Messenien ist ein vergessenes, wenig bereistes Land. Die glänzenden Oliven aus Kalamata brachten es zu etwas Ruhm, doch sonst erfuhr man wenig über den »kleinen Finger« des Peloponnes mit seinen bunten Wiesen, leuchtend grünen Weinfeldern und silbergrauen Olivenhainen, vor denen die Silhouetten dicker Eichen und schlanker Zypressen wie Protagonisten in einem Theater auftreten. Bis zu den blauen Bergen im Osten erstreckt sich das menschenarme Hügelland, dahinter liegt Arkadien. Auch die Küste Messeniens mit ihren langen Sandstränden döst noch friedlich unter der Sonne, die wenigen Dörfer am Meer liegen zwischen Melonen- und Tomatenfeldern.

Touristen verlaufen sich kaum in den westlichsten Zipfel des Peloponnes. Am ehesten trifft man sie in Pylos, dem hübschen Provinzhauptstädtchen an der Bucht von Navarino, in der die Griechen einst ihre Unabhängigkeit von den Osmanen erkämpften. Zwei Jahrhunderte liegt die Schlacht zurück, seitdem herrscht Frieden zwischen den mit roten Ziegeln gedeckten Häusern, die sich entlang der breiten Treppen über den Berg ziehen. All diese steilen Wege münden in den Platz am Hafen, wo die Wirte die Tische in den Schatten gewaltiger Platanen gestellt haben, um deren Äste sich Stromkabel zu den Glühbirnen winden. Unter den Arkaden, die den Platz flankieren, öffnet eine Apotheke die hölzernen Flügeltüren, von denen hellblauer Lack bröckelt. Der Blick fällt auf den alten Ventilator unter der hölzernen Decke und auf die antiken Schränke mit den brandneuen Medikamenten. Viel hat sich nicht ereignet in den vergangenen zweihundert Jahren.

Doch nicht weit von Pylos bewegt sich etwas. Da rollen seit zwei Jahren unermüdlich die Lastwagen, wächst heimlich eine kleine Stadt heran. Vom Land aus ist die Siedlung in der Mulde kaum zu sehen, doch wer vom Meer her kommt, dem müssen die modernen weißen Häuser mit ihren blauen Pools wie eine Fata Morgana erscheinen. Die Stadt heißt Navarino Dunes und ist Teil des touristischen Großprojekts Costa Navarino. Für etwa 1,5 Milliarden Euro sollen auf 1000 Hektar an vier verschiedenen Standorten touristische Siedlungen entstehen, mit elf Fünfsternehotels, Restaurants, Geschäften und Eigentumswohnungen.

Die neuen Luxusresorts mit »Villagecharakter« könnten das Leben in dem Städtchen Pylos für immer verändern. 1200 Gästezimmer gibt es derzeit in ganz Messenien, verteilt auf kleine Hotels und Pensionen. Mit der Eröffnung der Starwood Hotels von Navarino Dunes im Mai nächsten Jahres werden 1000 dazukommen. Und 2011 soll auch Navarino Bay eröffnen, gleich neben dem historischen Hafen von Pylos – mit »exklusiven Villen«, Hotels und Golfplätzen, deren gestriegelte Wiesen sich bis ans Meer hinunter erstrecken. Entworfen wurden sie von den Golfern Bernhard Langer und Trent Jones junior.

Vater des Projektes ist der »Käpt’n«. Ein Mann, der Messenien mit 18 verließ, um als Matrose anzuheuern. Heute ist Vassilis Constantakopoulos 72 und besitzt eine der größten Containerflotten der Welt. Doch schon vor 28 Jahren entschloss sich der Seefahrer, auch auf dem Land aktiv zu werden. Er begann, Grundstücke zu kaufen, um aus dem verschlafenen Messenien ein Urlaubsparadies zu machen. Inzwischen ist die fixe Idee des Kapitäns zum Vorzeigeprojekt des griechischen Tourismusministers geworden. Costa Navarino soll Griechenland vom Image des Rucksacktourismus befreien und eine Ära des »Luxus der Extraklasse« einleiten.

Zwar reden die Bewohner von Pylos noch immer über die gewohnten Themen, über Geld, Politik, das Wetter. Doch der Käpt’n mit seiner Baustelle hat frischen Wind in ihre Gespräche gebracht. Stratis Iliakidis, der in seinem winzigen Kurierdienstbüro auf Kundschaft wartet, hebt die Schultern und sagt: »Ich komme aus Pila, da oben auf dem Berg. Wir haben alle vom Olivenöl gelebt, immer. Aber jetzt bekommen wir keine zwei Euro mehr für den Liter.« Darum macht er der Post Konkurrenz und freut sich über seinen neuen Großkunden: »Hier sind vier Sendungen, die kommen alle von der Baustelle. Jeden Tag krieg ich was von denen. Der Käpt’n liebt sein Land. 2000 Arbeitsplätze hat er uns versprochen.« Und Iliakidis glaubt ihm. Der Käpt’n, sagt er, ist einer von ihnen. Einer, der allen auf die Schulter klopft. Der sich zu ihnen setzt.