Studiengebühren Der Erfolg hat einen Preis
Wer Deutschlands Bildungssystem voranbringen will, braucht staatliche Gelder, aber auch private. Eine Antwort auf Frank-Walter Steinmeiers Plädoyer gegen Studiengebühren
Aus kleinen Verhältnissen in die große Politik, aus dem lippischen Brakelsiek ins Außenministerium nach Berlin und bald womöglich an die Spitze des ganzen Landes – Frank-Walter Steinmeier hat es weit gebracht. Seinen Aufstieg verdanke der SPD-Spitzenkandidat, so schrieb er letzte Woche in der ZEIT Nr. 31/09, nicht nur weitblickenden Eltern und guten Lehrern, sondern ebenso dem gebührenfreien deutschen Bildungssystem. Genau deshalb ziehen Steinmeier und seine Partei mit dem Versprechen in den Wahlkampf, die Studienbeiträge abzuschaffen und den Kindergartenbesuch gebührenfrei zu stellen. Biografisch mögen solche Forderungen folgerichtig sein, politisch weitsichtig sind sie jedoch nicht – sozial gerecht ebenso wenig.
Die Bildungsausgaben in Deutschland müssen steigen, darüber sind sich alle einig. Gerade einmal 8,6 Prozent unseres Bruttosozialproduktes geben wir laut OECD zurzeit für unsere Kindergärten, Schulen und Universitäten aus. Die SPD möchte diesen Anteil auf über zehn Prozent steigern. Das Geld ist gut angelegt. Es reicht jedoch allenfalls, um die größten Löcher zu stopfen. Um Deutschland international an die Spitze zu bringen, sind weit mehr Ausgaben nötig, und zwar gerade am Anfang und am Ende der Bildungskette.
Doch wie soll bei uns die Lernoffensive gelingen, wenn die privaten Bildungsaufwendungen, so wie es die SPD wünscht, gleichzeitig sinken? Wie macht man den Bürgern klar, dass Bildung wertvoll ist, wenn man ihnen gleichzeitig verspricht, dass sie selbst dafür nichts bezahlen müssen? Der Bildungsboom kann nur dann gelingen, wenn das benötigte Geld nicht allein vom Staat kommt.
Dabei ist kaum ein Feld besser geeignet, die finanziellen Lasten zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft gerecht zu verteilen, als die Hochschulbildung. Akademiker beanspruchen mehrfache Vorteile: Als Studenten dürfen sie eine verlängerte Jugend genießen, als Berufstätige ein höheres Prestige. Sie verdienen deutlich mehr und werden nur halb so häufig arbeitslos wie Nichtakademiker. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Hochschulabsolventen später höhere Steuern entrichten, zahlen sie den Preis ihres Studiums selten voll zurück.
Lange Zeit war das Bewusstsein für den Wert eines Studiums nur schwach ausgeprägt. Weder hatten die Studenten Anlass, zügig zum Abschluss zu kommen, noch brachte es den Hochschulen viel, sie dabei zu unterstützen. Langsam ändert sich diese Mentalität – auch dank der erhobenen Studienbeiträge.
Den Universitäten haben die Hochschulgebühren beträchtliche Mehreinnahmen beschert. Anders als viele Kritiker befürchteten, versickern sie nicht im Haushalt. Vielmehr investieren die meisten Hochschulen die Extramillionen in längere Öffnungszeiten der Bibliotheken, zusätzliche Bücher sowie in Tutoren und Lehrprofessuren. Vielerorts dürfen Studenten bei der Verwendung der Campusmaut mitbestimmen.
- Datum 31.07.2009 - 16:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.07.2009 Nr. 32
- Kommentare 42
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Na herzlichen dank für die attestierte verlängerte Jugend. Hab ich als Studentin viel von. Mit bis zu 70 Wochenstunden, die ich mit derselben Arbeit verbringe wie so mancher Software-Entwickler, einem "Einkommen" unterhalb der Armutsgrenze und ganz vielen Leuten, die mir attestieren, ich hätte ja so viel Spaß, Geld und läge der Gesellschaft nur auf der Tasche geht es mit hervorragend, und von meinem ach so vielen Geld möchte ich NATÜRLICH auch noch monatlich an die 100 Euro hergeben. Da kann ich auch gleich hinschmeißen und Hartz IV beantragen, da hätte ich dann mehr Geld. Die Eltern müssen das nämlich NICHT zahlen, das trifft eben NICHT Anwälte etc., sondern einzig und allein die Studenten, die das von ihrem nicht eben großzügig kalkulierten Bedarf von 640 Euro monatlich auslegen dürfen. Selbiger Betrag ist übrigens so kalkuliert, dass man gerade eben Miete, Lebenshaltungskosten und Lehrmittel davon bezahlen kann. Was soll denn dann wegfallen zugunsten der Studiengebühren? Miete, Essen oder Bücher?
Vielleicht sollten Leute, die sowas fordern, selbst nochmal eine Weile studieren und sich mit dem ach so tollen Bachelor, den Problemen zum Thema Bafög und Unterhalt rumschlagen. Vielleicht wird der Ruf nach höherer Belastung der Studenten dann mal etwas leiser...
Zitat: "Die meisten Kinder aus einfachen Verhältnissen scheitern bereits in der Schule. "
Was für ein Argument! Das ist doch schlimm genug. Und diejenigen, die es dann doch schaffen, scheitern dann halt an den Studiengebühren? Ich finde das nicht sehr überzeugend.
Außerdem: Der Autor argumentiert damit, dass die Leute, die das Geld eher nicht haben, in der Minderheit sind. Aber können wir uns das denn leisten überhaupt Studenten zu verlieren? Ich meine, es mag ja sein, dass ein Akademiker das Geld durch Steuern, usw., selten ganz zurückzahlt. Aber dass zum Beispiel dann auch weniger Ärzte nachkommen, die man nicht einfachso einkaufen kann, wird nicht bedacht. Ein Akademiker sollte der Gesellschaft mehr Wert sein, als das einfache Geld, was sie für ihn ausgibt.
Beim lesen dieses Artikels letzten Donnerstag kam mir nur
(finger)
bitte in skype eingeben und [Enter] drücken
"Die meisten Kinder aus einfachen Verhältnissen scheitern bereits in der Schule."
Na dann ist ja alles in Butter, das Problem löst sich somit selbst? Unverschämtheit! Ich selbst komme aus dem Sozialhilfemilieu, und habe unter allergrößten Anstrengungen (nein nicht in der Schule, das fiel mir zu, sondern unter teilweiser Obdachlosigkeit) mein Abi gemacht, mit 1,7. Tschuldigung, wie frech von mir.
Anschließend studieren? Ging ja damals, ohne Gebühren und mit Bafög. Pfui, wieder einer aus dem Bodensatz entkommen? Nein, denn danach gings direkt ins HartzIV. Dumm,wenn man schon als frischer Absolvent so aussieht wie ein Langzeitarbeitsloser (dank Bafög - im Gegensatz zu den Mitabsolventen mit ihren Beziehungen und ihren teuren Klamotten + Frisuren). Da wird dann doch lieber der genommen, der sich nicht mit zeitraubenden Nebenjobs sein Bafög bis zum Mindestlebenssatz aufbessern mußte. Und damit ein paar Semester verlor.
Nochmal Glück gehabt. Wär ja auch gelacht wenn Assis was mit ihrer tollen Bildung anfangen könnten.
Und daß es soweit heute gar nicht mehr kommt, regeln schon die Studiengebühren. Feines Beispiel der sozialen Ungerechtigkeit: Ein Schwerbehinderter bewirbt sich jahrelang mit seinem Diplom, wird aber immer wieder abgelehnt, sogar von staatlichen Arbeitgebern (die ihn eigentlich einstellen müssten, weil Schwerbehinderte ja bevorzugt werden...ja, genau!). Nach sechs Jahren Arbeitslosigkeit und mit insgesamt einem einzigen Vorstellungsgespräch und ca 400 Absagen (und 0 Hilfe seitens ARGE) beschließt der Mensch, seine Qualifikationen durch ein erneutes Studium zu erneuern, anstatt auf Invalidenrente die restlichen 35 Jahre seines Erwerbslebens hinzudümpeln. Und was erwartet ihn? Na klar, Studiengebühren in Höhe von insgesamt 1600 Euro jährlich, denn für Rehafälle gibts keine Ausnahmen!
Der unglückliche Schwerbehinderte hat Pech gehabt und wird dem Staat bis zum Ende seiner Tage auf der Tasche liegen, weil der das so will.
Der glückliche Schwerbehinderte heiratet zufällig einen Gutverdiener und läßt sich von diesem die Gebühren zahlen, auf daß er eine Chance erhält, seinen Lebensunterhalt irgendwann selbst sicherzustellen.
Wer Studiengebühren einführt, MUSS ein Netz von Ausnahmen für diejenigen spannen, die das Studium begründet benötigen und sich die Gebühren nicht leisten können. Und das ist derzeit nicht der Fall. Und noch einmal ein Pfui an den Autor für menschenverachtenden Zynismus!
"Zudem lassen sich die Abschreckungseffekte durch ein Stipendiensystem abmildern."
Dies findet de facto aber nicht statt. Des Weiteren werden praktisch alle Stipendien nicht nach Bedürftigkeit, sondern nach persönlichem Auftreten (manchmal scheint es auch nach Zufallsgenerator zu gehen) vergeben. Viel Erfolg wünsche ich jedem Bewerber, der aus einer bildungsfernen Schicht kommt.
"das gesamte Bachelorstudium kostet 3000 Euro"
Wenn man glatt durchkommt - und nicht Lernzeit auf Broterwerb verwenden muss. Ein Studium ist ein Risiko: Schaffe ich es oder schaffe ich nur ein Loch im Lebenslauf? Wenn dann noch ein Kredit dazukommen muss, kann es schwer werden.
"Als Studenten dürfen sie eine verlängerte Jugend genießen, als Berufstätige ein höheres Prestige. "
Ich werde bei Gelegenheit mal unsere Lehrämtler danach fragen. Verlängerte Jugend? Natürlich ist die Uni ein Elfenbeinturm, aber an anderer Stelle schreibt Martin Spiewak von dem erhöhten Zug zum Abschluss. Dies drückt sich mittlererweile in Konkurrenzdruck und Notengefeilsche ohne Unterlass aus.
"Anders als viele Kritiker befürchteten, versickern sie nicht im Haushalt."
[entfernt: unterlassen Sie derartige Unterstellungen und argumentieren Sie auf sachlicher Ebene] Es wird querfinanziert, wo es möglich ist, es werden Projekte angegangen, deren einziger Sinn die Ausgabe der Studiengebühren ist, um nicht in Rechtfertigungsnot zu gelangen und es wird die gleichzeitige Einführung des Bachelor/Master-Systems zur Legitimation von Sonderausgaben genutzt, die jedoch a) absehbar und b) systembedingt sind und daher als Grundlehre gelten müssen. Die Verwendung der Gelder ist viel zu undurchsichtig und wird nicht nachgehalten. Dass das sog. Innovationsministerium meines Bundeslandes gleichzeitig Mittel kürzt und die Universität auf "Finanzierungsmöglichkeiten auf dem freien Markt" verweist, ist sicher völlig unkorreliert.
Tatsächlich bin ich kein grundsätzlicher Gegner von Studiengebühren: Wenn das Land sich nicht zurückziehen würde und die Verwendung wirklich frei wäre - also im Sinne von möglicher Rückgabe sowie dauerhafter Finanzierung - dann könnte ich mich damit anfreunden. Aber wie man ja sieht, haben Studierende bei manchen Parteien wenig Lobby - gleichzeitig haben wir als Studierende es auch verpasst, dem Rest der Gesellschaft zu verdeutlichen, dass ein gebührenfreies Studium notwendig ist.
bottom line: Studiengebühren in der jetzigen Form sind populistisch und durch Höhe sowie Verwendungsbeschränkungen sinnlos.
Bei mir entsteht der Eindruck, der Autor wolle einen Zusammenhang zwischen dem Wert der Bildung und dem vom Studenten zu zahlenden Preis herstellen. Diesen könnte ich nicht nachvollziehen. Denn ich als Student bringe Hoffnungen und Sorgen doch nicht mit dem "eingekauften" Studium in Verbindung, sondern mit der Frage, ob eine Grundsicherung überhaupt möglich ist, die Verantwortlichkeit, die ich in Abhängigkeit zu meinen Eltern eingehe und ob ich überdies bereit bin, all das für meine eigene Ausbildung in Kauf zu nehmen.
Im Endeffekt heißt das für mich als Bachelorstudent: Ich komme nicht umhin, Geld von meinen Eltern anzunehmen, jobbe so viel ich kann, habe ca. 50 bis 100 € an Taschengeld im Monat (wovon bezahlt werden müssen: Zahnarzt, Praxisgebühr, Klamotten, Medikamente), komme aber mit der Arbeitsbelastung nicht mehr klar.
Nochmal zurück: Die Tatsache, dass ich in Hamburg dieses Semester 252 € für das kommende Wintersemester zahle und dann noch 375 € Schulden hinzu kommen, macht für mich nichts attraktiver. So ein Denken kann ich mir nicht leisten und deshalb hoffe ich, den Autoren gewaltig missverstanden zu haben.
Vielen Dank trotzdem für den Beitrag zum Diskurs.
[entfernt: unterlassen Sie derartige Unterstellungen und argumentieren Sie auf sachlicher Ebene]
[entfernt: Werter Leser, wenn Sie Kritik üben möchten, dann tun Sie das auf einer sachlichen Ebene, ohne Diffamierungen und persönliche Angriffe. Die Redaktion/ altun]
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