Forschung Der falsche Streit

Deutsche Ökonomen zanken darüber, wie viel Mathematik ihr Fach verträgt. Tatsächlich müssten sie ihr Menschenbild revidieren

Der amerikanische Ökonom Robert Shiller vertritt die These, dass "Animals Spirits" die Wirtschaft treiben. In Deutschland verharrt man in alten Debatten

Der amerikanische Ökonom Robert Shiller vertritt die These, dass "Animals Spirits" die Wirtschaft treiben. In Deutschland verharrt man in alten Debatten

Die deutschen Ökonomen gehen in ihren Debatten gerne eigene Wege. Die Zunft der Volkswirte steckt weltweit in Erklärungsnöten, weil sie die Krise nicht kommen sah und sich nun nicht einmal einig ist, wie man sie bewältigt. Das hat eine geradezu existenzielle Debatte über die Grundlagen der Wirtschaftstheorie ausgelöst. In Deutschland aber ereifern sich die Professoren über den angeblichen Gegensatz von Empirie und Mathematik.

Los ging das Ganze an der Kölner Universität, als man dort mehrere Lehrstühle klassischer deutscher Ordnungspolitiker an mathematisch orientierte Forscher angelsächsischer Prägung vergeben wollte. Daraufhin empörten sich mehr als 80 deutsche Professoren darüber, dass der eher politisch-philosophische Zugang der deutschen Ordnungsschule den realitätsfernen Formallogikern weichen solle. Worauf mehr als doppelt so viele zurückwetterten, nur auf diesem Wege könne die deutsche Volkswirtschaftslehre zum Weltniveau aufschließen.

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Bloß – das ist der Streit von gestern.

Natürlich gibt es mathematisch orientierte Ökonomen, die im Hörsaal nur seelenlose Formeln an die Wand werfen und keinen Bezug zur Wirklichkeit herstellen. Genauso reden manche Ordnungspolitiker zwei Stunden lang im Kreis, ohne zu einer klaren Aussage zu gelangen.

Doch gute Wirtschaftsdidaktik verbindet heute beide Ansätze, wie man von Oxford bis Harvard – und übrigens auch von Kiel bis St. Gallen – erleben kann. Denn die Ökonomie ist längst dabei, sich interessanter zu machen. Moralische Fragen finden wieder Einlass in die moderne Theorie, die durchaus nach unseren Ideen von Fairness und Gerechtigkeit fragt. Und historisch haben die Forscher ebenfalls einiges zu bieten, weil sie mithilfe der kulturellen Entwicklung wichtige Vorlieben und Gewohnheiten erklären.

Früher wurde der Wirtschaftsnobelpreis vergeben für die sogenannte Allgemeine Gleichgewichtstheorie, ein Wunderwerk aus Formeln, in dem man nur schwerlich die Wirklichkeit erkennen konnte. Heute aber geht der Preis sogar an Verhaltensforscher. Der lange Weg der Volkswirte zurück zur Realität hat also längst begonnen. Und doch sind Forschung und Lehre durch die Weltwirtschaftskrise selbst noch tiefer in die Krise geraten. Nicht bloß, dass die Prognosen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung so sehr zum Glücksspiel gerieten, dass ein führender deutscher Ökonom die Vorhersagen gar nicht mehr veröffentlichen wollte. Auch in der Frage, wie die Staaten nun reagieren sollen, tun sich riesige Gräben zwischen den Schulen – man könnte auch sagen: Kirchen – der Ökonomen auf.

Nur rekordgroße Konjunkturprogramme bringen uns aus der Krise – das sagen die einen. Das Geld verpufft – das antworten die anderen. Eine Seite sagt, uns drohe eine Hyperinflation, wenn die Staaten sich weiter verschuldeten und die Zentralbanken alle Schleusen öffneten. Blödsinn, so der Gegner, das haben wir im Griff.

Leser-Kommentare
    • Chali
    • 04.08.2009 um 14:51 Uhr

    die menschliche Dummheit, also der strikten Weigerung, sich der Vergangenheit zu erinnern und Schlüsse ihr zu ziehen.

    Wenn Sie schreiben
    ... es gehört zu den Wundern der Ökonomie, dass sie sich so lange hielten., so ist es nicht der Ökonomie geschuldet, sondern der dumpfen Masse, die einem Versicherungsvertreter alles abkauft, wenn er mit Massanzug und Professorentitel bekleidet ist.

    - - - - - - - - -


    "Aristoteles war kein Belgier. Die Hauptbotschaft des Buddhismus lautet nicht: 'Jeder kämpft für sich selbst'. Und die Londoner Untergrundbahn ist keine politische Bewegung."
    A Fish called Wanda

    • HBogon
    • 04.08.2009 um 14:57 Uhr

    Den Modellen fehlen allesamt die wichtigsten Ingredienzien des "modernen" Finanzcasinos, quasi als sich selbst verstärkende Effekte:

    - ideologische Verblendung

    - Meinungsherrschaft mit Hilfe korrupter Medien, Politiker und zigtausender von Lobbyisten

    - monetäre, zusätzlich verbale Selbstbefriedigung

    - ein weit überdurchschnittliches Maß an Irren unter den Beteiligten (man muss nur Augenzeugenberichte aus dem Investmentbankingmilieu lesen)

    - Gewissenlosigkeit bzw. das Fehlen aller ethischen Maßstäbe

    - der unbedingte Wille, auch noch seine eigene Mutter zu verhökern

    Liebe Wirtschaftsfuzzies, wenn ihr euch im eigenen Milieu mal mit offenen Augen und Ohren bewegen würdet, dann kämt ihr - vielleicht - auf realitätsnähere Modelle. Die würden allerdings dann ziemlich besch....... aussehen.

    • Olly66
    • 04.08.2009 um 16:29 Uhr

    ...die Sau einer angeblich "neuen" Ökonomie.
    Dabei haben wir schon vor dreißig Jahren gelesen, dass der Homo Oeconomicus obsolet sei.

    Menschen handeln prinzipiell irrational. Und oft ist die Intuition der bessere Kompass!
    Dass Fairness nicht irrational sei, hat John F. Nash bewiesen.
    Deutsche "Wissenschaftler" wie Michael Hüther oder HW von Sinnen verstehen's bloß nicht, weil mathematisch unbedarft.
    Aber ob ein ernstzunehmender Ökonom solche Schwätzer überhaupt als Kollegen zu bezeichnen sich herabließe, darf bezweifelt werden. Das sind Popanze, Propaganda-Tröten.

    Die Wissenschaft bietet heute schon alle Techniken und Konzepte, die es braucht, die ökonomische Wirklichkeit zureichend zu modellieren. Auch eine optimale Verteilung von Wohlstand ließe sich exakt berechnen - Deutschland befindet sich gerade im Wegflug hiervon. Die selbstakzeleratorischen Phänomene an der Börse namens Bullen und Bären lassen sich chaostheoretisch wunderbar einfassen.

    @Heuser
    "Steuerehrlichkeit wie auch das gegenseitige Vertrauen, von dem die Marktwirtschaft lebt"
    sorry, das meinen sie doch nicht im Ernst? Marktwirtschaft lebt von Steuerbetrug (sowenig Steuer als möglich) und gegenseitigem Misstrauen!

    Wir haben einen Nobelpreisträger für Ökonomie in Bonn, der sich höchst selten öffentlich äußert.

    Ich fürchte, das Problem der deutschen Wirtschaftsprofessoren ist schlicht und ergreifend das niedrige Niveau.

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    • xtc
    • 04.08.2009 um 17:26 Uhr

    Die Wissenschaft bietet heute schon alle Techniken und Konzepte, die es braucht, die ökonomische Wirklichkeit zureichend zu modellieren. Auch eine optimale Verteilung von Wohlstand ließe sich exakt berechnen - Deutschland befindet sich gerade im Wegflug hiervon. Die selbstakzeleratorischen Phänomene an der Börse namens Bullen und Bären lassen sich chaostheoretisch wunderbar einfassen.

    Das Vorzitierte ist jetzt aber nur ein Scherz, oder? Das können Sie doch nicht ernsthaft so behaupten, werter Olly66.
    Vielleicht verstehe ich Sie aber auch nur falsch. Vielleicht meinen Sie mit "modellieren" ja auch nur "im Modell abbilden" und nicht "per Modell für die Zukunft projizieren".
    Daß die Wirtschaftswissenschaft die Realität mit ganz tollen, superwichtigen Modellen beschreiben kann, ist mir bekannt; wenn ich auch den Sinn nicht ganz erkenne (schließlich würde es ja auch reichen, die Realität einfach zu betrachten).
    Die Versuche, anhand von Modellen zukünftige wirtschaftliche Entwicklungen vorherzusagen, sind doch wohl kläglich gescheitert, wie man sieht. Das, so glaube ich, wird auch zukünftig der Fall sein.

    • xtc
    • 04.08.2009 um 17:26 Uhr

    Die Wissenschaft bietet heute schon alle Techniken und Konzepte, die es braucht, die ökonomische Wirklichkeit zureichend zu modellieren. Auch eine optimale Verteilung von Wohlstand ließe sich exakt berechnen - Deutschland befindet sich gerade im Wegflug hiervon. Die selbstakzeleratorischen Phänomene an der Börse namens Bullen und Bären lassen sich chaostheoretisch wunderbar einfassen.

    Das Vorzitierte ist jetzt aber nur ein Scherz, oder? Das können Sie doch nicht ernsthaft so behaupten, werter Olly66.
    Vielleicht verstehe ich Sie aber auch nur falsch. Vielleicht meinen Sie mit "modellieren" ja auch nur "im Modell abbilden" und nicht "per Modell für die Zukunft projizieren".
    Daß die Wirtschaftswissenschaft die Realität mit ganz tollen, superwichtigen Modellen beschreiben kann, ist mir bekannt; wenn ich auch den Sinn nicht ganz erkenne (schließlich würde es ja auch reichen, die Realität einfach zu betrachten).
    Die Versuche, anhand von Modellen zukünftige wirtschaftliche Entwicklungen vorherzusagen, sind doch wohl kläglich gescheitert, wie man sieht. Das, so glaube ich, wird auch zukünftig der Fall sein.

  1. Wenn man "Physik" sagt, weiß jeder, dass es eine Wissenschaft ist, sagt man "Chemie" oder Biologie" oder "Mathematik", denkt jeder an "Wissenschaft".
    Sagt man hingegen "Wirtschaft", denkt jeder zuerst Mal an Bier+Korn und wie "schön" es war, wenn der Suff und die Kopfschmerzen nachließen. Bei "Wirtschaft" muss man schon immer "wissenschaft" dazu sagen, sonst glaubt's ja keiner.
    Schaut man sich die Börse als Wettspiel und legalisierte Form des Betrugs an ( Wetten, dass ich einen noch Dümmeren finde - als ich es war -, der mir die Papierschnipsel für mehr Geld abkauft - als ich sie gekauft habe ) und die Verbindung zu den "Wirtschaftswissenschaften", dann weiß ich, was ich davon zu halten habe.
    Es geht nicht nur um Mathematik, es geht doch nicht nur um ein anderes Bild vom Menschen, es geht um die grundlegende Sicht auf die Dinge, die zur Zeit völlig falsch ist. Man schaue einfach mal in der Natur nach ( wir klauen ja genügend Erfindungen, die die Natur in 4 Gigajahren so gemacht hat ). Beispiel: Ein Eichbaum ist eine Firma, hat Investitionen in Wurzeln, Stamm, Äste, Zweige und Blätter, hat einen gewaltigen Umsatz, setzt Wasser, Nährsalze, Energie und CO2 um und erzeugt speicherbare Energie ( Kohlenwasserstoffe ) und hat ein Abfallproblem: Sauerstoff. Der Baum beschäftigt Subunternehmer ( Bakterien an den Wurzeln ) und hat auch einen Nettoprofit: Die Eicheln. Die werden von Eichhörnchen, Wildschweinen und auch Menschen "weggesteuert", einige fallen auf unfruchtbaren Boden und einige davon werden tatsächlich zu neuen Eichbäumen! Wie wieviele Prozente vom Eigenkapital sind das denn letztendlich, wie viele Prozente vom Umsatz?
    Dazu kommt, dass der Baum keinen Kredit ( Wasser in Trockenzeiten ) aufnehmen kann, er muss alles aus dem aktuellen Geschäft finanzieren.
    Aber "den" Eichbaum gibt es seit mehr als 65 Megajahren, ob es unsere entsprechend den Erkenntnissen der "Wirtschaftswissenschaften" strukturierte Wirtschaft so noch in 65 oder 650 Jahren ( = 0,0001% bis 0,001 %, das ist ein Prozentsatz, so richtig geil für Bankerohren, gelle? ) gibt, wage ich ernsthaft zu bezweifeln.

    • xtc
    • 04.08.2009 um 17:26 Uhr

    Die Wissenschaft bietet heute schon alle Techniken und Konzepte, die es braucht, die ökonomische Wirklichkeit zureichend zu modellieren. Auch eine optimale Verteilung von Wohlstand ließe sich exakt berechnen - Deutschland befindet sich gerade im Wegflug hiervon. Die selbstakzeleratorischen Phänomene an der Börse namens Bullen und Bären lassen sich chaostheoretisch wunderbar einfassen.

    Das Vorzitierte ist jetzt aber nur ein Scherz, oder? Das können Sie doch nicht ernsthaft so behaupten, werter Olly66.
    Vielleicht verstehe ich Sie aber auch nur falsch. Vielleicht meinen Sie mit "modellieren" ja auch nur "im Modell abbilden" und nicht "per Modell für die Zukunft projizieren".
    Daß die Wirtschaftswissenschaft die Realität mit ganz tollen, superwichtigen Modellen beschreiben kann, ist mir bekannt; wenn ich auch den Sinn nicht ganz erkenne (schließlich würde es ja auch reichen, die Realität einfach zu betrachten).
    Die Versuche, anhand von Modellen zukünftige wirtschaftliche Entwicklungen vorherzusagen, sind doch wohl kläglich gescheitert, wie man sieht. Das, so glaube ich, wird auch zukünftig der Fall sein.

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    • Krisse
    • 04.08.2009 um 17:46 Uhr

    Modellieren ist tatsächlich ein ungünstiger Begriff.
    Für die Theorie sind Modelle aber sehr wichtig, weil sie dazu dienen komplizierte Sachverhalte einfacher darzustellen. Die Realität ist ein denkbar schlechtes Modell, weil viel zu viele Störfaktoren die Ergebnisse beeinflussen. Man könnte zwar auch sagen, dass die Realität das ultimative Modell ist, aber die Aufgabe der Wissenschaft (und damit auch der Wirtschaftswissenschaft) ist ja Sachverhalte nachzuvollziehen, Schlüsse und Erkenntnisse daraus zu ziehen. Dafür sind Modelle ein gutes Mittel um einzelne Aspekte genauer unter die Lupe zu nehmen. Jede Abstraktion führt unweigerlich dazu, dass Informationen verloren gehen. Die Aufgabe ist es, Modelle zu entwickeln, die die wichtigen Informationen, Variablen und Effekte beinhalten. Hier müsste die "neue Ökonomie" ansetzen, weil sie den allerwichtigesten Faktor (den Menschen) bisher ignorierte. Die bisherigen theoretischen Konstrukte (Smith, Keynes und Co.) bilden zwar tatsächlich Teile ab (Smith zum Beispiel zeigt vorbildlich einen "idealen freien Markt" auf und seine Theorie der unsichtbaren Hand zeigt gut, wie sich ein großer Teil der Menschen verhält, wenn er auf einem völlig anonymen Markt liberaler Prägung agiert).
    Die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaften mag durchaus sein, sich dahingehend zu wandeln, dass der Mensch nicht (nur) als rational und ökonomisch handelndes Wesen zu verstehen ist, sonndern, dass der Mensch immer auch ein soziales Wesen ist.
    Die Aufgabe der Politik wird es sein, mit den zu erwartenden Erkenntnissen eine gesellschaftliche Gestaltug vorzunehmen, die im Sinne der Bürger, aller Bürger, ist. Weil dies den Sturz einiger Dogmen mit sich bringen wird, wird letzteres allerdings ein sehr langwieriger und schmerzhafter Prozess werden.

    Krisse

    • Krisse
    • 04.08.2009 um 17:46 Uhr

    Modellieren ist tatsächlich ein ungünstiger Begriff.
    Für die Theorie sind Modelle aber sehr wichtig, weil sie dazu dienen komplizierte Sachverhalte einfacher darzustellen. Die Realität ist ein denkbar schlechtes Modell, weil viel zu viele Störfaktoren die Ergebnisse beeinflussen. Man könnte zwar auch sagen, dass die Realität das ultimative Modell ist, aber die Aufgabe der Wissenschaft (und damit auch der Wirtschaftswissenschaft) ist ja Sachverhalte nachzuvollziehen, Schlüsse und Erkenntnisse daraus zu ziehen. Dafür sind Modelle ein gutes Mittel um einzelne Aspekte genauer unter die Lupe zu nehmen. Jede Abstraktion führt unweigerlich dazu, dass Informationen verloren gehen. Die Aufgabe ist es, Modelle zu entwickeln, die die wichtigen Informationen, Variablen und Effekte beinhalten. Hier müsste die "neue Ökonomie" ansetzen, weil sie den allerwichtigesten Faktor (den Menschen) bisher ignorierte. Die bisherigen theoretischen Konstrukte (Smith, Keynes und Co.) bilden zwar tatsächlich Teile ab (Smith zum Beispiel zeigt vorbildlich einen "idealen freien Markt" auf und seine Theorie der unsichtbaren Hand zeigt gut, wie sich ein großer Teil der Menschen verhält, wenn er auf einem völlig anonymen Markt liberaler Prägung agiert).
    Die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaften mag durchaus sein, sich dahingehend zu wandeln, dass der Mensch nicht (nur) als rational und ökonomisch handelndes Wesen zu verstehen ist, sonndern, dass der Mensch immer auch ein soziales Wesen ist.
    Die Aufgabe der Politik wird es sein, mit den zu erwartenden Erkenntnissen eine gesellschaftliche Gestaltug vorzunehmen, die im Sinne der Bürger, aller Bürger, ist. Weil dies den Sturz einiger Dogmen mit sich bringen wird, wird letzteres allerdings ein sehr langwieriger und schmerzhafter Prozess werden.

    Krisse

    • Krisse
    • 04.08.2009 um 17:46 Uhr

    Modellieren ist tatsächlich ein ungünstiger Begriff.
    Für die Theorie sind Modelle aber sehr wichtig, weil sie dazu dienen komplizierte Sachverhalte einfacher darzustellen. Die Realität ist ein denkbar schlechtes Modell, weil viel zu viele Störfaktoren die Ergebnisse beeinflussen. Man könnte zwar auch sagen, dass die Realität das ultimative Modell ist, aber die Aufgabe der Wissenschaft (und damit auch der Wirtschaftswissenschaft) ist ja Sachverhalte nachzuvollziehen, Schlüsse und Erkenntnisse daraus zu ziehen. Dafür sind Modelle ein gutes Mittel um einzelne Aspekte genauer unter die Lupe zu nehmen. Jede Abstraktion führt unweigerlich dazu, dass Informationen verloren gehen. Die Aufgabe ist es, Modelle zu entwickeln, die die wichtigen Informationen, Variablen und Effekte beinhalten. Hier müsste die "neue Ökonomie" ansetzen, weil sie den allerwichtigesten Faktor (den Menschen) bisher ignorierte. Die bisherigen theoretischen Konstrukte (Smith, Keynes und Co.) bilden zwar tatsächlich Teile ab (Smith zum Beispiel zeigt vorbildlich einen "idealen freien Markt" auf und seine Theorie der unsichtbaren Hand zeigt gut, wie sich ein großer Teil der Menschen verhält, wenn er auf einem völlig anonymen Markt liberaler Prägung agiert).
    Die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaften mag durchaus sein, sich dahingehend zu wandeln, dass der Mensch nicht (nur) als rational und ökonomisch handelndes Wesen zu verstehen ist, sonndern, dass der Mensch immer auch ein soziales Wesen ist.
    Die Aufgabe der Politik wird es sein, mit den zu erwartenden Erkenntnissen eine gesellschaftliche Gestaltug vorzunehmen, die im Sinne der Bürger, aller Bürger, ist. Weil dies den Sturz einiger Dogmen mit sich bringen wird, wird letzteres allerdings ein sehr langwieriger und schmerzhafter Prozess werden.

    Krisse

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    • xtc
    • 04.08.2009 um 18:02 Uhr

    Man mag mich hier als Ungläubigen Thomas titulieren, aber ich zweifle noch immer, vielleicht sogar immer mehr.
    Die Realität ist ein denkbar schlechtes Modell, weil viel zu viele Störfaktoren die Ergebnisse beeinflussen.
    Das sehe ich ein. Die Realität ist halt die Realität und kein Modell.
    Ich frage mich nur, ob es jemals gelingen wird, im Vorherein herauszufiltern, was "Störfaktor" und was "Unabdingbar" für das Modell ist.
    Wenn doch schon die menschliche Irrationalität und Sprunghaftigkeit als Triebfeder wirtschaftlichen Handelns erkannt wird, wie sollen diese Faktoren dann in ein rationales Modell einfließen, ohne daß das Modell und seine Ergebnisse nichtssagend werden? Schließlich sind die Möglichkeiten Irrationalen Handelns doch unbegrenzt.

    • xtc
    • 04.08.2009 um 18:02 Uhr

    Man mag mich hier als Ungläubigen Thomas titulieren, aber ich zweifle noch immer, vielleicht sogar immer mehr.
    Die Realität ist ein denkbar schlechtes Modell, weil viel zu viele Störfaktoren die Ergebnisse beeinflussen.
    Das sehe ich ein. Die Realität ist halt die Realität und kein Modell.
    Ich frage mich nur, ob es jemals gelingen wird, im Vorherein herauszufiltern, was "Störfaktor" und was "Unabdingbar" für das Modell ist.
    Wenn doch schon die menschliche Irrationalität und Sprunghaftigkeit als Triebfeder wirtschaftlichen Handelns erkannt wird, wie sollen diese Faktoren dann in ein rationales Modell einfließen, ohne daß das Modell und seine Ergebnisse nichtssagend werden? Schließlich sind die Möglichkeiten Irrationalen Handelns doch unbegrenzt.

    • xtc
    • 04.08.2009 um 18:02 Uhr

    Man mag mich hier als Ungläubigen Thomas titulieren, aber ich zweifle noch immer, vielleicht sogar immer mehr.
    Die Realität ist ein denkbar schlechtes Modell, weil viel zu viele Störfaktoren die Ergebnisse beeinflussen.
    Das sehe ich ein. Die Realität ist halt die Realität und kein Modell.
    Ich frage mich nur, ob es jemals gelingen wird, im Vorherein herauszufiltern, was "Störfaktor" und was "Unabdingbar" für das Modell ist.
    Wenn doch schon die menschliche Irrationalität und Sprunghaftigkeit als Triebfeder wirtschaftlichen Handelns erkannt wird, wie sollen diese Faktoren dann in ein rationales Modell einfließen, ohne daß das Modell und seine Ergebnisse nichtssagend werden? Schließlich sind die Möglichkeiten Irrationalen Handelns doch unbegrenzt.

    Antwort auf "Modellieren"
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    • Krisse
    • 04.08.2009 um 18:25 Uhr

    Wenn doch schon die menschliche Irrationalität und Sprunghaftigkeit als Triebfeder wirtschaftlichen Handelns erkannt wird, wie sollen diese Faktoren dann in ein rationales Modell einfließen, [...]?

    Die Triebfeder wirtschaftlichen Handelns ist vielleicht etwas zu viel. Aber es sind alles Faktoren, die bisher kaum Beachtung geschenkt bekamen.
    Zumal das irrationale Handeln aus der Sicht der Wirtschaftswissenschaftler nicht zwingend auch irrational im Sinne der Soziologie oder des gesunden Menschenverstands sein muss. Die im Text erwähnte Fairness ist ein gutes Beispiel. Der Homo Oeconomicus würde nicht primär fair handeln, weil es im keinen Vorteil verschafft. Der Homo Sociologicus wiederum sieht es als wichtig und vorteilhaft an durch Fairness ein gutes Verhältnis zu den Mitmenschen zu haben. Einem Homo Oecologicus wiederum würde zudem die Natur von Bedeutung sein, was ihn dazu veranlasst auch an die Zukunft zu denken und sein Handeln darauf auszurichten.

    Die Wirtschaftswissenschaften haben bisher die letztgenannten ignoriert, weil deren Verhalten ja nichts/wenig mit Wirtschaft zu tun hat. Dass jedoch die Prämissen, die Wertvorstellungen und Prägungen massiven Einfluss auf das Verhalten in vielen Lebensbereichen der Menschen haben, wurde bisher ignoriert.

    Anders ausgedrückt kann die moderne Wirtschaftswissenschaft bisher nur unzureichend erklären, warum Menschen Ökostrom beziehen, Bio oder Fairtrade kaufen und sich diese Bereiche vom Nischenprodukt zum Massenmarkt entwickeln konnten.

    Ein weiterer Aspekt der Irrationalität ökonomischen Handelns waren die im Text genannten Effekte, bei denen sich bestimmte Massenphänomene entwickelten. Die Erklärungen, dass es sich um Mitläufer handelt greift wohl zu kurz, aber das zu erforschen dürfte sowohl für die Wirtschaftswissenschaft als auch die Soziologie interessant sein.

    • Krisse
    • 04.08.2009 um 18:25 Uhr

    Wenn doch schon die menschliche Irrationalität und Sprunghaftigkeit als Triebfeder wirtschaftlichen Handelns erkannt wird, wie sollen diese Faktoren dann in ein rationales Modell einfließen, [...]?

    Die Triebfeder wirtschaftlichen Handelns ist vielleicht etwas zu viel. Aber es sind alles Faktoren, die bisher kaum Beachtung geschenkt bekamen.
    Zumal das irrationale Handeln aus der Sicht der Wirtschaftswissenschaftler nicht zwingend auch irrational im Sinne der Soziologie oder des gesunden Menschenverstands sein muss. Die im Text erwähnte Fairness ist ein gutes Beispiel. Der Homo Oeconomicus würde nicht primär fair handeln, weil es im keinen Vorteil verschafft. Der Homo Sociologicus wiederum sieht es als wichtig und vorteilhaft an durch Fairness ein gutes Verhältnis zu den Mitmenschen zu haben. Einem Homo Oecologicus wiederum würde zudem die Natur von Bedeutung sein, was ihn dazu veranlasst auch an die Zukunft zu denken und sein Handeln darauf auszurichten.

    Die Wirtschaftswissenschaften haben bisher die letztgenannten ignoriert, weil deren Verhalten ja nichts/wenig mit Wirtschaft zu tun hat. Dass jedoch die Prämissen, die Wertvorstellungen und Prägungen massiven Einfluss auf das Verhalten in vielen Lebensbereichen der Menschen haben, wurde bisher ignoriert.

    Anders ausgedrückt kann die moderne Wirtschaftswissenschaft bisher nur unzureichend erklären, warum Menschen Ökostrom beziehen, Bio oder Fairtrade kaufen und sich diese Bereiche vom Nischenprodukt zum Massenmarkt entwickeln konnten.

    Ein weiterer Aspekt der Irrationalität ökonomischen Handelns waren die im Text genannten Effekte, bei denen sich bestimmte Massenphänomene entwickelten. Die Erklärungen, dass es sich um Mitläufer handelt greift wohl zu kurz, aber das zu erforschen dürfte sowohl für die Wirtschaftswissenschaft als auch die Soziologie interessant sein.

    • Krisse
    • 04.08.2009 um 18:25 Uhr

    Wenn doch schon die menschliche Irrationalität und Sprunghaftigkeit als Triebfeder wirtschaftlichen Handelns erkannt wird, wie sollen diese Faktoren dann in ein rationales Modell einfließen, [...]?

    Die Triebfeder wirtschaftlichen Handelns ist vielleicht etwas zu viel. Aber es sind alles Faktoren, die bisher kaum Beachtung geschenkt bekamen.
    Zumal das irrationale Handeln aus der Sicht der Wirtschaftswissenschaftler nicht zwingend auch irrational im Sinne der Soziologie oder des gesunden Menschenverstands sein muss. Die im Text erwähnte Fairness ist ein gutes Beispiel. Der Homo Oeconomicus würde nicht primär fair handeln, weil es im keinen Vorteil verschafft. Der Homo Sociologicus wiederum sieht es als wichtig und vorteilhaft an durch Fairness ein gutes Verhältnis zu den Mitmenschen zu haben. Einem Homo Oecologicus wiederum würde zudem die Natur von Bedeutung sein, was ihn dazu veranlasst auch an die Zukunft zu denken und sein Handeln darauf auszurichten.

    Die Wirtschaftswissenschaften haben bisher die letztgenannten ignoriert, weil deren Verhalten ja nichts/wenig mit Wirtschaft zu tun hat. Dass jedoch die Prämissen, die Wertvorstellungen und Prägungen massiven Einfluss auf das Verhalten in vielen Lebensbereichen der Menschen haben, wurde bisher ignoriert.

    Anders ausgedrückt kann die moderne Wirtschaftswissenschaft bisher nur unzureichend erklären, warum Menschen Ökostrom beziehen, Bio oder Fairtrade kaufen und sich diese Bereiche vom Nischenprodukt zum Massenmarkt entwickeln konnten.

    Ein weiterer Aspekt der Irrationalität ökonomischen Handelns waren die im Text genannten Effekte, bei denen sich bestimmte Massenphänomene entwickelten. Die Erklärungen, dass es sich um Mitläufer handelt greift wohl zu kurz, aber das zu erforschen dürfte sowohl für die Wirtschaftswissenschaft als auch die Soziologie interessant sein.

    Antwort auf "Ich zweifle!"

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