Philosophie Sprengmeister des Denkens
Slavoj Žižek findet, dass ein Schuss Kommunismus dem Kapitalismus nicht schadet
Haben Sie Sympathien für postmoderne Philosophen? Für Leute, die glauben, der Kapitalismus sei das Ende der Geschichte und danach komme nichts mehr? Finden Sie Gefallen an Denkern, die glauben, es gebe keine Wahrheit mehr und keine Sache, für die zu kämpfen sich lohne? Glauben Sie auch, die Welt sei ein großer Karneval und bestehe nur aus Wörtern und Symbolen? »Sollten Sie auch nur die geringste Sympathie für diese Position empfinden, können Sie aufhören zu lesen und das vorliegende Büchlein wegwerfen.«
Das ist die Bedienungsanleitung, die der Philosoph Slavoj Žižek seinem Buch Auf verlorenem Posten voranstellt . Gemeint sind – ausgerechnet – postmoderne Intellektuelle wie Judith Butler oder Simon Critchley, gemeint sind auch ihre Adepten in den akademischen Milieus, natürlich auch Medienphilosophen, Magazinjournalisten und die üblichen Verdächtigen aus der Lifestyle-Branche. Was sie auf dem Kerbholz haben, ist dies: Sie stehen im Dienst der kapitalistischen Symbolindustrie und sorgen dafür, dass die Verhältnisse so bleiben, wie sie sind. Postmoderne Geister, sagt Žižek, denunzieren die Idee der Wahrheit und machen sich über politische Alternativen lustig. Sie sind alle irgendwie »liberal« und reden den Menschen ein, unsere Welt bestehe nur aus frei schwebenden Zeichen und multiplen Diskursen. Nolens volens betätigen sie sich damit als nützliche Idioten des Kapitalismus. Denn der Kapitalismus ist eine Wahrheit, die keine andere neben sich duldet und froh ist über jeden Philosophen, der ihm dies bestätigt.
Bei diesen Sentenzen reibt man sich die Augen. Ist Žižek nicht selbst eine lebende Legende der Postmoderne? Ist der slowenische Philosoph nicht einer ihrer frühen Minnesänger, dessen grenzgeniales Buch Liebe Dein Symptom wie Dich selbst die Liebe der intellektuellen Welt entflammte? Das ist so, aber inzwischen, so Žižek, habe das postmoderne Denken seine Unschuld verloren. Es geht mit dem Kapitalismus und seiner Halbschwester, der liberalen Demokratie, eine parasitäre Synthese ein. Postmoderne und Lifestyle-Kapitalismus passen zueinander wie der Topf zum Deckel. Wer also das System bekämpfen will, und das will Žižek natürlich, muss deshalb die postmoderne Philosophie dekonstruieren. Erst dann wird Platz für neue Gedanken, für eine »Politik der Wahrheit«, die bei Žižek, man staune, auf den Namen Kommunismus hört.
Doch der Reihe nach. Warum Žižek den globalisierten Kapitalismus für ein Monster hält, wissen seine Leser schon lange: Er ist nicht nur eine Wirtschaftsform, er ist eine Art Religion, die an ihre eigenen Fiktionen glaubt. Als es »real« darum ging, den Welthunger zu bekämpfen und Millionen von Menschenleben zu retten, fehlte es wie immer an Geld, keiner wollte das Reale, den Hunger, wahrhaben. Als aber etwas Abstraktes, nämlich dass »Vertrauen« in die Finanzmärkte wiederhergestellt werden sollte, flossen sofort Megatonnen von Steuermitteln. Wie stark der Kapitalismus unsere Wahrnehmungen besetzt, das kulturell Imaginäre der modernen Gesellschaft, zeigt sich für Žižek auch daran, dass es ihm immer wieder gelingt, seine brutale Rückseite abzublenden – die Plackereien in den Sweatshops von Bangladesch oder die gigantischen neuen Slums, die entstanden, nachdem die lokale Landwirtschaft zwangsweise an die Weltwirtschaft angeschlossen wurde. Genüsslich zitiert Žižek Bill Clintons späte Beichte, er habe einen Fehler gemacht, als er während seiner Präsidentschaft zuließ, dass Nahrungsmittel wie Waren behandelt und so den Kapitalinteressen ausgeliefert wurden: »Wir haben’s vergeigt.«
Wie viele andere auch glaubte Clinton nach dem Untergang der Sowjetunion an das Hollywood-Happy-End der Geschichte, an den triumphalen Sieg von Kapitalismus und Demokratie. Für Žižek kann der Kapitalismus aber gar nicht »siegen«, weil er seine eigenen Bestandsvoraussetzungen nicht erhalten kann. Der Markt ist kein »gutartiger Mechanismus, der am besten funktioniert, wenn man ihn in Ruhe arbeiten lässt«, im Gegenteil: Es erfordert »sehr viel Gewalt«, um ihn am Laufen zu halten – wenn der Staat nicht ständig eingreift, bricht er zusammen.
Postmodernen Philosophen, die nur auf Diskurse und Sprachspiele starren, entgeht aber nicht nur das blutig »Reale« hinter dem Symbolischen; ihnen entgeht auch das demokratiefeindliche Moment des Kapitalismus. Seine ökonomischen Eliten, so Žižek, setzten die Parlamente unter Druck; sie zwingen Politikern die Logik des Ausnahmezustandes auf und verordneten der Gesellschaft ein geschlossenes Weltbild: »Es gibt keine Alternative!« Und je erfolgreicher neoliberale Eliten gegen Gutmenschentum, gegen soziale Gerechtigkeit und politische Korrektheit kämpften, desto mehr nahmen sie die Gestalt des Gegners an und errichten eine Tyrannei des Guten. »Die neue globale Ordnung behauptet von sich, die beste aller möglichen Welten zu sein«, und so mündete die »Zurückweisung von Utopien mit der Durchsetzung einer eigenen, marktliberalen Utopie«.
Wie »porentief« die neuen Verhältnisse wirken, zeigt sich für Žižek schon daran, dass sie einen neuen, schwer zu beschreibenden Menschentyp geschaffen haben, den hedonistischen Selbstbekümmerer. Dieser Typ passt perfekt zum postpolitischen Liberalismus; er hat etwas »Uneigentliches«, er ist nirgends mehr »mit dem Herzen dabei«, er lebt gleichgültig wie hinter Glas, glaubt an keine große Sache mehr und ist unfähig, über oberflächliche Kontakte hinaus mit anderen Menschen in Beziehung zu treten. Žižek benutzt hier eine konservative Denkfigur, von der auch der Papst regen Gebrauch macht. Die Postmoderne – oder wahlweise der »Liberalismus« – hat die alten »strukturierenden Wahrheiten« verflüssigt, die kulturellen Autoritäten und großen Hoffnungen. Diese Emanzipation hat die Insassen der Moderne aber nicht freier gemacht, im Gegenteil: Ohne eine strukturierende Wahrheit geraten sie in die »Falle« des Relativismus; sie werden von seelischen Ambivalenzen geschüttelt und können dem »permissiven Lifestyle-Kapitalismus« keinen Widerstand mehr entgegensetzen. Ungehindert dringen seine Kommandos nun ins Bewusstsein ein. »Enjoy! Sei glücklich! Arbeite hart, aber genieße das Leben!«
- Datum 31.07.2009 - 15:41 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.07.2009 Nr. 32
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