PragAuf ein Bier in die Tropfsteinhöhle

Starke Farben, klösterliche Strenge und ein ausgefallenes Kellerlokal – das neue Hotel The Augustine in Prag. von Pascal Morché

Prag ist laut. Vor allem durch die Touristen, die im Sommer zwischen Wenzelsplatz und Karlsbrücke hin und her ziehen. Stille zu finden ist nicht leicht, und man kann von Glück sprechen, wenn man in einem Hotel auf der ruhigeren Seite der Moldau, der Malá Strana, gleich unterhalb der Burg wohnt. Der britische Hotelier Sir Rocco Forte hat hier gerade die dreizehnte seiner luxuriösen Herbergen eröffnet. The Augustine heißt das neue 5-Sterne-Hotel, es ist Teil des Augustinerklosters Sankt Thomas aus dem 13. Jahrhundert.

Wer durch das mächtige Hoftor zwischen den Klostermauern schreitet, findet sich sofort in einer anderen Welt wieder: Ruhe, Stille, Konzentration. Zum Einchecken betritt der Gast eine große Lobby, die schon früher Eingang des Klosters war. Der Raum wirkt kühl, aber nicht kalt, puristisch und elegant zugleich – vielleicht etwas zu lang geraten ist der Empfangstresen. Gegenüber hängt ein abstraktes kubistisches Gemälde in Grautönen, vor einem großen offenen Kamin stehen ein Tisch aus geflochtenem Leder und mehrere Chaiselongues. Ihre Form ist schlicht und einfach, doch ihre Polster leuchten in sinnlichen Farben: kräftig Grün, Violett, Rot und Gold.

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Es ist gut, dass eine Hotelangestellte den Gast zu seinem Zimmer führt. Zu verwinkelt ist das Gebäude im ehemaligen Klosterkomplex mit Kreuzgängen, Innenhöfen und der Barockkirche Sankt Thomas. Die Angestellte vergisst nicht zu erwähnen, dass in einem Teil des Hauses »noch immer fünf praktizierende Mönche« leben. Das klingt interessant, wird einem aber auch noch mehrmals von anderen Mitarbeitern erzählt. Fast hat man den Eindruck, dass die Nachbarschaft der Mönche vor allem dem Marketing des Hotels dient – zumal Gäste mit den Klosterbrüdern nicht in Kontakt kommen.

Die 101 Zimmer und 16 Suiten liegen alle über den stillen, mit alten Bäumen bewachsenen Innenhöfen, was dem Gast absolut ruhige Nächte beschert. Olga Polizzi, Chefdesignerin der Rocco Forte Hotels und Schwester von Sir Rocco, hat in diesen Räumen die klösterliche Strenge bewahrt. Rustikale Holzböden statt Auslegwaren, und die schlicht verputzten Wände in zartem Grün oder lichtem Orange sind abgestimmt auf das graue oder beige Mobiliar, bei dem es sich um Originale und Replikate des tschechischen Kubismus handelt. Opulent wirken nur Vorhänge, Tagesdecken oder Chaiselongue-Kissen, sie leuchten tief violett oder knallig grün, diese klerikalen Farben kennt man aus dem Ornat hoher Kardinäle und Bischöfe. Als Kontrast dazu zieren Schwarz-Weiß-Fotografien tschechischer Avantgardekünstler der zwanziger und dreißiger Jahre und Art-déco-Poster die Wände. Das Badezimmer: funktional und elegant mit grauem Marmor. Auf den Engelsflügel aus Stuck über der Badewanne hätte man allerdings verzichten können.

Bei einem Spaziergang durch die Altstadt wird klar, wo Olga Polizzi eingekauft hat: im Designgeschäft Kubista neben dem berühmten Café Orient. Hier kann man die gleichen Stühle und Lampen, Vasen und Porzellandosen erwerben, mit denen die Hotelzimmer dekoriert sind. Ermüdet vom Einkaufen und Flanieren, kehrt man schließlich zurück und sucht direkt das Spa des Augustine auf. Es ist klein, hat keinen Pool, ist aber mit Sauna, Dampfbad und Relaxzone ausreichend für ein Stadthotel. An Ablageflächen für Brillen und Bademantelhaken hätte die Designerin allerdings nicht so sparen sollen. Weniger ist hier gar nicht mehr.

Später geht es ins Monastary, das licht-durchflutete und modern gestaltete Restaurant des Hotels. Schade, dass man hier nicht Gerichte der völlig unterschätzten und ein wenig in Vergessenheit geratenen böhmischen Küche bekommt, man hätte sie ja neu und leicht interpretieren können. Stattdessen gibt es italienisches Allerlei. Der herzliche Oberkellner Jurek empfiehlt anschließend noch einen Drink in Tom’s Bar, die in der Seitenkapelle unter restaurierten Barockfresken residiert. Hübsch gemacht, doch man entscheidet sich für ein kühles Bier in der Brewery-Bar im Keller des Hotels. In dieser Tropfsteinhöhle mit eigener Quelle wurde einst Bier gebraut, nun gibt es hier Fingerfood und das – inzwischen von Mönchen im Auftrag des Hotels andernorts gebraute – dunkle Augustiner-Bier. Manchmal hört man hier unten die Straßenbahn, wie sie vor den Klostermauern vorbeirumpelt, und wird dann daran erinnert, dass es da draußen die laute, grelle, touristische Welt Prags gibt.

The Augustine, Letenská 12, CZ-11800 Prag 1, Tel. 00420/266112233, www.roccofortecollection.com DZ ab 375 Euro

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