Man kann Wendelin Wiedeking vieles vorwerfen, aber eines war er als Porsche-Chef sicher nicht: feige. 800 Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur – Kanzlerin Angela Merkel an der Spitze – fuhren am vergangenen Donnerstag in Ingolstadt zum Festakt anlässlich des 100. Geburtstags von Audi vor, alle in Wagen der Marke mit den vier Ringen. Nur einer entstieg demonstrativ einem Porsche Panamera: Wendelin Wiedeking.

Wenn es denn zutrifft, dass dem 56-jährigen Westfalen wenige Tage zuvor zu Hause im schwäbischen Bietigheim-Bissingen von Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche das Ende seiner Karriere beim Sportwagenbauer nahegebracht wurde, war sein Auftritt "in der Höhle des Löwen" (so ein Audi-Manager) umso frecher. Denn Ingolstadt ist das Territorium von Wiedekings Erzfeind Ferdinand Piëch, der dort einst seinen ungeliebten Vettern mit dem Nachnamen Porsche zeigte, dass er fähig war, eine Automarke nach vorn zu bringen.

Die Anführer der Anti-Wiedeking-Allianz sitzen beim Galadiner im Audi-Forum Seit an Seit: Ferdinand Piëch, VW-Boss Martin Winterkorn, der heutige Audi-Chef und Gastgeber Rupert Stadler. Natürlich auch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, der zuletzt aus allen Rohren gegen Wiedekings VW-Übernahmepläne gefeuert hatte.

Die festliche Runde am Ehrentisch kommt allerdings nicht in den Genuss eines demütigen Porsche-Chefs. Zwei Tische weiter plaudert Wiedeking angeregt mit der bayerischen Sozialministerin Christine Haderthauer. Danach zeigt der Westfale Standvermögen. In der Lounge lästert er zu später Stunde über anwesende "Büchsenspanner" des Piëch-Lagers und nutzt die Chance, den Medienvertretern noch einmal seine Sicht der Dinge zu erläutern.

Auch er wolle einen "integrierten Autokonzern" aus Porsche und Volkswagen, darin sei er sich mit Winterkorn völlig einig. Alle redeten über die Schulden, keiner spreche über das "sehr viel höhere Vermögen" von Porsche – rund 30 Milliarden Euro in VW-Aktien. Zudem hat er den Piëchs und Porsches, die 100 Prozent der Porsche-Stammaktien halten, doch einen Weg aus der Schuldenfalle präsentiert: den Einstieg des Emirats Qatar. Kapital von außen. "Sieben Milliarden Euro?" Kopfschütteln. "Mehr", sagt Wiedeking. Porsche wäre bei der Fusion damit wieder auf Augenhöhe mit VW. "Das Konzept liegt vor", sagt Wiedeking, "jetzt muss die Familie entscheiden". Er selbst hat dazu eine Aufsichtsratssitzung an diesem Donnerstag beantragt, die dann bereits am Mittwochabend losging.

Noch einmal rechtfertigt er den großen Coup, den er 2005 mit dem Segen der kompletten Familie, Ferdinand Piëch inklusive, gestartet hatte. "Heuschrecken" hätten beim Kooperationspartner VW einsteigen wollen. Der clevere Manager wusste aber auch, wie schwierig es für den kleinen Sportwagenbauer würde, die Investitionen in teure Zukunftstechnologien allein zu stemmen; mithilfe von VW würde Porsche auch den Druck staatlicher Umweltauflagen auffangen können. Also hieß es handeln, solange die Porsche-Kassen prall gefüllt waren. Der Einstieg bei VW sei ganz allein die "Idee des Dr. Wiedeking" gewesen, sagte sein Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche. Alle waren damals begeistert. Immer gieriger sei die Familie geworden, sagt ein Zuffenhausener Manager.

"Pudelwohl" fühle er sich als Vorstandsvorsitzender von Porsche, ruft Wiedeking der Presse in Ingolstadt zu. Bis vor wenigen Monaten hat die Menge hinter den Mikrofonen ihn gefeiert – als Europas Manager des Jahres, als den Antreiber, der den Bürokraten im VW-Konzern zusetzte. Jetzt schreiben sie ihn alle nieder.

Wiedeking lässt sich nichts anmerken. Aber er ist nicht mehr der forsche Angreifer, als der er sich jahrelang so brillant gerierte. Jetzt gibt er sich als Wahrer der Porsche-Interessen. Sein streitbarer Betriebsratschef Uwe Hück, in Sachen VW immer auf Wiedeking-Linie, hat schon angekündigt, "bis zum Letzten" zu kämpfen. Für die Selbstständigkeit von Porsche, für Wiedeking. Der fordert in Ingolstadt für seine Leute eine ordentliche Behandlung: "Man muss die Menschen mitnehmen."