Am kommenden Donnerstag um elf Uhr vormittags wird es im Frankfurter Arbeitsgericht darum gehen, ob die Gier einen großen Sieg erringt. Oder die Gerechtigkeit, je nach Sichtweise. Im Sitzungssaal C 302 im dritten Stock des Westflügels werden sich der vorsitzende Richter einfinden, eine junge Anwältin sowie ein Jurist der Commerzbank. Außerdem Journalisten, Kamerateams, Zuschauer. Nur der Mann, um den es geht, der Investmentbanker Jens-Peter Neumann, wird es vorziehen, nicht anwesend zu sein.

Es heißt, er lebe jetzt auf Zypern. Dort, wo die Wolken selten und die Steuersätze niedrig sind, genieße er das Leben. Es heißt, in der Tiefgarage der Bank seien stets zwei Parkplätze für seine Sportwagen reserviert gewesen. Es heißt, er, ein eher kleiner, kräftiger Mann, sei oft mit breiten Hosenträgern und hochgekrempelten Ärmeln durch die Bank gelaufen, so wie der Spekulant Gordon Gekko in dem Film Wall Street. Es heißt, wie Gekko habe auch er gern den abgebrühten Profi gegeben.

Solche Geschichten und Gerüchte bekommt man zu hören, wenn man sich in Finanzkreisen nach Jens-Peter Neumann erkundigt. Nach einem 50-jährigen Mann, der sein halbes Leben lang stets nach dem besten Deal suchte und nun, mitten in der großen Krise, kurz davor steht, noch einmal richtig abzukassieren. Während anderswo Fabrikarbeiter ihre Jobs verlieren.

Jens-Peter Neumann ist einer von denen, die diese Krise ausgelöst haben. Er war einer der obersten Manager der Dresdner Bank, die im vergangenen Jahr von der Commerzbank übernommen wurde. Er war einer jener Investmentbanker, die jahrelang mit sogenannten strukturierten Kreditpapieren handelten und nicht sahen, oder nicht sehen wollten, dass sich hinter den vermeintlich hoch profitablen Geldanlagen hoch explosive Sprengsätze verbargen. Bis auf einmal die Weltwirtschaft zusammenbrach.

Die von Neumann geleitete Sparte der Bank verbuchte vergangenes Jahr einen Verlust von 5,7 Milliarden Euro. Trotzdem hat er einen Bonus von drei Millionen kassiert. Jetzt klagt er noch anderthalb Millionen Euro Abfindung ein. So stehen sich vor dem Arbeitsgericht nun Neumann und die Bank gegenüber. Oder: Neumann und der Steuerzahler. Denn die Commerzbank gehört zu 25 Prozent dem Staat. Der musste sie retten – auch wegen der hohen Verluste, für die Neumann mitverantwortlich war.

Nach Ansicht von Experten wird der Steuerzahler verlieren. Und Neumann gewinnen. "Wenn ein Arbeitgeber mit einer Führungskraft einen Auflösungsvertrag schließt, in dem er eine Abfindung zusagt, muss er diese auch zahlen", sagt der Frankfurter Arbeitsrechtler Norbert Pflüger.

Damit könnte diese Geschichte schon zu Ende sein. Es wäre eine kurze Geschichte über einen bösen Banker, dem nichts an seiner Bank liegt, nichts an seinen Kunden, nichts am Staat und an den Steuerzahlern. Sondern nur an sich selbst.

So einfach könnte es sein.

So einfach wäre es, wäre da nicht die Londoner Börsenaufsicht. Wären da nicht Martin Blessing, der Chef der Commerzbank, und ein ehemaliger Kollege von Jens-Peter Neumann namens Geraint Anderson. Wären da nicht all diese Leute, die aus der kurzen Geschichte über einen einzelnen Banker eine lange Geschichte über den ganzen Bankensektor machen und die dafür sorgen, dass am Ende nicht mehr ganz klar ist, ob Jens-Peter Neumann nun ein ungewöhnlich gieriger Banker ist oder ein sehr gewöhnlicher, der nur das Pech hatte, in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu geraten.

Die Geschichte beginnt am 14. März 2008. Die Finanzkrise hat längst begonnen, aber noch geht sie nur Leute etwas an, die ihre Tage mit dem Blick auf Aktienkurse verbringen. Banker und Spekulanten eben. Noch ist kein Autozulieferer pleitegegangen. Noch ist nicht die Rede von der größten Krise seit 80 Jahren.

An diesem Tag tritt in einem Konferenzraum nahe des Englischen Gartens in München der Vorstandsvorsitzende des Versicherungskonzerns Allianz, Michael Diekmann, seinem Aufsichtsrat gegenüber. Diekmann sagt, er wolle die Investmentabteilung der Dresdner Bank vom Rest des Konzerns abspalten.

Dazu muss man wissen, dass ziemlich genau sieben Jahre zuvor, im Frühjahr 2001, die Allianz die bis dahin eigenständige Dresdner Bank gekauft hatte. Von "großen Wachstumschancen" war damals die Rede. Tatsächlich entpuppte sich die Investmentabteilung namens Dresdner Kleinwort als große Last. "Niemand im Aufsichtsrat war überrascht, als Diekmann sagte, man wolle Dresdner Kleinwort loswerden", erinnert sich einer, der bei der Sitzung dabei war.

Überraschung stellt sich erst ein, als klar wird, dass Diekmann für Dresdner Kleinwort keinen Interessenten an der Hand hat. Normalerweise gibt man den geplanten Verkauf von Tochterfirmen erst bekannt, wenn mögliche Käufer gefunden sind. Es entsteht sonst Unruhe. Anstatt zu arbeiten, denken die Leute nach, wie es mit ihnen weitergeht.

Genau diese Art der Unsicherheit verbreitet sich im Frühjahr 2008 in einem zehnstöckigen Neubau in der Gresham Street im Londoner Finanzdistrikt. 306 Millionen Pfund, 437 Millionen Euro, hat das wie ein Luxushotel anmutende Haus gekostet. Die Investmentbanker von Dresdner Kleinwort waren dort erst im Jahr 2006 eingezogen. In der Eingangshalle steht ein Formel-1-Rennwagen, als wolle die Bank ihre Händler, Analysten und Salesmanager jeden Morgen dazu motivieren, Geschwindigkeit aufzunehmen. Hier hatte Jens-Peter Neumann im März 2006 sein gläsernes Büro im Handelssaal bezogen. Hier dachten im Frühjahr 2008, nach Diekmanns Ankündigung, die Wertpapierhändler über ein lukratives Geschäft in eigener Sache nach: die Bank zu wechseln.

Investmentbanker werden oft mit Profifußballern verglichen. So wie mancher Mittelstürmer alle paar Jahre den Verein wechselt und jedes Mal mehr verdient, so ziehen viele Investmentprofis von Bank zu Bank. Neumann zum Beispiel begann seine Karriere bei der Dresdner Bank, danach war er bei Goldman Sachs, der Credit Suisse, der HypoVereinsbank und bei Dresdner Kleinwort. Mal stand sein Schreibtisch in Frankfurt, mal in New York, London, München, die Arbeit aber unterschied sich kaum. So wie Fußballplätze überall gleich aussehen, so sitzen Wertpapierhändler überall vor den gleichen Bildschirmen, sprechen über die gleichen Spreads und die gleichen Bonds.

Wenn jemand wie Neumann den Arbeitgeber wechselt, kriegt nur einer ein Problem: die Bank, die keinen Ersatz für ihn findet. Vor allem, wenn es, wie in der sich beschleunigenden Finanzkrise des Frühjahrs 2008, darum geht, die Verluste zu begrenzen. Dresdner Kleinwort braucht jetzt Leute wie Neumann, die den Kunden das Gefühl geben, es sei alles okay. Es darf jetzt zu keiner Massenflucht der Anleger kommen, wie sie später die US-Investmentbank Lehman Brothers erleben wird. Neben Neumann braucht die Bank auch dessen Mitarbeiter, nur sie kennen sich mit den komplizierten Kreditpapieren aus. Das klingt seltsam, waren doch sie es, die diese gefährlichen Papiere überhaupt erst in die Bank holten. Aber Neumann und sein Team sind eben auch die Einzigen, die wissen, wie man die finanziellen Sprengsätze entschärfen kann.

Wenn Neumann die Bank verließe, müsste Dresdner Kleinwort schleunigst einen anderen Topmanager finden. Aber wer will zu einer Bank, deren Zukunft keiner kennt?

Am 23. Mai 2008 erhält der Vorstandschef von Dresdner Kleinwort, Stefan Jentzsch, einen vertraulichen Brief der Londoner Börsenaufsicht Financial Services Authority (FSA), der der ZEIT vorliegt. Beginnend mit "Dear Dr. Jentzsch", dringt die Behörde darauf, die massenhafte Abwanderung von "Schlüsselpersonen" zu verhindern, sonst drohten "destabilisierende Auswirkungen sowohl kurz- als auch mittelfristig, die die Herausforderungen der aktuellen Marktturbulenzen noch verschärfen könnten".

Jentzsch telefoniert mit Diekmann, dem Chef der Allianz: Zu diesem Zeitpunkt gehört ihm die Dresdner Bank ja noch. Diekmann fragt, was man tun könne, um Leute wie Neumann zu halten.

Ja, was?

Man muss an dieser Stelle eine kurze Exkursion in die Seele des typischen Investmentbankers unternehmen. Ein Mann, der gut geeignet ist, einen auf diesen Ausflug mitzunehmen, ist Geraint Anderson. Er ist braun gebrannt, trägt ein weit aufgeknöpftes Blumenhemd und ein Kettchen um den Hals. Er kommt gerade aus Ibiza. Anderson hat acht Jahre lang bei Dresdner Kleinwort gearbeitet. Im Frühjahr 2008, kurz vor jener Aufsichtsratssitzung der Allianz, hat er die Bank verlassen. Nicht um in einen anderen Handelsraum zu wechseln, sondern um aufzuhören. Er war 36 Jahre alt, und er hatte genug.

Geraint Anderson kann ehrlich darüber Auskunft geben, was Investmentbanker antreibt, was sie motiviert. Er muss niemandem mehr gefallen. Er hat ein Buch geschrieben über sein Leben als Banker. Es heißt Cityboy . In England war es ein Bestseller.

Andersons Job war es, Energieunternehmen zu analysieren und die Aktien dieser Unternehmen mit dem Vermerk "Kaufen!", "Verkaufen!" oder "Halten!" zu versehen. Jens-Peter Neumann war Geraint Andersons Chef. Genauer: Er war der Chef seines Chefs, aber Anderson sagt, er habe Neumann kaum bemerkt. "Die obersten Chefs kommen und gehen, wichtig in deinem Leben als Banker ist nur einer: dein direkter Vorgesetzter, der bestimmt den Bonus."

In seinem ersten Berufsjahr, noch bei einer anderen Bank, verdiente Anderson umgerechnet 15000 Euro Festgehalt, plus 21000 Euro Bonus. Nicht besonders viel für einen Banker. Bald jedoch wuchs sein Gehalt auf 180000 Euro. Im Jahr bevor er ausstieg, kam er auf 1,1 Millionen. Es war nicht so, dass Anderson ein Ausnahmetalent war, er hatte Geschichte studiert und keine Ahnung vom Banking, als er dort anfing. Aber er konnte gut reden und viel trinken, so gewinnt man Kunden fürs Leben. Dann stieg der Ölpreis, und mit den Aktien von Energieunternehmen ließ sich viel Geld verdienen. Ein Teil davon floss als Bonus an Anderson, den Mann, der seinen Kunden die richtigen Aktien empfahl und zum viertbesten Energieanalysten des Landes gewählt wurde.

Hört man Anderson eine Weile zu, begreift man, was einen Investmentbanker von dem Manager eines Autobauers unterscheidet: Es fehlt das Auto, das Produkt, für das man sich begeistern, an dessen ständiger Verbesserung man arbeiten kann. Ein Investmentbanker hat nur einen Maßstab für seine tägliche Arbeit: Geld. Das ist es, womit er sich identifiziert. Das Geld, das er für seine Kunden verdient, für seine Bank, für sich selbst. Seit Mitte der achtziger Jahre bezahlen fast alle großen Investmentbanken ihre Mitarbeiter danach, welche Erträge sie der Bank einbringen. Die Festgehälter sind mitunter gering, die Bonuszahlungen dafür umso größer. Und wenn die eine Bank einen hohen Bonus zahlt, muss die andere bald einen noch höheren aufwenden, sonst laufen ihr die besten Leute davon. Und die machen oft den entscheidenden Unterschied.

Der Deutschland-Chef einer europäischen Investmentbank sagt dazu einen interessanten Satz, den man natürlich nur drucken darf, wenn man seinen Namen nicht nennt: "Angesichts der Arbeit, die ein Investmentbanker leistet, erscheint es unerklärlich, weshalb er so viel mehr verdient als ein Ingenieur, der eine Brücke baut, es kann dafür nur einen Grund geben: Hier versorgen sich die Angehörigen einer Kaste gegenseitig mit Geld."

Geraint Anderson sagt, wenn man Leute wie Neumann in Krisenzeiten an sich binden muss, hat man nur eine Möglichkeit: "Man muss ihnen Geld anbieten."

Genau darüber sprechen der Dresdner-Kleinwort-Chef Jentzsch und der Allianz-Chef Diekmann in jenem Telefonat, das sie aufgrund des Briefes der Londoner Börsenaufsicht führen. Sie vereinbaren, dass die Allianz 400 Millionen Euro bereitstellt, einen sogenannten Haltebonus. Dieses Geld soll am Ende des Jahres an alle Mitarbeiter von Dresdner Kleinwort ausgeschüttet werden, die der Bank die Treue halten. Wichtige Leute wie Neumann kriegen ein paar Millionen Euro, unwichtige ein paar Tausend, aber jeder soll etwas bekommen.

400 Millionen Boni für die Banker? Das wird der Commerzbank zu heikel

Aus dem Bonustopf wird Jens-Peter Neumann Anfang des Jahres 2009 drei Millionen Euro kassieren, so wie die Allianz es damals vorsah. So wie ungezählte Bankmanager vor ihm, die in schwierigen Zeiten zum Bleiben motiviert wurden. Niemand würde sich heute darüber aufregen, hätte sich die Finanzkrise nicht derartig ausgeweitet, hätte nicht die Allianz im Sommer 2008 doch einen Käufer für die gesamte Dresdner Bank gefunden: die Commerzbank.

Wenn ein Unternehmen ein anderes übernimmt, kauft es dessen Zahlungsverpflichtungen mit. Das schien auch für die Commerzbank und die versprochenen 400 Millionen Euro für die Dresdner-Kleinwort-Mitarbeiter zu gelten. Nichts deutete darauf hin, dass Commerzbank-Chef Martin Blessing die Vereinbarung brechen wollte. Dann aber stieg im Oktober 2008 der deutsche Staat bei der Commerzbank ein, weil sie dringend Kapital brauchte. Würde Blessing die Bonuszusage nun zurücknehmen?

Am 12. November 2008 drängen im Untergeschoss des Dresdner-Kleinwort-Gebäudes in der Londoner Gresham Street mehrere Hundert Banker in den größten Raum des Hauses, eine Art Hörsaal. Ein town hall meeting ist angesetzt, bei dem Vorstandschef Jentzsch der Belegschaft Bericht erstattet. Wer im Hörsaal keinen Platz findet, versammelt sich vor Bildschirmen in den Büros, wo die Reden live übertragen werden. Jentzsch sagt, er habe einen Gast zu begrüßen: Martin Blessing, den neuen Chef.

Blessing tritt nach vorne. Er spricht von großen Wachstumschancen, dann sagt er einen Satz, den die Dresdner-Kleinwort-Banker im Gedächtnis behalten: Die Commerzbank werde sich in die versprochenen Bonusvereinbarungen nicht einmischen.

Das Geld scheint Neumann also sicher. Sein Job ist es nicht mehr. Längst ist klar, dass die Commerzbank nur wenige Manager von Dresdner Kleinwort übernehmen wird. Aufhebungsverträge werden ausgehandelt. Neumann einigt sich mit der Bank auf eine Abfindung in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Ein gewöhnlicher Vorgang: Einem ihrer obersten Wertpapierhändler hatte die Commerzbank nach Informationen der ZEIT noch im Herbst ebenfalls eine Abfindung in Millionenhöhe gezahlt. Warum sollte sie Neumann und den anderen Topmanagern diese nun verweigern?

Anfang des Jahres bekommt Neumann die drei Millionen Euro Haltebonus überwiesen. Alles läuft wie erwartet. Dann, Ende Februar, erreicht die Exmanager der Bank ein Brief der Personalabteilung. "Es ist im besten Interesse von Dresdner Kleinwort, der Dresdner Bank und der Commerzbank, für das Jahr 2008 keine Boni zu zahlen", heißt es darin.

Die Commerzbank wird später argumentieren, erst in der letzten Dezemberwoche sei klar geworden, wie hoch die Verluste von Dresdner Kleinwort wirklich gewesen seien. Für Fachleute eine seltsame Begründung. "Dass man erst in den letzten Tagen des Jahres die wahren Verluste erkannt haben will, ist schwer nachvollziehbar", sagt Dieter Hein vom unabhängigen Analyseunternehmen Fairesearch.

Wahrscheinlicher ist etwas anderes. Im Februar waren mehrere Zeitungsartikel über die geplanten Bonuszahlungen erschienen. Politiker der Großen Koalition schimpften auf die gierigen Banker. Da hätte es seltsam ausgesehen, hätte die Commerzbank, gerade mit Staatsgeld versorgt, bereitwillig 400 Millionen Euro ausbezahlt.

Also beschloss die Bank, die Zahlung zu verweigern. Zumindest jenen Leuten, die, wie Neumann, die Bank schon verlassen hatten. Spezialisten von Dresdner Kleinwort, die die Commerzbank weiterbeschäftigen wollte, seien sehr wohl sechsstellige Bleibeprämien ausbezahlt worden, sagt ein ehemaliger Angehöriger des Führungsgremiums von Dresdner Kleinwort. Von Neumann aber verlangt die Commerzbank das Geld zurück. Außerdem behält sie die Abfindung ein. Woraufhin Neumann die Bank verklagt. Er will die anderthalb Millionen haben. Ähnlich wie weitere Exmanager von Dresdner Kleinwort, die ebenfalls Klage einreichen und deren Verfahren in diesen Tagen in London angesetzt sind.

Wovon zeugt dieses Verhalten nun? Von Gier? Oder nur von dem Empfinden, dass Verträge einzuhalten sind, selbst wenn das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden widerspricht?

Man müsste diese Frage Jens-Peter Neumann selbst stellen. Seine Anwältin sagt, er sei nicht zu sprechen. Auch Kollegen wissen nicht, wie er zu erreichen ist. Es dauert eine Weile, bis man auf Umwegen eine Telefonnummer erhält. Sie beginnt mit 00357, der Vorwahl von Zypern.

Es läutet dreimal, dann ist Neumann am Telefon. Er sagt, er wolle sich nicht äußern. Dann beginnt er doch zu reden. Nicht von dem Rechtsstreit, es sei ein laufendes Verfahren, "das müssen Sie verstehen". Aber von der moralischen Erregung, den Zeitungsartikeln, die ihn als gewissenlosen Gesellen darstellten. Scheinheilig finde er das und erzählt, dass er kürzlich mal wieder in London gewesen sei, und was habe er erfahren? Überall würden wieder Boni und Gehälter in Millionenhöhe gezahlt, bei der Royal Bank of Scotland, bei der Bank of America, der Citibank. "Alles Banken, die vom Staat gestützt wurden", sagt Neumann. "Warum regen sich die Leute in Deutschland ausgerechnet über mich auf?"

Vielleicht weil er eben nicht bei einer englischen oder amerikanischen Bank gearbeitet hat, sondern bei einer deutschen. Und weil er, Neumann, die große Krise mitverursacht hat, unter der Deutschland nun besonders leidet. Weil er nicht den Mut oder die Weitsicht hatte, rechtzeitig aus dem Geschäft mit den Kreditderivaten auszusteigen.

Neumann lacht kurz auf. So wie Fußballprofis über jemanden lachen, der die Abseitsregel nicht kennt. Er sagt, mit diesen Kreditpapieren hätten die Investmentbanken jahrelang hervorragende Geschäfte gemacht. "Wissen Sie, was passiert wäre, wenn ich in den guten Zeiten gesagt hätte, wir sollten diese Papiere verkaufen, sie sind gefährlich?"

Was?

"Die Allianz hätte mich rausgeschmissen."

Man kann diesen Satz als Ausrede werten. Als Versuch, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Man kann aber auch fragen, ob ein Stück Wahrheit in ihm steckt. Man stößt dann zum Beispiel auf einen Mann namens Deepak Moorjani, einen 38 Jahre alten amerikanischen Investmentbanker indischer Abstammung, der nicht wie Neumann bei Dresdner Kleinwort gearbeitet hat, sondern bei der Deutschen Bank. Und nicht wie Neumann in Frankfurt oder London, sondern in Tokyo. Trotzdem erzählt sein Fall viel über die Welt, in der sich Jens-Peter Neumann bewegte.

Moorjanis Abteilung war für den Verkauf von Immobilienkrediten zuständig, es ging nicht um Einfamilienhäuser, sondern um Firmengebäude. Das funktionierte zum Beispiel so: Die Deutsche Bank verlieh 212 Millionen Dollar an den Versicherungskonzern AIG. Oder sie verlieh 1,36 Milliarden Dollar an die amerikanische Bank Morgan Stanley. Diese Kredite wandelten Moorjanis Kollegen in Wertpapiere um und verkauften sie rund um die Welt. Ein gutes Geschäft. Die Deutsche Bank kassierte eine Prämie, und sollten die Kredite nicht zurückgezahlt werden, würde das nicht sie treffen, sondern die neuen Inhaber der Wertpapiere. Für manche Papiere aber fand die Bank keinen Abnehmer. Die teilweise höchst unsicheren Kredite blieben in der Bank. Würden sie platzen, hätte Moorjanis Abteilung ein Problem. Moorjani machte sich Sorgen.

Am 16. Januar 2007 schrieb er seinen Kollegen in einer E-Mail, dass diese Geschäfte gefährlich seien, vor allem jetzt, da die Bank sie noch ausweiten wollte. Später, viel später wird sich Moorjanis Gefühl bewahrheiten. Überall auf der Welt werden die Immobilienpreise fallen, die Kredite platzen. Die Finanzkrise wird ihren Lauf nehmen.

Jetzt aber, im Januar 2007, will die Bank Geld verdienen. Moorjanis oberster Chef, der Amerikaner Michael Cohrs, Head of Global Banking bei der Deutschen Bank mit Dienstsitz nicht weit von Neumanns Büro in London, liebt die Kreditpapiere. Für ihn sind sie die Ertragsmaschine der Bank. Hohe Erträge bedeuten hohe Boni. Warum sollte er die Maschine anhalten? Die Weltwirtschaft wächst, die Banker der Deutschen Bank leihen sich Geld bei anderen Banken, um es selbst verleihen zu können. Am Ende steht die Deutsche Bank bei dieser Art von Geschäften weltweit an vierter Stelle.

Moorjanis E-Mail bleibt unbeantwortet.

Am 12. April 2007 schreibt Moorjani einen persönlichen Brief an Michael Cohrs. Er berichtet von den Problemen in Tokyo, er weist darauf hin, dass die Deutsche Bank mit ihren Methoden gegen Bankenregeln verstoße. Diesmal bekommt er eine Antwort, aber nicht von Cohrs, sondern von der Personalabteilung der Bank. Sie widerspricht seinen Behauptungen. Kurz darauf wird er schriftlich aufgefordert, seinen Arbeitsplatz zu räumen. Deepak Moorjani gehört nicht mehr dazu.

Knapp anderthalb Jahre danach, im Juni 2008, lebt Moorjani im 44. Stock eines Hochhauses in Singapur. Früher wohnten dort ausländische Mitarbeiter von Investmentbanken. Auch Moorjani zog auf der Suche nach einer neuen Zukunft dorthin. Jetzt steht der Großteil des Hauses leer, die meisten Banker sind in ihre Heimatländer zurückgekehrt.

Bei Goldman Sachs und der Deutschen Bank kann man wieder gut verdienen

Deepak Moorjani sitzt ohne Job in Singapur, Jens-Peter Neumann ohne Job auf Zypern. Der eine hat wenig Geld, der andere viel, dafür muss sich Neumann von der Commerzbank sagen lassen, man sei enttäuscht über seine Verantwortungslosigkeit.

Banker scheinen neuerdings ein Interesse daran zu haben, in ihren eigenen Reihen Bösewichte auszumachen. Vielleicht weil es alle anderen in einem besseren Licht erscheinen lässt. Besonders jene, die vermeintlich etwas gelernt haben. Wie die Commerzbank, die seit dem Einstieg des Staates keine Boni mehr zahlt. Wie Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, und Alexander Dibelius, der Deutschland-Chef von Goldman Sachs, die für das Krisenjahr 2008 auf alle Boni verzichteten. Sie konnten froh sein, dass Leute wie Neumann in den Schlagzeilen standen. Jetzt, ein halbes Jahr später, sind sie zu den alten Bonisystemen zurückgekehrt. Nur die Commerzbank hat ein neues Vergütungssystem eingeführt. Es soll sicherstellen, dass Führungskräfte, die für die Eingliederung der Dresdner Bank besonders wichtig sind, das Unternehmen nicht verlassen. "Denen werden für die Jahre 2010 und 2011 teils erkleckliche Summen versprochen", sagt ein Mitarbeiter der Bank. Die Commerzbank bezeichnet diese Zahlungen als iMap, das steht für Integrationsmehraufwandspauschale. Ein anderes Wort wäre: Haltebonus.

Am kommenden Donnerstag um zwölf Uhr mittags, eine Stunde nach dem Fall Neumann, wird am Arbeitsgericht Frankfurt ein weiterer Fall aufgerufen: die Klage einer Frau, die mit Neumann einiges gemeinsam hat. Auch diese Frau wurde von ihrem Arbeitgeber entlassen, auch sie verlangt Geld, ein Monatsgehalt. Die Frau war Verkäuferin in einer Imbissbude. Es geht um 1600 Euro.