Endlich Stille, endlich Landschaft. Weil der Rhein sich nicht entscheiden kann, wo und wie er sich in den Bodensee verliert, hat der Fluss westlich von Hard ein ungewisses Zwischenreich von Land und Wasser geschaffen. In dem Überschwemmungsgebiet wuchert das Grün. Satte Weiden gedeihen in der Nässe. Hohe Binsen, deren flusige Spitzen sich in der Brise wiegen, säumen dunstige Weiher. Auf Deichen, die das saisonale Spiel des Flusses kontrollieren sollen, zieht sich der Radweg labyrinthisch dahin. Mal links, mal rechts der Wasserläufe, über Brücken, immer an der Grenze zwischen Österreich und der Schweiz entlang. Der Reisende hat Zeit, in der Melancholie dieser Gegend zur Ruhe zu kommen.

Es ist der zweite Tag einer viertägigen Tour auf dem Bodenseeradweg. Ein gutes Stück der rund 270 Kilometer langen Route im Dreiländereck wird der Radler abfahren und hat gerade einmal 30 Kilometer geschafft. Lindau als letzte Stadt auf dem deutschen Ufer und Bregenz im österreichischen Bodenseezipfel hat er heute Morgen rasch hinter sich gelassen. Schöne Orte, aber lärmig und überlaufen. Schon die Strecke am Tag zuvor hatte nicht restlos überzeugt. In Friedrichshafen war der Radler gestartet. Gleich war ihm ein Mangel an Landschaft aufgestoßen, auch an Nähe zum See. »Privat«-Schilder machten klar, dass sich jemand ein Stück Ufer gesichert hatte.

Dafür musste der Radler die Straße mit vielen anderen teilen. In Eriskirch, Langenargen und Kressbronn, in Villenvierteln, an Campingplätzen kamen sie ihm entgegen. Angetan mit Ganzkörperpellen, silbrigen Aerohelmen und Insektenaugenbrillen sahen sie extraterrestrisch aus. Schnelle Kerle überholten auf leichten Rennmaschinen, nachdem sie »Vorsehen!« gerufen hatten – Klingeln hatten sie keine. Ältere Sportsfreunde eierten auf Komfortrahmen mit tiefem Durchstieg dahin und überraschten mit originellen Ausweichmanövern. Der leicht enttäuschte Radler hatte sich deshalb beglückwünscht, dass er für den ersten Reisetag nur 20 Kilometer vorgeplant hatte. Die Sehenswürdigkeiten, mit denen die Tourismusämter für den »wohl berühmtesten Radweg Europas« werben, interessieren ihn wenig. Weder Museen noch Schlösser oder all die schönen Städte. Urige Landschaften liegen ihm mehr – wie das Vorarlberger Delta des Rheins. Hier bestimmt er das Tempo selbst. Schnell genug, um ordentlich voranzukommen, und doch so langsam, dass ihm wenig entgeht. Der Radler ist ein Reisender durch den Alltag, ein Entdecker des Unspektakulären.

Deswegen fühlt er sich auch zehn Kilometer weiter im beschaulichen Schweizer Ort Rorschach wohl. Die markierte Route führt über die Kurpromenade am See entlang. Von fern ist ein Holzbau auf Stelzen im flachen Wasser der Bucht zu sehen. Ein Steg führt zur Badhütte Rorschach. Links liegt der Eingang für die Männer, rechts der für die Frauen. Die Badmeisterin Marialuisa Togni gibt Auskunft: »Die Badhütte ist 1924 als moralische Anstalt errichtet worden, damit die unanständige, gemeinsame Schwimmerei von Männern und Frauen ein Ende hatte. Auch im See war eine Bretterwand.«

Eigentlich sollte das Badi, wie es im Volksmund heißt, längst verschwunden sein, aufgemöbelt zu einem schicken Seerestaurant. Aber die resolute Tessinerin Togni hat für die Erhaltung gekämpft. Ihre Stammgäste danken es ihr. Eben klettert der pensionierte Präsident der Ortsbürgergemeinde aus dem Wasser. Der versierte Schütze ist dafür bekannt, in Rückenlage zu schwimmen und mit seinem über dem Wasser ausgestreckten Zeh die Kirchtürme an Land zu peilen. Von Mai bis September steigt auch Frau Togni in die Fluten, bei Kälte mit Socken. Jetzt serviert sie in ihrer Nebenrolle als Kioskbetreiberin ein paar Frankfurterli und Weizenbier. Der Radler lässt sich bedienen. Entspannt sitzt er überm Wasser auf dem hölzernen Sonnendeck und denkt noch einmal zurück an die frühen Morgenstunden, als er begann, sich mit dem Bodenseeradweg auszusöhnen.

Gegen vier war er aufgestanden, um von seinem Nachtquartier in Wasserburg nach Langenargen zu radeln. Unter einem satten Mond glitzerte der See silbern für den Radler allein. Im Hafen von Langenargen aber war schon Leben. Die Fischerin Anita Koops und ihr Kompagnon machten die Hanns Martin Schleyer klar, ihr Motorboot. Den Radler nahmen sie mit. Es lag eine herbe Stimmung über dem Wasser. Über den österreichischen Gipfeln im Osten wurde es allmählich heller. Am fernen Ufer machten sich die Sehenswürdigkeiten endlich einmal nützlich – Türme von Kirchen und Schlössern sind den Fischern vertraute Orientierungszeichen.

Die Fischer redeten nicht viel. Vor ihnen lag ein 16-Stunden-Arbeitstag, und auf einen großen Fang konnten sie nicht hoffen. Weil der See in den sechziger Jahren durch Überdüngung zu kippen drohte und überall Klärwerke gebaut wurden, fehlt jetzt das Phosphat. »Die Fische wachsen zu langsam. Unsere Fänge sind um die Hälfte zurückgegangen«, sagte Anita Koops. Als sie die Schwebnetze erreichten, holte Charlie, der Gefährte der Fischerin, Netz auf Netz ins Boot, 1200 Meter insgesamt, und rupfte die Felchen aus den Maschen. Anita Koops packte die Fische unter Eis in Kisten. »Eigentlich haben wir einen Klatsch. Finanziell kommt man auf keinen grünen Zweig«, sagte sie. Aber dann wieder: »Die Arbeit in der Natur, die Freiheit auf dem See, das ist auch etwas wert, und das will ich behalten.«

Als das Fischerboot um halb sieben im Hafen von Langenargen anlegte, waren sechs Kisten mit Fisch gefüllt. Ein ungewöhnlich guter Fang. Auch der Radler schwang sich bestens gelaunt in den Sattel. Für die Prunkvillen und Schlösser allerdings hatte er nach der Ausfahrt mit den armen Fischern nur noch einen klassenkämpferischen Seitenblick übrig.

Mit gemischten Gefühlen sieht er nach seiner aufbauenden Rast im Rheindelta der Herberge für die nächste Nacht entgegen, dem 240 Jahre alten Schloss Wartegg. Hoch über dem Ort Rorschacherberg steht dieser Adelssitz, versteckt in den Resten eines mäßig gepflegten Parks. Mit dem Badi teilt er das Los, dass er hätte verschwinden sollen. Der Hotelier Christoph Mijnssen aber ging dazwischen, kaufte und machte aus dem Sandsteingemäuer ein stilvolles Hotel, in dem der Radler sich wider Erwarten gleich wohlfühlt. Die Räume sind klar und schlicht mit Naturmaterialien ausgestattet. Und weil die Kalorien von Frau Tognis Frankfurterli beim steilen Anstieg locker verbrannt worden sind, gönnt der Radler sich im Wartegg-Restaurant vor den Kalbsbäckchen mit Karotten-Flan noch ein Lachstatar an Zitrusfrüchte-Chutney, alles ganz köstlich. Dazu einige Gläschen Erdbeerbowle und Burgunder. Als letzten Akt öffnet er beide Fensterflügel im Zimmer unterm Schlossdach weit zum See hinaus. Dann fällt er in tiefen Schlaf.

Für den dritten Tag ist das längste Teilstück geplant, fast das ganze Schweizer Bodenseeufer entlang, 70 Kilometer bis nach Stein am Rhein. Die Kühle des Morgens erfrischt bei schneller Fahrt ins Tal. Den Rücken wärmt schon die Sonne. Unter dem Vorderrad huschen Bodenmarkierungen dahin, »Achtung Ausfahrt«, sie warnen vor den Autofahrern, die sich um diese Stunde ins Büro aufmachen müssen.

Kurz vor Romanshorn radelt ein Trio in Freiheit vorbei. Heimatflaggen an den Satteltaschen weisen die drei alten Herren als Söhne Nordrhein-Westfalens, Bayerns und Thüringens aus. Der Radler ist mittlerweile so gut gelaunt, dass ihn die anderen auf seinem Weg nicht stören. Zudem wird es hinter Romanshorn wieder ländlicher. Die Strecke ist schnurgerade, keine Hindernisse, es rollt nur so, die Bremsen haben Pause. Die knallhart aufgepumpten Reifen geben die Rauheit des Asphalts ungedämpft an die Rahmenrohre weiter, das Fahrrad summt. Der Radler scheint eins zu werden mit seinem harten Brooks-Ledersattel, der in drei Jahrzehnten gut eingeritten worden ist.

Da fliegen auch seine Gedanken frei dahin. Aus dem literarischen Gedächtnis steigt die Erinnerung an den Roman Der dritte Polizist auf. Darin legt der Ire Flann O’Brien dar, wie es bei intensivem Radfahren zum Austausch von Molekülen zwischen Radler und Rad kommt. Demnach bewegen sich Menschen unter uns, die eigentlich schon halbe Fahrräder sind. Die Mensch-Maschine auf dem Bodenseeradweg wird erst gebremst, als die Stadtdurchfahrt in Kreuzlingen volle Aufmerksamkeit erfordert.

Wo der See zur Rechten von der Weite des Schwäbischen Meeres in den schmalen Appendix des Untersees übergeht, kommt wieder Landschaft in Sicht. Die Pappelreihen des Wollmatinger Rieds am anderen Ufer sind nahe. Danach läuft die Strecke kilometerweit an der Wasserlinie. Zwischen dem See und dem Glitzern der Vorderradspeichen zieht ein Streifen duftender Gräser dahin, deren Aroma den Radler dopt. Der Weg schwingt ein wenig landeinwärts und hügelan mit freier Sicht hinüber zur Insel Reichenau. In Steckborn bewegt sich der Radler gemächlich wie ein mittelalterlicher Reiter über die leere Dorfstraße. Als hätte ihm das Bauamt Gutes tun wollen, hat es die Ortsdurchfahrt wegen Sielarbeiten für den Autoverkehr gesperrt. Herrliche Fachwerkhäuser. Und in der Ferne leuchten die Vulkane des Hegaus in der tief stehenden Sonne. Nach seinem Tagespensum von 70 Kilometern rollt der Radler im tausendjährigen Städtchen Stein am Rhein ein.

Am Morgen des vierten Tages blinken weithin sichtbar orangefarbene Alarmlichter in den Häfen. Starker Wind ist aufgekommen, die Segler bleiben zu Hause. Der Radler aber segelt mit Schiebewind wieder nach Deutschland hinein, das nördliche Ufer des Untersees entlang nach Gaienhofen. Die Halbinsel Höri hatte es Künstlern schon immer angetan. Hermann Hesse und Otto Dix haben hier gelebt. Die Museen schenkt sich der Radler, dafür bemerkt er, dass an der stillgelegten Stützstrumpffabrik Kundt + Co das d das Namensschild mit einem roten s überklebt ist.

Im Garten, der inzwischen vor der Fabrik gewachsen ist, stehen Kunst und Co persönlich: die Malerin Beate Bitterwolf und ihr Mann Wolfgang Beyer. Vor fünf Jahren sind sie aus Stuttgart hergezogen. Der Standortwechsel war für die Familie ein Treffer, Beate Bitterwolf hält die Höri für das Beste vom Bodensee. Die Malerin findet hier reichlich Stoff für ihre abstrakten Großformate. »Die Wasserräume, das Halbinselland«, schwärmt sie, »Stimmungen und Farbigkeiten wechseln ständig. Der offene Obersee bietet dem Auge den Horizont, am Untersee aber schöpft man voll aus der Natürlichkeit.«

Auf dem Rad lässt sich das gut nachvollziehen. Der Weg schwingt durch die Buchten des Zeller Sees und des Gnadensees. Er bietet so viele neue Perspektiven, dass der Radler das Ende der Reise mit wachsendem Bedauern nahen sieht. Wenn er könnte, würde er den ersten Tag der Tour gegen zwei weitere Tage an Untersee tauschen. So aber fährt er über Radolfzell weiter und wird doch noch getröstet. Die letzte Übernachtung ist kurz hinter Allensbach im Kloster Hegne geplant. Dort betreiben 240 Barmherzige Schwestern vom Heiligen Kreuz ein Hotel.

Schwester Josefa begrüßt den Radler an der Klosterpforte. Mit ihren 64 Jahren ist sie eine der jüngeren Nonnen des Konvents. Unscheinbar wirkt die kleine Frau in ihrem grauen Habit, aber aus dem Runzelgesicht strahlen hellwache Augen. Sie schlägt einen Klosterrundgang vor. Durch die fensterlosen Gänge weht der Gesang der Nonnen aus der Kapelle. Im Speisesaal sind die Tische zum Abendbrot gedeckt, pro Sechsertisch stehen zwei Flaschen Paulaner bereit. Josefas fünf Tischgefährtinnen trinken ausschließlich Tee, gottlob. Dass der Reisende ungläubig ist, zieht sie in Zweifel. Auch ein Fahrrad sei ein gottgefälliges Gefährt, sie fahre selbst auf einem. »Fahrradfahren«, sagt Schwester Josefa beim Abschied, »steht im Einklang mit unserem Gebot der Armut. Und man ist dabei stets nahe an der Schöpfung.«

INFORMATION

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Anreise: Mit Auto oder Bahn zum Beispiel nach Konstanz. Der nächstgelegene Flughafen ist Friedrichshafen

Veranstalter: Pauschaltouren organisiert der Bodensee-Radweg Service (Tel. 07531/819930, www.bodensee-radweg.com). Gepäcktransport gibt es auch für Individualreisende

Unterkunft: Zum Lieben Augustin, Wasserburg, Tel. 08382/9800, www.hotel-lieber-augustin.de. DZ ab 44 Euro

Schloss Wartegg, Rorschacherberg, Tel. 0041-71/8586262, www.wartegg.ch. DZ ab 155 Euro

Hotel Schäferhüsli, Kaltenbach, Tel. 0041-52/7414422, www.schaeferhuesli.ch. DZ ab 142 Euro

Kloster Hegne, Allensbach-Hegne, Tel. 07533/93662000, www.st-elisabeth-hegne.de. DZ ab 46 Euro

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