DIE ZEIT: Seit Jahren betonen Bildungspolitiker die immense Bedeutung frühkindlicher Bildung. Doch die Erzieherinnen mussten monatelang streiken, um überhaupt etwas mehr Geld zu bekommen. Wie passt das zusammen?

Manuela Schwesig: Gar nicht. Es gibt in Deutschland ein seltsames Missverhältnis. Auf der einen Seite antworten die meisten Menschen auf die Frage, was ihnen im Leben am wichtigsten sei, wie selbstverständlich: Die Familie, die Kinder. Andererseits heißt es immer, es sei kein Geld da, sobald es um Betreuung und Bildung von Kindern geht. Und diejenigen, die vorher noch die Wichtigkeit von Familie betont haben, zucken mit den Schultern.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Schwesig: Die Gesellschaft hat sich ein Stück weit abgewöhnt, die Bedürfnisse von Kindern mitzudenken – weil es schlicht nicht mehr so viele von ihnen gibt. Die Menschen wissen auch häufig gar nicht mehr mit Kindern umzugehen. Das fängt bei Kleinigkeiten an, wie den genervten Blicken im Bus, wenn Kinder mal zappeln. Einen Skandal nenne ich, dass Anwohner wegen vermeintlicher Lärmbelästigung Kitas aus Wohngebieten wegklagen können. Eine Gesellschaft, die Kinderlärm als Belästigung sieht, hat ein ernsthaftes Problem.

ZEIT: Wie können wir uns wieder an Kinder gewöhnen?

Schwesig: Indem wir sie in unsere Mitte zurückholen. Das heißt: Eltern müssen von dem Geld, das sie mit Arbeit verdienen, ihre Familie ernähren können, ohne sozial an den Rand gedrängt zu werden. Eltern müssen die Sicherheit haben, dass das Wohl ihrer Kinder nicht in Gefahr gerät, sobald sie ihren Job verlieren. Es bringt wenig, wenn die Politik allein durch Elterngeld und ähnliche Anreize bewirken will, dass wieder mehr Kinder geboren werden. Wir sehen doch bereits, dass das nicht ausreicht.

ZEIT: Was ist die Alternative?

Schwesig: Wir müssen uns auch um jene Kinder kümmern, die schon da sind – und zwar von Anfang an. Statt die Folgen von Bildungsarmut im Nachhinein teuer über den Sozialstaat zu reparieren, müssen wir in hochwertige frühkindliche Bildung für alle investieren. Sind die Chancen erst einmal für alle Kinder gleich groß, werden sich wieder mehr junge Menschen dafür entscheiden, Eltern zu werden.

ZEIT: Die Kommunen warnen, schon durch die gegenwärtigen Gehaltssteigerungen für die Erzieherinnen rücke das Ziel des beitragsfreien Kindergartens in weite Ferne.

Schwesig: Das ist eine merkwürdige Argumentation. Dahinter steckt die Weigerung, der Betreuung und Bildung von Kindern einen höheren Stellenwert einzuräumen. Natürlich verursacht das Ergebnis der Tarifverhandlungen enorme Kosten, aber bessere Bezahlung und soziale Absicherung von Erzieherinnen sind alternativlos. Das sind schließlich die Menschen, die die Zukunft unserer Kinder mitgestalten.