Schriftsteller Joseph O'Neill Die einsamen Einsichten des Analysten
In seinem brillanten Roman »Niederland« beschreibt Joseph O’Neill die Welt nach dem 11. September
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ist die amerikanische Wirtschaft nicht zusammengebrochen. Sie setzte im Gegenteil zu einer einzigartigen Hausse an. Das Unwahrscheinliche dieses Höhenflugs der Wall Street tritt erst heute in den Blick, da die Blase geplatzt ist und die Finanzmärkte zusammengebrochen sind. Im Rückblick sieht dieser Bullenmarkt – von der Fed gedopt mit niedrigen Zinsen – aus wie ein monetär-psychologisches Aufputschmittel, mit dem sich die amerikanische Gesellschaft vor der nationalen Depression rettete. Die steigenden Aktienkurse und die explodierenden Immobilienpreise straften die Botschaft der Terroranschläge Lügen: Die USA waren nicht verwundbar. Aber lässt sich ein Trauma so leicht überwinden?
Jedenfalls erscheinen einem die Jahre zwischen September 2001 und September 2008 (mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers) jetzt bereits wie eine abgeschlossene Periode, eine Epoche mit ihrem sehr eigenen posttraumatischen Geist. Wer diese Jahre verstehen will, für den gibt es einen Roman, der von der manisch-depressiven Stimmung dieser Zeit sehr klug und eindringlich erzählt. Der Autor ist Joseph O’Neill. 1964 als Sohn eines Iren und einer Türkin in Cork geboren und in in den Niederlanden aufgewachsen, hat er in Cambridge Jura studiert, in London als Anwalt gearbeitet und lebt heute als Autor in New York. Schon seine eigene Biografie ist exemplarisch für die postnationale Weltgesellschaft. Auch sein Roman Niederland erzählt von dieser neuen Erfahrung. Als das Buch 2008 in den USA erschien, feierte die amerikanische Kritik Niederland als einen zweiten Great Gatsby in Zeiten der Globalisierung.
Niederland bringt zwei unterschiedliche Milieus zusammen: das Immigranten- und das Brokermilieu. Beide Milieus machen sich auf ihre je eigene Weise frei von ihrer Herkunft. Die internationale Finanzelite folgt dem Kapital, das ortlos den Globus umkreist auf der Suche nach der höchsten Rendite. Und auch die Migrationsströme folgen der weltweiten Wohlstandsverteilung auf der Suche nach den besten Lebenschancen. Postkolonialismus und Globalisierung sind zwar nicht identisch, verlaufen in dieser Perspektive aber parallel. O’Neills Roman führt diese beiden Welten zusammen in der unwahrscheinlichen Freundschaft von Hans van den Broek und Chuck Ramkissoon: dem Banker und dem Einwanderer; dem Melancholiker und dem Optimisten – Alteuropa und Neue Welt. Aber auch dass in dieser Freundschaft etwas Unwahres liegt, deutet der Roman an. Denn nur weil man an derselben geschichtlichen Bewegung teilhat, sind die Klassen- und Rassenunterschiede noch lange nicht beseitigt.
Hans van den Broek, der Icherzähler, ist ein holländischer Analyst, der mit Öl-Futures handelt. Zusammen mit seiner Frau Rachel, einer Engländerin, ist er 1999 nach New York gezogen, wo ihr Sohn Jake zur Welt kam. Doch dann stürzen die Türme des World Trade Center ein, und die junge Familie muss ihr Loft in Tribeca räumen und bezieht Räume im Chelsea Hotel. Dieses Provisorium hält nicht lange. Rachel fühlt sich nicht mehr sicher in Manhattan, sie hat Angst vor weiteren Anschlägen. Sie will mit ihrem Sohn zurück nach England, und zwar ohne Hans. Denn der Schock der Anschläge hat auch die Grundlage ihrer Ehe erschüttert. Nie habe sie sich, erklärt Rachel, »so allein, so trostlos, so weit weg von zu Hause gefühlt wie in diesen letzten Wochen«. Und Hans räumt ein: »Ich empfand Scham, weil nicht der Terror, sondern ich es war, vor dem sie floh.« Jedenfalls hält Rachel eine mindestens vorübergehende Trennung für gut.
Zurück bleibt ein verunsicherter, phlegmatischer Hans, der immer tatenloser wird, je skrupulöser er seine Lebenssituation ins Auge und in Worte fasst. Und er ist ein geradezu exzessiver In-Worte-Fasser. Ein Existenz-Analyst reinsten Wassers sozusagen. Und zwar einer mit einer Neigung zum poetischen Selbstausdruck: »Ich litt, wie man verstehen wird, an der Anfälligkeit des einsamen Menschen für Einsichten.«
Joseph O’Neill hat mit Hans van den Broek einen ausgesprochen vielschichtigen und – ja – tiefsinnigen Charakter gezeichnet. An der Wall Street ist er ein Star, aber man hat den Eindruck, dass er sein Geld nicht trotz, sondern schon eher wegen seines Phlegmas verdient – gewissermaßen als Begleiterscheinung seiner schlafwandlerischen Intelligenz. Er ist ein Reflexionstier, ein manischer Selbstbeobachter und fast schon narzisstischer Situationsbeschreiber. Seine Arbeit lässt ihn ziemlich kalt, vermutlich weil er nur einen Bruchteil seiner Beobachtungs- und Reflexionskapazität drangeben muss, um ein erfolgreicher Analyst zu sein. Während er sein Leben in geradezu verzweifelt-erhabener Metaphorik sich spiegeln lässt, ohne es deswegen in den Griff zu bekommen.
Zum ersten Mal in seinem Leben ist Hans van den Broek unglücklich. Und einsam. Er ahnt, dass dieses Unglück, gerade weil er es nicht deuten kann, ihn nicht so rasch verlassen wird. Er geht seiner Arbeit nach, lässt sich Pizza in sein Zimmer im Chelsea bringen, fliegt alle zwei Wochen nach England, um seinen Sohn zu sehen, und entdeckt ansonsten seine alte Cricket-Leidenschaft wieder. Und dabei trifft er auf Chuck Ramkissoon. Chuck lebt in Brooklyn. Ursprünglich kommt er aus Trinidad. Er selbst sieht sich als erfolgreichen Einwanderer, der das universale Glücksversprechen der USA ernst nimmt und feiert. Dass sein Weg zum Amerikanischen Traum ein wenig krumm ist, stellt für ihn keinen Einwand dar. Mit koscherem Sushi – welch skurriles Dingsymbol für multikulturellen Kommerz – ist er zu Wohlstand gekommen, aber er macht auch Geschäfte mit illegalem Glücksspiel.
- Datum 30.07.2009 - 11:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.07.2009 Nr. 32
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... habe ich mich nach langer Zeit mal wieder an ein Buch im englischen Original herangewagt und muss sagen: Vollste Zustimmung für Herrn Mangold.
O'Neill gelingt es auf geschickte Weise, den (vermeintlichen) Außenseitersport Chricket zum Sinnbild des Immigrantenlebens in den USA zu machen. Motto: Wie, versteht keiner so recht, aber das Spiel funktioniert nur gemeinsam. Den Außenseiterstatus aber legen die Figuren selbst in der Weltstadt New York nie ab. Den Anschlägen vom 11. September kommt die Rolle der im Untergrund wirkenden Urangst zu, die die Kraft besitzt, auch die Altansässigen ihrer Stadt fremd werden, zu ihr in Distanz treten zu lassen.
Dabei folgt der Roman einer klaren Struktur: Es handelt sich um ein Lehrstück zur Erinnerung, das Gegenwart und Vergangenes durch Assoziationen verknüpft, die sich für Hans van den Broek erst im Erinnern als wesentlich herauskristallisieren. Immer wieder folgt seine Selbsteinschätzung zunächst falschen Pfaden, um dann in der ausgelösten Rückschau zurechtgebracht zu werden. Allmählich erst versteht er die Tiefe seiner Ehekrise ebenso wie die Tiefe der Freundschaft zu Chuck.
Dieser Weg scheint der hermeneutischen Verstehensspirale deutlich, folgt ihr jedoch in die andere Richtung, in die Tiefe. Ihr zu folgen, macht große Freude.
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