Romanzyklus Nachtschrift

In seinem neuen Buch unternimmt Gerhard Roth Entdeckungsreisen in das Innere von Wien. Eine führt in das Blindeninstitut. Ein Vorabdruck

Es dauerte zehn Jahre, bis ich in Wien das Blindeninstitut in der Wittelsbachstraße 5 besuchte. Immer hatte ich den Termin vor mir hergeschoben, ohne sagen zu können, warum. Auf den Gängen im Gebäude sah ich als Erstes die zumeist abstrakten Bilder der Schüler, die mitunter von auffallender Farbigkeit waren. Erstaunt fragte ich die Direktorin, Frau Alteneder, nach dem Zeichenunterricht, und ich erfuhr, dass die blinden oder nur mit einem »Sehrest« ausgestatteten Kinder und Jugendlichen zumeist begeisterte Maler seien. Natürlich interpretierte ich deren Blindheit in die Bilder mit hinein, ein Fehler, wie ich gleich darauf feststellte, denn sie waren durchwegs von einer melancholischen Schönheit und erinnerten mich an juvenile Rothkos, Klees und Expressionisten. Am stärksten beeindruckte mich ein schwarz grundiertes, quadratisches Aquarell, das nahezu vollständig mit weißen Tupfen bedeckt war, und entgegen meinem Vorsatz deutete ich es als Innenbild eines partiell Blinden, der hell und dunkel wahrnahm. Gleichzeitig bemerkte ich die blinden Kinder und Jugendlichen, die in dem großen, verwinkelten Gebäude wie selbstverständlich die Gänge entlangeilten oder die Treppen hinauf- und hinunterliefen und sich nur hin und wieder spielerisch durch das Berühren des Geländers orientierten.

In dem Institut, erklärte mir die Direktorin, würden 150 Schüler aus allen Teilen des Landes unterrichtet, 50 von ihnen wohnten das ganze Schuljahr über bis auf die unterrichtsfreien Tage im hauseigenen Internat. Es gebe einen Kindergarten, eine Volks- und Hauptschule, sogar ein Polytechnikum und eine Handelsschule, außerdem Unterricht in Telekommunikation, eine Ausbildung zum Masseur und nicht zuletzt eine Werkstatt für Korb- und Möbelflechter. Daneben würden Kurse für Klavier, Schlagzeug und Trompete angeboten und Lehrgänge für die Orientierung mit dem langen Stock, »Lebenspraktische Fertigkeit« oder Schach abgehalten. In einer Schulklasse würden höchstens sechs bis acht blinde Kinder unterrichtet, fuhr die Direktorin fort, bei Mehrfachbehinderten reduziere sich die Zahl sogar auf vier Schüler. Je früher ein Kind betreut werde, desto rascher und leichter komme es mit seiner Behinderung zurecht. Derzeit würde beispielsweise ein sechsjähriges Mädchen ausgebildet, das auf einem Auge blind sei und auf dem anderen einen schwachen Sehrest von nur drei Prozent habe. Es sei schon als Kleinkind in das Institut gekommen, gehe einkaufen und im Winter Ski fahren und führe ein fast normales Leben.

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Mein nächster Termin ist die Begleitung eines Lehrers und eines Schülers, der im Fach »Orientierung« das Gehen mit dem Langstock lernt. Zu meinem Unbehagen stelle ich fest, dass ich mich verspätet habe, und will nach draußen eilen, aber unterwegs treffe ich schon Herrn Harnischfeger und den 15-jährigen Nicu, die in der Halle auf mich warten. Nicu ist ein großer Jugendlicher mit dunklem, struppigem Haar, er trägt eine Hose im Military-Look und Strickweste. Seine Augenlider sind geschlossen. Er hält den weißen Langstock, an dessen Spitze sich ein kleines Rad befindet, zuerst wie ein Bergsteiger in der Hand, sobald wir uns aber in Bewegung setzen, streckt er ihn tastend aus, gibt sich einen Ruck und hebt dabei kurz den Kopf, den er immer gerade hält. Harnischfeger, ein junger Familienvater, hält Abstand. Erst wenn er den Eindruck hat, dass Nicu wirklich nicht mehr weiterweiß, mischt er sich ein. Man könne das freie Gehen mit dem Langstock nur durch »entdeckendes Lernen« üben, sagt er. Er müsse auch Fehler zulassen und abwarten, was sein Schüler daraus mache. Nicu orientiert sich an den Kennzeichnungen auf der Straße, wenn er zu einer Kreuzung kommt. Der Druckknopf der Fußgängerampel ist in Blindenschrift markiert, aufmerksam lauscht er dem tickenden Geräusch, das ihm anzeigt, wenn das Signal auf Grün springt. Besonders gefährlich seien Gegenstände, die in Körperhöhe von Hauswänden frei wegstünden, wie Brief- oder Schaukästen, aber auch Straßenschilder, die zu tief angebracht seien, sagt Herr Harnischfeger, als wir an einem Abfallkorb vorbeikommen, der vor einem Fahrradgeschäft an der Mauer befestigt ist. Aber Nicu hat Glück, er weicht dem Hindernis aus, ohne es zu bemerken, vielleicht kennt er es ja auch schon und hat schmerzhafte Erfahrungen mit ihm gemacht. Ich denke daran, was Frau Andre-Schellner mir über ihre Eindrücke beim Gehen mit dem Langstock gesagt hat, und versuche, mich in die Lage Nicus zu versetzen: Plötzlich ist fast alles ein Hindernis, und fast überall entdecke ich eine Möglichkeit zu stürzen oder mich zu verletzen. Vom Gehsteig aus führt eine Kellertreppe seitlich steil bergab, ein Fahrrad lehnt an einer Hauswand, in einer kleinen Querstraße fehlt eine Ampel.

Nicus Mutter kam mit ihrem Sohn aus Rumänien. Er ist fünf Tage in der Woche im Internat, spricht gut Deutsch und gibt sein Bestes. Herr Harnischfeger meint, dass er wie viele andere zu Hause nicht genügend gefördert würde. Das Zusammenwirken von Elternhaus und Schule sei aber am wichtigsten für die Entwicklung eines blinden Kindes.

Es stellt sich heraus, dass das Ziel ein Billa-Lebensmittelgeschäft ist, in dem Nicu lernen soll, sich zurechtzufinden. Man müsse ungefähr 25- bis 30-mal den Ablauf mit einem Schüler wiederholen, bis er sich wirklich orientieren könne, sagt Herr Harnischfeger. Nicu ist jetzt zum zehnten Mal mit seinem Lehrer in dem Billa-Geschäft unterwegs. Sogleich als wir es betreten, verwandelt es sich in ein heimtückisches Labyrinth. Nicu tastet vorsichtig die Verpackungen in den Regalen ab, weicht den im Weg stehenden Getränkekisten, Einkaufswagen und Kunden aus, den Schachteln und Sonderangeboten auf dem Boden. Aber die zahlreichen Richtungswechsel zwischen den Regalen verwirren ihn. Nicu benutzt das Abtasten der Verpackungen, um sich zu orientieren, er weiß, wo sich Erdnüsse und Kartoffelchips befinden, die Getränkedosen, die Konserven, die Milchprodukte und das Obst. Aber von einem zum anderen Mal steht ein neues Sonderangebot dort, wo früher keines war – und vergisst Nicu auch nur für kurz den Plan, den er im Kopf hat, muss er von vorn beginnen, sich die Orientierung in den Warenstraßen einzuprägen. Er geht wieder vorsichtig zurück zur Kasse und tastet noch einmal nach den Erdnüssen und den Chips, den Getränkedosen, den Milchprodukten und dem Obst.

Heute ist die Tür zu einem Büro geöffnet, die sonst immer verschlossen ist. Vorsichtig betritt Nicu den Raum, stößt an Stühle, einen Tisch, dreht sich um und geht dann durch die Tür in die falsche Richtung hinaus. Am Ende des Gangs gelangt er an eine Wand, er zögert, macht kehrt und denkt nach. Ein Feuerlöscher, der an einer Mauer hängt, ist das nächste unerwartete Hindernis, das schmerzhafte Folgen haben kann. Aber Nicu ist stehen geblieben. Herr Harnischfeger tritt an ihn heran und bespricht sich ruhig mit ihm. Abermals geht Nicu, mit dem Stock gegen Hindernisse klopfend und die Waren abtastend, zurück zur Kasse. Kunden eilen an ihm vorbei, zumeist wirft man ihm nur einen kurzen Blick zu. Herr Harnischfeger hält sich jetzt wieder im Hintergrund, sodass Nicu den Eindruck erweckt, allein zu sein. Inzwischen steht ein großer Warentransporter im Weg, und wieder muss Herr Harnischfeger eingreifen. Er bleibt jetzt näher an Nicu dran, stellt ihm Fragen und versucht, ihn selbst herausfinden zu lassen, was er »falsch« macht. Vor zwei Jahren sei die Aufstellung der Waren neu geordnet worden, erzählt er mir in einer kurzen Pause, das hätte für zahlreiche Irritationen gesorgt, denn plötzlich hätten sich alle Orientierungspunkte für die Blinden in nichts aufgelöst.

Nicu aber hat endlich das Regal mit Schokolade gefunden, nimmt eine Tafel heraus, legt sie zurück und tastet als Nächstes beim Obst nach einem Granatapfel. Er geht mit ihm zu der kleinen Waage, erhält am Automaten den Preiszettel und legt auch den Granatapfel wieder zurück.

Nach 35 Minuten ist er sichtlich müde. Erleichtert verlässt er das Geschäft und eilt uns voraus in das Institut.

Frau Hannemann unterrichtet in der zweiten und dritten Klasse Volksschule acht Kinder, zwei Buben und sechs Mädchen. Im Raum stehen drei PCs mit Brailleschrift-Ausgabe, mehrere Perkins-Schreibmaschinen (ein Gerät zum Prägen der Blindenschrift mit zumeist sechs Prägetasten; Anm. d. Red.) und ein Lesepult mit Lampe, und auf einer Fensterbank sitzen große und kleine Stofftiere, darunter ein Teddybär und eine Giraffe.

Victoria mit dem langen, schönen Haar liest Braille- und Schwarzschrift. Am Ende der Stunde setzt Frau Hannemann sie vor das Lesepult und schaltet die Lampe ein. Victoria beugt ihr Gesicht ganz nahe zum Schriftstück hin, sodass sie es beinahe mit der Nase berührt, und liest dann den Text vom Eichhörnchen, das für den Winter Nüsse sammelt. Victoria versinkt dabei in die Welt der Buchstaben, der Schrift. Sie liest langsam und aufmerksam, das Gesicht stets ganz nahe am Pult, das sie manchmal mit ihren kleinen Händen festhält. Dieses Bild des die Buchstaben verschlingenden Kindes hat etwas von der edlen Stille in Vermeer van Delfts Gemälden. Beide Eltern von Victoria seien »praktisch« blind und bereits Schüler im Blindeninstitut gewesen, sagt Frau Hannemann. Victoria leide an einer progressiven Augenerkrankung, ihr Zustand verschlechtere sich, daher lerne sie schon jetzt die Brailleschrift. Ihr Vater sei an einem Glaukom (am Grünen Star, Anm. d. Red.) erkrankt, die Mutter stark kurzsichtig. Bei Victoria wurde die Sehschädigung schon im Alter von drei Monaten festgestellt, und die Eltern zogen das Blindeninstitut zu Rate. Eine viel größere Gruppe im Institut umfasse aber die Kinder, die als Frühgeburten zur Welt gekommen seien. Sehr oft hätten sie Mehrfachschädigungen – wie ich dann selbst sehe –, und die Anzahl der Fälle nehme weiter zu.

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