Bundeswehr »Das ist naiv gewesen«Seite 3/3

ZEIT: Selbst wenn es diesen politischen Neuanfang geben sollte, bleibt immer noch die Frage, wie die gesellschaftliche Stimmung verändert werden kann.

Kujat: Das ist Aufgabe der Bundesregierung. Sie muss hier die Meinungsführerschaft übernehmen, insbesondere der Verteidigungsminister als Oberster Befehlshaber muss sich im Namen seiner Soldaten dem gesellschaftlichen Diskurs stellen.

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ZEIT: Sollte es einen solchen Diskurs geben, würde in dessen Mittelpunkt nicht zwangsläufig die Frage nach einer Exit-Strategie stehen, eine Frage, die schon jetzt quer durch alle Parteien diskutiert wird?

Kujat: Diese Diskussion wird kommen, wie heftig sie geführt wird, hängt allerdings auch vom Wahlergebnis ab. Ich kann nur hoffen, dass unser Land, seine Regierung und seine Bevölkerung, in der Lage ist, sachlich und fair zu diskutieren. Das heißt, dass nicht der Truppenabzug im Vordergrund steht, sondern die Frage, was wir in Afghanistan erreichen wollen. Diese Diskussion ist in Deutschland überfällig.

ZEIT: Aber das Ziel des Afghanistaneinsatzes ist doch definiert: die afghanischen Streit- und Polizeikräfte in die Lage zu versetzen, die Sicherheit ihres Landes selbst garantieren zu können. So hat es die Bundeskanzlerin unlängst in ihrer Regierungserklärung formuliert.

Kujat: Diese Aussage ist unpräzise und reicht nicht aus, um der deutschen Bevölkerung den Einsatz verständlich und nachvollziehbar zu machen. Wir müssen klar festlegen, was politisch, wirtschaftlich und sozial notwendig ist, damit dieses Land auf eigenen Füßen stehen kann. Und wir müssen die einzelnen Schritte definieren, wie dieses Ziel erreicht werden kann.

ZEIT: Die USA verdoppeln ihre Truppenstärke in Afghanistan nahezu. Wird auch Deutschland sein Kontingent aufstocken müssen?

Kujat: Die USA haben in Afghanistan einen Strategiewechsel vollzogen. Bisher haben sie sich auf den Irak konzentriert. Die Regierung Obama hat nun erkannt, dass die eigentliche Terrorgefahr von Afghanistan ausgeht. Und sie hat begriffen, dass ein sicheres Umfeld eine wesentliche Voraussetzung für die politische Stabilität und den wirtschaftlichen Aufbau des Landes ist. Deshalb haben die USA ihr Truppenkontingent erheblich aufgestockt. Das bedeutet aber auch, dass die Taliban ihre Aktivitäten noch stärker in andere Regionen, vor allem in den Norden, verlagern werden. Die Bundeswehr wird also dauerhaft um eine personelle Verstärkung nicht herumkommen.

Das Gespräch führten Dagmar Rosenfeld und Thomas E. Schmidt

 
Leser-Kommentare
  1. Es geht um nichts Geringeres als die Abschaffung des Krieges, das hat Herr Kujat wohl nicht verstanden! Da die "Feinde" der NATO de facto nur noch aus Drittwelt-Guerillakämpfern bestehen, kann man auf diese Weise problemlos in fremde Länder einfallen, ohne die nervenden Kriegskonventionen beachten zu müssen. Es muss vom nächsten Kampfeinsatzminister nur noch die Justiz auf Linie gebracht werden, damit nicht überkorrekte Strafverfolger gegen Soldaten wegen Mordes und Totschlags ermitteln.

  2. Von Clemenceau soll der Spruch stammen, der Krieg sei zu wichtig, um ihn den Generälen zu überlassen. Angesichts der praktizierten Idiotie der deutschen Politik im afghanischen "Nichtkrieg", die offenbar davon ausging, dass es vollkommen ausreichend sei, der Bundeswehr dort die Befugnisse einer Art Verkehrspolizei im Auslandseinsatz zuzuweisen, und man alles andere dadurch lösen könne, indem man einfach die Augen verschliesst, drängt sich der Gedanke auf, dass der Krieg in jedem Fall auch zu wichtig ist, um ihn den Politikern zu überlassen. In jedem Fall sollte man versuchen, deutsche Politiker davon fernzuhalten, denn hier geht es um weit grösseren Flurschaden als die üblichen verpulverten paar Milliarden Subventionen etc.

    Die sedierende Wirkung der Ignoranz mag in der Innenpolitik funktionieren, wo man es mit einer Bevölkerung zu tun hat, die weder bewaffnet noch gewillt ist, irgend etwas zur Durchsetzung ihrer Interessen zu unternehmen, stösst im Falle Afghanistan, wo man es mit echten Politrowdies zu tun hat, die anstelle ihres Anwalts lieber ihre AK47 konsultieren, aber an ihre natürlichen Grenzen. Hier ist zur Entwicklung von Lösungsstrategien wirkliches Nachdenken unter Benutzung des Gehirns erforderlich. Dass dergleichen ein paar Anlaufjahre in Anspruch nimmt, darf angesichts der seltenen Benutzung dieses Organs aber nicht weiter verwundern.

    Das Ganze würde eigentlich unter die Kategorie Realsatire fallen und nur einen weiteren Eintrag im Katalog der Peinlichkeiten deutscher Politik ausmachen, würden dort nicht auch Menschen sterben.....

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    • keox
    • 31.07.2009 um 22:46 Uhr

    "Die sedierende Wirkung der Ignoranz mag in der Innenpolitik funktionieren, wo man es mit einer Bevölkerung zu tun hat, die weder bewaffnet noch gewillt ist, irgend etwas zur Durchsetzung ihrer Interessen zu unternehmen, stösst im Falle Afghanistan, wo man es mit echten Politrowdies zu tun hat, die anstelle ihres Anwalts lieber ihre AK47 konsultieren, aber an ihre natürlichen Grenzen."

    • Harzer
    • 02.08.2009 um 17:43 Uhr

    Mein alter Vater (seelig ) hat immer gesagt: " Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis tanzen."
    Vielleicht führt die allgemeine Krise ja wenigstens dazu, daß unsere, eh, Politiker auf inländischem und besonders auch ausländischem Eis etwas vorsichtiger tanzen !

    • keox
    • 31.07.2009 um 22:46 Uhr

    "Die sedierende Wirkung der Ignoranz mag in der Innenpolitik funktionieren, wo man es mit einer Bevölkerung zu tun hat, die weder bewaffnet noch gewillt ist, irgend etwas zur Durchsetzung ihrer Interessen zu unternehmen, stösst im Falle Afghanistan, wo man es mit echten Politrowdies zu tun hat, die anstelle ihres Anwalts lieber ihre AK47 konsultieren, aber an ihre natürlichen Grenzen."

    • Harzer
    • 02.08.2009 um 17:43 Uhr

    Mein alter Vater (seelig ) hat immer gesagt: " Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis tanzen."
    Vielleicht führt die allgemeine Krise ja wenigstens dazu, daß unsere, eh, Politiker auf inländischem und besonders auch ausländischem Eis etwas vorsichtiger tanzen !

  3. Meineswissens haben die Paschtunen (Taliban) noch nie außerhalb ihres Territoriums angegriffen - und schon gar nicht Zivilisten.

    Übrigens: Der Freiheitskampf eines anderen Bergvolkes wurde von Schiller im Drama "Wilhelm Tell" verklärt...
    _______________________________________________________
    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

  4. Wie der SPD-Mann Herr Struck sagte, wird die Freiheit Deutschlands am Hindukusch verteidigt. Es soll also der Einsatz der Bundeswehr dazu dienen, dass der Terror nicht nach Deutschland kommt. Aber gerade das Gegenteil wird der Fall sein. Nach meiner Meinung ist durch die Einmischung Deutschlands in die inneren Angelegenheiten von Afghanistan die Terrorgefahr in Deutschland eher gewachsen.
    Wenn schon die Russen besiegt aus Afghanistan abziehen mussten, dann werden die paar deutschen Soldaten auch nicht viel ausrichten können.
    Den Natokameraden müssen wir sagen, dass die Deutschen in den letzten hundert Jahren die von ihnen geführten Kriege verloren haben. Wir sind da also nicht so geeignet.
    Und Geld für Aufbauhilfe haben wir auch keines. Da sind wohl eher die Saudis zuständig.
    Sie können ja ihren Osama fragen, wo die Hilfe am dringendsten erforderlich ist.
    Von unseren Parteien ist leider nur die Linke für den Abzug. Hoffentlich bekommt sie bei der Wahl 51%. Dann könnte am 01.10.2009 mit dem Abzug begonnen werden.

  5. Man kann darüber diskutieren, ob die Entscheidung richtig war, sich an diesem Konflikt zu beteiligen. Das ist aber ungefähr so wie die Diskussion mit dem Hund und dem Hasen.

    Fakt ist: wir sind da und wir sind ein Machtfaktor in der Region. Gehen wir einfach nach Hause, hinterlassen wir ein Machtvakuum, welches von irgendeiner anderen Kraft gefüllt werden wird. Wahrscheinlich nicht von der afghanischen Armee. Bleiben bedeutet auch das Übernehmen der Verantwortung für das eigene Handeln. Genau das kritisieren wir bei anderen, das die Nachhaltigkeit vieler Entscheidungen nicht gegeben wird. Hier aber fordern wir genau das. Schwanz einziehen und nach uns die Sinnflut.

    Man kann, soll und muß den Sinn und die Strategie des Einsatzes diskutieren. Bitte auch unter dem Hintergrund eines anderen kulturellen Verständnisses von Konflikten auf der Seite des Gegners. Die Politik ist aufgefordert, ein Konzept zu entwickeln, wie man den Krieg dort beenden kann. Solange aber nicht klar ist, was nach unserem Abzug dort passiert, müssen wir dort bleiben. Alleine schon aus der Verantwortung für die Menschen vor Ort, welche in gewisser Weise von unserer Anwesenheit profitieren oder dafür später von den Taliban bestraft werden, das sie mit uns zusammengearbeitet haben.

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    "Solange aber nicht klar ist, was nach unserem Abzug dort passiert, müssen wir dort bleiben" ... Es ist ja nicht mal klar, was wir bewirken sollen während wir für viel Geld dort bleiben und deutsche Soldaten in einem Krieg fallen, der uns nichts angeht.

    "Solange aber nicht klar ist, was nach unserem Abzug dort passiert, müssen wir dort bleiben" ... Es ist ja nicht mal klar, was wir bewirken sollen während wir für viel Geld dort bleiben und deutsche Soldaten in einem Krieg fallen, der uns nichts angeht.

    • ohopp
    • 31.07.2009 um 8:59 Uhr

    deren höchstes Gut bestand darin, unabhängig vom Staat den Bürger über die Geschehnisse und Opfer beider Seiten in Kampf oder und aus Krisengebieten zu berichten.
    Dies ist Geschichte. Es wird maximal noch kommentiert was die Regierungen verlautbaren. Letztendlich erfahren wir nichts mehr.
    Wenn die unabhängigen Informationen fehlen, sind solche Interviews nur Nebelkerzen

  6. Zitat:
    Kujat: In Deutschland ist eine solche Diskussion nicht nur versäumt, sondern von der politischen Führung unterdrückt worden. Es existiert ein regelrechtes Schweigekartell, weil die Große Koalition gegenwärtig kein Interesse hat, den Afghanistaneinsatz mit der nötigen Offenheit zu diskutieren.

    Man sollte noch hinzufügen: ...weil keine deutsche Regierung jemals das Interesses hatte, den Afghanistaneinsatz mit der nötigen Offenheit zu diskutieren.

    Ich möchte hier Herrn Kujat meine ausdrücklichen Dank aussprechen. Er spricht die Dinge offen aus die unsere gesamte Politikerkaste zu feige ist auszusprechen.

    Ich hoffe seine Offenheit wird im nicht schlecht vergolten.

    Ich zitiere mich mal selbst: http://kommentare.zeit.de...

    Meine Meinung zu diesem Einsatz habe ich in den Kommentaren hier deutlich genug gesagt. Trotzdem kann man in Antwort auf meine Fragen natürlich zu dem Ergebnis kommen, wir sollten in Afganistan weiter Krieg führen.

    Für diese Diskussion ist das was Herrn Kujat sagt hilfreicher als alles Geschwätz von Jung und Co.

    Zu seinen Schlüssen sei folgendes gesagt:
    Kujat: Die USA haben in Afghanistan einen Strategiewechsel vollzogen. Bisher haben sie sich auf den Irak konzentriert. Die Regierung Obama hat nun erkannt, dass die eigentliche Terrorgefahr von Afghanistan ausgeht. Und sie hat begriffen, dass ein sicheres Umfeld eine wesentliche Voraussetzung für die politische Stabilität und den wirtschaftlichen Aufbau des Landes ist. Deshalb haben die USA ihr Truppenkontingent erheblich aufgestockt. Das bedeutet aber auch, dass die Taliban ihre Aktivitäten noch stärker in andere Regionen, vor allem in den Norden, verlagern werden. Die Bundeswehr wird also dauerhaft um eine personelle Verstärkung nicht herumkommen.

    Stimmt, die Terrorgefahr für den Westen aus dem Irak vor dem 2. Irakkrieg war Null, da ist die Gefahr aus Afganistan größer. Mittlerweile vernachlässigbar, aber größer als Null.

    Schauen wir mal, ob es zu einer Verstärkung oder zu einem Anzug kommt.

  7. Klare Worte die ich seit langem vermisse

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