Für den dritten Tag ist das längste Teilstück geplant, fast das ganze Schweizer Bodenseeufer entlang, 70 Kilometer bis nach Stein am Rhein. Die Kühle des Morgens erfrischt bei schneller Fahrt ins Tal. Den Rücken wärmt schon die Sonne. Unter dem Vorderrad huschen Bodenmarkierungen dahin, »Achtung Ausfahrt«, sie warnen vor den Autofahrern, die sich um diese Stunde ins Büro aufmachen müssen.

Kurz vor Romanshorn radelt ein Trio in Freiheit vorbei. Heimatflaggen an den Satteltaschen weisen die drei alten Herren als Söhne Nordrhein-Westfalens, Bayerns und Thüringens aus. Der Radler ist mittlerweile so gut gelaunt, dass ihn die anderen auf seinem Weg nicht stören. Zudem wird es hinter Romanshorn wieder ländlicher. Die Strecke ist schnurgerade, keine Hindernisse, es rollt nur so, die Bremsen haben Pause. Die knallhart aufgepumpten Reifen geben die Rauheit des Asphalts ungedämpft an die Rahmenrohre weiter, das Fahrrad summt. Der Radler scheint eins zu werden mit seinem harten Brooks-Ledersattel, der in drei Jahrzehnten gut eingeritten worden ist.

Da fliegen auch seine Gedanken frei dahin. Aus dem literarischen Gedächtnis steigt die Erinnerung an den Roman Der dritte Polizist auf. Darin legt der Ire Flann O’Brien dar, wie es bei intensivem Radfahren zum Austausch von Molekülen zwischen Radler und Rad kommt. Demnach bewegen sich Menschen unter uns, die eigentlich schon halbe Fahrräder sind. Die Mensch-Maschine auf dem Bodenseeradweg wird erst gebremst, als die Stadtdurchfahrt in Kreuzlingen volle Aufmerksamkeit erfordert.

Wo der See zur Rechten von der Weite des Schwäbischen Meeres in den schmalen Appendix des Untersees übergeht, kommt wieder Landschaft in Sicht. Die Pappelreihen des Wollmatinger Rieds am anderen Ufer sind nahe. Danach läuft die Strecke kilometerweit an der Wasserlinie. Zwischen dem See und dem Glitzern der Vorderradspeichen zieht ein Streifen duftender Gräser dahin, deren Aroma den Radler dopt. Der Weg schwingt ein wenig landeinwärts und hügelan mit freier Sicht hinüber zur Insel Reichenau. In Steckborn bewegt sich der Radler gemächlich wie ein mittelalterlicher Reiter über die leere Dorfstraße. Als hätte ihm das Bauamt Gutes tun wollen, hat es die Ortsdurchfahrt wegen Sielarbeiten für den Autoverkehr gesperrt. Herrliche Fachwerkhäuser. Und in der Ferne leuchten die Vulkane des Hegaus in der tief stehenden Sonne. Nach seinem Tagespensum von 70 Kilometern rollt der Radler im tausendjährigen Städtchen Stein am Rhein ein.

Am Morgen des vierten Tages blinken weithin sichtbar orangefarbene Alarmlichter in den Häfen. Starker Wind ist aufgekommen, die Segler bleiben zu Hause. Der Radler aber segelt mit Schiebewind wieder nach Deutschland hinein, das nördliche Ufer des Untersees entlang nach Gaienhofen. Die Halbinsel Höri hatte es Künstlern schon immer angetan. Hermann Hesse und Otto Dix haben hier gelebt. Die Museen schenkt sich der Radler, dafür bemerkt er, dass an der stillgelegten Stützstrumpffabrik Kundt + Co das d das Namensschild mit einem roten s überklebt ist.

Im Garten, der inzwischen vor der Fabrik gewachsen ist, stehen Kunst und Co persönlich: die Malerin Beate Bitterwolf und ihr Mann Wolfgang Beyer. Vor fünf Jahren sind sie aus Stuttgart hergezogen. Der Standortwechsel war für die Familie ein Treffer, Beate Bitterwolf hält die Höri für das Beste vom Bodensee. Die Malerin findet hier reichlich Stoff für ihre abstrakten Großformate. »Die Wasserräume, das Halbinselland«, schwärmt sie, »Stimmungen und Farbigkeiten wechseln ständig. Der offene Obersee bietet dem Auge den Horizont, am Untersee aber schöpft man voll aus der Natürlichkeit.«

Auf dem Rad lässt sich das gut nachvollziehen. Der Weg schwingt durch die Buchten des Zeller Sees und des Gnadensees. Er bietet so viele neue Perspektiven, dass der Radler das Ende der Reise mit wachsendem Bedauern nahen sieht. Wenn er könnte, würde er den ersten Tag der Tour gegen zwei weitere Tage an Untersee tauschen. So aber fährt er über Radolfzell weiter und wird doch noch getröstet. Die letzte Übernachtung ist kurz hinter Allensbach im Kloster Hegne geplant. Dort betreiben 240 Barmherzige Schwestern vom Heiligen Kreuz ein Hotel.

Schwester Josefa begrüßt den Radler an der Klosterpforte. Mit ihren 64 Jahren ist sie eine der jüngeren Nonnen des Konvents. Unscheinbar wirkt die kleine Frau in ihrem grauen Habit, aber aus dem Runzelgesicht strahlen hellwache Augen. Sie schlägt einen Klosterrundgang vor. Durch die fensterlosen Gänge weht der Gesang der Nonnen aus der Kapelle. Im Speisesaal sind die Tische zum Abendbrot gedeckt, pro Sechsertisch stehen zwei Flaschen Paulaner bereit. Josefas fünf Tischgefährtinnen trinken ausschließlich Tee, gottlob. Dass der Reisende ungläubig ist, zieht sie in Zweifel. Auch ein Fahrrad sei ein gottgefälliges Gefährt, sie fahre selbst auf einem. »Fahrradfahren«, sagt Schwester Josefa beim Abschied, »steht im Einklang mit unserem Gebot der Armut. Und man ist dabei stets nahe an der Schöpfung.«

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