Am kommenden Donnerstag um elf Uhr vormittags wird es im Frankfurter Arbeitsgericht darum gehen, ob die Gier einen großen Sieg erringt. Oder die Gerechtigkeit, je nach Sichtweise. Im Sitzungssaal C 302 im dritten Stock des Westflügels werden sich der vorsitzende Richter einfinden, eine junge Anwältin sowie ein Jurist der Commerzbank. Außerdem Journalisten, Kamerateams, Zuschauer. Nur der Mann, um den es geht, der Investmentbanker Jens-Peter Neumann, wird es vorziehen, nicht anwesend zu sein.

Es heißt, er lebe jetzt auf Zypern. Dort, wo die Wolken selten und die Steuersätze niedrig sind, genieße er das Leben. Es heißt, in der Tiefgarage der Bank seien stets zwei Parkplätze für seine Sportwagen reserviert gewesen. Es heißt, er, ein eher kleiner, kräftiger Mann, sei oft mit breiten Hosenträgern und hochgekrempelten Ärmeln durch die Bank gelaufen, so wie der Spekulant Gordon Gekko in dem Film Wall Street. Es heißt, wie Gekko habe auch er gern den abgebrühten Profi gegeben.

Solche Geschichten und Gerüchte bekommt man zu hören, wenn man sich in Finanzkreisen nach Jens-Peter Neumann erkundigt. Nach einem 50-jährigen Mann, der sein halbes Leben lang stets nach dem besten Deal suchte und nun, mitten in der großen Krise, kurz davor steht, noch einmal richtig abzukassieren. Während anderswo Fabrikarbeiter ihre Jobs verlieren.

Jens-Peter Neumann ist einer von denen, die diese Krise ausgelöst haben. Er war einer der obersten Manager der Dresdner Bank, die im vergangenen Jahr von der Commerzbank übernommen wurde. Er war einer jener Investmentbanker, die jahrelang mit sogenannten strukturierten Kreditpapieren handelten und nicht sahen, oder nicht sehen wollten, dass sich hinter den vermeintlich hoch profitablen Geldanlagen hoch explosive Sprengsätze verbargen. Bis auf einmal die Weltwirtschaft zusammenbrach.

Die von Neumann geleitete Sparte der Bank verbuchte vergangenes Jahr einen Verlust von 5,7 Milliarden Euro. Trotzdem hat er einen Bonus von drei Millionen kassiert. Jetzt klagt er noch anderthalb Millionen Euro Abfindung ein. So stehen sich vor dem Arbeitsgericht nun Neumann und die Bank gegenüber. Oder: Neumann und der Steuerzahler. Denn die Commerzbank gehört zu 25 Prozent dem Staat. Der musste sie retten – auch wegen der hohen Verluste, für die Neumann mitverantwortlich war.

Nach Ansicht von Experten wird der Steuerzahler verlieren. Und Neumann gewinnen. "Wenn ein Arbeitgeber mit einer Führungskraft einen Auflösungsvertrag schließt, in dem er eine Abfindung zusagt, muss er diese auch zahlen", sagt der Frankfurter Arbeitsrechtler Norbert Pflüger.

Damit könnte diese Geschichte schon zu Ende sein. Es wäre eine kurze Geschichte über einen bösen Banker, dem nichts an seiner Bank liegt, nichts an seinen Kunden, nichts am Staat und an den Steuerzahlern. Sondern nur an sich selbst.

So einfach könnte es sein.

So einfach wäre es, wäre da nicht die Londoner Börsenaufsicht. Wären da nicht Martin Blessing, der Chef der Commerzbank, und ein ehemaliger Kollege von Jens-Peter Neumann namens Geraint Anderson. Wären da nicht all diese Leute, die aus der kurzen Geschichte über einen einzelnen Banker eine lange Geschichte über den ganzen Bankensektor machen und die dafür sorgen, dass am Ende nicht mehr ganz klar ist, ob Jens-Peter Neumann nun ein ungewöhnlich gieriger Banker ist oder ein sehr gewöhnlicher, der nur das Pech hatte, in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu geraten.

Die Geschichte beginnt am 14. März 2008. Die Finanzkrise hat längst begonnen, aber noch geht sie nur Leute etwas an, die ihre Tage mit dem Blick auf Aktienkurse verbringen. Banker und Spekulanten eben. Noch ist kein Autozulieferer pleitegegangen. Noch ist nicht die Rede von der größten Krise seit 80 Jahren.