Irak

"Eine Oase mitten im Krieg"

Jonathan Trouern-Trend war US-Soldat im Irak. Trost fand er beim Beobachten von Vögeln

ZEITmagazin: Herr Trouern-Trend, wenn Sie an Ihre Zeit als Sanitäter der US-Armee im Irak zurückdenken, welche Bilder haben Sie da im Kopf?

Jonathan Trouern-Trend Einer der stärksten Eindrücke war sicherlich die Schlacht um die Stadt Falludscha. Ich befand mich beim Lazarett und sah all die Helikopter über mir kreisen, die darauf warteten, Verwundete abzusetzen. Aber eindrucksvoll war auch der große Wäschereiteich in unserem Camp Anaconda.

ZEITmagazin: Der Wäschereiteich?

Trouern-Trend: In dem Camp nördlich von Bagdad lebten über 20.000 Menschen. Deswegen gab es einen riesigen Wasserteich für die Wäscherei. Alles war voll mit Enten, Reihern, Schwalben. Er war wie eine Oase mitten im Krieg. Dort habe ich viele Vögel beobachtet.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch "Birding Babylon" beschreiben Sie über hundert Arten, die Sie bei Ihrem Einsatz beobachtet haben. Sie schildern den Irak als Vogelparadies. Der Krieg kommt eher im Augenwinkel vor.

Trouern-Trend: Als ich 2004 im Irak war, brach die Gewalt nur lokal begrenzt aus, in Städten wie Falludscha und Bagdad. Der Rest war für mich wunderbare Landschaft. Ich hatte mir nicht vorstellen können, wie grün der Irak ist.

ZEITmagazin: Was ist so faszinierend am Vögelbeobachten?

Trouern-Trend: Vögel sind ein sehr sichtbarer Teil der Natur. Ich beobachte sie, seitdem ich zwölf Jahre alt bin. Alle Menschen haben Erinnerungen an Vögel. Das Gespräch über Vögel hat mir geholfen, im Irak Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen. Viele der Iraker, die im Camp arbeiteten, waren Bauern aus der Umgebung. Sie kennen die Natur sehr gut. Als ich mich mit diesen Menschen über Vögel verständigte, war es, als teilten wir eine universale Sprache.

ZEITmagazin: Das Land erschien Ihnen nicht feindlich?

Trouern-Trend: Der Irak hat eine großartige Geschichte, und ich bin überzeugt, dass die Gewalt dort nur vorübergehend herrschen wird. Ich erkläre meinen Kindern immer: Manchmal dauert es nur einen Wimpernschlag lang, und Feinde werden Freunde. Natürlich ist es nicht immer leicht, daran zu glauben, wenn man ständig mit Raketen beschossen wird.

ZEITmagazin: Der Schrecken des Krieges – und die faszinierende Vogelwelt. War das nicht ein seltsamer Kontrast?

Trouern-Trend: Für mich nicht. Viele Gedichte über die Natur stammen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Naturbeobachtung ergibt sich auch aus der Kriegssituation. Man ist lange draußen im Feld und im Wald, muss sehr viel warten – also fängt man an, Pflanzen und Tiere um sich herum zu studieren. Aber ich machte auch denkwürdige Erfahrungen. Einmal mussten wir einen Verteidigungsring um ein liegen gebliebenes Fahrzeug bilden. Ich lag also mit meinem Gewehr im Staub, beobachtete einen vorbeifahrenden Pick-up – während ein paar Meter vor mir einige Haubenlerchen herumhüpften und balzten. Das hatte etwas Surreales.

ZEITmagazin: Was ist an der Vogelwelt des Iraks besonders?

Trouern-Trend: Der Irak ist wie ein gigantischer Kreuzungspunkt. Vögel aus Europa, Asien und Afrika treffen dort aufeinander, sie machen halt auf ihren Zügen. So wie einst die reisenden Menschen.

ZEITmagazin: Hat Ihre Begeisterung für Vögel Ihnen geholfen, den Kriegseinsatz durchzustehen?

Trouern-Trend: Ja, jeder hat seine Methode, mit dem ständigen inneren Alarmzustand umzugehen, und das war meine. Manche Kameraden vertieften sich in Computerspiele, andere trainierten – ich ging zum Wäschereiteich, wegen der Vögel. Mir tat besonders gut, in der feindlichen Umgebung Vögel zu sehen, die ich auch in Connecticut hätte treffen können. Zu Hause gibt es den "McDonald’s-Vogel": Spatzen, die vor Fast-Food-Ketten flattern und Fritten aufpicken. In unserem Lager umschwärmten Hausspatzen den Burger King.

ZEITmagazin: Ihr Buch basiert auf einem anonymen Blog, das Sie vor fünf Jahren im Krieg geschrieben haben. Warum haben Sie das geheim gehalten?

Trouern-Trend: Ich wollte einfach keine große Sache daraus machen. Dass mein Blog ein so großes Echo hervorrief, überraschte mich völlig. Es war mir ja gar nicht darum gegangen, persönliche Kriegseindrücke mitzuteilen, sondern Vogelbeobachtungen für andere Vogelfreunde. Auch auf meinen Beobachtungsgängen mit dem Fernglas war ich zurückhaltend. Ich wollte auf der Militärbasis nicht den Eindruck erwecken, ich würde etwas auskundschaften, das mich nichts anging. Heute müsste ich mich da weniger vorsehen. In der Joint Base Balad, einem der Camps, in denen ich war, gibt es heute sogar eine Vogelbeobachtungsgruppe.

ZEITmagazin: Wollen Sie in den Irak zurückkehren?

Trouern-Trend: Ganz sicher. Ich werde noch in diesem Jahr wieder dort mit einer Sanitätseinheit stationiert sein. Ich habe gehört, dass Flamingos beobachtet wurden. Die möchte ich unbedingt sehen.

Der 41-jährige Biologe Jonathan Trouern-Trend kam 1986 als Sanitäter zur US-Armee und 2004 in den Irak. Er arbeitet heute beim Roten Kreuz in Connecticut. "Birding Babylon" ist soeben beim Berliner Taschenbuch Verlag auf Deutsch erschienen

Das Gespräch führte Tillmann Prüfer

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Leser-Kommentare

  1. "Join Base Balad"

    Ich kaufe ein "t". Das heißt doch sicher "Joint Base Balad", oder?

    (Anmerkung: Vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion/jk)

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  • Von Tillmann Prüfer
  • Datum 31.7.2009 - 11:16 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 30.07.2009 Nr. 32
  • Kommentare 1
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  • Schlagworte Krieg | Irak | Tier | Vogel | Literatur
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