiheit. Jede Intervention eines Psychiaters sei eine »freche Anmaßung« (Améry).
Die moralische Debatte, die einem aufsehenerregenden Selbstmord folgt, verdeckt, bei Lichte besehen, sein eigentliches Skandalon. Die Empörung über die erbarmungslose Personalpolitik in der Finanzbranche wie die notorische Sterbehilfedebatte lenken von der eigentlichen Verstörung ab, sobald sich jemand umbringt. Sie gründet in dem Umstand, dass kein Selbstmord es vermag, sich seiner Inszenierung zu entledigen. Er ergreift uns als äußerst vitaler Ausdruck der Lebensverneinung. Unweigerlich setzt der Selbstmörder letzte Signale: Das schmucklose Zimmer eines Hospizes, in dem die Tat begangen wurde, hinterlässt wie ein Abschiedsbrief oder der Sprung von einer Dachterrasse ohnmächtige Interpretationswut. Damit spitzt der Selbstmord noch einmal zu, was dem Tod ohnehin eigen ist: seine Unvorstellbarkeit und gleichsam unser Begehren, ihn dennoch ins Bild zu rücken.
»Das schauerlichste Übel«, schrieb Epikur, »geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.« Unsere Todesangst entspringt einer Täuschung. Wir fürchten uns nicht vor dem Tod, sondern vor seiner Unvorstellbarkeit. »Aber diese Unvorstellbarkeit hat keine Resignation, sondern vielmehr einen gewaltigen Sturm von Bildern und Visionen ausgelöst«, wie der Kulturwissenschaftler Thomas Macho jüngst ausführte. Ob nun mithilfe von Todesmasken in archaischen Gesellschaften und allerlei Begräbnisfolklore, durch barocke Ausmalungen der Hölle oder die Kunst des Memento mori – stets erwies sich Kultur als der »unablässig vielgestaltige Versuch, den Tod um das letzte Wort zu bringen«.
Der Selbstmörder markiert besonders grell die undarstellbare Darstellung des Todes, er inszeniert seinen letzten Moment, macht ihn für jedermann sichtbar – und zwar als schöpferisches Individuum. Den Sprung in die Tiefe haben wir gleichsam als Film still vor Augen, als gefrorenes Bild des Todes, der noch keiner ist. Der Selbstmörder stirbt, indem er als tatkräftig Handelnder noch einmal machtvoll aufs Diesseits verweist. Heute aber begreifen wir seine Tat nicht mehr als heroische: Es gibt keine Ehre mehr auf dem Feld der Ehre und keine Märtyrer mehr, die wir verehren. Der Selbstmörder ist beinahe schon anmaßend, da er den gewöhnlichen Tod anderer zu verhöhnen scheint. Er sucht sich im Standbild zu verewigen, wie man einst Denkmäler von gefallenen Helden erschuf. Er ist Künstler einer Kunst, die stets »Schein dessen ist, woran der Tod nicht heranreicht« (Adorno).
Bekanntermaßen wurden in der Moderne die Toten aus unserem Blickfeld gedrängt, die Friedhöfe aus dem Zentrum in die Peripherie, die Leblosen ins Leichenschauhaus. Unser Sterben ist Privatangelegenheit geworden. Selbstmörder heben mit ihrem inszenierten Ableben ein zeitgenössisches Bilderverbot auf. Sie erinnern an das Kleistsche Diktum, das Leben sei nichts wert, wenn man es nicht verachte. Und dass man schon tot sei, wenn man es aufzuopfern nicht jederzeit bereit sei. Dem Selbstmörder verübeln wir, indem wir seine Todesumstände moralisieren, dass er auf einer heroischen Bildwerdung des Sterbens beharrt. Er stirbt eines undemokratischen Todes.
- Datum 25.07.2009 - 19:19 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.07.2009 Nr. 31
- Kommentare 60
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.... geht es noch schlimmer ?
> Er stirbt eines undemokratischen Todes. <
Hier werden wieder Äpfel mit Birnen verglichen. Es gibt sehr wohl einen Unterschied zwischen dem Freitod eines Todkranken und jemandem der aus dem Fenster springt. Den Freitod eines eines unheilbar Kranken als Selbstmord zu bezeichnen ist schon dreist.
Ansonsten ist der ganze Artikel eine Ansammlung von teiweisen merkwürdigen Zitaten, die so dargestellt außerdem aus dem Zusammenhang gerissen sind.
Die Krone von allem aber ist der letzte Satz > Der Selbstmörder stirbt eines undemokratischen Todes. Nein, es geht nicht schlimmer.
Gruß, Bernd
*** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***
sie haben recht!
Frage an den Redakteur: Was ist ein undemokratischer Tod?
Man könnte denken, er meint, dass selbst wenn man das Leben (in dieser Gemeinschaft) satt hat, muss man ebendiese Gemeinschaft noch fragen, ob man aus ihr raustreten darf.
Das ist wie die verlogene Abreibungsdebatte der Kirche. Auf die Welt kommen muss jedes Kind (ob gewollt oder nicht ist da völlig egal), aber wenn es auf der Welt ist, dann kümmert sich plötzlich auch keine Kirche mehr darum.
sie haben recht!
Frage an den Redakteur: Was ist ein undemokratischer Tod?
Man könnte denken, er meint, dass selbst wenn man das Leben (in dieser Gemeinschaft) satt hat, muss man ebendiese Gemeinschaft noch fragen, ob man aus ihr raustreten darf.
Das ist wie die verlogene Abreibungsdebatte der Kirche. Auf die Welt kommen muss jedes Kind (ob gewollt oder nicht ist da völlig egal), aber wenn es auf der Welt ist, dann kümmert sich plötzlich auch keine Kirche mehr darum.
Wenn ein unheilbar Kranker den Freitod etwa durch starke Medikamente wählt, hat er Recht und Anspruch auf Hilfe dabei, wenn sich andererseits jemand, kerngesund und in den besten jahren, mit der Situation konfrontiert sieht, statt ein paar Milliarden nur noch ein paar Millionen übrigzubehalten, und daraus einen Anlass herleitet, sich selbst zu töten, ist das einfach ein krankhaft theatralischer Akt eines in einer materialistisch zerissenen Gesellschaft gescheiterten Individuums.
Werter Herr Soboczynski,
Sie versuchen den Suizid aus der Perspektive der Todesart, vom "inszenierten Tod" her, zu begreifen.
Ich kann Ihnen versichern, die blödeste Formulierung, die ich immer wieder hörte, ist die, der oder die Tote habe nun Ruhe, es stehe ihm zu, sei sein freier Wille. Genau so blöd sind die Bemerkungen, er sei von seinem Leiden erlöst, es sei Sünde oder, es habe doch Stil im Abgang.
Sie retten nichts durch die sehr verknappten Hinweise auf die Suizidhandlungen bekannter Menschen und tun Herrn Améry einen wahren Tort an. Denn für ihn war ja das Hand an sich legen auch Widerstand, sogar sinnloser und trotzdem notwendiger Widerstand und Ergebnis einer Erfahrung, die einen Menschen ein ganzes Leben lang nicht los lässt. Das ist aber eher sehr, sehr selten.
Wie auch der Banker der sich hinabstürzt, der Chef der sich auf die Schienen legt, der Werther der sich erschießt, der Kleist der gleich einen erweiterten Suizid plant, der Assistenzarzt der vom Klinikum springt, der Schüler der sich erhängt, der psychisch Kranke der genug hat von ständigen Klinikaufenthalt und von den Tabletten, die Schweigsamen, die erst damit beginnen zu reden, sind damit nicht beschrieben und vor allem missverstanden.
Ich sage Ihnen, das erste und dauernde menschliche Gefühl ist, "musste es geschehen", war ich daran schuld, was hätte anders gemacht werden müssen, was habe ich übersehen, welche Zeichen nicht beachtet. Es kommt auch eine Stinkwut- und Hilflosigkeit hoch, ja. Aber dieser Angriff auf die eigene Sicherheit und Ruhe, diese Aufforderung nicht gleichgültig zu werden, gerecht zu sein, nicht zu verurteilen, sondern zu urteilen, Konsequenzen zu ziehen, die bleibt, manchmal sehr, sehr lange. Das frisst an Ihnen und geht Ihnen nicht einfach aus den Kleidern.
Das andere, das ist eher etwas für die härteren, abgehärteten und ferneren Gemüter, rational oder mit emotionalem Neclect, oder einfach stumpf, je nachdem: - "Er, Sie, hat seine Freiheit genutzt". - Da ist schon der Aufatemlaut mit hörbar, ich bin entlastet, muss mir doch keine weiteren Gedanken machen.
Die "Inszenierungen" sind auch eher karg und der Anblick eines so toten Menschen, umgedreht unter einer Decke, von der Dusche abhängend, aufgeklatscht auf hartem Asphalt, in einem Wald, im Wasser oder auf einem Klo, am Bahngleis, der abgetrennte Kopf zur Identifizierung parat gelegt, ja sogar an den behütetsten Orten der Welt, lässt sie kaum an eine "unbedingte" und dazu noch undemokratische Inszenierung denken. Das ist, so formuliert, entweder das Ergebnis kalter Fantasie oder mangelnder Erfahrung, aber nicht die Realität. Wer vorsichtig und einfühlsam gerade auch die literarischen Zeugnisse dazu durchliest, der spürt, wie dieses Ende eines Lebens an denjenigen nagt, die zuletzt im Gespräch und im Kontakt waren.
Tatsächlich ist der vollendete Suizid, wie der Versuch, immer eine Aufforderung an die Lebenden und nicht ein Schlusszeichen oder eine Botschaft. Wären wir "so weit", dann handelten wir das Thema im Stile einer Hanswurstjade ab, bei der es nur um das Faktum der Inszenierung und das Momentum einer letzten kleinen Freiheit ginge.
Daran glaube ich nicht und auch nicht daran, ein solches Thema, so ins Sommerloch stürzen zu sehen.
Grüße
Christoph Leusch
Mit Verlaub, aber einen größeren Blödsinn habe ich selten gelesen. Es gibt keinen "erweiterten" Suizid, sondern nur Mord und Selbstmord.
Herzlichst Ihr
Theobald Tiger
Selbstverständlich kann mich die Frage "Was hätte ich tun können?" plagen, und sie ist auch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Aber diese Frage entspricht meiner Verantwortung für mein eigenes Handeln.
Ich kann jedenfalls nicht einfach die Verantwortung für das Handeln Anderer übernehmen. Ihre Argumentation ist eine versteckte Übernahme dieser Verantwortung, und die ist - mit Verlaub - eine unmenschliche Forderung. Wie die meisten Moralisten, die den subjektiven Kern jeder Moral leugnen und ihre eigene Haltung zum kanonischen Recht aufbauen, gerät Ihnen die Übernahme von Verantwortung für das Handeln anderer zur Entmündigung, also zum Gegenteil dessen, was eine echte Moral ausmacht. (Auch bei Kant bin ich es, der entscheidet, ob die Regel meines Handelns zum allgemeinen Gesetz taugt - und niemand anders, schon gar nicht der Herr Oberlehrer.)
Wenn eine Person, die ich liebe (oder auch hasse!), sich mit Bewusstsein selbst tötet, so ist das ihr Handeln, für das sie die moralische Verantwortung trägt. Vor dieser Übernahme der Verantwortung habe ich jederzeit als einem Akt letzter Freiheit Respekt.
Da aber jeder Tod immer auch ein Kommunikationsabbruch ist, ist es völlig unsinnig, diesen als eine verpflichtende Botschaft zu verstehen. Der Selbsttötung ist die Paradoxie eigen, dass sie ein verantwortliches Handeln ist, das - jedenfalls bei Erfolg - durch den Handelnden nicht mehr verantwortet werden kann. Verantwortungsübernahme gegenüber anderen ist selbstverständlich an Existenz gebunden, und Selbsttötung kann durchaus daraus entstehen, dass ich diese Verantwortung nicht mehr tragen kann. Deswegen erkennen wir nach einer kurzen Identifikation immer auch die moralische Leere von narzisstischen Appellen, denen durch Selbsttötung Nachdruck verliehen werden soll, und lassen sie links liegen, denn die Selbsttötung verleiht ihnen keinerlei höhere Dignität. Heinrich von Kleists Werke z. B. haben durch seine Selbsttötung kein Jota dazu gewonnen oder verloren. Und wenn denn aus ihnen eine Verpflichtung entstünde, so verdankte diese sich ihrem Wahrheitsgehalt und nicht der Todesart ihres Autors, dem nach eigenen Worten "auf Erden nicht zu helfen war".
Deswegen bin ich in einem Punkt völlig bei Ihnen: Existenzaussagen aller Art, die faktisch das Leben von Toten (!) betreffen ("jetzt hat er Ruhe" etc.) sind Unsinn und enthalten als Kern letztlich eine Verleugnung des Todes.
Es genügt vollkommen, wenn wir unsere Verantwortung den Lebenden gegenüber wahrnehmen.
Mit Verlaub, aber einen größeren Blödsinn habe ich selten gelesen. Es gibt keinen "erweiterten" Suizid, sondern nur Mord und Selbstmord.
Herzlichst Ihr
Theobald Tiger
Selbstverständlich kann mich die Frage "Was hätte ich tun können?" plagen, und sie ist auch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Aber diese Frage entspricht meiner Verantwortung für mein eigenes Handeln.
Ich kann jedenfalls nicht einfach die Verantwortung für das Handeln Anderer übernehmen. Ihre Argumentation ist eine versteckte Übernahme dieser Verantwortung, und die ist - mit Verlaub - eine unmenschliche Forderung. Wie die meisten Moralisten, die den subjektiven Kern jeder Moral leugnen und ihre eigene Haltung zum kanonischen Recht aufbauen, gerät Ihnen die Übernahme von Verantwortung für das Handeln anderer zur Entmündigung, also zum Gegenteil dessen, was eine echte Moral ausmacht. (Auch bei Kant bin ich es, der entscheidet, ob die Regel meines Handelns zum allgemeinen Gesetz taugt - und niemand anders, schon gar nicht der Herr Oberlehrer.)
Wenn eine Person, die ich liebe (oder auch hasse!), sich mit Bewusstsein selbst tötet, so ist das ihr Handeln, für das sie die moralische Verantwortung trägt. Vor dieser Übernahme der Verantwortung habe ich jederzeit als einem Akt letzter Freiheit Respekt.
Da aber jeder Tod immer auch ein Kommunikationsabbruch ist, ist es völlig unsinnig, diesen als eine verpflichtende Botschaft zu verstehen. Der Selbsttötung ist die Paradoxie eigen, dass sie ein verantwortliches Handeln ist, das - jedenfalls bei Erfolg - durch den Handelnden nicht mehr verantwortet werden kann. Verantwortungsübernahme gegenüber anderen ist selbstverständlich an Existenz gebunden, und Selbsttötung kann durchaus daraus entstehen, dass ich diese Verantwortung nicht mehr tragen kann. Deswegen erkennen wir nach einer kurzen Identifikation immer auch die moralische Leere von narzisstischen Appellen, denen durch Selbsttötung Nachdruck verliehen werden soll, und lassen sie links liegen, denn die Selbsttötung verleiht ihnen keinerlei höhere Dignität. Heinrich von Kleists Werke z. B. haben durch seine Selbsttötung kein Jota dazu gewonnen oder verloren. Und wenn denn aus ihnen eine Verpflichtung entstünde, so verdankte diese sich ihrem Wahrheitsgehalt und nicht der Todesart ihres Autors, dem nach eigenen Worten "auf Erden nicht zu helfen war".
Deswegen bin ich in einem Punkt völlig bei Ihnen: Existenzaussagen aller Art, die faktisch das Leben von Toten (!) betreffen ("jetzt hat er Ruhe" etc.) sind Unsinn und enthalten als Kern letztlich eine Verleugnung des Todes.
Es genügt vollkommen, wenn wir unsere Verantwortung den Lebenden gegenüber wahrnehmen.
Ich habe den Artikel anders gelesen - viel mehr als eine Kritik an den Extremen der Rezeption eines Todes durch Gesellschaft jeglicher Art: Die Mystifizierung als "heroischen" Akt auf der einen Seite, auf der anderen die Dämonisierung als "unsozial" oder "undemokratisch". Kritik deshalb, weil eben nicht hinter die Fassade, die Inszenierung des Ergebnisses (oder Todes) gesehen wird, obwohl der Weg (des Menschen zum Selbstmord) ja das Ziel für diejenigen sein muss, welche ihn verstehen wollen, welche daraus lernen wollen.
Vielleicht kam da meine persönliche Einstellung zu Selbstmord, gespeist aus eigener Erfahrung, durch, vielleicht haben die Kommentatoren vor mir das auch einfach übersehen. Ich weiß es nicht und es ist auch nicht der Punkt. Ich kann die negative Kritik am Artikel jedenfalls nicht nachvollziehen.
Wie bei allen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen sollte man auch bei der Verächtlichmachung des Freitods fragen, wer vom status quo profitiert, welche niederen Beweggründe da im Spiel sein könnten.
Die moralische Stoßrichtung ist, dass Freitod bäh sei, weil . Wem schaden die Freitode? Ich denke, dass sie denjenigen schaden, die für die aktuellen Sterbephasenumstände verantwortlich sind. Jeder Suizid ist eine Anklage (aus deren Sicht, auch wenn der vom Betroffenen gar nicht so gemeint war), gewissermaßen die nachdrücklichste denkbare, wenn auch irgendwo eine bequeme. Es kommt die Frage auf, wie derjenige (objektiv oder subjektiv) so verzweifeln konnte, dass er diese Entscheidung traf. Diese Diskussion aber scheuen gewisse Kreise wie der Teufel das Weihwasser. Wo soll das Geld herkommen, um immer mehr Alte immer besser zu versorgen? So gut, dass auch der letzte "moralisch" nicht mehr in der Position ist, sich nach einem selbstbestimmten Tod zu sehnen? Diesen Kampf kann "das System" nur verlieren. Das ist so ähnlich wie mit den Nichtwählern. Die sind für die Politik eben ziemlich peinlich. Sie zeigen die Schwäche des status quo.
Indem man Freitode verteufelt, schafft man sich einen extrem lästigen "Wettbewerber" vom Hals. Je größer die Skrupel der Menschen sind, sich selber zu töten, desto mehr kann man ihnen zumuten. Je leichter (in jedem Sinn) der Freitod ist, desto größer müssen die Anstrengungen sein, um die Menschen davon abzuhalten. Mit Moral hat das alles nicht mal im Ansatz zu tun.
Der Artikel erwähnt die Angehörigen. Natürlich gibt es einige, die darunter leiden. Aber warum? Nicht wegen des Todesfalls, sterben müssen alle mal, und die meisten erleben viele Todesfälle ihnen nahestehender Menschen. Die Angehörigen leiden nur deshalb, weil der Freitod nicht gesellschaftlich akzeptiert ist und nicht unterstützt wird. Wäre er eine normale Variante, gäbe es keinen Grund mehr für Zweifel und Vorwürfe. Dann wäre auch die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass der Lebensmüde seinen engeren Kreis ins Vertrauen zieht. Wenn man nicht befürchten muss, dass der Wunsch nicht akzeptiert wird, dass man womöglich als "Selbstgefährder" in die entwürdigenden und entmündigenden Mühlen unserer rechtsstaatsfernen Bevormundungsjustiz gerät, ja dann könnte man den Weg gehen, der den Angehörigen diese Unannehmlichkeiten erspart.
Nicht diejenigen, die den Freitod wählen, sind schuld, sondern die Gesellschaft. Und wie bei fast allen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen stößt man auch hier auf die Kirche(n) als Wurzel des Übels. Die und ihre Freunde von dern CDU können auf keinen Fall davon lassen, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Denn wenn sie diese Autorität aus der Hand gäben, welche bliebe ihnen dann noch?
volle Zustimmung.
Cui bono? Das kann man auch bei der Enttabuisierung von Sterbehilfe fragen. Ist es tatsächlich so, dass der Freitod immer demjenigen schaden, der für die Umstände verantwortlich ist, die zu dem Entschluss zum Selbstmord beitragen? Oder ist die Selbsttötung vielleicht nicht gerade dem Umstand geschuldet, dass der Selbstmörder auf eine übertriebene und selbstzerstörerische Weise die Nützlichkeitsnormen der Gesellschaft verinnerlicht hat? Man möche nicht zur Last fallen. Ich glaube, dass man toten Menschen durchaus mehr zumuten kann als lebenden. Natürlich, Selbstmord ist ein aggressiver Akt (weshalb es auch ein männlicher Tod ist), aber er ist nicht unbedingt immer aggressiv gegen andere. Ich denke da an Gregor Samsa: “An seine Familie dachte er mit Rührung und Liebe zurück. Seine Meinung darüber, dass er verschwinden müsse, war womöglich noch entschiedener, als die seiner Schwester."
Der Selbstmord ist deshalb tabuisiert, weil er vermeidbar gewesen wäre. Insofern ist dieser Tod einem Mord, einem vermeidbaren Unfall oder einem ärztlichen Kunstfehler gleichzustellen. Selbstverständlich gibt es hier Zweifel und Vorwürfe, die aus dem Gefühl “Es hätte nicht sein müssen" entspringen. Was wäre das denn für eine Familie, die bei einem Familienmitglied den Wunsch nach Selbstmord akzeptiert und diesen Wunsch nicht als Hilferuf begreift? Der Selbstmord darf nicht gesellschaftlich akzeptiert werden, weil wir damit die Achtung vor dem Leben verlieren. In einem Staat, der Selbstmord auch nur passiv unterstützt, möchte ich nicht leben. Eben weil ich mir die Frage "Cui bono?" stelle. Wer bringt sich um? Es sind die Schwachen, die Kranken, die Erfolglosen, kurz: Diejenigen, die eigentlich unserer Hilfe bedurft hätten.
volle Zustimmung.
Cui bono? Das kann man auch bei der Enttabuisierung von Sterbehilfe fragen. Ist es tatsächlich so, dass der Freitod immer demjenigen schaden, der für die Umstände verantwortlich ist, die zu dem Entschluss zum Selbstmord beitragen? Oder ist die Selbsttötung vielleicht nicht gerade dem Umstand geschuldet, dass der Selbstmörder auf eine übertriebene und selbstzerstörerische Weise die Nützlichkeitsnormen der Gesellschaft verinnerlicht hat? Man möche nicht zur Last fallen. Ich glaube, dass man toten Menschen durchaus mehr zumuten kann als lebenden. Natürlich, Selbstmord ist ein aggressiver Akt (weshalb es auch ein männlicher Tod ist), aber er ist nicht unbedingt immer aggressiv gegen andere. Ich denke da an Gregor Samsa: “An seine Familie dachte er mit Rührung und Liebe zurück. Seine Meinung darüber, dass er verschwinden müsse, war womöglich noch entschiedener, als die seiner Schwester."
Der Selbstmord ist deshalb tabuisiert, weil er vermeidbar gewesen wäre. Insofern ist dieser Tod einem Mord, einem vermeidbaren Unfall oder einem ärztlichen Kunstfehler gleichzustellen. Selbstverständlich gibt es hier Zweifel und Vorwürfe, die aus dem Gefühl “Es hätte nicht sein müssen" entspringen. Was wäre das denn für eine Familie, die bei einem Familienmitglied den Wunsch nach Selbstmord akzeptiert und diesen Wunsch nicht als Hilferuf begreift? Der Selbstmord darf nicht gesellschaftlich akzeptiert werden, weil wir damit die Achtung vor dem Leben verlieren. In einem Staat, der Selbstmord auch nur passiv unterstützt, möchte ich nicht leben. Eben weil ich mir die Frage "Cui bono?" stelle. Wer bringt sich um? Es sind die Schwachen, die Kranken, die Erfolglosen, kurz: Diejenigen, die eigentlich unserer Hilfe bedurft hätten.
Es erfordert enormer Willenskraft, sich selbst zu töten. Das Individuum muss sich selbst sehr gut kennen, sich seiner extrem bewusst sein. Denn der Wille zum Leben eines lebendigen Wesens ist gewaltig. Es ist eine unbeschreiblich starke Kraft. Sie begehrt auf und kämpft mit der blanken Verzweiflung gegen die drohende Konzequenz des vergehens. Der Lebenswille wird nicht von der Angst vor dem Ungewissen erschaffen. Er wird von der Gewissheit um das Ende geboren. Ein Ende, das "Nicht-(mehr-)Sein" bedeutet. Der Lebenswille aber giert nach dem Leben und er ist in jedem Winkel eines jeden Gedankens verborgen, den ein Mensch in jedem Augenblick hat.
Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die sich das Leben genommen haben. Unabhängig des Weges, den sie dafür gewählt haben. Ich bin davon überzeugt, dass es kein Leben nach dem Tod gibt. Wir werden zu Nichts. Der Stoffwechsel in unserem Gehirn bleibt stehen, das letzte Gefühl, der letzte Gedanke frieren ein und werden zur empfundenen Ewigkeit. Eine Sekunde Ewigkeit im Sterben. Aber mehr ist da nicht. Und ich glaube, der Mensch der springt, friert in dem ein, was die Christen als Hölle bezeichnen: unsägliche Angst.
Darum halte ich es für wichtig, dass wir das Sterben teilen, es mitteilen. Meine Großmutter hat Krebs. Ich sagte ihr, dass sie keine Angst haben darf. Sie soll gute Gedanken, gute Erinnerungen haben. Es ist nicht schlimm. Sie nahm meine Hand und hat gelächelt.
Ich habe keine Angst.
Richtig, ich bin mir auch ziemlich sicher, dass wir vergehen - doch Ihre Dramatisierung des letzten Momentes teile ich nicht: Es wird, wie es wird - Angst oder Ruhe am Ende wird nicht zur Ewigkeit (ist das nicht schon wieder ein Versuch, eine Ewigkeit herbei zu hoffen...) - wer kann das schon planen. Eine gewisse Gelassenheit hoffe ich aus meinem erfüllten Leben zu ziehen - und natürlich wäre es schöner, heiter zu sterben...
Richtig, ich bin mir auch ziemlich sicher, dass wir vergehen - doch Ihre Dramatisierung des letzten Momentes teile ich nicht: Es wird, wie es wird - Angst oder Ruhe am Ende wird nicht zur Ewigkeit (ist das nicht schon wieder ein Versuch, eine Ewigkeit herbei zu hoffen...) - wer kann das schon planen. Eine gewisse Gelassenheit hoffe ich aus meinem erfüllten Leben zu ziehen - und natürlich wäre es schöner, heiter zu sterben...
...ich danke dem Vorschreibenden Menschen für seine brillianten Worte.
Denen könnte ich, will ich und werde nochts schalendes hinzuschreibseln.
Danke.
Caminante no hay camino se hace camino al andar
der Meinung war ich schon seit langem.
der Meinung war ich schon seit langem.
noch wusste oder zu wissen glaubte, wo er herkommt und hingeht, war das ja auch nicht so ein Tabu-Thema, man ging halt heim, in einer säkular geprägten Gesellschaft hat die Frage nach dem Tod mehrere Antworten, also etwa Widergeburt, ewige Verdammnis, ewiges Leben der Seele, ich meinte mit meinem Beitrag @2 eigentlich nur, das Menschen, die in einer Art Unsterblichkeits-Hype befangen sind, auch heute noch gern zu Kurzschlussreaktionen neigen, einem dem das Gehabe der Alphatiere eh immer eine Etage zu dumm war, macht das weniger aus, und der wünscht sich in dem Moment halt, knallhart und schnell erwischt zu werden oder einfach einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen. Sicherlich sollte man dem Banker, der sich wegen ein paar Millionen aus dem Fenster stürzt, helfen, andererseits halte ich Menschen, die sich nach einer gewissen Lebenszeit nie mit der Endlichkeit ihres Lebens auseinandergesetzt haben, auch für untherapierbar.
Bankern hilft, z.B. [...] ;-)
Jedenfalls zerstören diese Typen, zusammen mit der Politiker- und Millitärkaste, weltweit Volkswirtschaften und, einhergehend damit, töten sie Menschen. In konservativen Medien, wird der Fortgang des weltweiten ökonomischen und ökologischen Desasters, als Ende der Krise gefeiert - Banken verdienen wieder Geld und zahlen fette Bonis aus. Die Wirtschaft wird somit wieder angekurbelt. Hallo?! Wann kommen diese hyperaktiven Spinner vor ein Weltgericht?
transit
[Gekürzt, bitte bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks. Danke. /Die Redaktion pt.]
Bankern hilft, z.B. [...] ;-)
Jedenfalls zerstören diese Typen, zusammen mit der Politiker- und Millitärkaste, weltweit Volkswirtschaften und, einhergehend damit, töten sie Menschen. In konservativen Medien, wird der Fortgang des weltweiten ökonomischen und ökologischen Desasters, als Ende der Krise gefeiert - Banken verdienen wieder Geld und zahlen fette Bonis aus. Die Wirtschaft wird somit wieder angekurbelt. Hallo?! Wann kommen diese hyperaktiven Spinner vor ein Weltgericht?
transit
[Gekürzt, bitte bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks. Danke. /Die Redaktion pt.]
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