Sie wohnt in einer Villa mit Türmchen, umgeben von einem parkähnlichen Areal. Ihr gehört ein großer Teil des Kaufhauskonzerns Arcandor. Und doch ist sie angeblich bettelarm.

Madeleine Schickedanz, 65 Jahre alt, Quelle-Erbin, lebt nach eigenem Bekunden von 500 bis 600 Euro im Monat. Sie sagt, dass sie beim Discounter einkaufe. Gemüse, Obst und Kräuter hole sie sich aus dem eigenen Garten. Wenn sie einmal mit ihrem Mann ausgehe, sei nicht viel mehr drin als eine Pizza und ein Viertel Rotwein. So schilderte die einstige Milliardärin am vergangenen Wochenende in einem Interview mit der Bild am Sonntag ihr derzeitiges Leben.

Es ist ein Interview, das für viel Spott gesorgt hat – für einen bundesweiten Aufruhr, der eine Menge darüber verrät, wie in diesem Land über Reich und Arm gedacht wird.

Da startete der Bayerische Rundfunk eine scherzhafte Sammelaktion für Madeleine Schickedanz und ließ in ihrem Heimatort Hersbruck vor laufender Kamera die Spendenbüchse herumgehen. Da klagte die Süddeutsche Zeitung , das Jammern der Versandhauserbin sei »peinlich«. Sie »verhöhne« die Quelle-Mitarbeiter, die wirklich um ihre Existenz fürchten müssten. Da ergossen sich in zahllosen Internetforen Kommentare voller Häme über die fränkische Unternehmerin.

Was steckt hinter all diesen Reaktionen? Außer dem naheliegenden Neid auf eine reiche Erbin, der nun, nach ihrem Sturz, in Hohn umschlägt? Zwei weitere Erklärungen sind möglich. Erstens: Man glaubt es ihr nicht. Man nimmt ihr nicht ab, dass sie wirklich am Hungertuch nagt. Zweitens: Man will es ihr nicht glauben, weil es einfach nicht in das fest gefügte Weltbild passt. Danach sieht die soziale Lage in Deutschland so aus: Die Reichen bleiben die Reichen und werden immer reicher, die Armen bleiben die Armen und werden immer ärmer.

Dass die Gewinner des Systems auch einmal ganz ohne das Zutun des Staates enteignet werden könnten, allein durch Markt und Wettbewerb, ist bei dieser Sichtweise nicht vorgesehen. Reiche können zwar so etwas wie Täter sein, aber niemals Opfer.

Natürlich gibt es Gründe dafür, es so zu sehen. Die »goldenen Fallschirme« mancher Spitzenmanager gehören ebenso dazu wie der erfolgreiche Widerstand hochrangiger Banker gegenüber Gehalts- und Bonuskürzungen. Soziologen haben Gesellschaftsbereiche in Deutschland beschrieben, die eher an ein ständisches System des Mittelalters erinnern als an eine moderne, leistungsorientierte Gesellschaft: zu wenige Chancen, von unten nach oben zu gelangen – und umgekehrt Dämme, damit niemand von oben nach unten abrutscht. Eine Vollkaskogesellschaft, in der jeder seinen Platz hat, wenn er ihn nur nicht verlässt.