Ferndiagnose "Stay at home!"

Nirgendwo in Europa gibt es so viele Infektionen mit Schweinegrippe wie in Großbritannien. Nun sollen Ferndiagnosen helfen

"Zu Hause bleiben" heißt die Botschaft an Patienten an den Türen der Arztpraxen. Sie sollen die Hotline anrufen

Vergangene Woche muss es grauenvoll gewesen sein«, sagt Jasper Mordhorst. Der gebürtige Schleswig-Holsteiner arbeitet seit zehn Jahren als praktischer Arzt in England. General Practitioner, kurz GP, heißt das dort. GPs haben gerade viel zu tun. »Die Kollegen waren froh, mich wiederzusehen«, sagt Mordhorst. Seit Montag ist er nach zweiwöchigem Urlaub wieder an seinem Arbeitsplatz in einer typischen Innenstadtpraxis im Londoner Stadtteil Lambeth mit sechs GPs. Die Auswirkungen der Schweinegrippe auf das Gesundheitssystem konnte er auch im Urlaub verfolgen: »Ich habe bis zu 40 E-Mails am Tag bekommen. Anfragen, ob ich aushelfen könne.« Auch eine Mail von seinem Arbeitgeber war dabei. Er möge sich doch auf Überstunden einstellen.

An der University of Nottingham führt man eine Statistik, um Eindrücke wie die von Mordhorst zu objektivieren. Eine Kurve zeigt die Summe der wöchentlichen Arztbesuche pro 100.000 Briten. In den letzten Wochen schnellte dieser Wert hoch auf über 150 Besuche – zehnmal so viele wie in einer normalen Sommerwoche. »Die Gesundheitsversorgung wird wohl ebenso belastet wie die Wirtschaft aufgrund hoher Krankheitsausfälle«, prognostiziert das British Medical Journal (BMJ) im Hinblick auf den Herbst. Über wenig schimpfen die Briten so gern wie über das staatliche Gesundheitssystem NHS. Vielleicht noch über die Regierung. Premier Gordon Brown ist angeschlagen, und sein Gesundheitsminister Andy Burnham wird von der Opposition hart kritisiert: Hat er früh genug auf die Schweinegrippe reagiert? Ausreichend vorgesorgt? In den Zeitungen ist dieser Streit derzeit präsenter als das Problem selbst.

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In keinem Land in Europa hat sich die Schweinegrippe so weit ausgebreitet wie in Großbritannien. Zwar bringen auch britische Mittelmeer-Urlauber neue Erreger ins Land, doch viele Ansteckungen finden längst innerhalb der Grenzen statt. Roy Anderson, Epidemiologe und Rektor des Imperial College in London, erwartet, dass sich die Rate der Infektionen den August über hält, um dann »im Herbst energisch anzusteigen, wenn die Kinder wieder in die Schule zurückkehren«. Zwar betont der medizinische Berater der Regierung, Liam Donaldson, die meisten Krankheitsverläufe seien weiterhin mild. Doch war er es auch, der in einer Was-wäre-wenn-Kalkulation den momentanen Trend bis in den Winter hinein weitergerechnet hat: Dann solle sich der NHS auf bis zu 65.000 Todesopfer einstellen. Das ist ein Extremwert, die Obergrenze unter ungünstigsten Annahmen. Aber natürlich fand die Zahl breiten medialen Widerhall. Die untere Schätzung, 3100, nicht.

Der britische Ärzteverband BMA kritisierte Donaldson und die Regierung daraufhin scharf. Jeden Winter sterben 8000 bis 9000 Menschen an der normalen Grippe, so die BMA. In der letzten schweren Saison 1999/2000 seien es sogar 19000 gewesen – das müsse man auch berücksichtigen. Nun trifft H1N1 aber in Großbritannien häufig Kinder bis 14 Jahre und nicht vor allem kranke, alte Menschen wie die Winterviren. Unter den bislang rund 30 Todesopfern sind auch Minderjährige. Ebenso starben Erwachsene, die vor der Infektion gesund waren und nicht an chronischen Krankheiten litten – eine Abweichung vom gewöhnlichen Muster der Todesfälle.

Offiziell sind oder waren bislang über 100.000 Briten mit H1N1/09 infiziert, eine dreistellige Zahl ist derzeit im Krankenhaus. Panik oder Hysterie in der Bevölkerung zeigt sich indes nicht. Kaum Atemschutzmasken im Straßenbild, keine Kontrollen am Flughafen, nur ein paar Aufklärungsposter, die zum Händewaschen ermuntern. »Die Stimmung ist relativ entspannt«, sagt Mordhorst, »die Leute sind hier sehr gesittet, sehr englisch, die sind ans Schlangestehen gewöhnt.«

Und endlich gelingt es auch, viele Niesende und Schnäuzende aus den Schlangen herauszuhalten. Dazu richtete die Regierung ein Callcenter und eine Website ein, mit deren Hilfe besorgte Bürger eine Ferndiagnose erstellen lassen können. Das klingt seltsam, ist aber konsequent, da auch die GPs in den Praxen seit Anfang Juli keine Rachenabstriche mehr ins Labor schicken. Sie entscheiden anhand der Symptome (mehr als 38 Grad Fieber, Schnupfen, Husten, Gliederschmerzen): Schweinegrippe oder nicht? Dieses Frage-Antwort-Spiel geht auch online. Ende vergangener Woche brach die Website unter dem ersten Ansturm Tausender möglicher Kranker zusammen, mittlerweile läuft sie stabil. Wer als H1N1-Fall eingestuft wird, erhält eine Codenummer, mit der ein Familienangehöriger oder Bekannter (»flu friend«) zur Apotheke gehen und das Medikament Tamiflu abholen kann.

Nach britischer Manier werden Erkrankte mit eingängigen Slogans auf ein paar Tage mit Halsschmerzen und Niesen eingestimmt. Unter anderem empfiehlt eine Broschüre, die seit Mai an alle Haushalte verschickt wurde (siehe Foto), den konsequenten Einsatz von Papiertaschentüchern – aber aus Hygienegründen bitte nur einmal schnäuzen, und dann ab in den Müll damit: »Catch it, bin it, kill it.«

Leser-Kommentare
    • TDU
    • 01.08.2009 um 17:04 Uhr
    1. Tja

    Vom engischen Gesundheitssystem war nman doch hier mal begeistert. Weil die Ärtze so wenig verdieneten, nicht wegen der 5 Bett Zimmer. Bislang ist das doch eine normale Grippe, gefährlich für Schwangere, Ältere und Chronisch Kranke. Sie tritt nur massenhafter und im Sommer auf und sorgt nicht zuletzt für wirtschaftliche Einbussen.

    Warum sollte sich ein Volk nicht mal ein paar Tage lang ins Bett legen können und sich vom ganzen Stress ausruhen. Allen Kranken eine gute Besserung und einen schönen Sonntag auch der Readktion der Zeit.

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