Ist mein Kind verhaltensauffällig? Oder bloß kreativ?, fragen sich viele Eltern

Vera Klischan, Schulleiterin der Hamburger Gorch-Fock-Grundschule, sitzt in ihrem Büro und wartet darauf, dass der Reisebus auf den Parkplatz vor ihrem Fenster rollt. Die 3b kommt von einer Klassenfahrt zurück. Sie machen jetzt übrigens Reisen völlig ohne Programm. Eine Woche ausspannen. Nichts tun: im wohlhabenden Blankenese , wo die Grundschule liegt, ist das der wahre Luxus – für die Eltern mit ihren wichtigen Jobs wie für die Kinder, die nicht weniger beschäftigt sind.

Das ganze Land redet von Förderung, davon, wie Kinder mithalten können im internationalen Vergleich – und diese Schule lernt das Runterkommen? Das Loslassen? Das hat damit zu tun, dass es den Kindern, die hier zur Schule gehen, nicht so blendend geht, wie man denken könnte. Obwohl zu Weihnachten und zu den Geburtstagen keine nennenswerten Wünsche ausgelassen werden, obwohl die Kinder gebildete Eltern haben, hoch- und höchstqualifiziert im Beruf, fürsorglich im Privaten. Diesen Kindern wird Aufmerksamkeit geschenkt, manche würden sagen: Sie werden so sehr geliebt wie keine Generation vor ihnen.

Obwohl man also bessere Startchancen kaum haben könnte im Leben, ist es hier nicht anders als überall sonst im Land, quer durch die Schichten: Kinderärzte verschreiben schätzungsweise einem Drittel der Schüler Stunden beim Ergotherapeuten, beim Logopäden, beim Lerntherapeuten. Man fragt sich, wann die Kinder Zeit haben, in ihren liebevoll eingerichteten Zimmern zu spielen: Sie gehen zum Hockey, zum Tennis, zum Segeln, zur Musikstunde, manchmal haben sie an einem Nachmittag zwei bis drei Programmpunkte zu absolvieren. Und dann eben noch die Therapie.

Vera Klischan, 57, ist seit 30 Jahren im Schuldienst und kennt die Namen der Therapeuten, regelmäßig schicken sie ihr Visitenkarten, Flyer, auf denen die Vorzüge der Praxis dargestellt werden, dazu ein freundliches Anschreiben: Dürfen wir uns vorstellen? An diesem Tag hat die Schulleiterin wie so oft einen Bewerbungsbrief von Eltern in der Post, die ihrem Dreijährigen einen Platz an der Schule sichern wollen, die einen ausgesprochen guten Ruf hat. Die Eltern schreiben, wie neugierig das Kind sei, dass es gern singe, ein Foto liegt bei.

Dass sie solche Briefe bekommt, zeigt der Schulleiterin, wie sehr Eltern unter Druck stehen. "Bildungsangst" nennt Vera Klischan das, und es klingt nicht nach Vorwurf, sondern nach Mitleid. Sie glaubt, es ist diese Angst, die Kinder krank macht. Oder: die macht, dass wir sie krank reden.

Blickt man auf die Statistik, wächst an den Schulen eine Generation von Kranken und Gestörten heran. 2007 bekamen mehr als 20 Prozent aller sechsjährigen Jungen, die bei der AOK versichert waren, eine Sprach-, 13 Prozent eine Ergotherapie. Seit Jahren steigt der Anteil der Kinder, bei denen Stimm-, Sprech- und Sprachstörungen oder psychische, sensorische oder motorische Störungen diagnostiziert werden. Einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge sind knapp 18 Prozent der Jungen und 11,5 Prozent der Mädchen bis 17 Jahre verhaltensauffällig oder haben emotionale Probleme. Bei 10 bis 11 Prozent eines Jahrgangs wird ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom festgestellt: ADHS. Forscher sagen außerdem eine Welle von Autismus- und Depressionsdiagnosen voraus, wie sie in den USA zunehmend bei Kindern gestellt werden, "und wir haben noch nie einen medizinischen Trend aus Amerika ausgelassen", wie der Jugendforscher Klaus Hurrelmann sagt.

Was ist nur mit unseren Kindern los? Stimmt mit so vielen von ihnen wirklich etwas nicht? Oder sind nur wir es, die überkritischen Erwachsenen, die in ihnen Makel sehen, die früher niemand als solche wahrgenommen hätte? Krankheit ist ja immer Definitionssache – jede Gesellschaft entscheidet für sich, welche körperlichen und psychischen Zustände sie tolerieren will und welche nicht. Jede Zeit produziert durch ihre Lebensbedingungen ihre Krankheiten: das Mittelalter die Pest, das 19. Jahrhundert die Hysterie, das 20. den Herzinfarkt – das 21. die Entwicklungsstörung?

Wir könnten eigentlich ziemlich gut wissen, wie es unseren Kindern geht, denn noch nie haben die Eltern der Mittelschicht ihre Kinder so intensiv beobachtet wie heute. Kindheit ist nicht mehr das, was sie mal war. Kinder spielen nicht mehr auf der Straße, sondern werden handverlesen von ihren Eltern verabredet. Es gibt keine Banden mehr, keine Prügeleien. Das ist beruhigend. Andererseits heißt es auch: Kinder lernen nicht mehr, mit all denen klarzukommen, die früher eben zufällig auch auf der Straße waren. Immer sind die Eltern der Filter.

Eine erhellende Sozialstudie ist es, auf einem Spielplatz in Prenzlauer Berg die Eltern zu beobachten, die im Halbrund um den Sandkasten sitzen und einschreiten, sobald sich zwei Kinder um eine Schaufel oder einen Eimer zanken. Keines der Kinder muss lernen, eine Lösung für das Eimer- und Schaufelproblem zu finden. Das übernehmen die Eltern, die sich in den Kampf stürzen, um das erste Eigentum ihrer Kinder zu verteidigen gegen die Besitzansprüche der Konkurrenten. Eine andere Gelegenheit zur Sozialstudie bietet sich morgens vor dem Schultor: Eltern, die für ihre Kinder die Tasche tragen.

Kindheit 2009, das ist ein Leben im Überwachungsstaat, in einer Diktatur des Guten. Keine langweiligen Nachmittage zu Hause, weil immer irgendein Erwachsener für Beschäftigung sorgt, keine öden Besuche bei Verwandten am Wochenende, sondern Zirkus, Museum, Konzert, Ballonfahren. Eltern wollen mit ihren Kindern hoch hinaus, wer wollte sich davon ausnehmen?