ParisEine Liebe in Zeiten des Krieges

Die Geschichte des französischen Filmstars Arletty, unvergessen als Garance in den »Kindern des Olymp«, und ihres deutschen Offiziers Hans Jürgen Soehring, der später zu den Gründern der Gruppe 47 zählte von Klaus Harpprecht

Arletty, französischer Filmstar der dreißiger und vierziger Jahre

Arletty, französischer Filmstar der dreißiger und vierziger Jahre  |  © AFP/Getty Images

Es war nur eine Notiz vor kurzem in Le Monde: Eine französische Produktionsfirma plant einen Film über die Liebesaffäre, die Mme. Arletty, Star der dreißiger und vierziger Jahre, während der Okkupation mit einem deutschen Offizier verband. Das Drehbuch schreibt Georges Marc Benamou, der mit seinem Bericht über die letzten Lebenstage des Präsidenten François Mitterrand literarischen Ruhm gewann.

Der Hinweis fand in den deutschen Journalen kein Echo. Obwohl sich doch gewiss viele Menschen hierzulande noch an das geheimnisvolle, so lockende und zugleich ironisch-skeptische Lächeln der Garance in den Kindern des Olymp von Jacques Prévert und Marcel Carné erinnern: einem Klassiker der Filmgeschichte mit Glanzrollen für Jean-Louis Barrault und Pierre Brasseur – vielleicht der schönste Film, der jemals in Frankreich produziert worden ist. Les Enfants du Paradis, 1947 in den Kinos unserer Ruinenstädte zu sehen, empfanden auch die Deutschen als ein überwältigendes Ereignis, das der niemals ganz verschütteten Liebe zur Kultur des Nachbarn – zusammen mit den Werken von Camus und Sartre, den Bühnenstücken von Anouilh – eine enthusiastische Renaissance bescherte.

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Für die Beobachter der französischen Szene war jene knappe Meldung über die filmische Auferstehung der Arletty indes eine kleine Sensation, signalisiert sie doch, wie freimütig sich Frankreich inzwischen mit allen Facetten des Lebens unter der deutschen Besatzung von 1940 bis 1944 auseinandersetzt. So gibt es im Fall Arletty offensichtlich kaum noch eine Beschämung wegen der Bindung der Schauspielerin an einen Offizier der boches, sondern eher über die Wogen der Ressentiments, die nach der libération auf die gefeierte Künstlerin herabstürzten. Und auch über den Opportunismus, von dem sie sagte, er habe sie über Nacht von der meistgefragten Dame in die meistgemiedene Person verwandelt: »J’étais la femme la plus invitée, je suis la plus évitée.«

Immerhin wurde der Arletty 1944 nicht der Kopf rasiert wie so vielen Mädchen von nebenan, die sich in einen der feldgrauen Burschen verliebt hatten. Der Star wurde von den Schergen mit angebrachter Vorsicht behandelt. Doch sie saß lange Wochen im Lager Drancy: wenige Monate zuvor deutsche Sammelstation für die Juden, die in Richtung Osten deportiert wurden – Arletty wusste es wohl. Vorletzte Station auch im Leben der jungen Hélène Berr, die die Deutschen noch im März 1944 in das KZ Bergen-Belsen bei Celle verschleppten, wo sie im Jahr darauf, fünf Tage vor der Befreiung, ermordet wurde; in ihrem Tagebuch, das gerade im Hanser Verlag auf Deutsch erschienen ist, schildert sie eindrucksvoll das verzweifelte Leben der Verfolgten im deutschen Paris zwischen 1942 und 1944.

Arletty kam vor ein »tribunal d’épuration«, ein »Säuberungsgericht«, das jedoch nicht genau zu formulieren wusste, was ihr vorzuwerfen war. Kollaboration? Sie hatte sich nicht mit der Besatzungsmacht, sondern mit einem ihrer Offiziere auf private Weise eingelassen. Sie war in keinem der aberhundert Filme aufgetreten, die der deutsche Zelluloid-Zar Alfred Greven produziert hatte. Anders als ihre Kollegin Danielle Darrieux war sie nicht mit einer Schauspieler-Delegation nach Berlin gepilgert, um mit Joseph Goebbels Sekt zu trinken. Ihre Freundschaft mit Louis-Ferdinand Céline? Sie schätzte den Romancier. Seinen pathologischen Antisemitismus nahm sie nur beiläufig zur Kenntnis.

War Liebe strafbar? In der Stadt flüsterte man sich Kernworte ihrer Verteidigung zu, vorgetragen ganz im unbefangen-frechen Ton der Vorstadtgöre, die sie einmal gewesen war. »Sagen Sie, was Sie wollen, Herr Präsident: Er gab mir auch im Bett Erfüllung.« In ironisch-pathetisch-patriotischer Version: »Mon cœur est français – mon cul est international.«

Sie hatte sich mit ihrem Offizier bei Empfängen in der deutschen Botschaft gezeigt, auch im Theater, in Konzerten, im Maxim’s (wo er meist Zivil trug). Das genügte, um sie wegen Begünstigung des Feindes zu verurteilen: Auftrittsverbot, Hausarrest und die Weisung, sich in den nächsten zwei Jahren Paris höchstens bis zu einer Distanz von 80 Kilometern zu nähern.

Die Kinder des Olymp war in den Studios von Nizza noch unter den Augen der deutschen Besatzung gedreht worden. Bei der Premiere im Jahre 1945 wurde das Werk mit dem Jubel aufgenommen, den es verdiente. Arletty fehlte, aber gerade ihren Szenen wurde enthusiastischer Applaus zuteil. Sie hockte derweil melancholisch, freilich gefasst im Schlösschen von La Houssaye-en-Brie, das ihr ein komfortables Asyl bot.

Verlangen? Passion? Wohl eher Passion als Verlangen, sagt sie schließlich

Die Reihe ihrer großen Filme unter der Regie von Marcel Carné, allesamt in der Schatzkammer der Klassiker verwahrt, war mit den Kindern des Olymp abgeschlossen. Erst 1938 wurde sie in einer Nebenrolle von Hotel du Nord – nach dem hinreißenden Roman von Eugène Dabit – als eine Schauspielerin von genialen Qualitäten entdeckt. 1939 entstand Le jour se lève mit Jean Gabin, der sich wenig später auf den Weg nach Amerika machte, in Hollywood von Marlene Dietrich schon ungeduldig erwartet. Madame Sans-Gêne, 1941 von Roger Richebé gedreht, erreichte nicht das Niveau der vorletzten Arbeit mit Carné, Les visiteurs du soir.

Es war ein langer Weg für die kleine Leonie Biathat gewesen, die 1898 in dem grauen Pariser Vorort Courbevoie das Licht der Welt erblickt hatte, einen Sprung weit vom alten Fort La Défense entfernt, wo heute die Beton- und Glastürme der großen Konzerne aufragen. Der Vater verdiente als Werkmeister im Depot der Pariser Straßenbahnen sein Brot. Er starb früh an den Folgen eines Arbeitsunfalls. Von der Mutter und den Konventsschwestern sreng gehalten, strebte die Tochter, sie war kaum 16, aus dem Haus. Sie lernte Schreibmaschine, schlug sich als Tippfräulein durch, stand während des Ersten Weltkriegs an der Werkbank, wurde als Modell entdeckt und betrat bald schon die Bühne: ein Revuegirl, das seine Beine bis zur Decke warf, mit seiner hellen, pariserisch nasalen Stimme manierliche und unmanierliche Chansons sang, in kleinen und immer größeren Rollen an den Boulevardtheatern glänzte, am liebsten an der Seite des Freundes Sacha Guitry.

Im Jahre 1930 drang sie zum Tonfilm vor, spielte zwei Jahre später unter der Regie von Reinhold Schünzel in Babelsberg, danach – das »Dritte Reich« war angebrochen – in Ludwig Bergers Walzerkrieg. Sie hatte das Berlin der späten zwanziger Jahre samt seiner Exzentrik unter einer »Wolke von Kokain« und der Not in den Straßen kennengelernt, von Jean-Pierre Dubost, dem Gefährten jener Tage, beschützt: ein reicher und ein wenig dociler Weltmensch, dessen »englische Manierismen« ihre Spottsucht reizten.

In Paris bezog sie bei ihm Quartier, als sie ihre Mansardenwohnung räumen musste, doch seinen Vorschlag, ihn zu heiraten, wies sie ohne Umstände ab. Der Todessturm des Ersten Weltkriegs, der so tief in die Familien Frankreichs eingebrochen war, hatte sie schwören lassen, niemals zu heiraten und niemals Kinder in die Welt zu setzen, weil sie »weder Mann noch Söhne im nächsten Krieg abschlachten lassen« wollte. Jean-Pierre erwies sich als ein verständnisvoller Partner, der sich jeden Anflug von Eifersucht untersagte, obschon die Hausgenossin keinen Flirt mit attraktiven Herren und manchmal mit reizvollen Damen versäumte. Als ihre Gagen üppig genug waren, zog sie in teure Hotels wie das Lancaster nahe den Champs-Élysées, das bis zum Zweiten Krieg ihre luxuriöse Unterkunft blieb.

Auch der Wehrmachtoffizier, der vom August 1941 an ihr Dasein bestimmte, trug ihr die Heirat an. Er unterschätzte im Hochgefühl seiner Liebe die Hindernisse, die der Ehe mit einer Französin entgegenstanden: Es brauchte dazu die Erlaubnis seines Oberbefehlshabers, des Reichsmarschalls Göring. Hans Jürgen Soehring hätte es, dank seiner Position, wissen müssen. Ohnedies war ihr Nein kategorisch. Vielleicht bedachte sie auch, damals 43 Jahre alt, dass der Deutsche ein Jahrzehnt jünger war als sie. Ihre fast mädchenhafte Erscheinung verriet ihr Alter nicht. Spät in ihrem Leben gestand sie dem Journalisten Denis Demonpion, Autor einer liebevoll-wahrhaftigen Biografie, dass sie von ihrem deutschen Liebhaber schwanger wurde; sie ließ abtreiben. Soehring hatte sie kein Wort über ihren Zustand gesagt.

Ihr amant trug die Uniform eines Oberstleutnants, doch in Wirklichkeit war er als Feldrichter der Luftwaffen-Einheiten in Frankreich nach Paris entsandt worden, zweifellos weil er die Sprache perfekt beherrschte (mit der zivilen Bevölkerung freilich hatte er dienstlich nichts zu schaffen). Nur der Hauch eines Akzentes verriet ihn als Deutschen.

Soehring, Sohn eines Diplomaten, war in Konstantinopel geboren worden. Ging in der Türkei, in Holland, in der Schweiz, Dänemark, gelegentlich auch in Deutschland zur Schule, studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Leipzig und Berlin, in Grenoble und in Paris, an der London School of Economics, volontierte am Liverpool High Court, in einem Anwaltsbüro in Santiago de Chile und an der Handelskammer in Valparaiso. Er sprach Spanisch und Englisch so gut wie Französisch. In einem Lebenslauf, den er 1951 niederschrieb, gab er an, dass zwei Bewerbungen zur Aufnahme in den Auswärtigen Dienst an seiner Nichtzugehörigkeit zur NSDAP gescheitert seien. (Hernach erwies sich, dass man ihn während eines Schulungskurses überredet hatte, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu unterschreiben. Ein Parteiausweis wurde ihm nicht ausgehändigt, doch die Akten bestätigen seine Aufnahme.) Immerhin wurde er nach Spanien entsandt, als »Rechtsberater« der Legion Condor, die während des Bürgerkriegs Guernica und andere Städte des Landes zerbombte.

Ein gläubiger Nazi war er nicht. Auch nicht der Opportunist, den der Biograf Demonpion mit leiser Verachtung beschreibt. Er versuchte, sich durch die schwierigen Zeiten zu bringen, ohne seine Weltläufigkeit, seine Lust am Leben, zumal an hübschen Frauen, zu opfern. Darin bewies er ein bemerkenswertes Geschick. Im Übrigen sah er gut aus, beeindruckte durch seine Manieren, durch seinen Charme.

Ihrem Biografen vertraute Arletty an, der Eindruck, den er auf sie gemacht habe, sei »so stark und so neu« gewesen, dass ihre Gefühle sie »wie ein physischer Schmerz bedrängten«. Verlangen? Passion? Wohl eher Passion als Verlangen, sagte sie schließlich. Und diese Passion lebte sie mit einer bewundernswerten Furchtlosigkeit. Arletty wusste, wie viele feindselige Blicke sie verfolgten. Auch Soehring bemerkte, dass die Liaison mit der Schauspielerin von seinen Vorgesetzten voller Misstrauen beobachtet wurde.

Es gelang den beiden, den Schrecken des Krieges und des Wahns, der sie umgab, zu verdrängen, gleichsam verpuppt in ihrer Liebe. So beschrieb es Soehring Jahre danach in seiner Erzählung Cordelia, 1947 im Desch Verlag erschienen. Sie las die Widmung voller Bewegung: »Pour celle qui m’a dit d’écrire«.

Ende 1943 entschlossen sich Soehrings Chefs, dem Idyll ein Ende zu machen. Sie zwangen ihn, sich an die Front zu melden. Um ihn zu demütigen, versetzten sie den Feldrichter in den Unteroffiziersrang zurück. Indes stieg er – nach den mörderischen Schlachten von Montecassino im Frühjahr 1944 in Italien – rasch zum Leutnant und Oberleutnant auf. An das Reichskriegsgericht zurückversetzt, wurde er beauftragt, ein Dossier über den Bund deutscher Offiziere und das Nationalkomitee Freies Deutschland anzulegen, zwei antinazistische Organisationen, die nach Stalingrad von Wehrmachtsoldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gegründet worden waren. Arletty und er wechselten Briefe, die ihre Adressaten auf heimlichen Wegen erreichten. Einmal gelang ihm ein Ausflug nach Paris. Vergeblich versuchte er, die Geliebte zur Übersiedlung nach Deutschland oder zur Flucht (mithilfe eines schwedischen Diplomaten) zu überreden. Sie war entschlossen, in Paris auszuharren.

Nach dem Ende des Krieges und ihrer Freilassung gelang es ihr, sich Papiere zu beschaffen, die ihr erlaubten, in die amerikanische Zone Deutschlands zu reisen. Soehring hatte im bayerischen Marquartstein Zuflucht gefunden. Er schrieb, wie es ihm Arletty aufgetragen hatte, er knüpfte literarische Verbindungen, und er gehörte – man mag es kaum glauben – zu den Mitgründern der jungen Schriftstellervereinigung Gruppe 47, schon bei der ersten Tagung am Bannwaldsee war er dabei.

Die Ankunft der Geliebten verzögerte sich. Das französische Konsulat bestand auf der beglaubigten Erklärung, dass sie einen Deutschen heiraten wolle. Sie schaffte es dennoch, wohl ohne das geforderte Dokument. Ihm war es gelungen, in einer Villa, die Richard Strauss gehörte, ein luxuriöses Quartier zu finden. Eine Woche, in der sie durch das Glück des Wiedersehens von allen Widrigkeiten der Nachkriegswelt isoliert blieben.

Tod im Kongo-Strom – Soehrings Leiche wird nie gefunden

Indes, sie war im Begriff, wieder Filme zu drehen. Sie brauchte Geld. Sie wollte, dass sich Soehring in Paris niederlasse, um zu schreiben und ihr nahe zu sein. Tatsächlich wurde ihm eine Aufenthaltsgenehmigung gewährt. Doch auch ein dritter Versuch, sie zur Heirat zu überreden, scheiterte. Ihre Liebe begann in einer Blockade zu erstarren. Soehring zog es vor, nach Bayern zurückzukehren. Sie schickte ihm ein Briefchen hinterher: »Ja, wir bleiben Komplizen. Ich sehe Dich, Du weißt es! Und ich lache über all diese Hanswurste, weil ich Dich, vor allen und gegen alle, liebe.«

Sein zweiter Roman, bei S. Fischer erschienen, fiel durch. Er reiste nach Buenos Aires, um sich dort in Geschäften zu versuchen. Wenig später langte auch sie in Argentinien an. Sie sollte in Südamerika für den französischen Film werben. Einige Stunden hielten sie sich in den Armen: »das letzte Feuer einer Liebe«, schreibt der Biograf Demonpion, »die durch die Vernunft gezähmt wurde«.

Soehring heiratete eine kluge, willensstarke Frau deutscher Herkunft. Zwei Söhne. Seine Bewerbung für den diplomatischen Dienst der Bundesrepublik fand Gehör. 1956 Ernennung zum Konsul in Luanda (Angola). Auf dem Weg nach Afrika machte die junge Familie in Paris Station. Arletty empfing sie herzlich.

Ende des Jahres wurde Soehring zum Generalkonsul in Léopoldville befördert, im Juli 1960, nach der Gründung der Republik Kongo, zum Botschafter. Am 9. Oktober Sonntagsausflug auf dem Kongo-Strom. Soehring und sein älterer Sohn Oliver wollten sich im angeblich sicheren Wasser erfrischen. Plötzlich sah der Bub, dass nur der Strohhut des Vaters neben ihm schwamm. Die Leiche wurde niemals gefunden. Herzschlag? Ein tückischer Strudel? Die Krokodile? Arletty besuchte die Witwe und die Kinder in Bad Godesberg.

Ihr gelangen keine großen Filme mehr: Achtungserfolge. Einmal triumphierte sie noch auf der Bühne, als Blanche in Tennessee Williams’ Endstation Sehnsucht. Zwanzig Jahre lebte sie, erblindet und zuletzt am Rande der Armut, in einer kleinen Sozialwohnung der Stadt Paris. Nach dem Zeugnis der Freunde bewahrte sie dennoch ihre heitere, ironische Gelassenheit bis zum Tod im Sommer 1992. Sie wurde 94 Jahre alt.

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