DIE ZEIT: Die Bundeswehr setzt bei ihrer Offensive, der Operation Adler, in der Region Kundus im Norden Afghanistans erstmals schweres Gerät wie Schützenpanzer und Mörser ein. Wie verändert sich dadurch der Afghanistaneinsatz?

Harald Kujat: Der Einsatz von Marder-Schützenpanzern und 120-Millimeter-Mörsern ist für die deutschen Soldaten lebenswichtig, er ermöglicht ihnen, über größere Distanzen hinweg zu kämpfen, denn die Mörser haben eine Reichweite von mehreren Kilometern. So können die Soldaten den Gegner auf Distanz halten, ihn effektiver bekämpfen, und natürlich bietet ihnen ein Panzer mehr Schutz.

ZEIT: Das klingt, als sei die bisherige Einsatzstrategie der Bundeswehr unzureichend oder sogar falsch gewesen?

Kujat: Die Bundeswehr hat zumindest sehr spät auf die veränderte Angriffstaktik der Taliban reagiert. Die Taliban haben sich immer wieder neu und offensiv auf die Einsatzstrategie der Nato-Truppen eingestellt, während die Bundeswehr in der Defensive verharrte.

ZEIT: Wie haben die Taliban ihre Taktik verändert?

Kujat: Die Taliban haben in den vergangenen zwei Jahren ihre Aktivitäten zunehmend in den ruhigen Norden verlagert, um dem militärischen Druck der Briten und Amerikaner im Süden und Osten des Landes auszuweichen. Seit März dieses Jahres haben sie ihre Kriegsführung im Norden, vor allem in der Region Kundus, dann auch qualitativ verändert. Sie sind zum offenen Gefecht übergegangen, arbeiten mit Hinterhalten. Für diese Art von Angriffen sind Fahrzeuge ohne integrierte Waffen mit größerer Reichweite nicht geeignet. Denn wenn die Soldaten in einen Hinterhalt geraten, sind sie gezwungen, ihr Fahrzeug zu verlassen und sich im direkten Gefecht mit Infanteriewaffen zu verteidigen. Der Einsatz von Mardern, die über Bordwaffen verfügen, ist daher überfällig gewesen.

ZEIT: Also hat doch ein Strategiewechsel stattgefunden?

Kujat: Die Offensive wird von den afghanischen Streitkräften geführt, die 300 beteiligten Bundeswehrsoldaten haben eine Unterstützerrolle. Aber ihre Beteiligung bedeutet eine qualitative Veränderung der Einsatzstrategie. Bisher hat die Bundeswehr auf die Angriffe der Taliban nur reagiert, hat sich vom Gegner den Zeitpunkt, den Ort und den Einsatz der Waffen diktieren lassen. Das widerspricht allen Führungsgrundsätzen und ist mit Sicherheit kein Rezept, das zum Erfolg führt. Gott sei Dank ist das nun im Bundesverteidigungsministerium verstanden worden.

ZEIT: Warum kommen die Panzer und Mörser dann erst jetzt zum Einsatz?

Kujat: Zum einen, weil die Bundesregierung lange versucht hat, den Eindruck zu vermeiden, dass es sich in Afghanistan um einen militärischen Kampfeinsatz handelt. Ich glaube aber auch, dass im Verteidigungsministerium die strategisch-operative Lage nicht richtig eingeschätzt wurde und deswegen auf die veränderten Herausforderungen in der Region Kundus so spät reagiert worden ist. Natürlich braucht es eine bestimmte Zeit, um zu analysieren, welche Absichten der Gegner verfolgt, und dann eine angemessene Strategie zu entwickeln. Doch ich würde mir wünschen und halte es auch für machbar, dass das Ministerium künftig schneller reagiert und aktiver, ja initiativ vorgeht.

ZEIT: Was hat die Bundeswehr denn bisher daran gehindert, aktiv und initiativ vorzugehen?