Gesundheit "Wer genießt, hat mehr vom Leben"

Der Zürcher Arzt Jürg Kuoni hat sich zum führenden Kritiker der Vorsorge gewandelt: Solche Untersuchungen seien meist nutzlos, oft gar schädlich

DIE ZEIT: Herr Kuoni, Vorsorge ist doch etwas Positives. Was haben Sie dagegen?

Jürg Kuoni: Ich bin nicht grundsätzlich dagegen. Man muss unterscheiden zwischen Primär- und Sekundärprävention. Primärprävention betrifft den Lebensstil – Dinge wie Ernährung, Stress, Bewegung. Hier kann man mit Vorsorge viel erreichen. Kritisch bin ich hingegen bei der Sekundärprävention, also bei Reihenuntersuchungen und Check-ups.

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ZEIT: Was soll daran nicht gut sein?

Kuoni: Diese Untersuchungen trennen schlicht nicht gut genug zwischen gesund und krank. Sie schaffen eine Unsumme von Befunden, die sich am Ende oft als nutzlos oder falsch erweisen. Jeder Befund verpflichtet aber zu weiteren Abklärungen, und diese sind häufig invasiv oder gar riskant.

ZEIT: Zum Beispiel?

Kuoni: Nehmen Sie die Brustkrebsuntersuchungen: Von zehn Frauen mit einem Befund in der Mammografie ist nur eine wirklich krank. Doch auch die neun Gesunden müssen zum Ultraschall und meist auch zur Biopsie, einer invasiven Zusatzuntersuchung. Das kostet viel und kann psychologisch katastrophal sein. Wenn eine Frau eine positive Mammografie hatte, wird sie auch nach einer negativen Biopsie noch verunsichert sein.

ZEIT: Der eine Brustkrebsfall, der entdeckt wurde, wiegt die neun falschen Fälle doch auf.

Kuoni: Das wäre so, wenn sich durch die Behandlung die Lebenserwartung oder die Lebensqualität dieser Patientin wesentlich erhöhen würde. Aber die Lebenserwartung mit Brustkrebs hat in den letzten Jahren kaum zugenommen. Wirklich verbessert hat sich lediglich die 10-Jahres-Überlebensrate.

ZEIT: Immerhin.

Kuoni: Ein Beispiel: Früher ertastete eine Frau vielleicht mit 67 einen Knoten in der Brust, sie bekam die Diagnose Brustkrebs, wurde behandelt und starb mit 70. Heute geht diese Frau regelmäßig zum Brustkrebsscreening, man entdeckt den Krebs mit 57. Sie hat eine hohe 10-Jahres-Überlebenschance, aber sie stirbt auch mit 70. Sie lebt also nicht länger, aber sie lebt länger mit dem Krebs. Mit allen Strapazen und Ängsten, die damit verbunden sind. Ich bezweifle, dass das ein Gewinn ist.

ZEIT: Wenn man Ihre Publikationen liest, so ist fast alles nutzlos oder schädlich: Darmspiegelungen, Prostatauntersuchungen, Herzvorsorge. Gibt es denn gar nichts Positives?

Kuoni: Ich habe sehr viele Studien genau angeschaut. Es ist erschütternd, wie wenig letztlich herauskommt. Als positive Beispiele kommen mir nur Impfungen in den Sinn, die bei minimalem Schaden enorm wirksam sind, und die sehr erfolgreiche Kariesprävention.

Leser-Kommentare
  1. Eine wunderbare Beleuchtung oft fragwürdiger Statistiken, die Menschen in Abhängigkeiten drängen können und das Opferbewusstsein verstärken. Nachdem schon die hohen Dosen Vitamin C entzaubert wurden, z.B. Zeit 21/ 2009 ist es geboten, auch andere Dogmen zu hinterfragen. Wer fett ist und das noch geniesst, tut sich nicht unbedingt etwas schlechtes, und die Essstörungen kommen wohl eher aus den grossen Schuldkomplexen, denen wir Glauben schenken.

    Cholesterinarme Ernährung funktioniert auch nicht, denn die Leber produziert alles nach, was nicht über die Nahrung zugeführt wird. Warum hat uns die Evolution wohl mit diesem Mechanismus ausgestattet? Da braucht es schon invasive Mittel, die die Leber manipulieren (mit welchen Folgen?), wenn ein niedriger Cholesterinwert im Blut angezeigt werden soll.

    Ich fände es gut, wenn besser die Plazeboeffekte untersucht würden, damit Menschen trainiert werden können, ihre Selbstheilungskräfte zu verstärken. Nach einer Statistik, der ich gern glaube - vielleicht ist sie gefälscht - sind über 30% aller Heilprozesse placebobedingt.

    Axel Ebert

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