Griechenland Küste, kernsaniert

Ein griechischer Reeder gestaltet seine Heimatbucht in Messenien neu. Wo früher Wein und Oliven wuchsen, entstehen nun tausend Villen und elf Luxushotels. Die Bewohner sind gespannt – und spielen erst mal weiter Karten

Im westlichsten Zipfel des Peloponnes entstehen Luxushotels wie das Westin Resort

Im westlichsten Zipfel des Peloponnes entstehen Luxushotels wie das Westin Resort

Messenien ist ein vergessenes, wenig bereistes Land. Die glänzenden Oliven aus Kalamata brachten es zu etwas Ruhm, doch sonst erfuhr man wenig über den »kleinen Finger« des Peloponnes mit seinen bunten Wiesen, leuchtend grünen Weinfeldern und silbergrauen Olivenhainen, vor denen die Silhouetten dicker Eichen und schlanker Zypressen wie Protagonisten in einem Theater auftreten. Bis zu den blauen Bergen im Osten erstreckt sich das menschenarme Hügelland, dahinter liegt Arkadien. Auch die Küste Messeniens mit ihren langen Sandstränden döst noch friedlich unter der Sonne, die wenigen Dörfer am Meer liegen zwischen Melonen- und Tomatenfeldern.

Touristen verlaufen sich kaum in den westlichsten Zipfel des Peloponnes. Am ehesten trifft man sie in Pylos, dem hübschen Provinzhauptstädtchen an der Bucht von Navarino, in der die Griechen einst ihre Unabhängigkeit von den Osmanen erkämpften. Zwei Jahrhunderte liegt die Schlacht zurück, seitdem herrscht Frieden zwischen den mit roten Ziegeln gedeckten Häusern, die sich entlang der breiten Treppen über den Berg ziehen. All diese steilen Wege münden in den Platz am Hafen, wo die Wirte die Tische in den Schatten gewaltiger Platanen gestellt haben, um deren Äste sich Stromkabel zu den Glühbirnen winden. Unter den Arkaden, die den Platz flankieren, öffnet eine Apotheke die hölzernen Flügeltüren, von denen hellblauer Lack bröckelt. Der Blick fällt auf den alten Ventilator unter der hölzernen Decke und auf die antiken Schränke mit den brandneuen Medikamenten. Viel hat sich nicht ereignet in den vergangenen zweihundert Jahren.

Anzeige

Doch nicht weit von Pylos bewegt sich etwas. Da rollen seit zwei Jahren unermüdlich die Lastwagen, wächst heimlich eine kleine Stadt heran. Vom Land aus ist die Siedlung in der Mulde kaum zu sehen, doch wer vom Meer her kommt, dem müssen die modernen weißen Häuser mit ihren blauen Pools wie eine Fata Morgana erscheinen. Die Stadt heißt Navarino Dunes und ist Teil des touristischen Großprojekts Costa Navarino. Für etwa 1,5 Milliarden Euro sollen auf 1000 Hektar an vier verschiedenen Standorten touristische Siedlungen entstehen, mit elf Fünfsternehotels, Restaurants, Geschäften und Eigentumswohnungen.

Die neuen Luxusresorts mit »Villagecharakter« könnten das Leben in dem Städtchen Pylos für immer verändern. 1200 Gästezimmer gibt es derzeit in ganz Messenien, verteilt auf kleine Hotels und Pensionen. Mit der Eröffnung der Starwood Hotels von Navarino Dunes im Mai nächsten Jahres werden 1000 dazukommen. Und 2011 soll auch Navarino Bay eröffnen, gleich neben dem historischen Hafen von Pylos – mit »exklusiven Villen«, Hotels und Golfplätzen, deren gestriegelte Wiesen sich bis ans Meer hinunter erstrecken. Entworfen wurden sie von den Golfern Bernhard Langer und Trent Jones junior.

Vater des Projektes ist der »Käpt’n«. Ein Mann, der Messenien mit 18 verließ, um als Matrose anzuheuern. Heute ist Vassilis Constantakopoulos 72 und besitzt eine der größten Containerflotten der Welt. Doch schon vor 28 Jahren entschloss sich der Seefahrer, auch auf dem Land aktiv zu werden. Er begann, Grundstücke zu kaufen, um aus dem verschlafenen Messenien ein Urlaubsparadies zu machen. Inzwischen ist die fixe Idee des Kapitäns zum Vorzeigeprojekt des griechischen Tourismusministers geworden. Costa Navarino soll Griechenland vom Image des Rucksacktourismus befreien und eine Ära des »Luxus der Extraklasse« einleiten.

Zwar reden die Bewohner von Pylos noch immer über die gewohnten Themen, über Geld, Politik, das Wetter. Doch der Käpt’n mit seiner Baustelle hat frischen Wind in ihre Gespräche gebracht. Stratis Iliakidis, der in seinem winzigen Kurierdienstbüro auf Kundschaft wartet, hebt die Schultern und sagt: »Ich komme aus Pila, da oben auf dem Berg. Wir haben alle vom Olivenöl gelebt, immer. Aber jetzt bekommen wir keine zwei Euro mehr für den Liter.« Darum macht er der Post Konkurrenz und freut sich über seinen neuen Großkunden: »Hier sind vier Sendungen, die kommen alle von der Baustelle. Jeden Tag krieg ich was von denen. Der Käpt’n liebt sein Land. 2000 Arbeitsplätze hat er uns versprochen.« Und Iliakidis glaubt ihm. Der Käpt’n, sagt er, ist einer von ihnen. Einer, der allen auf die Schulter klopft. Der sich zu ihnen setzt.

Das Heimatdorf des Privatpostboten liegt nur vier Kilometer vom Hafenstädtchen Pylos entfernt, aber schon 200 Meter über dem Meer. Das Kafenion mit den wackligen Stühlen und abgegriffenen Spielkarten auf den Tischen ist fast leer, zwei Männer fachsimpeln über Tomaten. Im Hintergrund stehen die Waage und das Regal mit den Fischkonserven, dem Mehl und dem Zucker. Die Männer schieben 40 Cent für ein Glas Wein an die Tischkante. Die Wirtin sagt: »Es wird Zeit, dass der Golfplatz und das Hotel endlich fertig werden, damit mal ein paar mehr Leute hier heraufkommen.« Stratis Iliakidis sagt: »Die werden schon kommen. Bei uns ist es doch so schön wie in Paris. Wir haben hier eine Aussicht wie auf dem Eiffelturm!«

Auch der Käpt’n schaut sich die Dinge gern von oben an. Er steht an einem seiner Lieblingsplätze nicht weit von Kinigos, einem einsamen Ort auf einer windlosen Hochebene, und blickt auf die Baustellen im Tal wie einst von seiner Brücke aufs Meer. Eine Kapitänsmütze trägt er noch immer. Neben dem schwitzenden Reeder steht Fotis Karabatsos, der Makler, mit seiner breiten Sonnenbrille. Seit 27 Jahren arbeitet er mit dem Käpt’n zusammen, 1280 Grundstücke hat er für ihn gekauft, »die meisten viel zu teuer«.

Sogar hier oben hat der Reeder investiert. Karabatsos hatte ihn eines Tages mit einem Versprechen in das Dickicht aus verwilderten Olivenbäumen gelockt: »Von hier siehst du die ganze Welt.« Der Kapitän ist kein Fliegengewicht. »Aber eh ich mich’s versah, saß er in der Spitze eines Olivenbaums, um sich von der Aussicht zu überzeugen.« Nun sollen auch hier Golfplätze, Hotels und Privatvillen entstehen. Karabatsos zeigt eine Karte mit wenigen weißen Flecken, alles andere gehört schon dem Käpt’n. Wenn die Bauern von seinem Land sprechen, breiten sie die Arme aus.

Von der Anhöhe über Pylos hat der Großgrundbesitzer seine Ländereien im Blick: Zu seinen Füßen liegt Navarino Bay, und im Norden, bei Romanos, liegt Navarino Dunes. Auch in dem winzigen Ort zwischen Melonenfeldern, nur wenige hundert Meter von einer romantischen Dünenlandschaft am Meer entfernt, spricht man über das Projekt. »Der Käpt’n hat oft auf der Mauer unter der Platane gesessen und Kaffee getrunken«, sagt Panajotis, der mit seinem Bagger auf der Baustelle arbeitete. »Die Straßen wurden mit Wasser benetzt, damit es nicht staubte. Und wenn ich einen Tropfen Öl verlor, musste ich gleich den Motor ausstellen!« So umweltschonend hat in Griechenland wohl noch niemand gebaut. Panajotis ist beeindruckt, er lässt nichts kommen auf seinen einstigen Arbeitgeber. »Gut bezahlt hat er ja auch!«

Die Bewohner von Romanos werden die Ersten sein, die etwas abbekommen vom Geld der Touristen. Doch nicht alle hier sind Freunde des Projektes. »Ein paar dickschädelige Melonenbauern waren dagegen«, sagt Panajotis. »Alles Leute, die nie im Ausland gewesen sind!« Jetzt kommt das Ausland zu ihnen. Ganz geheuer ist dem Baggerfahrer das auch nicht. »Keine Ahnung, wer da kommt: Amerikaner, Deutsche, Japaner? Der Käpt’n macht ja viel mit den Chinesen. Und von ihnen gibt es eine ganze Menge. Die brauchen Platz! Am Ende müssen wir noch das Dorf verlegen, damit die hier Golf spielen können.«

Panajotis scherzt, aber den Grünen ist es ernst. Seit einiger Zeit mobilisieren sie gegen das Projekt und das staatliche Raumplanungsprogramm, das ihm zugrunde liegt. Nicht alle Bauern wollten ihr Land verkaufen, die Grünen sprechen von Zwangsenteignung. Auch wegen des Wasserbedarfs der Golfanlagen haben sie protestiert. Eine Unterschriftenliste kursiert, und vor dem obersten Verwaltungsgericht ist eine Klage anhängig, die den Bau noch stoppen soll.

Doch Costa Navarino ist nicht mehr zu stoppen. Das Projekt ist das Flaggschiff des griechischen Tourismus, es hat Kurs genommen auf die Zukunft, und sein Kapitän hält das Steuer fest in der Hand. Er war umsichtig genug, prominente Landschaftsplaner, internationale Umweltschützer und die Universität von Saloniki frühzeitig ins Boot zu holen. Für Regenwasser, das in den Wintermonaten ungenutzt ins Meer floss, wurde ein riesiges Auffangbecken angelegt. Der See, kunstvoll in die Landschaft eingefügt, ist längst ein Stück Natur geworden, in dem Wasservögel nisten, Frösche quaken. Ein zweiter See wird die Betreiber der Golfanlagen gänzlich vom kommunalen Wassernetz abnabeln.

Letzter Trumpf im Kampf gegen die Grünen ist die biologische Abwasseraufbereitung. Jeder Tropfen auf dem 130 Hektar großen Areal von Navarino Dunes wird wiederverwertet werden. Einer Nutzung dieses Wassers für die Wiesen steht nur noch ein veraltetes Gesetz im Wege, das ein Besprengen von Grünflächen mit »Abwässern« untersagt.

Noch ist vieles Vision, doch bei Romanos nimmt die Idee eines nachhaltigen und landschaftsverträglichen Tourismus bereits Gestalt an. Eindrucksvoll erheben sich die hohen Empfangsgebäude des Resorts aus dem Sand, wie antike Säulenhallen stehen sie ohne Glas und Fenster vor der Stadt, leise streicht der kühle Wind vom Meer herein. Auch die Gänge zwischen den Gebäuden öffnen sich zum Meer, Wasserbecken und Springbrunnen erfrischen. Unter dem Rasen der Golfanlagen liegen 150 Kilometer Röhren eines energiesparenden Geothermiksystems, das im Sommer kühlen und im Winter die geschlossenen Räume heizen soll. Es ist das größte seiner Art in Europa.

Zwischen den Hotelanlagen liegt die Agora, das dörfliche Zentrum, mit dem dreistöckigen Bibliotheksturm, den Geschäften, Restaurants und dem Kafenion. Und einem Konferenzzentrum für 2000 Gäste. Navarino Dunes will eine richtige, weltoffene Stadt sein, kein ummauerter Sicherheitstrakt. Die Baustelle allerdings ist hermetisch abgeriegelt, niemand kommt ohne Ausweis am Pförtner vorbei. Die meisten in Romanos kennen nur die Silhouette des neuen Ortes.

Auch in Diavolitsi, einem Dorf im stillen Osten Messeniens, noch hinter dem antiken Messene mit seinem elegant geschwungenen Stadion und den strahlend hellen Säulen des 2000 Jahre alten Gymnasiums, kennt man nur Gerüchte von der großen Baustelle. Es ist ein heißer Sommertag, und Vassilis Constantakopoulos ist zu Besuch in Diavolitsi, dem »Teufelchen«. Er geht in die Küche des einzigen Restaurants, schaut in Töpfe, kostet und klopft der dicken Köchin auf die Schulter. Dann setzt er sich. Diavolitsi ist der Heimatort des Käpt’n.

Er hat alte Freunde zum Essen eingeladen. Auch der Bürgermeister von den Sozis ist gekommen, sein Vorgänger von den Neuen Demokraten, sogar der kommunistische Schafhirte. Die kleinen Tische sind zu einer langen Tafel zusammengeschoben und mit einem weißen Tischtuch bespannt worden, von draußen schauen neugierige Kinder durch die Fensterscheiben des Lokals. Der Käpt’n ist der Held des Dorfes. Er besitzt die größten Containerschiffe der Welt. Er hat sein Glück auf See gemacht. Doch irgendwie ist er immer ein Bauernsohn geblieben. »Als ich meiner Mutter von meinem ersten Schiff erzählte, sagte sie: Schön, mein Junge, setz dich und iss. Sie hatte keine Ahnung, was ein Schiff wert ist. Als ich später ein altes Auto kaufte, rief sie ganz stolz alle Bekannten an. Und als ich ein großes Stück Land kaufte, glaubte mein Schwiegervater, ich würde ihn belügen. Es überstieg seine Vorstellungskraft.«

Constantakopoulos hat ein Leben auf See verbracht, aber er träumte immer vom Land. Einem Land, in dem keine Hotelbauten die Küste entlangwuchern, sondern Orangenbäume blühen. Er möchte die Landschaft seiner Heimat pflegen. Neunzig Prozent des Landes von Costa Navarino bleiben grün. Dazu hat der Käpt’n sich verpflichtet. Fünftausendfünfhundert Olivenbäume hat er ausgraben und dann wieder in die Ferienlandschaft einsetzen lassen, Tausende neuer Orangenbäume gepflanzt. Einer am Tisch fragt, warum er sich das alles eigentlich antue. »Mein Vater hat einmal zu mir gesagt: ›Du bist weinend zur Welt gekommen, und alle andern lachten. Wenn du stirbst, sollst du lachen, und die andern sollen weinen.‹«

Als alter Herr ist der Käpt’n im Heimathafen an Land gegangen. Nun steht sein Lebenswerk vor der Vollendung. Ein Werk, von dem er hofft, dass es ihm zur Ehre gereichen wird. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf. Im März 2010 werden die Luxushotels im Resort Navarino Dunes eröffnen. Auch für Navarino Bay haben die Arbeiten bereits begonnen. Die kleine Straße, die früher dem Verlauf der Küste folgte, wird in die Berge verlegt werden, auf dem zwei Kilometer langen Küstenstreifen entstehen eine Golfakademie, Villen und ein stattlicher Ballsaal. Tausende von Touristen werden kommen. Das ganze Jahr hindurch.

Doch noch ist es nicht so weit. Noch wohnen die wenigen Sommergäste in kleinen Pensionen und auf dem Campingplatz. Sie steigen zur großen Festung über der Bucht hinauf, sie fahren mit Fahrrädern die Lagune mit ihren Flamingos, Fischadlern und den afrikanischen Chamäleons entlang zum unendlich langen Strand von Krissi Akti. Sie laufen auf einem kleinen Fußpfad unterhalb der Felswand bis in die tiefblaue Bucht von Voidokilia, die von einem schneeweißen Sandstreifen eingekreist wird. Eine der schönsten Badewannen der Welt. Hier wird niemand mehr bauen, niemand mehr Sonnenschirme aufstellen. Das Paradies steht unter Naturschutz.

Die verschlafenen Gemüseläden von Pylos und die alte Apotheke genießen keinen Schutz. Niemand kann sagen, wie die Geschichte enden wird und ob nicht emsige Geschäftemacher Pylos schon bald unsanft aus dem Schlaf reißen werden. Auch der Käpt’n hat darüber nachgedacht: »Pylos, das könnte die Hölle werden oder das Paradies. Ich glaube ans Paradies!«

INFORMATION

Anreise: Direktflüge von Frankfurt nach Athen zum Beispiel mit Olympic Airways. Vom zentralen Busbahnhof Athen aus in etwa 3,5 Stunden nach Kalamata, Tickets 20 Euro. Von dort weiter nach Pylos, Fahrtzeit etwa eine Stunde, Ticket 3 Euro. Von Mai 2010 an fliegt Aegean Airlines täglich von Athen nach Kalamata

Navarino Dunes: Das Romanos Resort und das Westin Resort bei Romanos sollen im Mai 2010 eröffnet werden. Das Westin Resort nimmt gegenwärtig Gruppenanfragen entgegen, Einzelreservierungen sind noch nicht möglich. Informationen unter Tel. 0030-210/9490245, www.starwoodhotels.com/westin/property/overview/index.html?propertyID=3289

Unterkunft : Das Dreisternehotel Miramare liegt direkt am Hafen von Pylos, hat ein Restaurant vor der Tür und bietet DZ ab 45 Euro. Reservierung unter Tel. 0030-27230/22751

Schön gelegen ist auch das Hotel Philip am Ortsende mit Blick über Hafen und Bucht. DZ ab 65 Euro. Tel. 0030-27230/22741, www.hotelpylos.com

Ausflüge : In der Nähe des Campingplatzes Navarino gibt es einen Fahrradverleih. Von dort aus erreicht man über eine kaum befahrene Straße das Naturreservat und den Strand von Krisso Akti. Zur Entdeckung der Landschaft Messeniens empfiehlt sich ein Leihwagen oder auch ein Motorroller, in Kalamata ab 10 Euro pro Tag zu mieten unter Tel. 0030-27210/26683

Auskunft : Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Tel. 069/2578270, www.gnto.gr

 
Leser-Kommentare
  1. überhaupt wird die Welt derzeit so umgestaltet, dass ich froh bin nicht mehr sehr lange am Leben zu sein. Die nächsten Generationen tun mir echt leid.

    • yzzuf
    • 03.08.2009 um 15:42 Uhr

    Es gibt wie immer zwei Seiten. Messenien ist arm und wird nicht reich von Gemüse, Wein oder Oliven. Touristen kommen kaum noch, weil der Flugplatz in Kalamata geschlossen wurde.

    Letztes Jahr habe ich wieder einmal Urlaub gemacht in Romanos (sehr empfehlenswert: Haus Vigliza über fewo-direkt.de). Wenn man Messenien liebt und das Golfprojekt zuerst sieht denkt man: "Das geht gar nicht". Wenn man sich jedoch das Projekt erklären lässt und mit den Griechen spricht: Es ist besser als manches, was bei uns hier "saniert" wird.

    Bevor Messeniens Felder brach liegen, weil sich der Anbau von Gemüse, Wein und Oliven nicht mehr lohnt und bevor die Dörfer verrotten weil man die Häuser aus Geldmangel nicht sanieren kann - bevor also jeder wegzieht weil nichts mehr geht - ist es allemal besser, wenn der Kapitän sein Land "rettet". Wir Urlauber haben leicht reden, wir wollen "unser antikes Griechenland" nicht verschandelt sehen. Wir müssen dort auch nicht unseren Lebensunterhalt verdienen.

    Wer sich ausführlich mit diesem Projekt beschäftigt - und genau das lesen wir in dem Beitrag - der kann nicht umhin, dem Kapitän tatsächlich Hochachtung zu zollen. Statt seine Millionen steuergünstig ins Ausland zu verschieben zeigt er die hohe Kunst der Demokratie. Er gibt seinem Land das beste, was er bringen kann: Arbeitsmöglichkeiten, eventuell später ein wenig Wohlstand und vor allem zeigt er, dass solche Großprojekte möglich sind inclusive Naturschutz und Klimaschutz.

    Ich werde meinen Urlaub weiterhin bei Sophia und Andreas in Romanos verbringen und wenn ab kommendem Jahr der Flieger wieder in Kalamata landet: Was für wundervolle Aussichten!

  2. Es ist aller Ehren wert, wenn sich ein reicher, sein Land liebender Euerget wie der "Kapitän" um den angeblich armen Landstrich kümmert, die Infrastruktur fördert und Arbeitsplätze erschafft.
    Mal sehen, wie lange der Landstrich die neuen Hotelburgen und die vielen Touristen „verkraftet“.
    Nur mag Finikounda als existierendes Beispiel dafür dienen, wie ein verschlafenes Fischerdorf zum Holidayresort verwandelt wird.
    Des Einheimischen Freud, des angereisten Liebhabers Leid.
    Bis jetzt schafft die Gemeinde Pilos nicht mal den Ansturm der Touristen der letzten Jahre. Die Müllhalde am Fuß des Hügels hinter Pilos quillt im August regelmäßig über und wird umweltfreundlich und romantisch in der Nacht abgefackelt. Grandioses Lichtspiel – fast wie ein Vulkanausbruch bei Nacht. Ach ja die Feuergefahr im Sommer zählt hier nicht. Brennt ja nur hinter dem Berg.
    Die Kläranlage unterhalb der Müllgrube ist ein seit Jahrzehnten brachliegendes Milionengrab der EU und wird seiner Aufgabe, die Fäkalien nicht ins Meer zu leiten wohl nie mehr gerecht. So endete schon ein ambitioniertes Großprojekt.
    Die Chamäleons der Lagune sind nur in Touriszenzeiten hochheilig, danach ist Lagune nur mehr auf dem Papier Naturschutzgebiet, vielmehr Hobbyjagdrevier (s. Schrotpatronenhülsen ) Motocrossstrecke und stinkende Fischfarm der armen Messenier rund um Pylos. Übrigens setzte sich vor Jahren erstmalig ein Ausländer für den Naturschutz dort maßgeblich mit Leib und Leben für die Natur ein. Die Griechen dankten es ihm mit einer satten Tracht Prügel und Drohungen der unschönen Art.
    Der Umweltschutz wurde definitiv nicht in Griechenland erfunden und das Wort ist nicht griechischen Ursprungs.
    Ein weiteres Beispiel gefällig?
    Die Wasser(raub)Bauprojekte rund um die Hotels, früher nur für das Gemüse und die hocheiligen Oliven getätigt, heute zusätzlich für den erhöhten Wasserbedarf absolut sinnloser Golfplatzanlagen und tausender von Schwimmingpools in jedem Hotel und jeder Apartmentanlage rund um Navarino haben zu einer Wasserknappheit, versiegende Quellen und Bächen geführt, zu einer Versalzung der Süßwasservorräte. Wie soll es auch anders sein, wenn Brunnen in wenigen hundert Metern Entfernung zum Meer gebohrt werden. Der moderne Helene ist hier absolut schmerzbefreit.
    Schlussendlich sei hinterfragt, welche solvente Kundschaft spielt im Sommer bei 40 Grad und steifer Meeresbrise Golf auf einem von der Salzluft mühsam aufgepäppelten Grasnarbe, den das Golfspiel ist ja das Leitmotto für die Umgestaltung des kompletten Landstriches. Die Anlegung der Wasserreservoirs bei Pila und Petrochori und die Zwangsumsiedlung von hunderten von Olivenbäumen zwischen Gialova und Pilos, die in Ihrem jahrhundertelangen Dasein wohl kaum ein so gravierende Umgestaltung eines ganzen Landstrichs gesehen haben und ihr Dasein in einem verwunschenem Waldchen, dicht an dicht bei Gialova verschlummern, führt zu einer Machtkonzentration auf den Besitzer dieser Hotelanlagen, welches die Gemeinde Pylos noch zu spüren bekommt. Spätestens, wenn Manager und Hedgefonds die Anlage und den Landstrich übernehmen, weil die Anlage nicht richtig Rendite abwirft.
    Die Hotelanlage wird wohl der real gewordene Traum des Kapitano werden. Ob es der Wunsch der Messenier rund um Pilos wird, ist fraglich. Mit der Natur im Einklang wird es bestimmt nicht sein

    Eines rechne ich „meinen“ Griechen rund um Pylos allerdings hoch an, sie denken nur an sich und Ihren Vorteil und wenn der Grieche nicht mehr will, wird er bockig. Dann kommt er halt avrio, also Morgen, oder Übermorgen oder nächste Woche…oder gar nicht.
    Und dann erledigen sich viele ambitionierte Pläne von selbst..

    Und so sehe ich wehmütig von Tragana auf die Ebene herab und hoffe, sie möge noch lange so bleiben wie Sie ist.

  3. ...dass der Autor PR mit Journalismus verwechselt hat. Hätte er das nicht, dann wäre dem Leser ermöglicht worden ein umfassenderes Bild zu erhalten. In Stichpunkten, der Griechenlandzeitung entnommen, die vielleicht vor Ort mehr Stimmen einfangen konnte, als der Autor dieses Artikels:

    - die Strände werden für die Allgemeinheit gesperrt
    - Bäche aufgestaut und anderen Anrainern Wasser vorenthalten
    - Verkaufsunwillige drangsaliert (Strom und Wasser abgestellt)
    - die im hochpreisigen Tourismus unqualifizierte Dorfbevölkerung wird bei der Jobvergabe bestimmt ganz vorne stehen (Achtung Ironie)
    - die Gefahr, dass der vorgelagerten Lagune (letzter Rastplatz für viele Vögel auf dem Weg nach Afrika u.a. Flamingos, Fischadler, Eisvögel...) Wasser entzogen wird
    - die Gefahr, dass an dem kilometerlangen Sandstrand bei Romanos die Meeresschildkröte Caretta Caretta nicht mehr ihre Eier ablegt - weil demnächst Tausende von Touristen abends am Strand wandeln oder Nachtpartys feiern.
    - mitnichten nisten Vögel an dem künstlichen Wasserreservoir, schließlich gibt es hier kein Schilf sondern nur Beton

    Es verwundert sehr, dass der Autor gerade den Griechen, die für ihren Umweltschutz nicht gerade berühmt sind, so unkritisch ein Vorzeigeprojekt zutraut. Da sind ja selbst die Griechen kritischer...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf mehreren Seiten lesen
  • Quelle DIE ZEIT, 30.07.2009 Nr. 32
  • Kommentare 4
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Griechenland | Grüne | Reise | Athen
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service